New York im Kaleidoskop

Inhalt

12 Central-Park

Geschichte

Der Blick vom Empire State Building auf die Nordhälfte von Manhattan zeigt eindrucksvoll, welch großen Raum der Central Park einnimmt. Ab der 59. Straße sind nördlich vier Avenues aus dem Straßenraster ausgespart und bis zur 110. Straße in Harlem erstreckt sich auf 330 ha das Parkgelände, das in Ost-West-Richtung nur von vier Streets gequert wird. (Auch diese will die Stadt übrigens schrittweise stilllegen um die Aufenthaltsqualität im Park zu erhöhen). Als um 1850 die Pläne für einen solchen Park aufkamen, wuchs Manhattan explosionsartig, es hatte bereits über 500.000 Einwohner und die Fläche des späteren Parks war nur deshalb so dünn bebaut, weil der Baugrund ausgesprochen schlecht war: Der größte Teil war sumpfiges Gelände und der Rest glaziale Felsen. Die Durchsetzung des Plans für einen Park war schwierig, weil nicht alle die Notwendigkeit eines solchen Projekts akzeptierten. Viele „Bauhaie“ dachten eher daran, auch den Norden Manhattans mit jenen billigen Unterkünften für Immigranten vollzustellen, wie sie schon massenhaft in Little Italy, Chinatown und der Lower East Side existierten. Grünanlagen, sofern man sie nicht für teures Geld an Millionäre verkaufen konnte, galten ihnen nur als Aufenthaltsplatz für Arbeitsscheue. Fortschrittlich eingestellte Leute beklagten dagegen fehlende Erholungsmöglichkeiten für die Unterschicht, die in engen, überfüllten und ungesunden Massenunterkünften lebte und keine Möglichkeit hatte, ihre spärliche Freizeit in der Natur zu verbringen. Manhattan war ein einziges Bau-Spekulationsobjekt und die Küstenlinie vollkommen mit Hafenanlagen und Fabriken zugebaut. Die einzigen größeren Freiflächen mit ein wenig Grün waren die Friedhöfe, die infolgedessen intensiv als Freizeitbereich genutzt wurden.

Im ersten Drittel des 19. Jh. entwickelte sich in Großbritannien das Fachgebiet der Landschaftsarchitektur. Dabei ging es um den Entwurf und den Bau von großen Gärten, die den Eindruck von gewachsener Natur hervorrufen sollten. Sehr schnell verbreiteten sich die von Gilbert Laing Mason und John Claudius Loudon erdachten Prinzipien in Europa und erreichten um die Mitte des Jahrhunderts auch die USA. Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux sahen Landschaftsarchitektur als eine Gesamtkunst, die die Planung eines Gartens mit Geländemodellierung, Anpflanzung, Bewässerung und Anlage von Wegen sowie Parkarchitektur miteinander verband. 1857 beauftragte das City Council die beiden mit dem Bau des Central Parks als Grünanlage für alle New Yorker. Er sollte – kostenlos benutzbar – Spielplätze, einen Blumengarten, einen See, aber auch einen Paradeplatz und Straßen zur Verbindung der 5. mit der 8. Avenue enthalten. Die Arbeiten begannen 1858; 3000 irische, deutsche und englische Tagelöhner – die Ärmsten unter den vielen Armen New Yorks – kamen zum Einsatz. Für zehnstündiges Schuften pro Tag gab es einen Dollar Lohn. Wochenlang sprengte man Granitfelsen hinweg, wobei mehrere Arbeiter zu Tode kamen. Die Trümmer dienten zum Anlegen künstlicher Berge und 50.000 Kubikmeter Kiesel wurden auf der gesamten Parkfläche verteilt. Man baggerte Seen aus und schüttete mit dem Aushub künstliche Hügel auf. 700 Kilometer Kanalrohre verlegte man als unterirdische Drainage. Anschließend wurde gerodet und neu gepflanzt, insgesamt 240.000 Bäume und Sträucher. Für die gärtnerische Umsetzung von Olmsteds Plänen war der first landscape gardener Ignatz Anton Pilat zuständig, ein aus Wien gekommener Gärtner, dem wir am Madison- und am Washington Square schon begegneten. Das Ganze sollte wie eine gewachsene Naturlandschaft aussehen – ergänzt durch die Architektur von Calvert Vaux: Brücken, Terrassen, Treppen, Brunnen, Tore, Bögen, Zäune, Mauern und nicht zu vergessen die zahlreichen Denkmäler. Es dauerte lange, bis der Park von der gesamten Bevölkerung angenommen wurde. Anfangs nutzten ihn lediglich die Reichen aus der 5th und 8th Avenue als Promenade und zum Ausritt, für die Armen stellte bereits das Fahrgeld von den Elendsquartieren im Süden Manhattans bis hierhin eine zu hohe Hürde dar. Erst mit dem Bau der Subway wurde der Central Park zu dem, was er heute ist, einem Treffpunkt für alle New Yorker.

