New York im Kaleidoskop

Inhalt

17 Lost New York

Zu unserer Identität als Europäer gehört es, dass die wichtigen und repräsentativen Bauten unserer Städte gewissermaßen für die Ewigkeit gebaut sind. Kathedralen, Königsschlösser, Rathäuser, bedeutende Bürgerbauten haben in großer Zahl die Jahrhunderte überdauert, sofern sie nicht Naturkatastrophen, Feuersbrünsten oder Kriegen anheim gefallen sind. Wir besuchen gerne Städte wie Rom, Florenz und Venedig, weil uns ihre Gebäude die gesamte Geschichte der Stadt über Jahrhunderte hinweg erzählen. Das ist in Amerika völlig anders: Die Mentalität, mit der die Immigranten hierher kamen, beinhaltete von Anfang an den Bruch mit dem Alten, die Suche nach Neuem, den Drang zu Weiterentwicklung und Verbesserung sowie den Glauben an Wachstum. Diese Mentalität beförderte auch den Kapitalismus, für dessen rasante Entwicklung die USA ja prototypisch sind. Kapitalismus und Fortschrittsgläubigkeit sind die Ursachen für das, was in diesem Kapitel unter Lost New York beschrieben wird und ein wenig traurig stimmt.

Die ersten Siedler in der Neuen Welt konnten gar nicht für die Ewigkeit bauen, denn sie schöpften nur aus bescheidenen Ressourcen, waren in geringer Anzahl und lebten unter recht unsicheren Verhältnissen. Kein einziges Gebäude von Nieuw Amsterdam ist heute noch erhalten, weil alle recht klein waren und aus Holz bestanden, was sie anfällig für Brände machte. Die Bescheidenheit der Architektur beförderte auch den schnellen Abriss, wenn man beschlossen hatte, etwas Neues zu bauen. Und Neues gab es ständig, weil die Bevölkerungszahl kontinuierlich stieg und sich die Wirtschaftsweise vom Agrarischen zum Handel fortentwickelte. Im 19. Jh. kam noch die Industrialisierung hinzu, die einen völlig neuen Gebäudetyp und neue Baumaterialien verlangte. So gehört es im Gegensatz zu uns zur Identität der Amerikaner, dass alles in einem kontinuierlichen Fluss und nichts für die Ewigkeit ist, sondern nur für den aktuellen Nutzen – wenn etwas dieser Einstellung nicht mehr entspricht, wird es eben beseitigt und durch Neues ersetzt. Einige Beispiele dazu habe ich bereits angeführt, wie die Ersetzung der elevated railways durch die Subway und die Konstruktion immer höherer Wolkenkratzer auf Kosten älterer Bauten.

Mansions

Das Zeitalter der Industrialisierung hatte etliche New Yorker unsagbar reich gemacht und voller Stolz darauf demonstrierten die Großindustriellen und Immobilienspekulanten ihren Reichtum durch einen feudalen Lebensstil, den es in Europa nach der französischen Revolution kaum mehr gab. Hier in New York bauten sie sich am Central Park und in der 5th Avenue schlossähnliche Anwesen, die europäischen aus der Zeit der Renaissance und des Barocks nachempfunden waren. In den mansions (Herrenhäusern) der Familien Astor, Vanderbilt, Gould, Schwab und Tiffany entfaltete sich ein luxuriöses Leben, das uns heute unvorstellbar erschiene, hätte sich nicht das Anwesen von Henry Clay Frick in der 5th Avenue neben dem Central Park mit allem Interieur und seiner exquisiten Kunstsammlung erhalten. Die Immobilienspekulation in Manhattan, die zu aberwitzigen Grundstückspreisen führte, hat alle oben genannten mansions wieder verschwinden lassen, denn selbst Multimillionäre konnten der Profitmaximierung nicht widerstehen, als sie ihre „Schlösser“ auf Abbruch zugunsten immer höher (und teurer) werdender Wolkenkratzer verkauften. So bleibt uns heute nur noch ein nostalgischer Blick auf alte Fotos von den Zeugnissen eines untergegangenen Lebensstils, sofern wir nicht für 20 $ Eintritt einen Besuch in der Frick Collection machen, was ich im Kapitel über den Räuberbaron auch tun werde.

