Hans Altmann – Der vergessene Architekt

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Friedenau Paul-Natorp-Schule Loggia
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Vorwort: Kaiserzeit und Eklektizismus

Die Baukunst in Deutschland von 1871 bis 1918 wird heutzutage von vielen, auch von Fachleuten, gering geachtet. Während in anderen Kunstgattungen (Malerei, Literatur, Musik) in dieser Zeit die Moderne vorbereitet oder gar ausgerufen wurde, schien die Architektur auf der Stelle zu treten und ihre Inspiration nicht in der Moderne sondern in der Vergangenheit zu suchen. Neo-Stile (Neo-Romanik bis Neo-Klassizismus) und Eklektizismus sind Stilbezeichnungen, die implizieren, dass die Künstler, die diese Stile verwenden, die Vergangenheit als Steinbruch benutzen um daraus die ihnen passenden Elemente zusammenzusetzen. Ein eigenes schöpferisches Vermögen wird ihnen dabei abgesprochen.

Diese Einstellung zur Baukunst der „Kaiserzeit“ wird deren Bedeutung aus verschiedenen Gründen nicht gerecht. Zum einen werden die Prachtbauten der Zeit (Parlamentsgebäude, Gerichte, Kirchen, Postämter, Bahnhöfe, Schulen) mittlerweile von den meisten als „schön“ empfunden und sind auch definitiv „Schmuckstücke“ unserer durch Kriegszerstörung und Abrisswut gebeutelten Städte, zum anderen wird der, der sich mit dieser Epoche und ihren Bauten beschäftigt, schnell herausfinden, dass die Architekten damals sehr wohl schöpferisch und auch innovativ vorgegangen sind.

Die Gründe für die spätere Ablehnung der kaiserzeitlichen Architektur liegen zugegebenermaßen in einer konservativen, restaurativen Grund-Geisteshaltung der wilhelminischen Epoche und im ruhmlosen Untergang derselben nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. Die nun explosiv auftretende Moderne definierte sich gerade gegen „das Alte“ und sprach der Gründerzeit-Architektur jeden Wert ab. „Form follows function“ und „Ornament ist Verbrechen“ waren Schlagworte für die neue Baukunst, für die stellvertretend das „Bauhaus“ steht. Schon damals begann die Zeit der „Entstuckisierung“ der Gründerzeitfassaden und der nachlässige Umgang mit dem Bauerbe der Kaiserzeit. Das war aber noch gar nichts im Vergleich zur Geringschätzung dieses Erbes nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Verachtung all dessen, das vermeintlich die Diktatur in Deutschland herbeigeführt hatte, äußerte sich in völliger Ablehnung der aus autoritärer Zeit stammenden Architektur. Diese Einstellung führte dazu, dass nach 1945 mehr gründerzeitliche Bauwerke vernichtet wurden als durch den Krieg selbst. Vieles, was wieder aufbaubar erschien, wurde abgerissen und durch uns heute als „gesichtslos“ erscheinende Architektur ersetzt.

In dieser Schrift soll versucht werden, die positiven Seiten des kaiserzeitlichen Bauens, die ebenfalls in die Moderne mündeten, am Beispiel des fast vergessenen Architekten Hans Altmann aus Berlin sichtbar zu machen. Biographie und Werkübersicht dieses Künstlers sind uns leider nur lückenhaft überliefert. Doch lassen die von ihm selbst verfassten Publikationen zu seinen wichtigsten Werken wie auch seine erhalten gebliebenen Bauten das Denken und die Arbeitsweise dieses zwischen Tradition und Moderne stehenden Mannes gut erkennen. Der überwiegende Teil seines Oeuvres steht jetzt unter Denkmalschutz und ist auch schon vorbildlich restauriert worden. Die Menschen, die in seinen Gebäuden leben und arbeiten, sind sehr zufrieden damit. Am Beispiel Altmanns soll gezeigt werden, dass nicht nur durch den Bruch mit dem Überkommenen (wie bei den Bauhaus-Künstlern) sondern auch aus der Tradition heraus der Weg in die Moderne beschritten werden konnte. Außerdem wird versucht, diesen Architekten, der sein Hauptwerk in einer begrenzten Zeit und auf begrenztem Raum (von 1906 bis 1935, vorwiegend in Berlin-Friedenau) geschaffen hat, der Vergessenheit zu entreißen und seinem Werk die ihm gebührende Würdigung zu geben, wobei auch die Verstrickungen des Künstlers in die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht ausgespart bleiben.

1 Hans Altmann (1871-1965)

Hans Otto Walter Altmann wurde am 11.12.1871 in Danzig geboren. Während seiner schulischen Ausbildung bewegte sich seine Familie zwischen Schleswig-Holstein und Ostpreußen; in seinem Lebenslauf gibt er den Gymnasiumsbesuch auf der Königlichen Domschule in Schleswig sowie die Erlangung des Reifezeugnisses am Königlichen Friedrichs-Gymnasium in Gumbinnen an (27.2.1891).

Von Ostern 1891 bis Ostern 1895 studierte er auf der Königlichen Technischen Hochschule Berlin (dem Vorläufer der heutigen Technischen Universität) Architektur. Am 22.5. 1895 bestand er die erste Hauptprüfung und bereitete sich auf eine Karriere im Staatsdienst vor. Nach seiner im selben Monat erfolgten Ernennung zum Regierungsbauführer (einer Art Referendariat für Architekten) war er zuerst bei der Königlichen Dombauverwaltung und darauf in der Königlichen Kreis-Bauinspektion Berlin III, Kreis Teltow, als Bauleiter für das Kornmessersche Waisenhaus tätig.

Auf die Ausbildung an der TH schloss Altmann einen Besuch der damaligen Friedrich-Wilhelm-Universität, Unter den Linden, an. 1898 wurde er mit achtundzwanzig Jahren Regierungsbaumeister. Der Zweck dieser zweiten (zusätzlichen) Ausbildungsphase mag gewesen sein, sich nach den technischen Grundlagen seiner Profession auch den künstlerischen zu widmen. Unter dem Geheimen Oberbaurat Paul Kieschke (1851 – 1905), dem Leiter des Referats für Ministerial- und Verwaltungsgebäude im preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten in Berlin, wirkte er als Bauleiter und ausführender Architekt.

Mit dem Preußischen Staatsministerium und der General-Lottodirektion in der Wilhelmstraße 63, gab er in den Jahren 1900 bis 1902 seine viel versprechende Visitenkarte als Architekt ab. Speziell beim Bau der Lottodirektion, die im Gegensatz zum Staatsministerium (in stark reduzierter Form) erhalten blieb, offenbarte er schon die gekonnte Beherrschung von Inhalt und Form seiner späteren Entwürfe, was auch bei seiner Mitwirkung am Bau des Neuen Regierungsgebäudes in Potsdam (dem heutigen Rathaus) zum Ausdruck kommt. In der im Zentralblatt der Bauverwaltung am 8.1.1908 abgedruckten Baubeschreibung (leider ohne Namen des Verfassers) klingt die Formulierung „Das Erdgeschoß enthält rechts und links vom Haupteingange die Regierungshauptkasse und den Bezirksausschuß; beide so angeordnet, daß das Publikum mit dem Dienstbetriebe der übrigen Räume nicht in störende Berührung kommt“ sehr nach dem, was Altmann später in seinen Publikationen über das Rathaus Friedenau und das Realgymnasium schreiben wird.

