New York im Kaleidoskop

Inhalt

29 Upstate NY

Hudson Valley

New York City liegt im äußersten Süden des Bundesstaats New York, Staten Island ist sein südlichster Punkt. Der Nachbarstaat New Jersey schließt sich westlich des Hudson und südlich von New York City an. Mein letzter Blick durchs Kaleidoskop soll einem Landausflug in den Staat New York gelten, wie ihn die New Yorker gern unternehmen, wenn sie der Enge der Metropole entkommen wollen. (Im Kapitel „New York am Meer“ habe ich mich ja bereits mit dem Exodus der Großstädter an die See beschäftigt). Die Einheimischen nennen den Ausflug „Upstate NY“, denn alle Ziele liegen nördlich der Metropole. Ein Freund unseres Sohnes, der mit seiner bei der UNO tätigen dänischen Frau für fünf Jahre in New York lebt, lädt uns dazu ein. Viel Zeit benötigen wir allein um aus der Stadt herauszukommen. Von Queens aus müssen wir dazu erst einmal über den East River und auf dem Highway 87 die gesamte Bronx durchqueren, bis endlich der Hudson erreicht ist. In Yonkers, bereits außerhalb von New York, beginnt der Highway 9 (die direkte Verlängerung des Broadway), der durch zauberhafte Landschaft, teilweise direkt am Hudson, den Bundesstaat durchzieht und zur Hauptstadt Albany führt.

Schon seit der Gründung von Nieuw Amsterdam haben sich wohlhabende Städter im Hudson Valley ihre Landsitze angelegt. Aber genau so lange leben hier auch Farmer und Handwerker, einfache Leute, deren Wohnhäuser, teilweise mehr als 200 Jahre alt, in den Dörfern noch überall zu finden sind. Es handelt sich in der Regel um Holzhäuser, deren äußere Bretter wie Schiffsplanken überlappen und die – ohne Keller – auf einem einfachen Fundament von ausgelegten Steinen stehen. Als einzig gemauerten Teil des Hauses gibt es den Kamin, in aufwändigeren Häusern auch mal zwei. Vielfach unterteilte Fenster kennzeichnen die älteren von ihnen, denn große Glasscheiben waren schwer herzustellen und teuer. Stilistisch variieren sie – je nach Baujahr – von der „Saltbox“ mit abgeschlepptem Dach auf der eingeschossigen Wetterseite und Zweistöckigkeit an der Straßenfront über „Greek Revival“ mit tempelartigen Vorbauten, „Georgian“ (entsprechend dem Biedermeier in Deutschland) sowie „Victorian“, was unserer Gründerzeit gleichkommt. Wir hätten nie gedacht, dass im modernen, schnell lebigen Amerika solch schlichte, altmodische Holzbauten geschätzte Wohnobjekte für Betuchte werden könnten. Doch als wir in Hingham, vor den Toren Bostons, im 250 Jahre alten Wohnhaus der Tochter unserer ältesten Freunde wohnten, bekamen wir am eigenen Leibe mit, welchen Charme diese alten Gebäude ausstrahlen, wenn sie beständig gepflegt werden. Wieviel originale Bausubstanz sie allerdings noch besitzen, lässt sich schwer beantworten, weil Holz ein vergängliches Material ist. Insbesondere die Außenplanken und Dachschindeln sind Teile, die regelmäßig ersetzt werden müssen.