Penn Station

Das wichtigste Gebäude von Lost New York, dessen Verschwinden auch heute noch als immenser Verlust empfunden wird, ist die Pennsylvania Station, die zur Erbauungszeit 1905 ein 3,2 ha großes Areal zwischen 7th / 8th Avenue und 31th / 33th Street einnahm. Weil die Endstation der bedeutenden Bahnlinie Pennsylvania Railroad (PRR) von New York nach Pittsburgh ein Stadtbild prägendes, repräsentatives Bahnhofsgebäude bekommen sollte, beauftragte man die renommierteste amerikanische Architekturfirma McKim, Mead, and White mit dem Bau. Ihre im historistischen Beaux Arts Stil gehaltenen Gebäude bestimmen noch heute das Stadtbild von New York: General Post Office, Hotel Pennsylvania, Public Library, Metropolitan Museum, Brooklyn Museum und Manhattan Municipal Building. Ihr Madison Square Garden II sowie das Savoy Plaza Hotel gehören wie die Pennsylvania Station zu den heutzutage so sehr beklagten Verlusten an historischer Bausubstanz, die – mit Ausnahme der Penn Station – damals gleichgültig hingenommen wurden.

Hier in Midtown errichtete das Architekturbüro drei eng beieinander liegende, bedeutende Großbauten: Die Penn Station, das General Post Office direkt gegenüber, sowie das Hotel Pennsylvania auf der Rückseite. Der mehrstöckige und untertunnelte Bahnhof war technisch ein absolut modernes Gebäude, kam äußerlich aber als antikes Bauwerk daher. Die Architekten, die in Rom auch die American Academy an der Via Veneto erbauten, hatten sich nämlich an den riesigen Hallen der Diokletiansthermen orientiert, die sie an der Stazione Termini oft zu Gesicht bekamen, übertrafen aber deren gewaltige Abmessungen noch um ein Vielfaches. Das Empfangsgebäude entstand nach dem Vorbild des Tepidariums der Thermen, das Michelangelo zur Kirche S. Maria degli Angeli umgebaut hatte, doch während deren Gewölbe eine (auch schon bemerkenswerte) Höhe von 28 m erreichten, waren es in der Penn Station 46 m! Der gesamte Bahnhofskomplex wies auf allen vier Seiten säulengeschmückte Fassaden auf, doch war man an den Bahnsteigen angekommen, offenbarte sich einem auch die Modernität der Anlage: Über der riesigen Bahnhofshalle erhob sich eine beeindruckende Stahl/Glas-Konstruktion und anders als zu dieser Zeit üblich, war Penn Station kein reiner Kopfbahnhof, sondern auch eine Durchgangsstation. Die Pensylvania-Eisenbahngesellschaft (PRR) hatte um die Jahrhundertwende zusätzlich noch die Long Island Railroad (LIRR) erworben, deren Gleise in Richtung Osten den East River unterquerten. Jetzt musste nur noch ein Tunnel unter dem Hudson gegraben werden (eine Brücke mit 2 km Spannweite war damals technisch noch nicht möglich) um Züge auch von Westen her in die Stadt hinein zu führen. Dieses Konzept machte Penn Station (trotz Grand Central Station, dessen Gleise aber nur nach Norden führen) zum bedeutendsten New Yorker Bahnhof.