1903 beendete er den Staatsdienst und ging einer Quelle zufolge als Stadtbauinspektor für Hochbau nach Elberfeld, wo sich allerdings keine Unterlagen für seine Tätigkeit erhalten haben. Falls er sich tatsächlich dort aufgehalten hat, ist zu vermuten, dass er seine Tätigkeit dort als Fortbildung im kommunalen Bauwesen ansah und sich ohnehin durch die hierarchische Struktur des preußischen Beamtenwesens in Berlin in seinem künstlerischen Ausdruckswillen zu sehr eingeengt fühlte. Seine Beziehungen zu Berlin blieben jedoch erhalten, denn schon 1904 heiratete er dort Gertrud Altmann, geb. Borck, mit der er später zwei Kinder hatte. Und 1906 wurde er vom Friedenauer Gemeindevorsteher Gustav Schnackenburg zum Gemeindebaurat von Friedenau berufen, wo er von 1908 bis 1920 für die aufstrebende Kommune wichtige Gebäude schuf, die heute noch das Ortsbild prägen:

  • Realgymnasium Friedenau (Rheingau-Schule), 1908-10
  • Bedürfnisanstalt, Perelsplatz, 1909
  • Königin-Luise-Lyzeum (Paul-Natorp-Schule), Goßlerstraße 13-15, 1910-11
  • Pfarrgemeindehaus, Bundesallee 76-76A, Ecke Goßlerstr. 1911-13
  • 3. Gemeindeschule Friedenau (Ruppin-Grundschule), Offenbacher Straße 5a, 1913
  • Torbauten und Friedhofskapelle, Wilmersdorfer Waldfriedhof Gütergotz, 1913
  • Rathaus Friedenau, Breslauer Platz, 1913-16
  • Umgestaltung des Gemeindefriedhofs Friedenau, Neubau der Urnenhalle, Stuben-rauchstraße 43-45, 1914-16
  • Kiosk / Bedürfnisanstalt, Südwestkorso, 1920

Der Schulbau hatte für die wohlhabende Gemeinde Friedenau Priorität, die Wichtigkeit der Volksbildung sollte auch mit künstlerischen Mitteln zum Ausdruck gebracht werden: In der Schwalbacher Straße, wo drei Friedenauer Schulen aneinander stoßen, sorgten Altmanns malerische Architekturdetails für eine äußerst repräsentative Wirkung. Selbst der dringend erforderliche Neubau des Rathauses wurde für die Aufgaben der Volksbildung mehrfach zurückgestellt. Wegen des dadurch fehlenden Bürgersaales wurde diese Funktion von der Aula des Realgymnasiums übernommen. Zur organisatorischen Trennung der Schulfunktion von der Gemeindefunktion erfand Altmann eine intelligente Lösung: Der Saal wurde im rechten Gebäudeflügel im ersten Stock über der Turnhalle untergebracht, an der Seitenstraße entstand ein eigener (sehr repräsentativer) Eingang für die Bürgernutzung, bei der die Turnhallengarderobe gleichzeitig als Garderobe des Saals genutzt werden konnte. Auch die 3. Gemeindeschule besaß einen Festsaal, eine völlig einzigartige Komposition, klassizistisch, aber auch modern wirkend, mit halbrunder Kassettendecke, der gleichzeitig der Bürgerschaft dienstbar gemacht werden konnte.

Neben Schul- und Rathausbau war Altmann auch für den Friedhofsbau und die Errichtung des Pfarrgemeindehauses zuständig. Fast zeitgleich war er mit dem Neubau des Gütergotzer Waldfriedhofs und der Umgestaltung des Gemeindefriedhofs in der Stubenrauchstraße befasst. Hier schuf er, zusammen mit der Gemeindeschule und dem Sportplatz, ein wunderbares Ensemble aus Backsteinbauten, alle reich mit Keramikelementen dekoriert. Die exorbitante Urnenhalle des Friedhofs ist zwar laut Bauantrag von J. Scherler, zeigt aber deutlich die Handschrift von Hans Altmann, der als Gemeindebaurat für ihre Genehmigung und Ausführung zuständig war. Das gesamte Ensemble weist stilistisch in die Moderne, einer Kunstform, der sich Altmann nicht verschloss, wie seine späteren Bauten zeigen.

Viele seiner Bauten publizierte er in Fachzeitschriften wie der „Bauwelt“ und erläuterte dabei seine Baugedanken. Wir erfahren dabei von seinen innovativen Ideen und dem Bestreben, ein Höchstmaß an Funktionalität (heute würde man von Multi-Funktionalismus sprechen) mit Schönheit des Baus zu verbinden. Gern und selbstbewusst präsentierte er in öffentlichen Vorträgen seine Vorhaben, um die Bürgerschaft an seinen Plänen teilhaben zu lassen. So z. B. am 22. 2. 1913 auf einer Veranstaltung des Haus- und Grundbesitzer-Vereins über: „Die Bauten der Gemeinde Friedenau in Vergangenheit und Zukunft und ihr Einfluß auf die Entwicklung der Gemeinde“ und im Schöneberg- Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 9. 11. 1924: „Die bauliche Entwicklung Friedenaus von 1871 bis 1914“. Bürgerschaftliches Engagement zeigte er auch durch seine Tätigkeit als Gemeindeverordneter von Friedenau von 1919 bis 1920 und als Bezirksverordneter des neu geschaffenen Stadtbezirks Schöneberg von 1920 bis 1925.

Damals wohnte er in der Stubenrauchstraße 12. Der frühe Tod eines seiner zwei Söhne, Günter, Absolvent des Friedenauer Gymnasiums, der schon in den ersten Studentenjahren an einem Gehirntumor litt, gehörte zur persönlichen Tragik dieses begabten und vielseitig schöpferischen Mannes. Noch vor dem Aufgehen der selbstständigen Gemeinde Friedenau im Bezirk Schöneberg gab Altmann 1918 den Posten des Gemeindebaurats auf und lebte fortan als freischaffender Architekt. Diese Entscheidung dürfte durch die geringe Wahrscheinlichkeit befördert worden sein, den Bauratsposten im vereinigten Bezirk Schöneberg zu erlangen. Schöneberger Baurat wurde Heinrich Lassen, mit dem Altmann die endgültige Ausführung der Ceciliengärten plante, einer bereits für 1912 vorgesehenen, aber wegen des Weltkrieges nicht verwirklichten „Gartenstadt im englischen Stil“.

Altmanns zweite Schaffensperiode umfasste nun nicht mehr solch unterschiedliche Werke wie vorher, da ihn die Tätigkeit für die Askania AG sehr in Anspruch nahm. 25 Jahre lang arbeitete er alle Neubauprojekte für das expandierende Unternehmen aus, das aus der ehemaligen optischen Fabrik Carl Bamberg in Friedenau hervorgegangen war. Bamberg hatte 1889 das damals größte Teleskop Preußens, den „Bamberg-Refraktor“ gebaut. Die neuen Askaniawerke hatten jedoch eine weitaus größere Produktpalette. Man kann Altmann als den „Hausarchitekten“ dieses florierenden Unternehmens bezeichneten, folgende Werke entstanden von 1918 bis 1941:

  • Askaniawerke, Bundesallee 86-88, Kernbau 1918-19, Erweiterung 1936-37. Beeindruckend an diesem reinen Zweckbau ist die expressionistische Ornamentik und die Tatsache, wie einfühlsam er die 20 Jahre spätere Erweiterung im reinen Stil der Moderne an den Altbau rechts anschließt.
  • Landhaus Roux mit Gartenanlage, Höhenstr. 3, Potsdam, 1929 – 30. Mit dem privaten Landhaus Roux für den Besitzer der Askania-Werke schuf er in Potsdam ein Werk, das in seinem Schaffensspektrum ein Solitär bleibt.
  • Laborgebäude Askaniawerke, Stubenrauchstraße 72, 1935-36. Das Nebengebäude des Askania-Komplexes in der Bundesallee hat seine Fassade in der Stubenrauchstraße. Die sparsam mit Keramik verzierte Fassade und mehr noch die rein funktionale Rückseite mit dem markanten Treppenhaus weisen das Gebäude der klassischen Moderne zu.
  • Askania-Zweigwerk Tempelhof, Großbeerenstraße 2, 1938-41. Auch sein letztes Werk, die teilweise während des Krieges errichtete Rüstungsgüterfabrik Askania AG, ist in konsequent modernen Formen gehalten.

