Mein Jungfernsee

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1 Erstbegegnung

Meine erste Begegnung mit dem Jungfernsee war in den 1960er Jahren. Meine Eltern, Besitzer eines Springbrunnenladens in Friedenau, hatten sich vorschnell ein Segelboot, einen Schärenkreuzer der L-Klasse, gekauft und erst anschließend festgestellt, dass das Segeln eine Kunst ist, die man gründlich erlernen muss. Ihre erfolgreiche Geschäftstätigkeit gab aber keine Zeit für einen Segelkurs her, und so wurde ich, als schlechter Schüler mit hinreichender Freizeit ausgestattet, zum eigentlichen Besitzer des Boots. Den Segelkurs schenkte ich mir, da in Berlin zu dieser Zeit noch keine Führerscheinpflicht auf dem Wasser bestand. Stattdessen erlernte ich das Segeln im Kreise vieler segelbegeisterter, aber ebenfalls ignoranter Mitfahrer experimentell.

Zu dieser Zeit existierten bereits die Mauer und das Grenzregime, was für West-Berlin eine erhebliche Isolation bedeutete. Den ostdeutschen Mitbewohnern war der Zugang zur Stadt verwehrt und viele Bundesbürger trauten sich nicht, den westlichen Vorposten mitten im kommunistischen Block zu besuchen. Schließlich musste man sich von Angst einflößenden DDR-Grenzern kontrollieren lassen und mit Minimalgeschwindigkeit auf rumpligen Autobahnen, umgeben von nach Zweitakt-Gemisch stinkenden Trabis die „Sowjetzone“ durchqueren. In ihrer Ignoranz glaubten viele im Westen, West-Berlin sei eine ummauerte, gefängnisartige Steinwüste. Dass aber ein gutes Drittel der Stadtfläche aus Wald, Wasser und Parks bestand, dass man, wenn man auf der Aussichtsplattform des Kaiser-Wilhelm-Turms stand, rundum nur Havel und Grunewald auf West-Berliner Territorium sehen konnte, blieb den meisten unbekannt. In den ausgedehnten Forsten konnte man stundenlang wandern und auch das Wasserrevier war beachtlich. Es teilte sich in ein nördliches Gebiet um den Tegeler See mit Niederneuendorfer- und Heiligensee und – unterbrochen durch die Schleuse Spandau – in ein südliches, wo sich die Havel nach dem Pichelsdorfer Gemünd seenartig erweitert und von der Scharfen Lanke über Großes Fenster, den großen und kleinen Wannsee, das Gebiet um die Pfaueninsel bis zum Jungfernsee am Glienicker Park erstreckt.

Für die West-Berliner war das eine erstaunlich weitläufige Freizeitlandschaft, die sie allerdings auch gründlich nutzten. An heißen Sommertagen badeten Zigtausende im Strandbad Tegel, an der Badewiese, am Großen Fenster und im Strandbad Wannsee. Eine ständig zunehmende Zahl von Wasserfahrzeugen (die später zur Einführung der Führerscheinpflicht führte) überfüllte an den Wochenenden die Wasserfläche. Gefährlich war es an den Punkten, wo dieses Freizeitparadies an die Grenze der DDR stieß. Auf der „Ost“-Seite (auch, wenn diese in westlicher Himmelsrichtung lag, „Ost“ war einfach das Synonym für den Kommunismus), gab es keinen Platz für Erholungssuchende, denn dort standen „Grenzsicherungsanlagen“. Sie waren gekennzeichnet durch Streckmetallzäune, Mauern und Stacheldraht, sowie einen Minenstreifen und einen betonierten Postenweg für die Grenztruppen. Im Wasser überwachten Patrouillenboote die schwer erkennbare Demarkationslinie. Zur kältesten Zeit des Kalten Krieges kam es vor, dass harmlose Erholungssuchende von Angehörigen der DDR-Grenztruppen erschossen wurden, weil ihr Boot versehentlich die Grenze überschritten hatte. Geradezu „normal“ war in solch einem Fall die Festnahme der Sünder wegen „Grenzverletzung“, ein ausgiebiges Verhör durch die Staatssicherheit inklusive einer Nacht im Gefängnis und die anschließende Ausweisung am nächsten Tag.

Mein Boot war am Stößensee in Spandau stationiert, an der Stelle, wo die Stößenseebrücke und die Heerstraße die Havel überqueren und an dem Tag, der meine erste Bekanntschaft mit dem Junfernsee bringen sollte, war der längstmögliche Törn auf dem südlichen Segelrevier geplant: In Richtung Glienicke, vorbei an Kladow, dem Grunewaldturm, der Insel Schwanenwerder (in deren früher von Nazi-Prominenz bewohnten Villen jetzt Kinderheime untergebracht waren), vorbei am Wannsee und an der Pfaueninsel. Die westliche Passage dieser Insel verbot sich, weil sich hier eine durch die Grenze geteilte Fahrrinne mit regem Berufsschiff-Verkehr befand. Die östliche Vorbeifahrt an der Insel war durch Engstellen und die Pfaueninsel-Fähre für Segler schwierig. Deshalb waren meine Crew und ich erleichtert, nach der mühevollen Durchfahrt endlich wieder eine größere Wasserfläche zum Segeln vorzufinden. Jedoch – nachdem wir uns der Pfaueninsel genähert hatten – kündete ein heftiges Rumpeln und der völlige Stillstand des Bootes an, dass wir auf Grund gelaufen waren. Da das Boot einen feststehenden Kiel hatte, war es überhaupt nicht einfach, wieder freizukommen. Eine Wasserkarte war nicht im Besitz des Kapitäns (angeblich kannte man ja „seine“ Gewässer im Schlaf) und so musste – wie beim Erlernen des Segelns – die Lösung des Problems experimentell gefunden werden. Es gelang schließlich, indem sich zwei Besatzungsmitglieder in die Wanten hängten und das Schiff in Schräglage brachten, was den Abstand des Kiels vom Grund verringerte. Die Segel waren eingezogen worden und die restliche Crew paddelte und schob im Wasser stehend das Boot vorwärts, bis sich wieder „eine Handbreit Wasser unter dem Kiel“ befand. Der Sinn dieses Seglergrußes erschloss sich mir erst bei dieser Gelegenheit. Aufgrund des erlittenen Schocks war das um die Pfaueninsel gelegene Gewässer ab jetzt tabu, aber der Name des inkriminierten Sees prägte sich fest in meinem Gedächtnis ein: Jungfernsee.