Doch der Siegeszug des Automobils in den folgenden Jahrzehnten setzte den Eisenbahngesellschaften stark zu, die sinkenden Gewinne wirkten sich negativ auf Service, rollendes Material und Bahnhöfe aus. Der Zweite Weltkrieg verlängerte die Agonie des Eisenbahnwesens zwar noch ein wenig, aber die Alternative des Flugverkehrs brachte in den 50er und 60er Jahre das endgültige Aus für die Eisenbahngesellschaften: Zugverbindungen wurden eingestellt, Bahnhöfe verfielen und Zugfahren war überhaupt nicht mehr in. In diese Zeit fällt das Ansinnen der Betreiber des Madison Square Garden, ihr mittlerweile drittes Gebäude an der 8th Ave / 50th Street zugunsten des One Worldwide Plaza Wolkenkratzers abzureißen und auf dem Grundstück der Penn Station – nach deren Abriss – ein neues, noch größeres zu errichten. Die unter der Verkehrskathedrale existierenden unterirdischen Eisenbahnanlagen erachtete man als ausreichend für den immer weiter schrumpfenden Bahnbetrieb. Erstaunlicherweise kam jetzt erstmals größerer Protest gegen die Schleifung einer derartigen Ikone der New Yorker Architektur auf, aber leider setzte sich die Profitgier der beteiligten Privatfirmen durch. Ein Wahrzeichen New Yorks verschwand und wurde durch den banalen Komplex des jetzigen Madison Square Garden (IV) ersetzt, der aktuell auch schon wieder unter Abrissdruck steht. Die heutige unterirdische Penn Station mit ihren niedrigen Decken sowie überfüllten und engen Zugängen ist ein städtisches Ärgernis, zu dem ein Architekturkritiker sarkastisch bemerkte, dass man früher in die Stadt wie ein Gott einzog und heute wie eine Ratte hineinhuscht. Erstaunlich jedoch, was auf die Vernichtung der Penn Station folgte: Ein verbessertes Denkmalschutzgesetz, durch das man die ebenfalls vom Abriss bedrohte Grand Central Station rettete, der Wiederaufschwung des Eisenbahnverkehrs (unter der jetzt staatlich subventionierten AMTRAK) und ein Versuch der Wiedergutmachung an der Penn Station: Das gegenüberliegende General Post Office von McKim, Mead, and White, aufgrund der Digitalisierung des Briefverkehrs ein ähnliches Auslaufmodell wie der verschwundene Bahnhof, wurde unter Einsatz von 1,6 Mrd US $ zur neuen repräsentativen Eingangshalle für die Pennsylvania Station umgebaut. Dazu hat man das Gebäude entkernt und komplett mit riesigen Glasdächern versehen. Die eindrucksvollen Säulenfassaden des Postgebäudes erinnern ein wenig an den Glanz des untergegangenen Bahnhofs und an seiner ehemaligen Rückseite, der 8th Avenue, hat man sogar das Pennsylvania Hotel (einst das größte der ganzen Stadt) restauriert und wieder in Betrieb genommen.

Madison Square Garden II

Wie bereits am Madison Square erwähnt, hatte man dort den ersten Veranstaltungsbau, dem Namen entsprechend ein echter Garten unter offenem Himmel, abgerissen und 1890 mit dem Geld der reichsten New Yorker das damals weltweit größte Veranstaltungszentrum erbaut. Stararchitekt Stanford White von dem berühmten, allgegenwärtigen Architekturbüro lieferte die Pläne, die sich an spanischer Architektur orientierten. Aus dem von vielen Türmchen dominierten Baublock erhob sich an einer Ecke am Madison Square Park ein Wolkenkratzer, dem maurischen Glockenturm der Kathedrale von Sevilla (Giralda) nachempfunden. Mit 32 Stockwerken war er zur Bauzeit das zweithöchste Gebäude der Stadt und auf seiner Spitze stand wie in Sevilla eine vergoldete, drehbare Wetterfigur, hier eine nackte Diana. In der prüden, puritanisch geprägten Epoche, in der schon das Zeigen eines weiblichen Knöchels unter dem langen Rock in der Öffentlichkeit skandalös war, wirkte diese Figur schockierend und war Gesprächsstoff in der ganzen Stadt. In ihrer leichten und anmutigen Pose glänzte sie tagsüber in der Sonne, konnte entlang des Hudson River und sogar in New Jersey gesehen werden und war die erste Statue, die nachts elektrisch beleuchtet wurde.