Ziel unseres Ausflugs nach Upstate NY ist der Wohnsitz von Franklin Delano Roosevelt in Hyde Park, nördlich von Poughkeepsie, 150 km von New York entfernt. Viel Sehenswertes muss man auslassen, wenn man am selben Tag wieder zurück sein will, zum Beispiel den Bear Mountain State Park, der mir aus den Berichten unserer jüngsten Enkelin sehr vertraut ist. Sie hasst ihn, obwohl er einen eigenen Zoo, schöne Wanderwege und Anreize für ausgedehnte Bergtouren bietet. Aber wenn der alljährliche obligatorische Wandertag (nicht nur ihrer Schule) immer nur dorthin unternommen wird und selbst Reiseführer vor den vielen Schulklassen warnen, die während der Unterrichtszeit den Park unsicher machen, ist das sicher nachvollziehbar. Wir genehmigen uns wenigstens einen Halt an der Bear Mountain Bridge über den Hudson, einer 1924 erbauten eleganten Hängebrücke von 500 m Spannweite und 41 m Höhe, deren Tragseile aus der Fabrik von Johann August Röbling stammen, dem Konstrukteur der Brooklyn Bridge.

Landsitze

Hinter Poughkeepsie, das trotz des indianischen Namens (Lager am kleinen Wasser) eine Kleinstadt aus der Zeit der frühen Industrialisierung ist, verlässt der Highway 9 das Hudson Valley und erreicht die Gemeinde Hyde Park, in deren Umgebung sich gleich vier bedeutende Zeugnisse für den Lebenstil der amerikanischen Großbourgeoisie befinden, Mills Mansion, Vanderbilt Mansion und die Wohnsitze von Franklin D. Roosevelt und Eleanor Roosevelt. Bevor wir uns F. D. Roosevelt ausführlich widmen, wollen wir uns zunächst eine Vorstellung von einem Landsitz des Gilded Age machen und werfen einen kurzen Blick auf Vanderbilt Mansion. Das einem französischen Königspalast gleichende überaus protzige Anwesen wurde nach 1895 (wie das weiter nördlich liegende Mills Mansion) von dem Beaux Arts Architekturbüro McKim, Mead, and White entworfen, dem wir in NYC schon so häufig begegnet sind.

Vanderbilt

„Commodore“ Cornelius Vanderbilt, der Begründer der Dynastie, hatte mit dem Betrieb von Dampfschifffahrtslinien ein Vermögen erworben, das er in den beginnenden Eisenbahnbau investierte. Sein geschäftliches Vorgehen war dabei äußerst robust, was ihn zum Inbegriff des Räuberbarons (robber baron) machte. Seinen Erben hinterließ er unermesslichen Reichtum, den diese mit der Expansion des Eisenbahnverkehrs in den USA weiter ausbauten. Der Enkel Frederick William Vanderbilt leistete sich Vanderbilt Mansion als Ferienwohnsitz mit Anschluss an die eigene Bahnlinie – von hier zur Grand Central Station! Als nur einer von vielen ebenso reichen Vanderbilt-Erben besaß er noch weitere Anwesen von ähnlichem Format: Ein dreistöckiger Palast mit 5m hohen Zimmern, Gesellschaftsräumen im Erdgeschoss, Privatgemächern für sich und seine Frau im mittleren und Gästeappartements im oberen Geschoss. Charakteristisch für Vanderbilt Mansion sind die eindrucksvollen Loggien in Klossalordnung auf allen Seiten des Gebäudes (über zwei Stockwerke reichend) auf den Schmalseiten im Norden und Süden, sowie eine am Eingang im Osten und die halbrunde auf der Westterrasse.

Roosevelt in Springwood

Nach diesem Blick auf den Lebensstil der Superreichen wenden wir uns wieder südlich und erreichen endlich unser Ziel Springwood, das Anwesen, wo der spätere Präsident Franklin D. Roosevelt geboren wurde und sein Leben verbrachte, soweit es sein Amt und seine Verpflichtungen zuließen. Von den Wohnsitzen des Gilded Age hebt es sich durch den Verzicht auf Pomp und überdimensionierte Größe wohltuend ab. Der Mittelteil des heutigen Gebäudes ist ein um 1800 erbautes ehemaliges Farmhaus, welches 1845 erweitert wurde, einen dreistöckigen Turm am Südende erhielt und danach 15 Zimmer besaß. Franklins Vater, – James Roosevelt Sr. – kaufte es 1866 in diesem Zustand zusammen mit 2,5 km² umliegendem Land. Er veranlasste die Vergrößerung des Flügels für die Dienstboten und fügte zwei weitere Zimmer hinzu. Schließlich nahm Franklin D. Roosevelt 1915, zusammen mit seiner Mutter Sara, den letzten Umbau des Hauses vor um seine wachsende Familie unterzubringen, aber auch um einen Platz zu haben, wo er seine politischen Verbündeten treffen konnte.