2 Sehnsuchtsort Italien

Die 1970er Jahre brachten meinen Eintritt in das Berufsleben, was dem Vergnügen auf dem Wasser natürlich abträglich war, denn durch den Lehrerberuf, damals noch an sechs Tagen in der Woche, war die Möglichkeit des Wassersports auf Sonntag, den Tag, an dem auch alle anderen Kapitäne ihre Fahrzeuge nutzten, reduziert. Oft waren am Wochenende zwischen Wannsee und Kladow so viele Boote unterwegs, dass man glaubte, die Wasserfläche zu Fuß überqueren zu können. Aus diesen Gründen fiel es mir leicht, mich von meinem „Albatros“ zu trennen. Das bedeutete gleichermaßen auch die Trennung von der Berliner Wasserlandschaft, denn die neue wirtschaftliche Situation mit einem regelmäßig einlaufenden Gehalt ermöglichte es, in meinen (im Lehrerberuf komfortabel langen) Ferien erst einmal meine bevorzugten Länder kennenzulernen, allen voran Italien, das mich, ob seiner reichen Kultur und seiner überbordenden Anzahl der Kunstschätze schon immer faszinierte. Merkwürdigerweise rollte ich Italien sozusagen von hinten auf, denn ich begann mit Sizilien und näherte mich dann schrittweise wieder dem Norden an, allerdings unter Beibehaltung von Rom als meinem bevorzugten Reiseziel.

Als Anfang der 80er Jahre in den Berliner Zeitungen viel über die „italienische“ Schlösser- und Gartenlandschaft von Klein-Glienicke und deren geplante Restaurierung zu lesen war, kam der Jungfernsee schlagartig in meine Erinnerung zurück. Das Schloss- und Parkensemble Glienicke, zu großen Teilen entlang des Jungfernsees gelegen, hatte seit 1918, dem Ende der Monarchie in Deutschland quasi im Dornröschenschlaf gelegen. Inzwischen hatte man den Wert dieses einmaligen Ensembles wieder zu schätzen gelernt und plante seine Rückgewinnung. Glienicke, ursprünglich ein Gutshaus eines Grafen von Lindenau, wurde 1814 vom preußischen Staatskanzler Fürst Hardenberg gekauft, der durch Peter Joseph Lenné einen Landschaftspark anlegen ließ und das Gutshaus vergrößerte. Hardenberg verstarb jedoch schon 8 Jahre später und seine Erben verkauften das Gelände an den preußischen Prinzen Carl, den dritten Sohn König Friedrich Wilhelms III.

Unter Prinz Carl, einem großen Bewunderer Italiens, wurde Schloss Glienicke durch die fähigsten Künstler, die Preußen in dieser Epoche hatte, zu einem idyllischen „Klein-Italien“ ausgebaut. Karl Friedrich Schinkel entwarf den Schlossneubau und die Nebengebäude in einem italienisierenden Stil mit flach geneigten Dächern, Rundbogenfenstern, vielen Säulen und romantischen Versatzstücken wie Tempelchen, Stibadium (römische halbrunde Sitzbank), Casino und vielen Brunnen, während Peter Joseph Lenné den Landschaftspark vergrößerte und verschönte. Höhepunkt des Parks war eine gärtnerisch gestaltete Italienreise, die in Moorlake am gotischen Jägertor quasi im Norden begann, sich auf Waldwegen auf die Anhöhe (die „Alpen“) erhob und nach Passieren der „Teufelsbrücke“ (einer romantischen Ruine mit Bezug auf das in der Schweiz an der Via Mala gelegene Bauwerk) allmählich den Süden und damit Italien erreichte, das durch Klein-Glienicke repräsentiert wurde.

Die Wendungen der deutschen Geschichte spielten dem Kleinod Glienicke übel mit. Nach Aufhebung der Monarchie fiel das Kleinod am Jungfernsee erst einmal unter die Fürstenenteignung und wurde verstaatlicht. Der letzte Bewohner Prinz Friedrich Leopold verlegte seinen Wohnsitz unter Mitnahme des Mobiliars und der Kunstgegenstände nach Lugano. Da die Betroffenen der Fürstenenteignung gegen das Gesetz klagten, blieb das Schloss einstweilig ungenutzt und wurde auch nicht baulich unterhalten. Und tatsächlich erhielten die Adligen 1926 allen Besitz, den sie (angeblich) privat aus der eigenen Schatulle erworben hatten, zurück, wozu auch Schloss und Park Glienicke gehörten. Da der Preußenprinz keinesfalls dorthin zurückkehren wollte, plante er jetzt den privaten Verkauf des Geländes, wogegen der preußische Staat eine einstweilige Verfügung erließ, weil er das Parkgelände selbst in einen Volkspark umwandeln wollte. Die einstweilige Verfügung wurde zurückgewiesen, jedoch blieb durch den Tod des Prinzen alles in der Schwebe, lediglich die letzten Wertgegenstände aus dem Schloss kamen unter den Hammer.

Der Erbe, Prinz Friedrich Karl, aufgrund seines Lebenswandels hochverschuldet, musste Glienicke an die Dresdner Bank verpfänden und diese – es war mittlerweile das Jahr 1935 angebrochen und Deutschland unter der Herrschaft der Nazis – übergab einen großen Teil der Parkfläche in einem Aktientauschgeschäft an die Stadt Berlin. Das stark verwahrloste Schloss und die unmittelbare Umgebung, einschließlich des auf der anderen Seite der Königstraße gelegenen Jagdschlosses blieben zunächst im Eigentum des Erben. Ende 1937 drohte die Stadt dem Prinzen die Zwangsenteignung des verbliebenen Besitzes an, so dass dieser das (niedrige) Kaufangebot schließlich akzeptierte. Zur Ermittlung der Kaufsumme fertigte die Stadt ein Gutachten an, in dem alle beschriebenen Baulichkeiten schlecht geredet wurden, so z. B. die „ruinöse“ Teufelsbrücke, die ja als romantisches Versatzstück eigentlich ruinös sein sollte. Als dann später der Volkspark angelegt wurde (mit „vereinfachter“ Wegführung, was auch die Lennésche Landschaftsplanung vernichtete), erging die absurde Anordnung, die Teufelsbrücke „wiederaufzubauen“.

Weitere Baumaßnahmen der Nazis waren der Umbau des Jägerhofs als Sommersitz des Oberbürgermeisters und der Ausbau der Königstraße (zu dieser Zeit Reichsstraße Nr. 1) als prachtvolle Verbindung zwischen Potsdam und der Reichshauptstadt. Dabei wurde die Lennésche Landschaftsgestaltung durch erhebliche Erdbewegungen weiterhin stark beeinträchtigt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Schloss als Lazarettgebäude genutzt und nach der Kapitulation kurzzeitig als Offizierskasino der russischen Armee, wovon die Einritzung kyrillischer Buchstaben in die Rinde der alten Buchen noch Zeugnis ablegt. Nach der deutschen Teilung ging Glienicke in den Besitz des Senats von Berlin über, der den Schlosskomplex auf der Suche nach einem geeigneten Investor an die Berliner Sport-Toto GmbH übergab. Diese nutzte ihn ab 1950 – nach längst überfälliger Sanierung – als Sportlerheim. Nach 1966 übernahm die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten die Pflege und Verwaltung, von 1976 bis 1986 oblag die Verwaltung dem Schul- und Jugendsenator der Stadt Berlin, der hier und im benachbarten Jagdschloss Glienicke eine Heimvolkshochschule betrieb.