Denkmäler

Ursprünglich zierten 29 Denkmäler den Park (historische Persönlichkeiten, Literaten, Romanfiguren und Tiere), wovon einige später an andere Orte versetzt wurden. Das Bedeutendste unter ihnen ist Cleopatra’s Needle, ein original altägyptischer Obelisk aus der Zeit Thutmosis III. Bereits die römischen Kaiser hatten als Zeichen ihrer Macht ägyptische Obelisken verschifft und in Rom aufstellen lassen, desgleichen der oströmische Kaiser Theodosius einige Jahrhunderte später in Konstantinopel. In der Renaissance, auf dem Höhepunkt der Macht des Vatikans, ließen die Päpste viele der inzwischen umgestürzten Obelisken in Rom zu ihrem eigenen Ruhm wieder aufrichten. Aber auch noch in der Neuzeit wurden weitere Objekte dieser Art – aus den gleichen Gründen wie vorher – aus Ägypten weggebracht. In Erinnerung an Nelsons Schlacht bei Abukir schenkte 1919 der Regent Ägyptens, Muhammad Ali Pascha, dem Vereinigten Königreich den Obelisken von Heliopolis aus der Zeit Thutmosis III. Den bis 1831 vor dem Tempel von Luxor stehenden Obelisken Ramses II. gab er an König Louis Philippe, um sich auch das Wohlwollen der Kolonialmacht Frankreich zu sichern; 1836 wurde er auf der Place de la Concorde aufgestellt. Berichte im Jahre 1878 über den Transport und die Aufstellung von Cleopatra’s Needle (so nannte man den Obelisken von Heliopolis inzwischen) in London – 60 lange Jahre nach der ursprünglichen Schenkung – erregten Begehrlichkeiten in New York: „If Paris had one and London was to get one, why should not New York get one?“ schrieben die Zeitungen und präsentierten eine gefälschte Zusage des ägyptischen Statthalters für die weitere Vergabe eines Obelisken nach New York. Als sich auch Prominente für diese Idee einsetzten (z.B. sagte der Eisenbahnmagnat Vanderbilt die Übernahme der Transportkosten zu) erreichte die normative Kraft des Faktischen, dass auch New York seinen imperialen Obelisken erhielt. Westlich des Metropolitan Museum of Art wurde er 1881 auf einem Hügel im Central Park aufgestellt. Hier ist er in den 130 Jahren seiner Existenz in der Neuen Welt weit mehr verwittert als in den 3000 Jahren zuvor, so dass die ägyptische Altertümerverwaltung bereits Alarm schlug und eine Rückforderung androhte. Kurios ist, dass alle drei Obelisken in Frankreich, Großbritannien und den USA den unzutreffenden Namen „Nadel der Kleopatra“ tragen, nach jener hellenistischen Herrscherin, die erst 1000 Jahre nach der Errichtung geboren wurde.