Die Größe des Hauses verdoppelte sich durch den Anbau der beiden großen Seitenflügel aus Feldsteinen, die Franklin D. Roosevelt selbst entwarf, sowie durch ein drittes Geschoss mit Flachdach. Die holzverkleidete Außenfassade wurde verputzt und der größte Teil der Veranda wich einer mit Feldsteinen gepflasterten Terrasse mit Balustrade und einem kleinen, von Säulen getragenen Portikus am Eingang. Erst diese Veränderungen gaben dem Haus das Aussehen eines Herrensitzes, obwohl der Besitzer es nach wie vor als „Cottage“ bezeichnete. Im Inneren blieb trotz der Umbauten viel Ursprüngliches erhalten. Die Einrichtung des Wohnbereichs war primär auf die Unterbringung von Roosevelts wachsender Sammlung von Büchern, Gemälden, Briefmarken und Münzen ausgerichtet. In den Außenanlagen ließ Franklin D. Roosevelt umfangreiche Baumpflanzungen vornehmen, so dass ein kleiner Park entstand. Dieses Anwesen und die dazu gehörige presidential library vermachte der Präsident testamentarisch dem Staat, der darin das „Home of Franklin D. Roosevelt National Historic Site“ eine Art Museum für die Präsidentschaft Roosevelts einrichtete, der heute übereinstimmend neben George Washington und Abraham Lincoln als einer der drei bedeutendsten amerikanischen Präsidenten angesehen wird.

Man hat hier ein Besucherzentrum geschaffen, das ausgesprochen gut frequentiert ist. Erst nach angemessener Wartezeit bekommen wir eine ebenso kompetente wie auch spannende Führung durch die wichtigen Räume des Hauses, auf der das Leben, die Lebensleistung, aber auch viel Anekdotisches über den Präsidenten ausgebreitet wird. Roosevelts Familie war, wie die Vanderbilts, holländischen Ursprungs (daher auch die Aussprache des Namens wie in engl. rose), aber schon seit Generationen amerikanisch. Sie war wohlhabend, aber nicht superreich und lebte ganzjährig auf Springwood, wo Franklin auch geboren wurde. Er war weitläufig mit Präsident Theodore Roosevelt verwandt, auch seine spätere Ehefrau Eleanor war ein Mitglied der weit verzweigten Dynastie.

Der Präsident

Nach Abschluss seines Jurastudiums verzichtete Franklin auf eine juristische Karriere und ging in die Politik, sicherlich inspiriert von „Teddy“ Roosevelt, dessen politische Ansichten er weitgehend teilte. Jedoch erkrankte er 1915 schwer an Poliomyelitis, wie man damals annahm (heute werden auch andere Krankheiten diskutiert), wodurch beide Beine gelähmt wurden und er sich nur an Krücken oder im Rollstuhl bewegen konnte. Er brauchte mehrere Jahre, bis er mit den Einschränkungen umgehen konnte, u. a. ließ er sein Automobil auf Handbedienung umrüsten um eigenständig mobil zu bleiben. In dieser schweren Zeit war seine Mutter Sara eine große Stütze, was seine enge Bindung an sie erklärt. Ihr Schlafzimmer befand sich direkt neben dem seinigen und ihre Omnipräsenz in seinem Leben war ein großer Verdruss für Franklins Frau Eleanor. Nicht nur wegen seiner Affären bezog Eleanor in 3 km Entfernung von Springwood ein eigenes Cottage mit dem pseudo-holländischen Namen Val-Kill, blieb aber dennoch ein konstituiver Bestandteil seines Lebens. Mir fällt bei der Präsentation dieser Fakten durch den Guide auf, wieviel Respekt die Presse damals dem Privatleben eines Präsidenten zollte, denn weder seine Behinderung noch seine Liebeseskapaden spielten in der damaligen Berichterstattung irgendeine Rolle. In den späten zwanziger Jahren nahm Roosevelt seine politische Karriere wieder auf und wurde 1928 zum Gouverneur des Staates New York gewählt. Seine Methoden zur Bekämpfung der sich weltweit auswirkenden „Great Depression“ machten ihn so populär, dass er 1932 auf Seiten der Demokraten für die Präsidentschaft kandidierte und gegen den Amtsinhaber Herbert Hoover gewann, der wegen ebendieser Weltwirtschaftskrise und seines Umganges damit zum unbeliebtesten aller US Präsidenten geworden war.