Die 61 × 110 m große Haupthalle war mit 8000 festen Sitzplätzen und Stehplätzen für weitere Tausende die größte der Welt, hier wurden die Sechstagerennen populär gemacht, aber am berühmtesten waren die Boxkämpfe. Um den Garden rentabler zu machen, erweiterte man die Sitzplatzkapazität auf 13.000 und wandelte das riesige Amphitheater während der Sommermonate in ein Hallenbad um. Dieses Schwimmbad war ein Wunder der modernen Technik – das Becken weiß gefliest, 75 m lang und 33,5 m breit mit einem Inhalt von 16.800 m3 Wasser bei einer Tiefe von 0,90 bis 4,50 m, an seinem Ende ein Wasserfall von 7,6 m Höhe – wo man zur Erholung schwimmen, aber auch Amateur- und professionelle Schwimmwettkämpfe ansehen konnte. Ferner gab es ein Theater mit 1200 Sitzen, eine Konzerthalle für 1500 Zuhörer, das größte Restaurant der Stadt und ein Cabaret auf dem Dachgarten.

Hier befand sich auch das Refugium, das sich der Architekt des MSG genehmigt hatte. Stanford White war ein verheirateter Frauenheld mit einer Schwäche für sehr junge Mädchen. In seinem Apartment befanden sich jede Menge Spiegel für alle denkbaren Blickwinkel sowie eine rote Samtschaukel für seine jungen Gespielinnen. In einer Broadway Tanzshow fiel ihm die 16jährige Evelyn Nesbit auf, eine Lolita-hafte Schönheit, die den Lebensunterhalt ihrer vaterlosen Familie bisher mit Modellsitzen bestritten hatte. White machte sie mit Champagner gefügig, verführte sie und nahm in seinem Liebesnest erotische Fotos von ihr auf. Nach kurzer Zeit verließ er sie wieder wegen anderer junger Mädchen und sie fand Trost bei dem damals 22-jährigen Schauspieler John Barrymore, von dem sie auch schwanger wurde. Weil ihre Mutter Barrymore als nicht reich genug für ihre Tochter ansah, musste sie seinen Heiratsantrag ablehnen und wurde mit Whites Hilfe in einem Internat in New Jersey untergebracht, wo man einen als Blinddarmoperation getarnten Schwangerschaftsabbruch vornahm. Im Prozess stellte sich später heraus, dass Nesbit zu dem Zeitpunkt bereits zwei „Appendix-Operationen“ hinter sich hatte. Ihr nächster Mann, Harry Thaw, war der Mutter zwar endlich reich genug, jedoch ein kokainsüchtiger Sadist, der Frauen gern auspeitschte, so auch Evelyn Nesbit – dennoch heirateten die beiden im Jahre 1905. Der jähzornige Thaw war auf Nesbits frühere Verehrer extrem eifersüchtig und trug zur „Verteidigung seines Besitzes“ stets eine Pistole bei sich. Er ließ sich von Nesbit alle Details ihrer Beziehung zu Stanford White schildern, den er zunehmend mehr hasste und stets als „das Tier“ bezeichnete. Am 25. Juni 1906 besuchten sowohl Nesbit und Thaw als auch White das Dachtheater im Madison Square Garden. Mitten in der Aufführung des Stückes, während des Songs „I Could Love a Million Girls“, feuerte Thaw mit den Worten: „Du wirst diese Frau nie wieder sehen!“ drei Schüsse direkt auf Whites Kopf ab. Ein Teil von dessen Gesicht wurde weggerissen und der durch Schießpulver geschwärzte Rest war nicht mehr zu identifizieren. Die erste Reaktion der Menge war jedoch Belustigung, da man annahm, es handele sich um einen der damals üblichen Partygags. Erst als sich herausstellte, dass der Mord echt war, brach Panik aus. Im Prozess gegen Thaw gab Nesbit an, von White vergewaltigt worden zu sein, er selbst plädierte auf vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit und wurde zu fünfjähriger Haft in einem Hospital für psychisch Kranke verurteilt. Dort hatte er so weitreichende Bewegungsfreiheit, dass er die Anstalt Anfang 1913 einfach zu Fuß verlassen und sich nach Kanada absetzen konnte, von wo aus man ihn aber sofort wieder an die USA auslieferte. Doch schon Ende 1913 kam er als „vollständig geheilt“ frei und genoss danach das Ansehen eines Ehrenmannes, der einzig und allein die Schändung eines unschuldigen Mädchens gerächt hatte. Seine erste Handlung in Freiheit war die Scheidung von Nesbit, die während seiner mehrjährigen Abwesenheit ein Kind zur Welt gebracht hatte. Die belastenden Aussagen über White hatte sie unter Thaws Versprechen einer Zahlung von einer Mio US $ gemacht, von der sie aber nach der Scheidung keinen einzigen Cent sah.