Nach dem Auszug der Heimvolkshochschule 1986 begann endlich die längst fällige Sanierung des Geländes und der Baulichkeiten. Dabei wurden Teile der Parkarchitektur rekonstruiert und die landschaftsgärtnerische Gestaltung nach Lenné wieder hergestellt. Die „wiederaufgebaute“ Teufelsbrücke wurde wieder auf ihren romantischen Ruinenstand zurückgeführt. Das Hauptgebäude dient nun als Schlossmuseum, in dem einige Räume mit Ausstattungsstücken aus dem Besitz des Prinzen Carl besichtigt werden können. Sie stammen aus verschiedenen Stiftungen und aus dem Vermächtnis des (von der Erbfolge ausgeschlossenen) homosexuellen Prinzen Friedrich Leopold jun. an seinen Lebensgefährten Baron Cerrini. Dieser hatte in den 1970er Jahren durch mehrere Schenkungen und eine letztwillige Verfügung dem Land Berlin Mobiliar und Dokumente überlassen mit der Maßgabe, sie in Glienicke auszustellen. Erst nach der überaus geglückten Restaurierung des Areals wurde dem Erben, Prinz Friedrich Karl, der Wert seines ehemaligen Besitzes wieder bewusst. Eine 1986 eingereichte Schadenersatzklage wegen erzwungenen Verkaufs an die Nationalsozialisten scheiterte jedoch, weil sich das Land Berlin in den 30 Jahren prinzlicher Untätigkeit den Besitz „ersessen“ hatte.

Das wiederhergestellte klassizistische Ensemble am Jungfernsee, vom Baedeker sofort mit zwei Sternchen ausgezeichnet, wurde nun zu meinem Lieblingsort in Berlin, an dem man italienisches Flair auch nördlich der Alpen genießen konnte. Kündigte sich bei gutem Wetter ein schöner Sonnenuntergang an, zogen meine Lebensgefährtin und ich unter Mitnahme einer Flasche Champagner zum Casino in Glienicke, wo man unter der Pergola sitzend, das „Eintauchen“ der Sonne in den Jungfernsee verfolgen konnte. Wie oft wurde beim Betrachten des aus politischen Gründen unerreichbar (im „geografischen“ Westen) gegenüber liegenden Ufers mit den beiden Türmen des Pfingstbergschlosses der Wunsch laut, dass diese Traumlandschaft – das preußische Arkadien – einmal wieder vereint sein möge. Aber jedes Mal siegte die nüchterne Überzeugung, dass unsere Generation dies wohl nicht mehr erleben würde. So konzentierten wir uns auf die Schönheiten der (politisch) westlichen Seite, den Schlossinnenhof mit den dort eingemauerten antiken Reisemitbringseln des Prinzen Carl, den idyllischen Klosterhof mit seinen byzantinischen Spolien, den auf einem versteckten Rasenstück abgelegten Atlanten vom gegenüberliegenden Jagdschloss, einer von Lenné in landschaftlicher Gestaltung versteckten barocken Sichtachse und dem Matrosenturm. Dieser diente jetzt dem durch die Gründung von Synanon (einer Hilfsorganisation für Suchtkranke) bekannt gewordenen Ingo Warnke als nobler Wohnsitz. Im 19. Jh. war vor dem Turm auf einer Sandbank im Wasser des Jungfernsees eine 3-Mast-Bark als Blickfang aufgebaut worden. Feierten die Hohenzollern ein Fest in Glienicke, wurden Matrosen der kaiserlichen Flotte in Wilhelmshaven abgestellt um zur Gaudi der Gäste die Segel des unbeweglichen Schiffes zu setzen und zu reffen. Zur Übernachtung waren sie im nach ihnen benannten Matrosenturm untergebracht.

3 Die Wende

Die umstürzenden Veränderungen der politischen Weltlage, die heute lapidar mit „Wende“ bezeichnet werden, erlebte ich am Fernseher. Was da in der Nacht des 9. November 1989 ablief, war so unglaublich, dass ich mich von den Sendungen überhaupt nicht mehr losreißen konnte. Selbstverständlich hatte die Woche davor an jedem Tag neue turbulente Entwicklungen gebracht, aber bei mir überwog doch eher die Skepsis, ob die DDR-Regierung nicht eventuell eine Lösung ihrer Probleme suchen könnte, wie sie ein halbes Jahr zuvor auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking praktiziert wurde. Deshalb hatte ich einen mit meiner 11. Klasse lange geplanten und bei der Passierscheinstelle beantragten Besuch in Ost-Berlin am 4. November wegen der Großdemonstration auf dem Alexanderplatz auf den 10. November verschoben. Unter dem überwältigenden Eindruck der Ereignisse des 9.11. entschied ich mich nun, diesen Besuch wie geplant durchzuziehen: Einreise über den Grenzübergang Friedrichstraße, Besichtigung des historischen Stadtzentrums und der Stätten, die an das ehemalige jüdische Leben dort erinnerten.

Schon auf dem Vorplatz des Anhalter Bahnhofs, wo ich mit der Klasse verabredet war, stießen wir auf Scharen Ost-Berliner Schüler, die die Schule an diesem Tag ausfallen ließen um sich zum ersten Mal in ihrem Leben in den Westen zu begeben. Die häufigst gestellte Frage war nach der nächsten Bank zur Abholung des Begrüßungsgeldes. Dieses war 1970 für die spärlichen DDR-Besucher im Westen eingeführt worden und Kanzler Kohl hatte es 1988 sogar auf DM 100.- erhöht. Der unterirdische Grenzübergang Friedrichstraße, sonst der belebteste in Berlin, war gähnend leer. Ohne Wartezeiten kam unsere Gruppe in wenigen Minuten durch die Bahnhofsausgänge ins Freie. (Die gläserne Halle auf der Nordseite des Bahnhofs Friedrichstraße, im Volksmund „Tränenpalast“ genannt, weil sich hier die Ost-Berliner von ihrem West-Besuch verabschieden mussten, diente nur der Ausreise aus Ost-Berlin). Die Friedrichstraße, eine damals nur lückenhaft bebaute Einkaufsstraße mit ein paar Vorzeigebauten, wie dem internationalen Handelszentrum und dem Interhotel Metropol, war gespenstisch leer, ebenfalls die Prachtstraße Unter den Linden und später der Alexanderplatz.