Zu den wenigen Bauten, die Altmann außerhalb seiner Tätigkeit für Askania realisierte, gehören:

  • Badeanstalt der Allgemeinen Ortskrankenkasse Berlin Schöneberg, Rheinstraße 9, 1924-25. Das sehr bescheidene Gebäude, ein kleiner Anbau am Seitenflügel eines Mietshauses, diente als Badehaus mit Wannenbädern für minderbemittelte Versicherte der AOK. Im Innern hat sich, zwar beschädigt, die wertvolle Kachelausstattung erhalten.
  • Haus Haenel am Roseneck Nr. 92-94, 1924/25, 1929, ein großer Wohn-Geschäftshaus-Komplex, der das Konzept heutiger Einkaufszentren vorweg nimmt.
  • Haus Heidgen, Königin-Luise-Str. 38, 1928, ein Wohn-Geschäftshaus-Komplex in Dahlem.
  • Baukomplex Stöckelsche Erben, Bismarckstr. 72, 1928/1929, ein Mietshausblock mit integrierter Ladenzeile und Großgarage unter dem Hinterhof.

Altmann wirkte 1927 – 33 auch an der Planung der berühmten „Gartenstadt am Südwestkorso mit Künstlerkolonie“ mit, wo er für den Baublock Südwestkorso / Geisenheimer Str. / Markobrunner Str. / Laubenheimer Str. zuständig war.

Der Künstler vertrat eine neue Architektur nach 1900, die aber nicht den radikalen Bruch mit der Tradition vornahm, wie z. B. die Bauhaus-Moderne. Seine Baukunst schöpfte aus der Tradition, ohne rein eklektisch zu sein und bewegte sich zwischen Historismus, Jugendstil und gemäßigter Moderne. Er war kein Avantgardist, aber immer auf der Höhe der Zeit. Davon zeugt z.B. die frühe Verwendung des Typs der Hallenschule im Friedenauer Lyzeum und ganz besonders die intelligent strukturierte Nutzungsvielfalt im Innern seiner Bauten. Auch die Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern, die reichhaltige Verwendung von Bauschmuck und besonders die Bevorzugung von keramischen Bauelementen für sein Schaffen lassen ihn gleichrangig neben viel berühmtere Architekten treten. Allen Altmann-Projekten ist eine hohe funktionale und künstlerische Qualität eigen und so ist es nur zu verdient, dass die Gesamtheit seiner erhaltenen Bauten heute unter Denkmalschutz steht. Die Qualität der Entwürfe seiner Hauptwerke aufzuzeigen, ist die Aufgabe dieser Publikation.

Nach dem Krieg erhielt Altmann keine Aufträge mehr. Ob das an seinem hohen Alter lag oder an seiner Nähe zum Nationalsozialismus in den Jahren 1938 bis 1945, ist aufgrund der dürftigen Quellenlage schwer zu beurteilen. Das Askaniawerk in Mariendorf, das er 1938 bis 1941 baute, war eine reine Waffenschmiede mit angegliederten Zwangsarbeiterlagern. Besonders dubios erscheint auch ein Genehmigungsantrag vom 9.2.1944 für ein Zweigbüro im Reichsgau Wartheland in Litzmannstadt (Lodz) zur „Durchführung umfangreicher kriegswichtiger Bauvorhaben“, den er zusammen mit dem Architekten Engelbert Greiff bei den Nazibehörden stellte.

Nach Ende des Krieges 1945 wurde er aus seinem von ihm selbst entworfenen Eigenheim im Föhrenweg 17 in Dahlem exmittiert (1955 wurde ihm das Haus allerdings wieder zurück gegeben). 1952 sollte er einen Vorentwurf zum Wiederaufbau des Rathauses Friedenau anfertigen. Als er jedoch energisch gegen die Absicht des Hochbauamtes protestierte, die Hauptfassade nur grob vereinfachend und gegenüber dem Originalentwurf verfälschend wieder zu errichten, verlor er den Auftrag sofort. Bezeichnend war der Umgangston der Behörde mit dem 81-jährigen Architekten: „Eine weitere Beauftragung an Altmann kommt nicht in Frage. Infolgedessen ist Herr Altmann auch nicht berechtigt, diesbezügliche Verhandlungen mit der Baupolizei zu pflegen. Für alle Angelegenheiten betr. Wiederaufbau ist nur das Hochbauamt Schöneberg zuständig … etwaige Versuche des Herrn Altmann bzgl. Auskünften sind zurückzuweisen und ihn an das Hochbauamt zu verweisen“.

Der rüde Ton der Absage war höchstwahrscheinlich auf Altmanns Involvierung in den Nationalsozialismus zurückzuführen, aber unabhängig davon konnte die Nachkriegszeit auch mit den Bauideen dieses Architekten nichts mehr anfangen. Die nach unserem heutigen Verständnis missglückte Restaurierung des Rathauses Friedenau lag daran, dass die finanziellen Mittel damals knapp bemessen (und mit denen des deutschen Kaiserreichs nicht mehr vergleichbar) waren und ein sicheres Stilgefühl in diesen Zeiten des raschen und effektiven Wiederaufbaus nicht existierte.

Hans Altmann starb, 94 Jahre alt, am 27. Januar 1965 in Berlin in seinem Haus im Föhrenweg 17 in Dahlem. Seinen künstlerischen Höhepunkt hatte er in den 25 Jahren von 1908 bis 1933, wo es ihm gelang, Bauwerke zu schaffen, die in idealer Weise hohen Nutzwert und ästhetischen Anspruch miteinander verbanden und das Stadtbild noch heute prägen. Nach der Machtübernahme durch die Nazis engte sich seine Kunst auf den rein funktionalen Aspekt von Architektur ein und verlor dabei das, was seine früheren Bauten so überzeugend gemacht hatte: den Bezug auf das Menschliche. Sein Leben und Werk spiegeln in exemplarischer Weise die deutsche Geschichte im 20. Jh. wider.

2 Frühe Bauten

Kornmessersches Waisenhaus

1897 beschloss die Bürgermeister-Kornmesser-Stiftung zu Berlin, das in der Klosterstraße in Berlin-Mitte gelegene Kornmessersche Waisenhaus in ein neues Domizil in Groß-Lichterfelde, vor die Tore der Stadt zu verlegen. Als Bauleiter des neogotischen Gebäudekomplexes, mit hohem Mittelgiebel und zwei Türmen, der in freiem Gelände lag, fungierte Hans Altmann. Ein Architektenentwurf ist nicht erhalten. Altmanns Erstlingsbau zeigt, vom malerischen Äußeren abgesehen, noch nicht viel von den Qualitäten seiner späteren Entwürfe. Über dem Hauseingang befand sich die Inschrift: „Kein Kleines soll verlorengehen“.