Roosevelts Methode der Krisenbekämpfung war der „New Deal“, was eigentlich „Neuverteilung der (Spiel-)Karten bedeutet. Er wollte mit diesem Slogan klar machen, dass es bei seiner Politik darum ging, die alten wirtschaftsliberalen Ideen, die unter Hoover nichts bewirkt hatten, fallen zu lassen und über relief, recovery, and reform (Hilfe, Gesundung und Reformen) zu einer neuen Politik zu kommen. Anstelle von “Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ sollte sich ab jetzt der Staat mehr um die öffentliche Wohlfahrt kümmern. Hoover hatte keine Chance gegen Roosevelt, da in seiner Politik die Weltwirtschaftskrise lediglich als vorübergehende Depression angesehen wurde und er strikt am Laisser-Faire-Prinzip, das die Krise ständig verschärfte, festhielt. Der „New Deal“ bewirkte einiges Positive in den USA (mit einer erdrutschartigen Wiederwahl Roosevelts 1936), aber nichts in Europa, wo unter dem Eindruck der Krise eine allgemeine Orientierung nach rechts erfolgte und sich in der Mehrzahl der europäischen Länder autoritäre Staatsformen etablierten, deren Anführer von Demokratie, Humanismus und Pazifismus nichts hielten und zunehmende Bereitschaft zeigten, Probleme mit Gewalt zu lösen.

Insbesondere Deutschland trat nach 1933 ins Rampenlicht, wo nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler eine Politik der Revision des Versailler Vertrags, der Wiederaufrüstung, der Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung und der Aggression gegen Nachbarstaaten betrieben wurde. Obwohl Präsident Roosevelt sehr deutschlandkritisch eingestellt war und in seiner berühmten Quarantäne-Rede von 1937 die Isolation Japans, Italiens und Deutschlands forderte, interessierte das die wenigsten Amerikaner. Nach den großen Opfern im Ersten Weltkrieg war keinerlei Bereitschaft mehr vorhanden für außeramerikanische Angelegenheiten noch einmal einen Blutzoll zu entrichten. Politikern mit Durchblick, zu denen auch Roosevelt gehörte, erschien das bedenklich, denn die Eskalation in Europa und Japan konnte sehr schnell gravierende Auswirkungen auch auf die USA haben. Es war ihm äußerst wichtig, die isolationistische Einstellung in Amerika abzubauen und insbesondere die Beziehungen zu den Briten, dem ungeliebten Brudervolk, so zu verbessern, dass man dem Faschismus gemeinsam entgegentreten könnte, notfalls auch in einem Krieg.