Der Besichtigungsvormittag verging dadurch sehr schnell und unsere Gruppe machte sich schon mittags auf den Rückweg zur Friedrichstraße. Doch was war das? Schon vor dem Berliner Dom fiel uns eine endlose Menschenschlange auf, die sich die Linden entlang zog und in die Friedrichstraße abbog. Schnell wurde uns klar, dass es sich um Ost-Berliner handelte, die unbedingt schon am ersten Tag von ihrem neuen Ausreiserecht Gebrauch machen wollten. Da ich das Warten inmitten mosernder Schülerscharen verabscheute, erklärte ich den Schulausflug an dieser Stelle für beendet (wozu ich sogar, angesichts des Alters der Schüler, berechtigt war) und überließ ihnen den Heimweg in Eigeninitiative. Keiner von ihnen musste auch nur eine Minute warten; sie gingen alle direkt zum Tränenpalast, erklärten dort, dass sie „Westler“ seien und wurden anstandslos vorgelassen. Ich dagegen hatte die Gelegenheit, den Rest dieses Tages in einer der letzten „sozialistischen Wartegemeinschaften“ der deutschen Geschichte zu verbringen.

Am Abend saß ich wieder vor dem Fernseher, während meine Lebensgefährtin über den Potsdamer Platz nach Ost-Berlin einreiste und mit Freunden in „Erichs Lampenladen“ (dem Palast der Republik) einen sensationell billigen Eierlikör trank. Am nächsten Tag – ich verfolgte die Ereignisse im Fernsehen – lief sie mit der Nachbarin von Wannsee bis zur Glienicker Brücke, nur um festzustellen, dass diese wegen des großen Andrangs nur von Osten her geöffnet war.

4 Spaziergang am Jungfernsee, Bertinistraße 1990

So musste der Jungfernsee noch etwas warten, bis er nach Beendigung der Kälteperiode 1990 auch von „Osten“ her in Augenschein genommen werden konnte. Durch die noch stehenden Grenzbefestigungen war er gar nicht von allen Stellen einsehbar. Die so noble, restaurierte Architektur von Glienicke fand hier Gegenstücke in klassizistischen Villen, die seit ihrer Erbauungszeit noch nie renoviert worden waren und zwei Schlössern mit zweckentfremdeter Funktion. Auf dem Weg von der Glienicker Brücke zum Neuen Garten passierte man zuerst die Villa Schöningen, einen Bau des Schinkel-Schülers Ludwig Persius, ehemals Residenz von Curd v. Schöning, Hofmarschall des Prinzen Carl von Glienicke, dann der jüdischen Bankiersfamilie Wallich, nach deren Vertreibung Dienststelle einer Nazibehörde und nach dem Krieg Lazarett, Sitz des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und eines Kinderheims. Kein Wunder, dass bei diesem Nutzungsmix von der Schönheit des Gebäudes nichts mehr übrig war.

Auf der Höhe dreier fremdländisch aussehender Blockhäuser einige hundert Meter weiter hatten die Grenzanlagen eine Mole und einen kleinen Hafen überbaut. Hierbei handelte es sich um die ehemalige „Matrosenstation Kongsnaes“, ein Ensemble, das sich Kaiser Wilhelm II., ein großer Bewunderer Norwegens, für das kaiserliche Dampfschiff „Alexandra“ und für die Boote seines kaiserlichen Yachtclubs im norwegischen Stil hatte erbauen lassen. Der Monarch reiste auf seiner kaiserlichen Yacht „Hohenzollern“ alljährlich ins Nordland, doch im Vorfeld des Ersten Weltkrieges verschlechterten sich die diplomatischen Bedingungen, so dass diese Reise schließlich eingestellt und mit der Abdankung des Monarchen völlig obsolet wurden. So verblieb ihm für seine letzten Jahre in Deutschland nur noch das selbst gebaute Stück Norwegen am Jungfernsee. Zentrales Gebäude war die hölzerne „Ventehalle“ im norwegischen Drachenstil, ein Werk des norwegischen Architekten Holm Hansen Munthe, einem der Schöpfer des norwegischen Nationalstils. Eine am Hafen von Christiania (heute: Oslo) geplante Wartehalle für Schiffspassagiere ließ er gleich zweifach anfertigen und ein Exemplar ging nach Potsdam. Beiden Gebäuden war ein unglückliches Schicksal beschieden, das in Oslo wurde wieder abgetragen und das in Potsdam ging durch Kriegseinwirkungen verloren. Die übrigen am Wasser gelegenen Teile des Ensembles fielen nach 1961 dem Bau der Grenzanlagen zum Opfer, während die besagten drei Blockhäuser als Wohnhäuser den Krieg überdauerten.

Nach Überquerung der Schwanenbrücke, einer unscheinbaren Holzbrücke über den Stichkanal zum Heiligen See, die als Ersatz für das vermutlich am Kriegsende gesprengte Original diente, (damals ein mit Kalksandstein verkleidetes Bauwerk, das mit vier Kandelabern geschmückt war und von vier gusseisernen Schwänen gestützt wurde) erreichte man das Gelände des Neuen Gartens. Er wurde von der DDR erhalten und gepflegt, unter anderem weil sich hier zwei wichtige Gebäude befanden. Zum einen das als Armeemuseum (!) dienende Marmorpalais mit einem auf der Schlossterrasse platzierten Düsenjäger, zum anderen das Schloss Cecilienhof, zur Gedenkstätte für die Potsdamer Konferenz und zum Interhotel (in dem man das Menü der Konferenzteilnehmer nachessen konnte) umfunktioniert. Das letzte Gebäude im Neuen Garten – nördlich vom Schloss – war das ehemalige Dampfmaschinenhaus für die Fontänen des Neuen Gartens, jetzt eine ausgebrannte Ruine.

In der Bertinistraße, die man beim weiteren Weg nach Norden erreichte, verstörte einen der Kontrast zwischen der wunderschönen Landschaft am Jungfernsee, gegenüber dem Königswald, wie der Sacrower Forst im 19. Jh. hieß und der verfallenen Bausubstanz auf dem Westufer. Der Name der Straße, benannt nach einem italienischen Cafetier des 18. Jh. weckte Assoziationen an Italien, Assoziationen, die durch den Baustil des nahe gelegenen Pfingstberg-Ensembles und der in der ganzen Gegend vorhandenen italienischen Turmvillen verstärkt wurden. In der Bertinistraße selbst beeindruckten noble Häuser, die ihre Würde trotz jahrzehntelangen Verfalls mühsam bewahrten. Sie waren von ausgedehnten, vernachlässigten Gärten umgeben und standen größtenteils leer.