Kornmessersches Waisenhaus
Kornmessersches Waisenhaus


Aufgrund der Geldentwertung nach dem ersten Weltkrieg kam die Kornmesserstiftung in finanzielle Schwierigkeiten. 1921 wurden nur noch drei Zimmer für fünf Zöglinge als Waisenhaus genutzt. So erwog man eine Umnutzung zu einer Hilfsschule, verwarf dies aber im Jahr 1928 mit der Begründung, der Bau würde modernen Schulzwecken nicht genügen. In den Zeiten der aufkommenden Moderne wollte man die Backsteingotik des späten 19. Jahrhunderts noch nicht würdigen: „Die Korridore sind dunkel und schmal, die Treppen sind nicht ausreichend“. „Das hohe ungenutzte Dach mit den Ecktürmen und den turmartigen Dachaufbauten erfordert hohe Unterhaltskosten. Nach wie vor wird das architektonische Gesamtbild unbefriedigend sein“. So verblieb das Haus im Besitz der Stiftung, wurde jetzt aber an verschiedenste Institutionen vermietet.
Kirchliche und soziale Einrichtungen mieteten sich in dem weitläufigen Gebäude ein, der Bezirk verlegte seine Außenstelle für Sozialarbeit in dieses Haus und vor allem das Wohnungsamt baute es gravierend für 28 Haushalte mit 58 Familienmitgliedern bedürftiger Einwohner um. Trotz der beengten Verhältnisse in den für diese Nutzung nicht konzipierten Räumen fühlten sich viele Bewohner wohl, weil das große Freigelände unter die Bewohner aufgeteilt und mit Gemüse bepflanzt wurde.
1944 wurde das Gebäude von zwei Luftminen getroffen, erheblich zerstört und 1949 als „Totalschaden“ deklariert. Trotzdem richteten sich manche der Bewohner notdürftig in der Ruine wieder ein. 1953 erteilte man den Auftrag für den Abriss. Weil ein hartnäckiger Bewohner partout nicht ausziehen wollte, zog sich die Abrissmaßnahme noch bis 1956 hin. Der Baugrund wurde mit den zu dieser Zeit üblichen, eintönigen Wohnhäusern bebaut, an einem von ihnen steht heute noch: „ Bürgermeister-Kornmesser-Stiftung“.

Preußisches Staatsministerium (1900 – 1902)

Der erste Bau, in dem uns Hans Altmann erkennbar entgegentritt, ist der Neubau für das Königlich Preußische Staatsministerium in der Wilhelmstr. 63 und die General-Lottodirektion auf dem rückwärtigen Grundstück.

Als verantwortlich für das Gebäude zeichnete Paul Kieschke (1851 – 1905), Vorsteher des Technischen Büros der Hochbauabteilung des Ministeriums der Öffentlichen Arbeiten. 1902 wurde er dort zum Geheimen Oberbaurat befördert und übernahm die Leitung des Referats für Ministerial- und Verwaltungsgebäude. Damit war er für die Errichtung von Staatsbauten in ganz Preußen zuständig, so neben Berlin auch in Potsdam, Minden, Koblenz und Münster. Auch das Geschäftsgebäude für das Königlich-Preußische Oberverwaltungsgericht in Charlottenburg (1905–1907) in der Hardenbergstraße stammt von ihm. Die Größe seines Aufgabenbereichs macht klar, dass er beim Bau des Staatsministeriums nur die Bauaufsicht hatte und die eigentliche Architektenarbeit von Untergeordneten, nämlich Baurat Adolf Bürckner (1846 – 1932) und, als deutlich Jüngerem, Regierungsbaumeister Hans Altmann (1871 – 1965) ausgeführt wurde.


Von Hans Altmann stammen die Entwurfszeichnungen von 1900. Es ist anzunehmen, dass er, als der jüngste der drei Regierungsbaumeister auch die Bauleitung des Projekts inne hatte, eine Aufgabe, die er schon auf seiner vorigen Arbeitsstätte wahrgenommen hatte. Doch lässt die Anfertigung der Entwurfszeichnungen und die „Architekturhandschrift“ darauf schließen, dass er auch am Entwurf des Gebäudes beteiligt war.

Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist der erste, nicht ausgeführte Entwurf für das Ministerium, der deutlich auf das vorher an der gleichen Stelle befindliche barocke Palais Dönhoff / Stolberg Bezug nimmt. Es sollte mit seinem ovalen Gartensaal und den beiden angrenzenden Festsälen in den Neubau integriert und auf vier Geschosse aufgestockt werden.

Palais Stolberg
Palais Stolberg


Deutlich ist im von Altmann gezeichneten Plan (durch die Schwärzung) die Originalsubstanz des barocken Palais zu erkennen. Es ist gut denkbar, dass diese Bauidee, die auf das historisch Gewachsene Rücksicht nimmt, von Altmann stammt. 12-14 Jahre später, beim Bau des Verwaltungsgebäudes auf dem Gütergotzer Waldfriedhof und der Urnenhalle auf dem Friedenauer Gemeindefriedhof taucht das Motiv des (in diesem Falle runden) Mittelbaus mit den zwei seitlichen Flügeln wieder in Altmanns Werk auf.

Leider konnte die Erhaltung des echten Barockbaus wegen der maroden Bausubstanz des Palais, die eine Aufstockung nicht zuließ, nicht verwirklicht werden, und so behalf man sich mit einem dem Zeitgeist entsprechenden Neubau im Stil des Neo-Barock. Da an Altmanns Entwürfen insgesamt auffällt, dass sie nie rein historistisch sind sondern sich vielfältiger Stilmittel (zwar auch aus historischen Epochen, aber ebenso auch aus dem Jugendstil und eigenschöpferischen Formen) bedienen, ist anzunehmen, dass sich bei dem ausgeführten Entwurf seine ganz dem Historismus verhafteten Vorgesetzten durchgesetzt haben.

Altmann zeichnete jedoch auch diesen Entwurf, genauso wie den für die auf dem Gartenteil des Grundstücks entstehende General-Lottodirektion.

Die Bauzeichnung der General-Lottodirektion (ebenfalls eine Arbeit Altmanns) gibt viel deutlicher seine eigene Architekturauffassung wieder: Reizvoll asymmetrische Fassade, unterschiedliche Stilelemente wie Rechteck-, Rundbogen und Korbbogenfenster, auf unterschiedlicher Höhe stehende Portale werden eingesetzt um Funktion und Bedeutung des Gebäudes zu unterstreichen.

Während das Gebäude des Staatsministeriums bei der Bombardierung des Regierungsviertels im zweiten Weltkrieg vernichtet wurde, erwies sich die weit von der Straßenfront entfernt stehende General-Lottodirektion als wiederaufbaufähig. Leider hat man dabei sämtliche architektonischen Details wie Mittelrisalit, Kuppel, Fensterformen, Portale auf einfachste, nüchterne Formen reduziert, so dass heute nur noch die reine, ungegliederte Baumasse, nämlich ein glattes, vierstöckiges, mit einfachen rechteckigen Fenstern versehenes Bauwerk von dem ersten bedeutenden Altmann-Entwurf zeugt.