Da der Madison Square Garden während seiner 35jährigen Existenz nie Gewinn gemacht hatte, verkauften die Besitzer – das Milliardärskonsortium – die Bauikone 1925 ohne viel zu fackeln auf Abriss. Das Veranstaltungszentrum zog einige Blöcke weiter nördlich auf das Gelände eines ehemaligen Straßenbahndepots und versuchte in einem schlichteren, aber mehr Zuschauer fassenden Bau ein erfolgreicheres Veranstaltungskonzept. Das hielt immerhin 40 Jahre, bis der verhängnisvolle Deal mit den Betreibern der niedergehenden Pennsylvania Railroad abgemacht wurde. Und am Madison Square wuchs der Wolkenkratzer des Met Life Insurance Building mit seinem goldenen Dach empor.

World Trade Center

Die Liste der aus Spekulationsgründen abgerissenen Bauten New Yorks ist endlos und der Prozess weiterhin anhaltend und unerfreulich. Da möchte ich mich lieber noch dem berühmt-berüchtigtsten Baukomplex der Stadt zuwenden, der ohne die Ereignisse von 9/11 heute noch stünde, dem alten World Trade Center (WTC) und seinen Twin Towers. Ihrer Erbauung war der kontinuierliche Abstieg von Süd-Manhattan nach dem Zweiten Weltkrieg vorangegangen: Die Hafenanlagen am Hudson und East River waren veraltet, die immer größer werdenden Containerschiffe legten jetzt in New Jersey an, der Passagierverkehr verlagerte sich vom Schiff aufs Flugzeug und die Wirtschaftsstruktur des Viertels war marode. Da kamen Pläne zu einer Neustrukturierung der Gegend ganz recht, die übrigens schon vor dem Krieg angedacht wurden. Ein globales Handelszentrum, das World Trade Center (WTC), sollte frischen Wind nach Manhattan bringen und gleichzeitig die Sanierung des herunter gekommene Stadtviertels sowie die Erneuerung der Verkehrswege nach New Jersey und die Wiederbelebung des New Yorker Hafens befördern. Insbesondere wegen des letzten Punkts sah man die staatliche Hafenbehörde (Port Authority of New York and New Jersey) als idealen Träger des Projekts an. Die Stadt übertrug ihr 1962 das Gelände und die Berechtigung, Enteignungen und Gewerbeumsiedlungen vorzunehmen, da der Bau des WTC einen öffentlichen Zweck erfülle. Mit dieser Begründung schmetterte man sehr schnell alle Klagen der Betroffenen ab, die sich durch sämtliche Instanzen zogen und schon 1966 konnte man den Grundstein legen.

Das Baugelände am Hudson in Lower Manhattan war durch frühere Anschüttungen (z. B. mit dem Aushub der Subway) entstanden und nicht besonders tragfähig, erst in 21 m Tiefe stieß man auf festen Grund. Zuerst konstruierte man eine riesige Betonwanne, die das Wasser des Hudson fern halten sollte und machte sich dann ans Ausschachten. Die enormen Mengen des Bodenaushubs schüttete man gleich nebenan in den Fluss und gewann dadurch den Baugrund für die Battery Park City und das World Financial Center. Ab 1968 wuchsen die Gebäude des WTC in die Höhe (insgesamt sieben waren geplant) und aus der gleichen Großspurigkeit wie in den 30er Jahren sollte wieder einmal der höchste Wolkenkratzer der Welt entstehen – wie üblich mit Hilfe eines Antennenmasts auf dem Dach (hier von mehr als 100 m Höhe!), der entscheidend zur Gesamthöhe von 526 m beitrug. Anders als vor dem Krieg wurden keine Architekturikonen mehr geplant (less is more!), sondern zwei nüchterne, fast identische Wolkenkratzer ohne Rücksprünge und Aufbauten, dafür mit schießscharten-ähnlich schmalen Fenstern, die der japanische Architekt Yamasaki angeblich einbauen ließ, weil er an Höhenangst litt. Einzig durch die Höhe und die Doppelung der Türme (deshalb twin towers) entstand doch noch ein charakteristischer Baukörper, der – besonders von Süden her – die Skyline von Manhattan dominierte. Gegenüber allem Unken wegen des Überangebots an Büroflächen wurde das WTC geschäftlich ein voller Erfolg, wozu auch das Restaurant im 107. Stockwerk des einen Turms und die Aussichtsplattform in über 400 m Höhe des anderen beitrugen. Die Einweihung erfolgte 1970/71, der Gesamtkomplex wurde 1987 mit der Eröffnung von 7 WTC vollendet.