Der Hotdog, durch den der Krieg gewonnen wurde

Einen guten Anlass die öffentliche Meinung in Bezug auf Europa zu ändern, bot im Sommer 1939 ein offizieller Staatsbesuch von König George VI. und „Queen Mom“ in Kanada. Roosevelt lud das Königspaar zu einem informellen Abstecher von diesem Besuch in die USA ein, mit Staatsdinner im Weißen Haus, Kranzniederlegung auf dem Heldenfriedhof Arlington und einem privaten Picknick in Springwood. Noch nie hatte ein britischer Monarch amerikanischen Boden betreten und die Monarchie war eine den Amerikanern stets verhasste Regierungsform. Roosevelt wollte durch den Besuch die Sympathie der Amerikaner für die Briten wecken und das britische Herrscherpaar nicht als abgehobene Snobs, sondern als Freunde Amerikas präsentieren, die sich auch nicht zu schade waren, den american way of life zu goutieren. So war die musikalische Darbietung beim offiziellen Dinner in Washington von Westernmusik geprägt, aber das Erstaunlichste war die geschickte Inszenierung des Picknicks im „cottage“ des Präsidenten.

Roosevelt holte das Königspaar mit dem eigenen Wagen vom Bahnhof ab (Queen Mum soll ob seines Fahrstils entsetzt gewesen sein), ging mit dem König gemeinsam schwimmen und veranstaltete am nächsten Tag ein Picknick im Garten von Springwood unter Teilnahme des gesamten Bedienungspersonals. Gereicht wurden Kleinigkeiten, unter anderem Hotdogs, von denen die Königin nicht einmal wusste, wie man sie essen sollte. Trotz der Empfehlung des Präsidenten „einfach abbeißen und runterschlucken“ aß sie sie mit Messer und Gabel, während ihr Gatte die Finger benutzte und das Ganze mit einem Bier herunterspülte. In der Presse stand am nächsten Tag: „KING TRIES HOT DOG AND ASKS FOR MORE“ und die Reaktion der Öffentlichkeit war genauso positiv, wie es sich der Präsident vorgestellt hatte. Dass die Public Relation Aktion von Roosevelt minutiös geplant war, geht aus den Dokumenten hervor, die wir in Springwood zu sehen bekommen. Sie trug auch gute Früchte, denn als Großbritannien wenige Monate später den Nazis den Krieg erklärte, konnte es sich der amerikanischen Unterstützung sicher sein, wogegen sich auch in der Öffentlichkeit kein Protest mehr erhob.

Von 1939 bis 1941 lieferten die USA Kriegsgerät an die Briten und beteiligten sich an der diplomatischen Schlacht gegen den NS. Schritt für Schritt involvierten sie sich aber auch mehr im expandierenden Weltkrieg und waren nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor schließlich Alliierte der Briten und Sowjets im Kampf gegen den Faschismus. Und wieder wurde amerikanisches Blut vergossen, diesmal auf zwei Kontinenten, Ostasien und ganz Europa, doch ging es dieses Mal um ein viel höheres Ziel: Die Bekämpfung einer verbrecherischen, Menschen verachtenden Ideologie, die im Falle ihres Sieges alles an Zivilisation vernichtet hätte, was sich die Menschheit in den letzten 2000 Jahren angeeignet hatte. Auch in den Endkampf des Krieges ging Amerika mit Präsident F.D. Roosevelt, obwohl dieser bereits gesundheitlich schwer angeschlagen war. Als wichtigste Ziele seiner vierten Amtszeit sah er den Sieg über den NS, die Gründung einer internationalen Friedensinstitution (UNO) und den Aufbau einer prosperierenden Nachkriegswirtschaft. Der „tired old man“, wie ihn sein erfolgloser Gegenkandidat bezeichnet hatte, arbeitete noch auf den Konferenzen von Teheran und Jalta am Konzept einer Nachkriegs-Weltordnung mit, doch das Kriegsende erlebte er nicht mehr. Am 12.4.1945 starb der Präsident mit der längsten Amtszeit im „Little White House“ in Warm Springs, dem Feriendomizil der US-Präsidenten. In Springwood wurde er (und später auch seine Frau Eleanor) beigesetzt und wir beenden diesen beeindruckenden Ausflug in die Weltgeschichte an seinem Grab.