Das hier zu den Berliner Regierungsbauten Gesagte bezieht sich auch auf den Neubau des Regierungsgebäudes der Provinz Brandenburg in Potsdam, das ebenfalls unter der Federführung Paul Kieschkes entstand, wobei die eigentliche Architektenarbeit aber wieder von jungen, untergeordneten Baubeamten ausgeführt wurde. Auch in diesem Fall wurde ein nicht unerheblicher Anteil des Gebäudes von Hans Altmann geschaffen.

3 Realgymnasium Friedenau (Rheingau-Schule)

Rheingau Hof
Rheingau-Schule, Hof

Altmanns erste Aufgabe als Gemeindebaurat von Friedenau war die Errichtung des Realgymnasiums. Die aufstrebende Gemeinde hatte 1875 ihre erste Gemeindeschule eingerichtet, die 1890 erweitert wurde und 1895 bereits 899 Schüler und Schülerinnen beherbergte. 1901 bis 1903 errichtete man das (altsprachige Jungen-) Gymnasium Friedenau am heutigen Perelsplatz. Der ständige Zuzug gebildeter Mittelschichten nach Friedenau erforderte schließlich die Einrichtung eines Jungen-Reform-Realgymnasiums (und Oberrealschule). Diese Oberschulform, die ebenfalls zur Hochschulreife führte, betonte den naturwissenschaftlichen Unterricht und das Erlernen moderner Fremdsprachen.

Das Realgymnasium hat zwar den herkömmlichen dreiflügeligen Grundriss vieler Schulbauten. Durch die Ausrichtung der Portale und des Turms auf die inneren Ecken der Flügelbauten, durch Quergiebel, Nebentürme und Vorbauten erzielte Altmann eine malerische Wirkung des Baukörpers, ganz anders als bei vielen anderen, mehr kasernenartigen Schulen. Dass der (bei vielen Schulen ausschließlich dekorative) Turm zur Aufnahme eines Observatoriums gedacht war, ist ein Beleg mehr für die innovativen Ideen Altmanns.

Im West- und im Nordflügel sind Klassen- und Fachräume sowie die Verwaltung untergebracht, während im Ostflügel Turnhalle, Aula und Musiksaal liegen. Der Westflügel ist mit einem Mittelflur angelegt, von dem, zum Hof und zur Rheingaustraße hin orientiert, die Klassenräume abgehen. Der Nordflügel zur viel befahrenen Wiesbadener Straße hin hat dagegen den Flur an der Straßenseite, die Klassen- und Fachräume liegen einseitig nur zum Hof hin. Dies war eine weitsichtige Lösung, denn dadurch sind alle Klassenräume auf die ruhigeren Bereiche des Schulgeländes ausgerichtet. In den Gebäudeecken liegen die beiden Haupttreppenhäuser mit den Hallen, von denen aus sich Schüler und Lehrer in die Flure verteilen. In den Kopfbauten der beiden Seitenflügel befinden sich zwei weitere Nebentreppen, die die Klassen im Westflügel und die Turnhalle mit der Aula im Ostflügel zusätzlich erschließen.

Aula des Real-Gymnasiums Friedenau

Die zweigeschossige Aula der Schule mit Bühne und Orgel auf der Empore sollte gleichzeitig als Versammlungssaal der Gemeinde Friedenau dienen. (Auch die Kirchengemeinde sowie die „mosaische Gemeinde“ sollten die Gelegenheit haben, den Saal für religiöse Zwecke zu nutzen). Das Foyer vor der Aula ist deshalb besonders prächtig mit vier zentralen Säulen ausgestaltet, auf denen der Kern des Turmbaus ruht. Altmann erfand eine intelligente Lösung zur organisatorischen Trennung der beiden Aula-Funktionen: Der Saal wurde in dem an der Homuthstraße liegenden rechten Flügel des Schulgebäudes im ersten Stock untergebracht, darunter im Erdgeschoss die Turnhalle. An der Homuth-straße entstand ein eigener (sehr repräsentativer) Eingang für die Bürgernutzung, mit prächtigem Doppelportal, das mit Porträtköpfen von Künstlern, Dichtern und Musikern geschmückt ist. Die Garderobe der Turnhalle (bzw. bei Großveranstaltungen die gesamte Turnhalle) konnte als Garderobe des Bürgersaals genutzt werden. Eine Schulküche (mit Speiseaufzug ins Aulageschoss) konnte ebenfalls für Veranstaltungs- wie für Schulzwecke genutzt werden. Für die Schule waren Aula und Turnhalle von innen zugänglich. Der Musiksaal lag ebenfalls in diesem Gebäudeteil und konnte so den Klassenunterricht nicht akustisch beeinträchtigen. Er hatte eine direkte Verbindung zur Empore, so dass Chordarbietungen incl. der Vorbereitung (Einsingen, Platzierung der Sänger) störungsfrei organisiert werden konnten.

Goethe und Luther

Der Haupteingang der Schule befindet sich am Westflügel im Hof: ein zweigeschossiger Vorbau, über dem zwei überlebensgroße Figuren – Martin Luther und Johann Wolfgang von Goethe darstellend – in die Wand eingelassen sind. Im Erdgeschoss des Turms, im Winkel zwischen Nord- und Ostflügel, bildet ein weiterer Eingang den Aufgang zur Aula. Ein zusätzlicher Eingang an der Nordseite der Schule verbindet Schule und Sportplatz.
Das Schulgelände ist von einer Einfriedung aus Natursteinpfeilern und einem schmiedeeisernen Zaun umschlossen, eine barock einschwingende Toranlage in der Mittelachse der Anlage öffnet an der Schwalbacher Straße den Zugang zum Schulhof. Der reiche, im Innern auch keramische Bauschmuck und die Trinkbrunnen stammen von dem Bildhauer Richard Kuöhl (1880–1961).

4 Königin-Luise-Lyzeum (Paul-Natorp-Oberschule) (1910-11)

Friedenau Paul-Natorp-Schule Front
Friontseite der heutigen Paul-Natorp-Schule

Als zweiten Schulneubau Friedenaus nahm Hans Altmann in Jahre 1910 das Oberlyzeum in Angriff. Die fortschreitende Modernisierung des Kaiserreichs erforderte jetzt auch den Ausbau des staatlichen höheren Schulwesens für Mädchen. Zuvor blieb die Erziehung von Mädchen (durch Hauslehrer, Institute und Pensionate) eher privater Initiative überlassen. Die jetzt entstehenden höheren Mädchenschulen waren jedoch nicht den Jungengymnasien gleichwertig, da sie nur bis zur 10. Klasse gingen. So fehlte ihnen die studiumsvorbereitende Oberstufe, sowie das zu einem Hochschulstudium qualifizierende Abitur. Als einzige Möglichkeit einer weiterführenden und berufsqualifizierenden Schulbildung gab es für die 15 bis 16-jährigen Absolventinnen lange Zeit nur den Besuch eines Lehrerinnenseminars. Erst ab den 1890-er Jahren wurden Mädchengymnasialkurse eingerichtet, die als Ersatz für die fehlende Oberstufe dienen konnten. Am Friedenauer Oberlyzeum konnten sich die Mädchen auf diese Kurse vorbereiten.