Schon früh kam das WTC in den Fokus radikalislamischer Kreise, denn es verkörperte par excellence den „Großen Satan“, eine Bezeichnung, die Ayatollah Chomeini ab 1979 für das Regierungs- und Wertesystem der US-Politik, vor allem den Imperialismus und den „Götzen verehrenden Kapitalismus“ verwendet hatte. In der sechsgeschossigen Tiefgarage des World Trade Centers, direkt unterhalb der Twin Towers, explodierte am 26.2.1993 eine Bombe; islamistische Terroristen hatten einen mit 700 kg Sprengstoff und Druckgasbehältern voll Wasserstoff beladenen Transporter dort abgestellt und die Ladung ferngezündet. Die Detonation tötete sechs Menschen, die sich zu dem Zeitpunkt unten aufgehalten hatten und verletzte 1.000 weitere. Trotz der starken Sprengkraft der Bombe konnten die Untergeschosse der Explosion aber standhalten. Zwar wurde die Inneneinrichtung stark beschädigt, nicht jedoch die Statik der beiden Wolkenkratzer. Somit war der Anschlag gescheitert, denn beabsichtigt war gewisslich der Einsturz der Türme und die zusätzliche Zerstörung, den dieser in dem belebten Geschäftsviertel – mitten im Herzen des Kapitalismus – verursacht hätte. Experten sprachen von 100.000 Opfern, die eine solche Katastrophe hätte fordern können. Es ist heute nicht mehr nachvollziehbar, wieso nicht schon dieser Anschlag zu den Sicherheitsvorkehrungen gegen islamistischen Terrorismus geführt hat, die nach 9/11 ergriffen wurden. Hier war alles bereits vorgezeichnet, was acht Jahre später den schlimmsten Terroranschlag der Geschichte ausmachen würde: die Skrupellosigkeit der Täter, ihre völlige Gleichgültigkeit gegenüber Menschenleben und grenzenloser Hass auf die USA. Aber auch die Mängel bei der Ermittlung und die den westlichen Rechtsnormen Hohn sprechende juristische Aufarbeitung der Tat zeigen bestürzende Parallelen zu 9/11.

Alle, die den elften September 2001 damals miterlebt haben, werden die Bilder des Anschlags, die kurz darauf im Fernsehen erschienen, auf ewig in ihrem Gedächtnis bewahren: die brennenden Türme, aus denen schwarzer Rauch aufsteigt, der Feuerball beim Einschlagen des zweiten Flugzeugs im oberen Drittel des Turms, die aussichtslos von den Flammen Eingeschlossenen, die einen Sprung von der Aussichtsplattform in die Tiefe dem Ersticken oder Verbrennen vorziehen (Bilder übrigens, die danach nie wieder gezeigt werden durften), die zehn Sekunden des Einsinkens der Türme inmitten eines Infernos von Rauch, Staub und umherfliegenden Trümmern und die absurde Stille danach. Hunderte von Feuerwehrleuten, die ohne Kenntnis der wahren Ursache und des Ausmaßes der Katastrophe zu Hilfe geeilt waren und versuchten, Menschen aus dem Innern der brennenden Gebäude zu evakuieren, kamen bei dem Einsatz um, ebenso wie über 2500 andere, die keine Chance gehabt hatten, dem Desaster zu entkommen. Die Unmengen von Kerosin, die sich nach dem Einschlag der Flugzeuge im Innern entzündeten, verhinderten einesteils die Flucht aus den oberen Etagen und brachten anderesteils die Stahlträger der Gebäudekonstruktion zum Schmelzen, so dass der Nordturm nach 1 3/4 Stunden und der Südturm nach einer knappen Stunde einstürzten. Dabei wurden auch die übrigen Gebäude des WTC zerstört oder schwer beschädigt, ein weiterer Wolkenkratzer fiel am nächsten Tag in sich zusammen.