Vorherrschend aber, fast schmerzhaft, eine Versammlung von Hässlichkeiten des einstigen DDR-Grenzregimes: Mauerabschnitte, die den Blick auf den See versperrten, ein Wachtturm, der die Engstelle des Sees, die von den einst nach West-Berlin fahrenden Schiffen passiert wurde, unter Kontrolle nahm, eine Schiffswerft für Patrouillenboote, Hundezwinger für Wachhunde, die charakteristische DDR-Leuchte (ugs. “Leuchtolm“). Das ganze, früher eindeutig hochherrschaftliche Gelände war mit Kleingärten und „Datschen“ durchsetzt.

Befragte man Ortskundige über die Geschichte der Bertinistraße, dann waren nur Andeutungen zu erfahren, interessante, mysteriöse und manchmal kuriose: Andeutungen auf eine „Villa Mendelssohn Bartholdy“, auf die jüdische Bankiersstraße und die Vertreibung deren Bewohner durch die Nazis, auf das untergegangene Schloss des Besitzers einer Zuckerfabrik und, als Krönung, eine Räuberpistole über die versuchte Flucht eines Rotarmisten, die zur Zerstörung eines Baudenkmals führte.

Am Beginn der Straße fiel auf der rechten Straßenseite ein undefinierbares Gebäude ins Auge, sehr schön direkt am Ufer gelegen, im Baustil entfernt an das Bauhaus erinnernd. Es dominierten allerdings eingeschlagene Fensterscheiben und Relikte sozialistischer „Dekoration“ wie schmutzig grauer Kratzputz, Pappdächer und stillose Anbauten. Die Ruine, einst Sitz eines DDR-Datenverarbeitungsbetriebs, firmierte im Grundbuch unter dem Namen „Villa Louis Hagen“, während das bis 1989 von der Pädagogischen Hochschule als Studentenwohnheim (herunter) genutzte Ensemble auf der anderen Straßenseite sich als „Villa Mendelssohn Bartholdy“ entpuppte. Es bestand aus vier verschiedenen Bauten, darunter ein Konsum, allesamt stark verfallen.

Am Ende der Bertinistraße erweckte eine besonders ausgedehnte Villenanlage das Interesse: Links, auf dem Abhang über dem See gelegen, früher wohl leuchtend weiß oder gelb angestrichen, mit großen Fenstern, die einen dahinter liegenden Festsaal andeuteten, und einem Bootshaus rechts unten, das durch die Begradigung des Seeufers für die Schiffskontrollstelle landfest geworden war. Das leer stehende verwahrloste Gebäude beherbergte bis 1989 ein Altenheim , im Grundbuch findet sich der Hinweis auf eine Villa Gutmann. An dieser Stelle wurde die gepflasterte Bertinistraße zu einem Waldweg.

Ging man weiter auf einer uralten Lindenallee, gesäumt von verwilderten Eiben, die so gar nicht zu einem einfachen Waldweg passten, kam man auf ein ausgedehntes Gelände, bestanden mit Datschen und einigen einfachen Gebäude des frühen 19. Jahrhunderts: Scheune, Stall und Remise. Die Straße endete an einem Gartentor mit der Aufschrift: „Kleingartenkolonie am Jungfernsee“; das Tor war jedoch stets offen und erlaubte den Anstieg auf die Spitze des Hügels. Hier war eine überwucherte planierte Fläche zu erkennen, am Rand mit zyklopischen Steinen befestigt, in der Mitte ein zugewucherter Trümmerhaufen. Umrundete man die Trümmer, konnte man, ebenfalls aus zyklopischen Steinen gefugt, das Fundament eines Turms erkennen und daneben, von Trümmern halb verschüttet, einen Kellereingang. Im total dunklen Innern machten es ein Feuerzeug und das ans Dunkel adaptierte Auge möglich, wundervoll gefügte Gewölbe, so genannte böhmische Kappen zu erkennen. Angesichts dieser vielen Rätselhaftigkeiten kam in mir schon damals der Wunsch auf, mich mit der Geschichte dieser Gebäude und des ganzen Militärgebiets im Norden Potsdams zu befassen. Es sollten aber noch 13 Jahre vergehen, bis es so weit war.

5 Rückkehr aufs Wasser

In den auf die Wende folgenden Monaten wurde ich zunehmend von dem Wunsch beseelt, wieder Bootskapitän zu werden. Der Anlass war folgender: Mit meiner irischen Folkloreband „Slainte“ machten wir traditionell einmal im Jahr einen Bootstörn auf dem Shannon. 1990, an einem idyllischen Abend beim Sonnenuntergang auf dem langsam fließenden Strom im Flachland, inmitten von Schilf und kleinen Inseln fand Christian, der Gitarrist der Band, dass die Landschaft hier eigentlich genau wie in Brandenburg aussähe. Diese Erkenntnis elektrisierte mich. Warum nicht, statt 2000 km bis Irland mit dem Flugzeug anzureisen, selbst ein Schiff auf den jetzt mühelos zu erreichenden Brandenburger Gewässern anschaffen? Sofort nach der Reise machte ich mich auf die Suche. Wegen Unbezahlbarkeit sollte es kein Neubau sein, ein Plastikschiff auch nicht und auch betreffs der Größe hatte ich feste Vorstellungen. Wie in Irland sollte ein Törn mit etlichen Freunden für mehrere Tage möglich sein, das bedeutete zuerst einmal die vier K:

  • Kochgelegenheit
  • Kühlschrank
  • Klo und
  • Kojen für mehrere Mitreisende.

Ein Solarmodul und eine Bordheizung wären auch nicht zu verachten. Durch diese einengenden Vorgaben gestaltete sich die Suche jedoch langwierig und ich war überdies zu dem Entschluss gekommen, ein DDR-Boot zu erwerben, weil das doch sicher preisgünstiger und den Bedingungen der einheimischen Gewässer adäquater angepasst wäre.

Eine halbjährige Suche setzte ein, wo ich auch schon mal einer Versteigerung von Ost-Booten durch die Wasserpolizei beiwohnte. Unter vielen (uninteressanten) kleinen Plastik-Polizeibooten mit Blaulicht befand sich ein Kabinenkreuzer, der hätte infrage kommen können – und die ehemalige Staatsyacht von Wilhelm Pieck, die „Freundschaft“. Diese wurde zuerst aufgerufen: Mindestgebot 165 000 DM! Kein Gebot!! Auf die beschwörende Frage des Auktionators, ob denn niemand die „Freundschaft“ kaufen wolle, erklang die Antwort: „Freundschaft lässt sich nicht kaufen!!!“ Nach diesem Slapstick war der Kabinenkreuzer dran, bei dem ich verzagt bei 15 000 DM ausstieg, weil ich noch keine rechte Vorstellung vom Wert und von Preisen von Booten hatte. Die Versteigerung der Plastikboote war eine schlau eingefädelte Farce. Auf den vergeblichen Aufruf von 2000 DM pro Boot wechselte der Auktionator blitzschnell auf Preise von 100 bis 150 DM. In drei Minuten waren alle Boote verkauft, ich dagegen war leer ausgegangen.