Die Bauplanung gestaltete sich für Altmann zunächst schwierig. Sein Vorgänger, der kommissarische Gemeindebaurat Johannes Duntz, hatte auf dem für Schulbauten vorgesehenen Grundstück 1906 die 2. Gemeindeschule mit der Fassade zur Rheingaustraße errichtet. Rechtwinklig dazu erbaute er die Turnhalle, so dass für das Oberlyzeum nur noch ein extrem schlecht geschnittenes, nämlich schmales, sehr tiefes und obendrein noch rechts abknickendes Grundstück mit der Ausrichtung zur Goßlerstraße übrig blieb. Der Knick wurde durch die in das Grundstück hineinragende Turnhalle der Nachbarschule verursacht, eine Bauauflage verbot überdies, die Front an der Goßlerstraße vollständig zu bebauen.

Grundriss der Hallenschule mit Turnhalle und Eingangshalle an der Gosslerstraße. Dahinter die zentrale Aula.

Altmann machte das Beste aus dieser Herausforderung. An ein „herkömmliches“ Schulgebäude auf U-förmigem oder rechtwinkligem Grundriss war nicht zu denken und so griff er eine Bauidee auf, die der Architekt Theodor Fischer (1862 – 1938) in der Luisenschule in München im Jahre 1899 zum ersten Mal verwirklicht hatte: die Hallenschule. Bei diesem Bautypus ordnen sich die Klassenräume nicht entlang von Gängen, sondern gruppieren sich um eine zentral gelegene, allseitig offene und mit einem Oberlicht versehene Halle. Konsequent konnte Altmann diese Bauidee durch den Knick des Grundstücks nicht umsetzen, deshalb kombinierte er beide Bautypen: nach vorn (zur Goßlerstraße) die Hallenschule, nach hinten, abknickend, den Gang-Typus.

Die Originalität des Entwurfs, aber auch die Funktionalität und künstlerische Gestaltung machen diesen, in einer Bauzeit von nur 10 Monaten hochgezogenen Bau zu einem Höhepunkt von Altmanns Schaffen. Der Architekt entwickelte hier aus den Gegebenheiten des Grundstücks, der Zweckbestimmung des Gebäudes und seiner eigenen Verpflichtung zur Ästhetik ein höchst innovatives Schulgebäude, das trotz der von ihm selbst in der Zeitschrift „Bauwelt“ dargelegten Vorteile in Berlin leider keinen Nachfolgebau gefunden hat.

Von außen zeigt sich das Schulgebäude zunächst konventionell, mit reich geschmückten Giebeln, Türmen, Dachreitern und einer abwechslungsreichen Dachlandschaft. Die Straßenfront wird durch zwei hohe, mit Fialen gegliederte Quergiebel beiderseits der Mittelachse sowie durch einen eingeschossigen Eingangsvorbau mit Altan im ersten Obergeschoß betont. Der rückwärtige Flügel liegt schräg nach hinten versetzt und erstreckt sich in die Tiefe des Grundstücks. Dachreiter, Rundturm und der hohe Giebel dieses Flügels sorgen für eine ungemein malerische Ansicht auf der Rückseite, wo drei Friedenauer Schulen aneinander stoßen. Die Wichtigkeit der Volksbildung sollte so mit künstlerischen Mitteln zum Ausdruck gebracht werden.

Das Innovative erkennt man nach dem Betreten des Gebäudes, wo sich nach Passieren des Foyers die Erschließungskorridore für die Klassenräume auf drei Seiten mit Bögen auf einen atriumartigen Lichthof öffnen, der gleichzeitig als zentraler Raum der Schule und als Aula dient. Dieser 305 m2 umfassende Saal wurde bei den Instandsetzungsarbeiten nach 1945 in seiner Gestaltung leider stark vereinfacht. Drei der vier Flügel der Schule sind dreistöckig mit hohem Dachaufbau, der zur Sonnenseite gelegene nur zweistöckig mit Flachdach. Der Lichthof sollte dadurch ausreichende Helligkeit bekommen, gleichzeitig gewann man draußen eine Dachterrasse für Gymnastik oder Kunstunterricht im Freien.

Aula des damaligen Königin-Luise-Lyzeums in einer historischen Ansicht

Revolutionär für die damalige Zeit war die Heizungsanlage der Schule. Die Wasser / Dampf-Zentralheizung wurde nämlich durch Lüftungsschächte unterstützt, über die, nach dem Aufheizen des Gebäudes durch Heizkörper, vom Dach her ständig Frischluft angesaugt wurde. Diese wurde im Heizkeller erwärmt, durch Lüftungsklappen in die Räume geführt und so ein Luftaustausch wie bei einer Klimaanlage bewirkt. (Heute gilt solch ein ungefiltertes Zirkulationssystem allerdings als „Keimschleuder“ und darf nicht mehr verwendet werden).

Die neuesten Entwicklungen der Pädagogik wurden vom Architekten durch Einbauten von Hörsälen für naturwissenschaftlichen Unterricht, ständig einsehbare Sammlungsschränke, einen großzügig dimensionierten Musiksaal, eine Turnhalle und zusätzlich unter dem Dach einen Gymnastiksaal und sogar die Anlage eines Tennisplatzes für den Mädchensport berücksichtigt. Natürlich gab es auch die zum herkömmlichen Kanon der höheren Mädchenschule gehörenden Fachräume wie Schulküche, Handarbeitsräume und dergleichen.

Wegen der kurzen Bauzeit der Schule und der Gefahr von Schäden durch Feuchtigkeit im noch nicht durchgetrockneten Gebäude sah sich der Architekt genötigt, „nur solche Materialien zu verwenden, welche jedem Einfluß von Feuchtigkeit und Säure standhalten könnten“. Deshalb griff er wieder auf das bereits im Realgymnasium gelegentlich verwendete Keramikmaterial zurück. Die Architekturgliederung der Aula erfolgte in farbiger Keramik, „die, in einem blauen Ton gehalten, einen ruhigen und würdigen Eindruck“ machte. Die Herstellung der Fliesen sowie die Ausführung der künstlerischen Entwürfe war die Arbeit der Firma Richard Blumenfeld A.G., Velten, die sich ansonsten hauptsächlich mit der Herstellung von Ofenkacheln beschäftigte.

Brunnen
Brunnen und Aquarium von Richard Kuöhl

Für die plastische Ausschmückung des Gebäudes arbeitete Hans Altmann mit einem der führenden Keramik-Künstler seiner Zeit zusammen, dem Bildhauer und Keramiker Richard Kuöhl (* 31. Mai 1880 in Meißen, † 19. Mai 1961 bei Bad Oldesloe). Nach einer handwerklichen Ausbildung als Kunsttöpfer in seiner Geburtsstadt Meißen und einem Studium an der Dresdner Kunstgewerbeschule war Kuöhl 1906 nach Berlin gezogen und lebte in Friedenau. Für Altmanns Bauten entwarf er dekorierte Wandfliesen, Schmuck- sowie Gliederungselemente und künstlerische Trinkbrunnen, auch kombiniert mit Aquarien und Terrarien.

Ruine Luisenschule
Ruine Luisenschule
Ruine Luisenschule
Ruine Luisenschule
Aula nach dem Krieg
Aula nach dem Krieg

Im zweiten Weltkrieg wurde die Königin-Luise-Schule durch Brandbomben schwer getroffen. Die Aula hatte als Möbellager für ausgebombte Mieter gedient und brannte völlig aus. Ohne Dach lag sie mehrere Jahre unter freiem Himmel, die wertvolle Keramikausstattung ging dabei fast völlig verloren. Wegen der starken Beschädigungen und der hohen Kosten für deren Beseitigung wollte man nach 1945 das gesamte Bauwerk abreißen, entschloss sich dann aber doch für einen Wiederaufbau, der mit billigen Materialien und unter starker Vereinfachung der architektonischen Details, insbesondere in der Aula, vorgenommen wurde. Die Schule erhielt nach dem Krieg ihren neuen Namen Paul-Natorp-Schule und wurde dann auch für Jungen zugänglich. In den 80er Jahren wurden bei einer äußerst lieblosen Renovierung durch Einziehen von Rigipswänden und Herausreißen dekorativer Elemente weitere Verunstaltungen an der historischen Substanz verursacht.