Überwältigt von all dem Gesehenen und Gehörten mit seinem großen Bezug auf das Leben, das wir als Nachkriegsgeneration geführt haben, beschließen wir, trotz der noch bevorstehenden langen Rückreise den Tag in Cold Spring ausklingen zu lassen, einem malerischen, am Ufer des Hudson gelegenen Örtchen. Hier finden wir ein entzückendes Cottage, das höchst akzeptables Essen anbietet und können in einem anregenden Gespräch mit unserem Freund, der uns diesen Ausflug nach Upstate New York ermöglicht hat, diesen wunderbaren Tag resümieren.

30 Abreise

Der Abreisetag ist jedes Jahr der durchgeplanteste und strukturierteste unserer ganzen Zeit in New York. Da der Flug von JFK nach Berlin erst nach 17 Uhr startet, steht jedes Mal ein guter Dreivierteltag zur Verfügung, den es sinnvoll zu füllen gilt. Er soll stressfrei ablaufen, aber dennoch irgend etwas Schönes bringen. In den Vorjahren gönnte ich mir jeweils einen abschließenden Museumsbesuch um von meinem aktuellen Lieblingskunstwerk Abschied zu nehmen. Damit erntete ich aber kein Wohlwollen meiner Frau, die argwöhnte, ich könnte ausgerechnet am letzten Tag verschütt gehen und damit die Heimreise vermasseln. Deshalb fassen wir diesmal den Entschluss in Queens zu bleiben, von wo aus es nur ein Katzensprung zum Flughafen ist. Auch Verkehrsstaus schrecken da nicht, da von Jackson Heights die Metrolinie E bis Sutphin Boulevard fährt, dem Umsteigebahnhof zum JFK Air Train, mit dem man in Minutenschnelle jedes gewünschte Terminal des JFK Airports erreicht. Der neue super-entspannte Abreisetag beginnt mit einem ausgiebigem Frühstück und dem Abschiedsbesuch verschiedener Freunde und führt nach Kofferpacken, letzten Einkäufen und einem sehr leckeren Abschiedsmahl bei einem der in Queens besonders zahlreichen Chinesen zum endgültigen Entschluss zum Aufbruch. Es muss nur noch das Eintreffen der Enkelin von der Schule und der tränenreiche Abschied mit ihr abgewartet werden. Trotz Online-Check-In und der geschilderten einfachen Verbindung zum Flughafen wird einem jedes Jahr ein früheres Erscheinen auf dem Flughafen nahe gelegt. Heuer sind es drei Stunden, deshalb ist jetzt die sofortige Abfahrt mit dem E-Train auf der Station Jackson Heights/Roosevelt Avenue angesagt.

Nach wenigen Minuten haben wir den Umsteigebahnhof zum Air Train nach JFK erreicht. Dieser ist ein neuartiges, vollautomatisches Schienenverkehrsmittel mit Linearantrieb, bei dem der Zug über Magnete vorwärts gezogen oder gebremst wird. Anders als bei einer reinen Magnetbahn rollt der Zug noch auf Rädern, die aber nicht mehr angetrieben und gebremst werden müssen. Da der Air Train als Elevated Railway ausgelegt ist und die Züge dem New Yorker Klima voll ausgestzt sind, bietet diese innovative Technik mehr Sicherheit bei Eis und Schnee. Auch die Wegrationalisierung des Fahrpersonals hat man bei dieser „Innovation“ gleich mit durchgezogen, ein Umstand, der bei uns leichten Grusel auslöst. Aber wir genießen schließlich doch noch das angenehme Gefühl des ruckfreien, fast lautlosen Fahrens. Der Air Train hat zwei Anschlussbahnhöfe zum Zug- und Subwayverkehr und besteht ansonsten aus einer Ringlinie, die die sechs Passagierterminals miteinander verbindet. Jedes Terminal ist ein kompletter Flughafen mit Bahn- und Busanschluss, Parkhäusern, Check-In-Schaltern, Shops und Wartebereich. JFK ist gewissermaßen eine Zusammenballung von acht Flughäfen! (Zwei davon sind Frachtterminals ohne Haltestelle des Air Train). Die riesige Ausdehnung des Flughafenareals wird dadurch ermöglicht, dass es sich im unbewohnten, von Wasserläufen durchzogenen Marschland an der Jamaica Bay befindet.