Erst in den folgenden Tagen wurde das Ausmaß dieses Anschlags auf die Vereinigten Staaten deutlich: Selbstmordattentäter hatten vier Fluzeuge zur gleichen Zeit entführt, um sie quasi als Bomben auf drei Symbole der USA zu lenken: Den Kapitalismus in Form des WTC (hier mit gleich zwei Flugzeugen!), das Militär im Pentagon und die Demokratie in Form des Kapitols. Der letztere Anschlag misslang zwar, aber die Flugroute und der Gesamtplan machen deutlich, dass auch Washington auf der Anschlagliste gestanden haben muss. Vielen, insbesondere schlichten Gemütern, war die Ungeheuerlichkeit von 9/11 (wie man es im amerikanischen Sprachgebrauch seither nennt) so unbegreiflich, dass sie lieber an die abenteuerlichsten Verschwörungstheorien glaubten, als an das, was wirklich geschehen war. So soll der Anschlag einerseits gar nicht stattgefunden haben, während er andererseits von den USA selbst oder von Israel oder von beiden gemeinsam begangen wurde und die Türme sollen nicht durch hineindonnernde Flugzeuge, sondern durch gezielte Sprengungen von innen zum Einsturz gebracht worden sein. Ich glaube, dass sich die USA psychisch bis heute noch nicht vom Trauma dieses Desasters erholt haben und viele Fakten stützen das: Die fehlende juristische Aufarbeitung des Verbrechens, die Beibehaltung des völkerrechtlich prekären Gefangenenlagers Guantanamo im Ausland (!) und die darin herrschenden Praktiken, die anhaltende Konjunktur der Verschwörungstheorien und der dramatisch schlechter gewordene Umgang der USA mit anderen Nationen, seien es Freunde oder Gegner.

Five Points

Zuletzt noch einige Worte zu einem Stück Lost New York, bei dem niemand bedauert, dass es nicht mehr existiert, nämlich das Armenviertel Five Points im Südosten Manhattans, wo sich heute Chinatown befindet. Es hatte seinen Namen von dem unregelmäßigen Fünfeck, das durch die umliegenden Straßen gebildet wurde. (Heute etwa Centre Street im Westen, Bowery im Osten, Canal Street im Norden und Park Row im Süden). Hier lag früher der Collect Pond, ein Teich vor den Toren von Alt New York, der die Gegend entwässerte, aber wegen seiner eigenen Quelle auch als Trinkwasser-Reservoir genutzt wurde. Mit dem Wachstum von Stadt und Gewerbe (insbesondere Gerbereien) wurde er zunehmend durch Abwasser verschmutzt und eine Quelle für Infektionen und Krankheiten, deshalb entschloss man sich 1820, ihn zuzuschütten. Zur Entwässerung der Gegend entstand ein Kanal, der an der Stelle der heutigen Canal Street verlief. Das zugeschüttete Areal war sumpfig, von Insekten verseucht und dünstete Methangas aus; dennoch wurde es mit billigen Holzhäusern dicht bebaut, ohne Kanalisation und ohne Straßenpflasterung.