Das zweite herausragende Denkmal, nicht nur wegen seiner Größe, ist das von Władysław II. Jagiełło. Als Replik des Warschauer Grunwald-Denkmals wurde es von der polnischen Regierung 1939 zur Weltausstellung nach Flushing Meadows in Queens gesandt. Die Schlacht von Grunwald (in der deutschen Geschichtsschreibung: Tannenberg) hat in der polnischen Geschichte eine besonders identitätsstiftende Bedeutung: Mit seinem Sieg über das Heer des Deutschen Ritterordens konsolidierte Władysław das litauisch-polnische Großreich der Jagiellonen, das große Teile Osteuropas umfasste und 186 Jahre lang Bestand haben sollte. Polen galt in dieser Zeit als das Herz Europas, darauf folgte allerdings eine lange Periode des Niedergangs, bis hin zur völligen Auflösung des Staates. Da das 1918 wiedererstandene Polen im gleichen Jahr der Weltausstellung und der Verbringung des Denkmals nach New York von den Deutschen erneut ausgelöscht wurde, verblieb die Kopie des Jagiełło quasi herrenlos in Amerika, während die Sieger das Original in Warschau zu Kriegszwecken einschmolzen. Kurze Zeit nach Kriegsende, als es noch keinen Kommunismus gab, verkaufte die polnische Regierung die Weltausstellungsstücke nach Chicago, nur Jagiełło (sicherlich wegen seiner Größe) verblieb in New York.

In fast allen Jahren seiner Existenz haben die New Yorker den Central Park gepflegt und weiter verschönt. Aber in den Siebzigern, während des strukturellen Haushaltsdefizits der Stadt, wurde nichts mehr investiert und er verkam zusehends. Der Personalabbau bewirkte, dass sich organisierte Kriminalität breit machte und die Anlage zum Drogenumschlagplatz wurde. Man riet Fremden vom Betreten (insbesondere im Dunkeln) ab und empfahl, falls man den Besuch doch wagen sollte, für den Fall eines Raubüberfalls 20 $ (und nur die!) bereitzuhalten, um nicht dem Wutanfall eines mobsters wegen mangelnder Beute anheimzufallen. Nicht nur Giulianis Maßnahmen haben in den letzten 20 Jahren diese unhaltbare Situation abgestellt. Es wurde wieder Personal eingestellt und heute widmen sich viele Freiwillige der Arbeit im Park. Auch sieht man deutlich das Bemühen, Geld für die Unterhaltung und Restaurierung einzuwerben und auszugeben.

Parkspaziergang

Bei früheren Besuchen hatten wir stets den Haupteingang an der 5th Avenue/59th Street benutzt und waren wegen der großen Entfernungen und der vielen Sehenswürdigkeiten nur bis “The Lake“ und zum „Bethesda Fountain“ gekommen, dem zwar schönsten, aber auch überlaufensten Teil im Zentrum des Parks. Diesmal wollen wir in die nördlichen Teile und betreten ihn von der Subway Station Museum of Natural History aus. Hätten wir auf so etwas Appetit gehabt, hätten wir an einem gegenüber dem Museum stehenden Imbisswagen einen Dinosaur-Burger erstehen können. Das nördliche Parkdrittel wird vom Jacqueline Kennedy-Onassis Reservoir dominiert, einem riesigen Wasserbecken, das vom Ost- bis zum Westrand reicht und recht öde aussieht, weil hier wegen des vielen Wassers kein Platz für Grün ist. Um das Becken herum – das übrigens niemals der Wasserversorgung diente, weil New York genügend gutes Trinkwasser aus upstate NY bezieht – erstreckt sich ein Reitweg und ein Joggingpfad, der von vielen Prominenten genutzt wurde – so auch von Jackie Kennedy. Da sie sich stets bürgerschaftlich für die Metropole (sie verhinderte u. A. den Abriss der Grand Central Station) und ganz besonders für den Park eingesetzt hatte, gab man 1994 The Reservoir ihren Namen. Aus gusseisernen Bruchstücken, gefunden auf dem Grund des Beckens, konnte man die Form seines Begrenzungszauns aus der Erbauungszeit rekonstruieren und ihn erneuern. Da auch der Rest des nördlichen Parks mit seinen großen Wiesenflächen mit dem Zentrum nicht mithalten kann, kehren wir reumütig dahin zurück und erfreuen uns am Wald (The Ramble), dem See (The Lake) und dem Schloss (Belvedere Castle).