Obwohl der hochnotpeinliche Immigration-Check bei der Ausreise entfällt, ist einem doch jedes Mal etwas bange, welche brandneue Prozedur der Sicherheitskontrolle aktuell gerade praktiziert wird. Stressig ist das Ganze sowieso, weil sich endlose Schlangen an den Gepäckbändern bilden und man immer mehr Plastikwannen mit Dingen füllen muss, die man nicht am Körper tragen darf. Da ist die Frage, ob man die Schuhe ausziehen muss, nur weil es vor jetzt fast 19 Jahren den verrückten „Schuhbomber“ Richard Reid gegeben hat, der nach seiner Verurteilung nun für den Rest seines Lebens im Knast in Colorado schmort und/oder muss man den Gürtel herausziehen und auf Socken und mit rutschender Hose unter Verlust der Menschenwürde am Kontrollpersonal vorbei defilieren? Wir profitierten dieses Mal von der Neuregelung, die über 70jährigen diese demütigende Prozedur erspart. Aber dann das hastige Wiederanziehen, bedrängt von beständig nachrückenden Mitreisenden und der Furcht Portemonnaie, Papiere, Laptop und Smartphone in der Wanne liegen zu lassen. Im Glücksgefühl alles wieder verstaut zu haben, vergesse ich meinen Koffer am Gepäckband, merke das aber gerade noch rechtzeitig, bevor der Alarm losheult und das herrenlose Gepäckstück gesprengt wird.

Nach alledem ist es geradezu erholsam im ungemütlichen Wartebereich, eingeklemmt vom voluminösen „Handgepäck“ der Mitreisenden, am Ipad ein wenig die Reise aufzuarbeiten – doch das free Wifi des Flughafens funktioniert nicht (Auf keiner unserer NY-Reisen hat es je funktioniert!). Aus dem Internet lade ich bei Boingo eine Stunde Internet für 5 $ herunter, nicht wissend, dass ich damit ein Abonnement abgeschlossen habe, was mir dummer Weise erst nach einigen Monaten regelmäßiger Abbuchung vom Konto auffällt. Nach dem problemlosen und raschen Einsteigen ins Flugzeug ist nun die letzte Hürde erreicht: Unsere Maschine muss inmitten von hunderten ebenfalls abfliegenden Flugzeugen eine Startposition ergattern, ohne die das Einfahren auf die Rollbahn unmöglich ist. In solch einer Warteposition haben wir oft schon Stunden zugebracht.

Dennoch muss ich sagen, dass für Menschen mit Flugangst, wie ich einer bin, durch die vielen New York Flüge ein Gewöhnungseffekt eingetreten ist, der mir nur noch Fernost- oder Australienflüge als gefährlich vorkommen lässt – aber da will ich sowieso nicht hin. Meine Frau bewältigt das Problem viel effizienter: Sie konsumiert acht Stunden lang das komplette Unterhaltungsprogramm von Delta Airlines und schläft dabei immer wieder ein. Nur ein tiefes Tal müssen wir noch gemeinsam durchschreiten, nämlich am nächsten Morgen das Rückflug-Frühstück mit gefrorenen Brötchen und allerlei in Plastik eingeschweißtem Zeug, gegen das sich vermutlich nur Amerikaner nicht wehren. Diesmal ist es definitiv die schlechteste Mahlzeit (obwohl bereits dieser Begriff völlig daneben liegt), die wir je an Bord eines Fliegers eingenommen haben.

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