Das hatte aber auch sein Gutes, denn unweit der Wasserpolizeistelle Baumschulenweg fand ich auf der Halbinsel Stralau die Schiffswerft Geppert. Diese war schon in dritter Generation als Privatunternehmen tätig und hatte allen DDR-Versuchen der Verstaatlichung widerstanden. Sie machte ihren Frieden mit dem Staat, indem sie jedes Jahr drei Patrouillenboote für die Grenztruppen auflegte und blieben ansonsten unbehelligt. Ihre Yachten baute sie nach dem Riss des DDR-Konstrukteurs Manfred Ernst, der für die Exportwirtschaft des Staates eine Baureihe von Booten in immer gleicher Form, aber unterschiedlicher Größe entworfen hatte. Selbstverständlich hatte dieses „Geschäftsmodell“ keinerlei Chancen auf dem internationalen Markt, aber in Ermangelung von Geld für den Kauf einer Yacht kursierte der „Ernst-Riss“ unter allen, die sich in der DDR zutrauten, ein Schiff selbst zu bauen. Das war der Grund, warum auf den Ost-Gewässern alle Boote scheinbar gleich aussahen, auf den zweiten Blick aber erhebliche Unterschiede offenbarten, je nach Geschick des jeweiligen Hobby-Bootsbauers.

Mein Boot, die „Bunte Kuh“ aus dem Besitz des Eigentümers der Bootswerft war – zu meiner großen Zufriedenheit – professionell gefertigt und wies auch alle Kriterien auf, die ich mir vorher festgelegt hatte. Schweißarbeiten zur Erfüllung meines Wunsches nach einem geschlossenen, mit einem Schiebedach ausgestatteten Deckssalon konnte ich hier auch gleich ausführen lassen. Ein Blick ins Innere des Motorraums mit einem voluminösen 130 PS starken 6-Zylinder-Dieselmotor und die Erklärung seiner Provenienz gaben Aufschluss über das Wirtschaften im Arbeiter- und Bauernstaat: Dieselmotore für Schiffe waren praktisch nicht zu bekommen, weil sie in der DDR nicht hergestellt wurden. Also konnte nur das manus-lavat-manum-Prinzip abhelfen: Der Leiter einer LPG brauchte für seine Freizeit ein professionell gefertigtes Boot. Zur Bestechung bot er der Werft einen Dieselmotor aus einem Mähdrescher an, den er vorher selbst für irreparabel erklärt hatte. Somit hatte der Werftbesitzer seinen Dieselmotor und der LPG-Leiter sein Boot, jetzt musste nur noch ein weiterer Mähdrescher für kaputt erklärt werden und beide hatten privat alles, was sie wollten.

Der Standort meines Bootes – jetzt in „Slainte“ umbenannt – blieb die Rummelsburger Bucht an der Halbinsel Stralau, ein Platz, der für einen Zehlendorfer nicht optimal war. Nur um den Hafen zu erreichen, musste man die gesamte Innenstadt durchqueren und um zu den attraktiven Gewässern an der Dahme zu gelangen, benötigte man eine weitere 1 1/2 stündige Fahrt die Spree aufwärts. Da lag es nahe, dass ich mein Boot nach einigen Jahren auf die Westseite Berlins verlegte. Die ehemaligen West-Berliner Gewässer interessierten mich nicht, weil ich sie ja schon als Segler ausgiebig erkundet hatte. Ich entschloss mich, in Potsdam zu liegen und bezog meinen neuen Standort an der Humboldtbrücke. Hier wurde ich durch die ständig steigenden Preise genervt, denn Potsdam befand (und befindet sich noch) in einem rasanten Gentrifizierungsprozess. Deshalb fand ich 2002 den Vorschlag eines Kollegen interessant, einen Steg im Jungfernsee an der Bertinistraße in Augenschein zu nehmen. Von der Lage an der Bertinistraße war ich sofort sehr angetan und in allem war dieser Steg besser als alle anderen, an denen ich bisher gelegen hatte. Es war nur eine halbe Stunde Fahrt von Zehlendorf, schon die Anreise über die Berliner Straße in Potsdam mit ihren alten Villen war schön und nach dem Ablegen befand man sich in der schönsten Gegend des preußischen Arkadien, gerahmt von den Schlössern Babelsberg, Glienicke, Pfaueninsel, Marmorpalais und Cecilienhof. Auch das Umfeld in der Bertinistraße war romantisch: Verfallene, heruntergekommene Villen mit großen Parkgrundstücken kündeten von altem Glanz und über alledem erhob sich die Ruine des Pfingstbergschlosses. Schon direkt nach der Wende hatte ich mit meiner Lebensgefährtin diese Gegend schätzen gelernt, wenn wir abends noch einen kleinen Spaziergang am Jungfernsee gemacht hatten. Regelmäßig endete dieser im ehemaligen Vereinshaus der Kleingärtnerkolonie am Pfingstberg, wo wir beiden bei einem Imbiss den spektakulären Sonnenuntergang von der Terasse aus genossen. In der Regel endete unser Spaziergang immer an der sehr großen, verfallenen Villenanlage der Villa Gutmann, die jetzt von Hausbesetzern bewohnt war. Jetzt war ich durch meinen Bootsliegeplatz quasi selbst Bewohner dieser interessanten Gegend, die sich in den Jahren nach der Wende so wenig verändert hatte.

6 Das Häuschen am Jungfernsee

Der erste Versuch eines wirklichen Bewohnens dieser schönen Gegend endete allerdings kläglich. Wegen eines schönen Sommerabends hatten wir uns entschlossen, auf dem Boot am Steg zu übernachten, konnten aber nachts kein Auge zu machen, da ein Teenager aus einem kleinen Häuschen direkt oberhalb unseres Liegeplatzes zu seinem sechzehnten Geburtstag allerlei anderes junges Volk eingeladen hatte. Die ganze Nacht war mit Partylärm erfüllt, die Verursacher desselben kletterten auf den Booten herum und machten, was junge Leute sonst noch so alles machen. Am nächsten Morgen guckte sich mir an, wo die Jugendlichen hergekommen waren und entdeckte 10 m oberhalb des Stegs ein kleines Häuschen im Stil einer DDR-Datsche mit angrenzender Terrasse, auf der eine Tischtennisplatte hochkant aufgerichtet war. Mit einer Spraydose hatte jemand in rot aufgesprüht: „EFH zu verkaufen“ und eine Telefonnummer hinzugefügt. Das Kürzel EFH sagte mir nichts, deshalb vergaß ich das Ganze bald. Auch als ein Stegnachbar erklärte, dass es sich dabei um ein Einfamilienhaus handele, interessierte mich das nicht besonders, da ich davon überzeugt war, dass das Häuschen trotz des schäbigen Aussehens allein wegen seiner exorbitanten Lage am Jungfernsee unbezahlbar war.