Aula
Aula, wieder aufgebaut in vereinfachten Formen

2002 kam endlich eine aufwändige, durch den Denkmalschutz begleitete Restaurierung in Gang, die, besonders in der Aula, die künstlerische Gestaltung von Altmann wieder sichtbar macht. 1980 gezogene Gipswände wurden beseitigt, alle geschnitzten Holztüren erneuert, verlorene skulptierte Schmuckelemente rekonstruiert, die Kastenfenster wieder mit der alten Sprossengestaltung versehen. Auch die farbliche Gestaltung orientiert sich wieder am Original. Sogar die wenigen noch aus der Entstehungszeit stammenden Möbel wurden denkmalgerecht restauriert. Durch das Herunterziehen der ziegelgedeckten Dachzone auf das nächst niedrige Geschoss erhielt das Gebäude außen die alten Proportionen zurück und der Wiederaufbau der Türme hat der Schule ihre stadtbildprägende Wirkung, insbesondere auf der Rückseite zur Schwalbacher Straße, wieder gegeben.

Friedenau Paul-Natorp-Schule Hof
Friedenau Paul-Natorp-Schule Hof

Beispiele für den phantasievollen Bauschmuck der Königin-Luise-Schule

Schallöffnungen über der Aulabühne
Skulptierte Kapitelle in Kunststein
Keramik Kuöhl
Keramik Kuöhl

5 Gemeindehaus „Zum guten Hirten“

Der Friedrich-Wilhelm-Platz bildet das Zentrum der am Reißbrett entworfenen Landhauskolonie Friedenau mit symmetrisch gestaltetem Straßennetz. Wilhelm Carstenn, der Koloniegründer und Hamburger Bauspekulant erwarb das Gebiet 1865 und schuf mit der sogenannten Carstenn-Figur die Grundlage der markanten hufeisenförmigen Aufteilung der Straßen um den zentral gelegenen Anger, den Friedrich-Wilhelm-Platz (1).

Der als nach Norden offenes Hufeisen umlaufende Straßenzug (Stubenrauch- und Handjerystraße) mit der Kaiserallee (2) (heute Bundesallee) im Zentrum wird von vier Plätzen gerahmt: dem Berliner Platz (3) (später Maybachplatz, heute Perelsplatz), dem Wilmersdorfer Platz (4) (heute Renée-Sintenis-Platz), dem Schmargendorfer Platz (5) (ab 1905 Schillerplatz) und dem ehemaligen Hamburger Platz (6), heute Teil des Friedhofs an der Stubenrauchstraße. Schräg durch diese regelmäßige Anlage verläuft die Landstraße Potsdam – Berlin, die heutige Rheinstraße.

Carstenn verkaufte die Landhauskolonie schon bald weiter um sich einem ähnlichen, aber von ihm als lukrativer eingeschätzten Projekt in Lichterfelde zu widmen. In Friedenau wurde die Idee der reinen Landhausbebauung daraufhin aufgegeben und es entstanden dreistöckige Mietshäuser, allerdings in aufgelockerter Form mit Bauwichen und Innenhöfen als Reminiszenz an die eigentlich vorgesehenen Landhäuser. Der ursprünglich ländliche Anger wurde nun zum Stadtplatz (Friedrich-Wilhelm-Platz) und an seinem Südende zum Bauplatz für die evangelische Gemeindekirche.

Der Architekt Carl Doflein errichtete sie von 1891 – 93 in neugotischem Stil, genauso wie das Gemeindehaus. Die Kirche „Zum Guten Hirten“ dominiert den Friedrich-Wilhelm-Platz und ist schon von Weitem zu erkennen. Das im gleichen Baustil errichtete kleine Gemeindehaus gegenüber der Kirche an der Ecke Kaiserallee/Goßlerstraße reichte bereits nach wenigen Jahren für die ständig wachsende Gemeinde nicht mehr aus. So erging an den Gemeindebaurat Altmann der Auftrag, an der alten Stelle ein neues Gebäude zu errichten, das den gesteigerten Platzanforderungen genügen sollte.
Von 1911 bis 1912 erbaute er das stattliche Gebäude, nach heutigen Vorstellungen ein komplettes Gemeindezentrum und eines der ersten in Berlin, das alle Gemeindefunktionen unter einem Dach vereinigte. Es sollte neben dem Gemeindesaal vier Wohnungen für die Geistlichen der Gemeinde, Konfirmanden- und Jugendpflegeräume, ausreichende Räume für die Gemeindeschwestern und einen Kinderhort enthalten. Altmann wich von dem zu seiner Zeit noch geltenden historistischen Stilkanon ab, nach dem für ein kirchliches Gebäude die Neogotik Standard war. Lediglich der zur Kirche hin gelegene Giebel am Friedrich-Wilhelm-Platz mit seinen verschränkten Kielbögen zitiert die Gotik, während das gesamte Gebäude die für Altmann typischen, selbst entworfenen und frei kombinierten Formen aufweist.

Wie Altmanns Schulbauten weist der Bau eine reich gegliederte Dachzone auf. 5 Giebel, davon 4 an die Gotik angelehnte Treppengiebel und der zur Kirche gewendete Hauptgiebel beleben sie. Ferner finden sich 4 Risalite, diverse Erker, vielfältige Fensterformen (z.B. Korbbogen- ,Spitzbogen-, Kreuzstockfenster, etc.)
Das Portal zum Eingang in der Goßlerstraße ziert die Skulptur eines Pelikans von Richard Kuöhl. In der Antike glaubte man, dass der Pelikan seine Jungen mit seinem eigenen Blut füttert. Tatsächlich färbt sich beim Krauskopfpelikan während der Brutzeit das Gefieder im Kehlenbereich rot, was sicherlich die Erklärung für diesem Mythos liefert. In der christlichen Symbolik und Ikonographie sah man deshalb im Bild des Blut opfernden Pelikan ein Symbol für Jesus Christus, den Patron der Kirche „Zum guten Hirten“.

6 Die 3. Gemeindeschule

Der Gebäudekomplex für die 3. Gemeindeschule in der Offenbacher Straße ist ein für Hans Altmann außerordentlich typisches Werk: Auf einem großen, städtischen Grundstück wurden Bauten für unterschiedlichste Aufgaben der aufstrebenden Gemeinde Friedenau geplant.

Die Überlegungen zur Erweiterung des Gemeindefriedhofs an der Fehlerstraße mit dem Bau der Urnenhalle nahm Altmann zum Anlass, auf dem angrenzenden tiefen Grundstück mit nur schmalem Straßenanteil an der Offenbacher Straße den Neubau der dritten gemeindeeigenen Schule in Angriff zu nehmen. Sie sollte eine Vielfalt von Nutzungen aufnehmen: Knaben- und Mädchenschule, Klassen für schwach begabte Kinder, Räume für Handarbeits-, Koch- und Werkunterricht, Plätt- und Nähstube, Räume für die Schulzahnpflege und Schularzt sowie zwei große Turnhallen und einen Festsaal für Gemeindezwecke. Auf dem Freigelände an der Lau-bacher Straße sollte ein großer Sportplatz, auch für die Friedenauer Sport- und Turnvereine mit Turngeräten, 300 Meter langer Laufbahn, Sprunggruben und einer Turngerätehalle entstehen, die an der Ecke zur Fehlerstraße platziert war.