Der Park ist an diesem schönen Sommerwochentag ziemlich voll, ähnlich dem Berliner Tiergarten an den Wochenenden. Mir fällt auf, dass sich viele zum Mittagessen auf den Parkbänken niederlassen und ihr fast food aus Plastikbehältern löffeln. Die Sauberkeit des Parks ist (wahrscheinlich seit Giulianis broken windows Kampagne) erstaunlich und überall sieht man abgezäunte Bereiche, wo Rasenflächen regeneriert oder neu angelegt werden. Gemäß den Regeln der englischen Landschaftsgärtnerei entstehen an jeder Biegung des Wegs immer wieder neue und überraschende Durchblicke, hier in New York angereichert durch verblüffende Aussichten auf Wolkenkratzer. Im westlichen Central Park ist das San Remo das dominierende Gebäude, ein Luxus-Wohnpalast von 1930 mit zwei barocken Doppeltürmen. Nach dem Parkbesuch wollen wir uns diesen Millionärsghettos widmen. Bei jedem Besuch stellt man immer wieder fest, dass der Park New Yorks Zierde ist, eine völlig durchgestylte, aber dennoch natürlich wirkende Landschaft mit Tälern, felsigen Höhen und Seen, die durch die vielen Denkmäler, Kioske und Pavillons aufgepeppt wird. Am ganz entzückenden gusseisernen Ladies Pavilion mit Blick auf The Lake werden wir Zeuge einer romantischen Geschichte: Ein deutschsprachiges Ehepaar bittet mich, ein Foto von ihnen zu machen und erzählt dabei, dass sie vor 10 Jahren in ebendiesem Gebäude geheiratet haben. Ein Friedensrichter wurde herbestellt und nahm die weltliche Zeremonie nur für sie beide vor, während die kirchliche Trauung und das große Hochzeitsfest in Deutschland stattfanden. Jetzt sind sie aus nostalgischen Gründen an diesen Ort zurückgekehrt und ich darf das Beweisfoto knipsen. Der so romantische Pavillon von 1871 gehört allerdings nicht zur originalen Park-Möblierung von Calvert Vaux, er stand ursprünglich am Eingang und diente ganz profan als Wartehalle für Besucher, die mit dem Bus kamen. Erst 1920 versetzte man ihn an den jetzigen Ort.

Vom Hunger getrieben lassen wir uns bei Mineral Springs, einem Imbiss im Park, nieder und fuchteln mit den Händen so lange nach einer Bedienung, bis uns jemand darüber aufklärt, dass hier self service Bereich ist. Wir holen uns also von Pain Quotidien ein belegtes Baguette, das trotz des renommierten Herstellers eine gewisse Gummi-Konsistenz aufweist und begeben uns anschließend zu den Mietskasernen für Millionäre am Rand des Parks. Auf dem Weg zum Ausgang passieren wir noch die Strawberry Fields, die Yoko Ono 1985 – an seinem fünften Todestag – zum Gedenken an John Lennon anlegen ließ. Der Musiker, an dessen Song Strawberry Fields Forever der Name der Gedenkstätte erinnert, wäre am Einweihungstag 45 Jahre alt geworden. Im Zentrum der Anlage befindet sich ein kreisförmiges, von der Künstlerin entworfenes und von italienischen Handwerkern in altrömischem Stil ausgeführtes Schwarz-Weiß-Mosaik, in dessen Zentrum der Titel von Lennons berühmten Friedenslied Imagine eingelegt ist. Hier treffen sich auch heute noch jedes Jahr viele Menschen an seinem Todestag. Anlässlich seines 70. Geburtstags wurde eine Bronzeplatte mit den Namen der 121 Staaten in den Boden eingelassen, die 1985 die Idee einer Gedenkstätte im Namen des Friedens unterstützten.

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