Hier wohnten die Ärmsten der Stadt, anfangs Schwarze – einesteils Freie und zum anderen Teil noch Sklaven und mit ihnen beginnt die Geschichte des Schmelztiegels Amerika. Ihr erster Begräbnisplatz wurde kürzlich ganz in der Nähe ausgegraben und ist ebenfalls ein Stück Lost New York. Das beeindruckende Denkmal African Burial Ground an der Elk Street/Duane Street erinnert daran, dass viele der hier Ruhenden noch nach afrikanischem Ritus bestattet wurden. (Am Broadway 290 gibt es die Eingangsschleuse zum dazu gehörenden visitor center). Zu den Schwarzen kamen die katholischen Iren und trotz gravierender Unterschiede kamen beide Ethnien doch miteinander aus. Als Beweis dafür kann man die Entstehung des stepdance hier im Viertel sehen, der Einflüsse Afrikas, des Jazz und des irischen Tanzes vereinigt. Die Iren waren wegen Hungers in der Heimat massenhaft nach Nordamerika ausgewandert. Die Great Famine in Irland begann zwar erst 1845, aber bereits seit den 1820er Jahren trieben häufige Missernten die Menschen von der grünen Insel in die Emigration. In New York lebten sie auf engstem Raum in den armseligen Häusern der Five Points und hatten es schwer, eine qualifizierte Arbeit zu finden, da sie nur Landarbeiter und zum großen Teil Analphabeten waren. Um die Lebensbedingungen der Iren in Five Points zu verbessern, gründete Pater Felix Varela, ein Kubaner, 1827 die Kirche der Immigranten, The Church of the Transfiguration, die in einem Gebäude von 1801 heute noch an der Kreuzung Mott Street / Cross Street erhalten ist. Gewidmet dem römisch-katholischen Ritus, sollte sie als Identifikationsort für Katholiken im protestantisch geprägten New York dienen und sich der Nöte der Allerärmsten annehmen.

Ihr neuer Wohnort war einer der übelsten Slums der westlichen Welt, bezogen auf Bevölkerungsdichte, Krankheit, Kindersterblichkeit, Arbeitslosigkeit, Prostitution und Gewaltverbrechen; die tägliche Rate von Mordtaten blieb unübertroffen. Five Points war berüchtigt für seine gangs, Gruppen von perspektivlosen jungen Männern, die sich neben der Kleinkriminalität als Broterwerb damit beschäftigten, gegen andere Gangs zu kämpfen. Diese Auseinandersetzungen hatten oft den Charakter von Aufruhr und Unruhen und mussten von der Polizei niedergeschlagen werden, wie 1857 beim Kampf der Dead Rabbits gegen die Bowery Boys. Brisanter waren die Draft Riots gegen die Einberufung in den amerikanischen Sezessionskrieg. Als die Armen erfuhren, dass sich die Wohlhabenden gegen eine Zahlung von 300 $ davon freikaufen konnten, kam es überall zu Unruhen, die 120 Tote forderten und ihren Anfang in Five Points nahmen. Die politisch ahnungslosen irischen Einwohner des Viertels wurden bei Wahlen eine geeignete Beute für Politiker der Tammany Hall, die sie gleich zu mehreren Stimmlokalen karrten um mit diesen zusätzlichen Stimmen ihre Kandidaten durchzubringen. Wirkliche soziale Aktivitäten bezogen sich auf frühzeitige Forderungen nach Abriss des ganzen Viertels, wovon 1852 wenigstens der von The Old Brewery realisiert wurde, einer ehemaligen Brauerei, die man in eine fünfstöckige Mietskaserne umgewandelt und mit Menschen vollgestopft hatte. Allein in diesem von 1000 Menschen bewohnten Haus soll 15 Jahre lang jeden Tag ein Mensch umgebracht worden sein, was angesichts einer Gesamtbilanz von dann 5475 Opfern ziemlich unglaubwürdig klingt.

Nach einem Großfeuer riss man das Viertel aufgrund seines schlechten Rufs 1885 endlich ab, die schwarzen Bewohner zogen nach Harlem, die Iren nach Hell‘s Kitchen und in die Bronx. Alle alten Gebäude wurden beseitigt, ein neuer Straßenraster geschaffen und Mietshäuser mit einem etwas besserem Wohnstandard als vorher errichtet, in die aber wiederum überwiegend Minderbemittelte einzogen, diesmal vor allem Italiener und Chinesen, die dem Viertel ab jetzt ihren Stempel aufdrückten. Wo früher der Collect Pond gelegen war, entstanden zwei Grünanlagen, Columbus Park und Collect Pond Park. Five Points gehört endgültig der Vergangenheit an, lebendig sind nur noch die historischen Geschichten über die Gangs of New York, die auch Thema eines berühmten Films wurden, mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle und von Martin Scorsese als Regisseur, der als Kind hier selbst gewohnt hatte.

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