Die Annahme schien sich zu bestätigen, als ich wenig später einem Gespräch von Leuten auf dem Steg entnahm, dass der Besitzer nun schon seit einem Jahr verzweifelt versuchte, das Haus zu verkaufen und einfach keinen Käufer fand. Man sprach im weiteren Gespräch über den Preis und plötzlich war ich wie elektrisiert: 75 000 Euro sollte das Häuschen inclusive 500 m2 Wassergrundstück kosten. Nach genau fünf Minuten Bedenkzeit mit meiner Lebensgefährtin ergriffen wir die Initiative, entweder herauszufinden, wo der Haken bei diesem Angebot lag oder das Haus sofort zu kaufen. Der Verkäufer, Daniel Ostmann (Name geändert), hatte jede Menge Interessenten, die das Grundstück kaufen, das Haus abreißen und anstatt dessen eine schöne Villa am See errichten wollten. Dem stand jedoch das Baurecht entgegen, das hier keine Neubauten erlaubte. Auch der neben dem Haus stehende Terrassenanbau erwies sich für einen Verkauf als hinderlich, weil er als Fundament eines hier nicht erlaubten Fertighauses illegal hochgezogen worden war. Ein potenzieller Käufer musste befürchten, vom Amt zum Abriss dieses Anbaus verpflichtet zu werden. Aufgrund dieser Fakten war bisher jeder Interessent von der Kaufabsicht zurückgetreten.

Nun hatte ich für den Neubau eines Hauses sowieso kein Geld, aber der Gedanke, das Grundstück zu kaufen und aus dem Häuschen in Eigenarbeit etwas Akzeptables zu machen, war schon faszinierend. Deshalb trat ich in Kaufverhandlungen ein, die allerdings dadurch erschwert wurden, dass der Besitzer, nachdem er mein Interesse erkannt hatte, den Preis auf 90 000 Euro erhöhen wollte. Er hatte gute Gründe dafür: Schulden in Höhe von 100 000 Euro. Noch zu DDR-Zeiten Anfang 1989 hatte er das Haus (ohne Grundstück) von der kommunalen Wohnungsverwaltung Potsdam für ’n Appel und ’n Ei gekauft. Nach der Wende interessierte sich ein Architekt aus Berlin (West) für das Gelände und bot ihm an, ihn zu beraten, wie er das fehlende Grundstück aufgrund des so genannten Modrow-Gesetzes erwerben könnte, aber nur, wenn die Hälfte des Grundstücks mit dem Pferde- und Hühnerstall darauf an ihn gingen. Der Erwerb gestaltete sich nicht einfach, denn auf dem Grundstück lastete ein Rückübertragungsanspruch des alten Eigners. Nach langer Wartezeit auf das Prozessergebnis kam endlich der Deal zustande. Ostmann erwarb 1000 m2 Wassergrundstück für einen ähnlich lächerlichen Betrag wie für das Haus und die Hälfte des Grundstücks wechselte für (damalige) 100 000 DM den Besitzer.

Doch brachte ihm der unverhoffte Reichtum wenig Glück. Zuerst versuchte er, den Bootssteg zu erwerben um dort eine Marina aufzubauen, die ihm mit wenig eigener Leistung ein bequemes Leben garantieren sollte. Der damalige Pächter des Stegs verfolgte jedoch ähnliche Pläne, die dann ebenfalls am fehlenden Baurecht für die Gegend scheiterten. Aufgrund der 100 000 DM in seiner Tasche machte Ostmann erst einmal eine Sause ins Rotlichtviertel von St. Pauli, wo er etliche Tausend dieser Summe auf den Kopf haute. Den Ärger seiner Frau über die Eskapade versuchte er mit einer Familienreise in die Karibik zu beruhigen, die den Rest der ehemals 100 000 DM weiter reduzierte. Als Immobilienbesitzer war er nun kreditwürdig und die Deutsche Bank lieh ihm ohne Weiteres 200 000 DM. Er lebte deshalb weiter auf großem Fuß, kaufte einen Lastwagen und ein Grundstück mit Haus in einer Kleinstadt an der Havel um ein Baugeschäft zu betreiben. Dieses Geschäft machte aber auch nur Verluste, so dass er nicht mehr in der Lage war, den Kredit zu bedienen. Auch ließ sich seine Ehe nicht retten, seine Frau reichte die Scheidung ein. Deshalb blieb ihm nur die Möglichkeit, sein kleines Häuschen am See zu verkaufen.

Es als Einfamilienhaus anzubieten, war ein großer Fehler, denn dazu war es zu klein und das fehlende Baurecht vergraulte sämtliche Interessenten, die dort ein richtiges Wohnhaus errichten wollten. Hätte Ostmann die Immobilie als „Wochenendhaus in exorbitanter Wasserlage“ angeboten, wäre er auf die richtige Klientel gestoßen und ich wäre leer ausgegangen. Glücklicherweise gelang es einem Stegnachbarn sehr schnell, Ostmann mit dem Verweis auf bisher völlig fehlende Interessenten wieder auf sein altes Angebot von 75 000 Euro zurückzuschrauben; ich zahlte ihm sofort eine Anzahlung für einen Vorvertrag, und dann machten wir im August 2003 in Ruhe den Kaufvertrag perfekt. Gruselig war der Termin beim Notar, denn Ostmanns in Scheidung mit ihm lebende Ehefrau war als Miteigentümerin dabei und musste mit unterzeichnen. Sie war nicht sonderlich helle und kapierte den ganzen Vertrag überhaupt nicht. Nur wenn die Kaufsumme genannt wurde, fragte sie gierig, ob sie jetzt endlich ihr Geld bekämen, worauf er mehrmals antwortete, dass sie doch nur Schulden hätten und diese mit dem Geld wenigstens teilweise zurückzahlen könnten.

Ostmann übergab mir die Hausunterlagen mit den Worten, dass ich bei der Lektüre staunen würde. Es waren die Gerichtsunterlagen über den Rückübertragungsanspruch des alten Eigners und dessen Ablehnung. Der Antragsteller war Prinz Louis Ferdinand von Preußen, der für das Haus Hohenzollern nicht nur das Häuschen sondern auch die angrenzenden 100 000 m2 Grundstück zurückforderte. Der Antrag wurde abschlägig beschieden, weil der Hohenzollernbesitz zwischen 1945 und 1949 von den Russen enteignet worden war und im Einigungsvertrag zur Deutschen Wiedervereinigung festgelegt wurde, diese Enteignungen nicht rückgängig zu machen. (Der Grund war wohl, dass in dieser Zeit kein deutscher Staat existierte und auch die Sowjetunion, die die Enteignungen vornahm, nicht mehr bestand. So wollte man sich endlose Scherereien ersparen – gut für mich, schlecht für die Hohenzollern).

7 Die kaiserliche Umgebung

Jetzt wurde ich neugierig, was das denn für ein Hohenzollernbesitz war, der da zurückgefordert wurde. Ostmann hatte schon vorher öfters eine „Villa Alexander“ erwähnt, aber mir sagte das nichts. Auf meine Nachfrage begleitete er mich auf das Kleingartengelände, neben dem das Häuschen stand und führte mich auf die Spitze eines Hügels, auf dem sich ein von Gehölz überwucherter Schutthügel befand. An dessen Seite, in einem tiefen Loch, war ein Eingang in einen stockdunklen Kellerraum zu erkennen. Im Schein einer eilig herbei geholten Taschenlampe konnten wir wundervoll gefügte, kreisförmige Gewölbe erkennen. Diese gehörten, so Ostmann, zur „Villa Alexander“, die hier früher gestanden und die einst Kaiser Wilhelm II. gehört hätte.

Ostmann erzählte auch, dass es seitens der Stadt Potsdam das Bestreben gäbe, diese Villa wiedererstehen zu lassen, da sie mit ihrem Turm einst das Stadtbild des Potsdamer Nordens geprägt habe. Die Stadt hatte aber kein Geld für solch ein Projekt und so war man auf den Gedanken gekommen, das ganze Kleingartengelände, das auf dem ehemaligen Park der Villa entstanden war, billig an jemanden zu verkaufen, der das Geld hatte, die Villa wiederherzustellen. Zur Zeit, als ich mein Häuschen kaufte, war Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, als Käufer im Gespräch. Er konnte sich das Projekt aber nur vorstellen, wenn man ihm auch das Ufer am Jungfernsee mit verkaufte, damit er eines der von den Reichen so begehrten Wassergrundstücke besäße. Die PDS, der die Ansiedlung von Kapitalisten in Potsdam sowieso ein Gräuel war, betrieb darauf mit Hochdruck den Bau eines öffentlichen Uferwanderwegs, der allerdings schon knapp hinter dem künftigen Villengrundstück im Nichts endete. Döpfner war über den Vorgang so verärgert, dass er sich sofort aus dem Projekt zurückzog.

Die Renovierung

Die Geschichte der Villa, die mich später dazu motivierte, ein Buch darüber zu schreiben, trat angesichts des Zustandes meines Häuschens erst einmal in den Hintergrund. Es befand sich zum Zeitpunkt des Kaufs in einem absolut unglaublichen Zustand der Verschandelung und des Verfalls: Die Türen waren in einem abstoßenden Kotbraun gestrichen, die geschmacklosen Tapeten hingen in Fetzen von der Wand, einige Flügel der Doppelfenster fehlten und in einem Zimmer hatte Ostmann begonnen, den Holzfußboden herauszureißen (weil ihn das Knarren der Dielen störte) und den niedrigen sogenannten Kriechkeller darunter mit Trümmerschutt aufzufüllen. Das Dach war undicht, insbesondere an den Austritten der Schornsteine drang Wasser ins Haus. Die DDR-Kachelöfen waren längst abgerissen und fanden sich später als Trümmerschutt vergraben im Garten. Ostmanns heizten jetzt elektrisch, was ihnen viel Drecksarbeit ersparte, aber wegen der hohen Stromkosten eigentlich nicht erschwinglich war. Deshalb war inzwischen eine horrende Stromrechnung aufgelaufen, mit der sie mehrere Monate im Verzug waren.

Auch das übrige Grundstück war in einem desolaten Zustand: Drei vergammelte Bauwagen standen darauf, in denen Ostmanns Tochter und unter der Woche seine polnischen Schwarzarbeiter wohnten. Fast alles war zugestellt mit Baumaterialien, bzw. was Ostmann dafür hielt: Betonpfähle des DDR-Grenzzauns, Gleisschotter, U-förmige Kabelkanäle aus Beton (diese besonders reichlich!), Bausteine und Gartenplatten. Das undichte, mit Dachpappe gedeckte Dach erschien mir das vordringlichste Problem, das es erst einmal zu lösen galt. Selbstverständlich hatte ich die die Kaufsumme für das Haus nicht einfach so auf dem Konto herumliegen, aber im Vertrauen auf die Einkünfte aus der Vermietung des von meinem Vater geerbten Hauses nahm ich einen knapp kalkulierten Kredit auf um auch die notwendigen Reparaturmaßnahmen finanzieren zu können.

Die gleiche Truppe von polnischen Handwerkern, die im Sommer das Dach des Hauses meiner Lebensgefährtin neu gedeckt hatte, wurde beauftragt, auch hier draußen tätig zu werden. Auf das alte Dach mit der der Dachpappe kam die Dachlattung und darauf die neuen Biberschwanzziegel. Die alten Schornsteine wurden bis auf einen abgerissen, um die neuralgischen Stellen, an denen Feuchtigkeit ins Haus dringen konnte, möglichst klein zu halten. Als ich mit dem Chef der Truppe über eine Reduzierung des Preises für die Arbeiten verhandelte, bot mir dieser an, für den gleichen Preis auch noch die elektrische Anlage des Hauses zu installieren (er war von Hause aus Elektriker), eine Maßnahme, an die ich bisher noch gar nicht gedacht hatte und die mich weitere Tausende gekostet hätte, hätte ich eine Fachfirma beauftragen müssen.

Das Äußere des Grundstücks wurde durch Verlagerung des Erdreichs von der Vorderseite des Hauses, wo es wie eingesunken erschien, auf die Rückseite stark verbessert, weil hier an der Seeseite eine wunderbare Aussichtsterrasse am Jungfernsee entstand. Die Öffnung einiger zugesetzter Fenster war eine Offenbarung: Dabei kam zutage, dass das Gebäude während der DDR-Zeit zu Dämmzwecken mit sog. Sauerkohlplatten verkleidet wurde, unter denen altes Fachwerk zum Vorschein kam. Nach Abnahme der Platten präsentierte sich das Häuschen als klassizistisches Gärtnerhaus aus der Zeit um 1830. Da die Villa Jacobs in den 70er Jahren abgerissen wurde, ist es der älteste verbliebene Teil der historischen Anlage und wurde inzwischen unter Denkmalschutz gestellt. Ein antiquarisch angekaufter und vom Freund Carlo zusammengeschweißter Zaun aus Schmiedeeisen rundete schließlich das Aussehen des Anwesens ab.

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