Das Schulgebäude wurde in den Jahren 1911 bis 1914 auf winkelförmigem Grundriss erbaut. Charakteristisch war die Klinkerbauweise, dekoriert mit glasierter Keramik, damals in Berlin noch selten angewendet. Die an den Fassaden befindlichen Keramikarbeiten wurden in Handarbeit von den renommierten Bildhauern Kuöhl und Butzke angefertigt, die auch noch zwei andere Altmannbauten verschönerten. Hervorstechend waren die zwei aus Keramik gefertigten Bogenpfeiler an den Eingängen in der Offenbacher Straße. Die Aula der Gemeindeschule war wie die der anderen beiden Schulbauten von Hans Altmann eine völlig einzigartige Komposition, ein klassizistisch gestalteter, durch seine halbrunde Kassettendecke monumental wirkender Emporensaal mit hoher Funktionalität.

Das gesamte Ensemble wies stilistisch in die Moderne, einer Kunstform, der sich Altmann nicht verschloss, wie seine späten Bauten zeigen. Die Begrenzungsmauer des Schulhofs links neben der Schule wurde durch die Rückseite der ebenfalls reich mit Keramik verzierten Urnenhalle des angrenzenden Friedhofes gebildet.
Bald nach der Fertigstellung des Gebäudes 1913 begann der Erste Weltkrieg, deshalb konnte die 3. Friedenauer Gemeindeschule in den für sie geplanten Bau zunächst nicht einziehen, da das Haus jetzt als Reserve-Lazarett für verwundete Soldaten und Kriegsopfer verwendet wurde. Erst im März 1919 war an eine Aufnahme des Schulbetriebs sowie die Inbetriebnahme des Festsaales zu denken. Ein ähnliches Schicksal erlitt das Gebäude auch im und nach dem 2. Weltkrieg. Es wurde vom deutschen Militär und nach der Kapitulation erst von russischen und dann von amerikanischen Besatzungstruppen genutzt.

Das Schulgebäude kam ohne gravierende Schäden durch die Bombardements des 2. Weltkrieges, so dass der äußere und innere Zustand bis heute im wesentlichen unverändert geblieben ist. Besonders im Innern erfreuen keramische Trinkbrunnen, Wandfliesen und Keramikpfeiler, alle von Richard Kuöhl, den Betrachter. Bald nach dem Auszug der alliierten Soldaten, am 15. April 1947, wurde es als 16. Volksschule mit über 1000 Schülern (514 Mädchen und 509 Jungen) und (nur) 6 Lehrkräften wiedereröffnet.

In den 50er Jahren wurde der ausgedehnte Gebäudekomplex auf zwei Schulen unterschiedlichen Zweiges aufgeteilt: Am 24. Juni 1951 zog die Friedrich-Bergius-Oberschule (Oberschule technischen Zweiges, heute Realschule) in den hinteren Gebäudeteil ein, den vorderen an der Offenbacher Straße bezog die 16. Grundschule. Es ist für Altmanns Planung bezeichnend, dass sich das Gebäude ohne Umbauten dieser neuen Nutzung zuführen ließ, da er, Bezug nehmend auf die Nutzung als Knaben- und Mädchenschule, von vornherein zwei (durch einen brückenartigen Übergang mit Dachterrasse) verbundene Gebäudeteile vorgesehen hatte.

Die 16. Grundschule wurde am 22. Oktober 1956 umbenannt und trägt seitdem ihren heutigen Namen Ruppin-Grundschule. Die Friedrich-Bergius-Oberschule zog am 1. April 1959 in ihr heutiges Gebäude (das ehemalige Friedenauer Gymnasium) am Perelsplatz um und machte Platz für die 5. OPZ (Oberschule Praktischen Zweiges, heute Hauptschule). Diese Schule bekam später ihren heutigen Namen Bobertal-Oberschule. Im Zuge der Reform des Berliner Schulwesens wird 2009 nur noch die Ruppin-Grundschule das gesamte Gebäude nutzen. Wie schon zu Hans Altmanns Zeiten dient der Sportplatz außerhalb der Schulzeit auch Sportvereinen, die die ehemalige Turngerätehalle als Sport Casino nutzen.

7 Friedhof der Gemeinde Friedenau in Gütergotz

Bis zum Jahre 1881 gab es in Friedenau keinen Friedhof. Die Toten wurden im Nachbarort Deutsch-Wilmersdorf beigesetzt. Als dort die Bestattung von Ortsfremden nicht mehr gestattet wurde, bestimmte die Gemeinde die für den geplanten Hamburger Platz freigelassene Fläche (heute Südwestkorso / Ecke Stubenrauchstraße) zum Gemeindefriedhof. Dieser war allerdings bald überfüllt, so dass in den Jahren 1909 und 1913 der Ankauf einer Fläche von 13,07 Hektar in der Gemarkung Gütergotz (heute Güterfelde) für eine weitere Bestattungsfläche beschlossen wurde. Die Planung dieser Neuanlage oblag dem Gemeindebaurat Hans Altmann.

Hinter dem Haupttor an der Straße von Stahnsdorf nach Potsdam, mit eisernen Kandelabern auf mit Keramikfiguren verzierten Pfeilern, öffnet sich ein halbkreisförmiger Platz. An seinen Flanken stehen zwei markante Klinkerbauten von Altmann: Rechts das stattliche Verwaltungsgebäude mit halbrundem Mittelbau sowie zahlreichen keramischen Dekorationen und einem Volutengiebel auf der Rückseite. Es ähnelt dem Palais Stolberg in der Wilhelmstraße, das den Erstentwurf Altmanns für das Königlich Preußische Staatsministerium beeinflusste. Links das bescheidene Wohnhaus für den Friehofsgärtner mit der verglasten Holzlaubenkonstruktion für den Blumenladen.

Vom Eingangsplatz aus führt der Hauptweg vorbei an repräsentativen Erbbegräbnissen zur überaus großen Kapelle auf ovalem Platz, von dem aus alle anderen Wege zu eher unauffälligen Gräbern hinführen. Die Gesamtanlage mit ihrem unregelmäßigen Grundriss, den im Halbrund geschwungenen Wegen und dem zentralen, ovalen Platz (vgl. Friedrich-Willhelm-Platz) hat viel mit dem Friedenauer Ortsgrundriss gemein.

Die Friedhofskapelle ist ein origineller Klinkerbau mit zwei eingeschossigen Rundtürmen an der Fassade. Zwischen den Türmen erstreckt sich eine Vorhalle, die ein mit Keramikelementen verziertes Portal enthält. Einen ebenfalls einstöckigen querhausartigen Anbau zieren zwei barocke Volutengiebel, diese gleichen dem Giebel auf der Rückseite des Verwaltungsgebäudes, ebenso wie die Rückansicht der Kirche der Fassade des Verwaltungsbaus gleicht.

In Gütergotz wie auf dem Gemeindefriedhof in der Stubenrauchstraße werden vom Architekten Formen zitiert, die sich zwischen Historismus, Jugendstil und Moderne bewegen, die aber, und das macht die Qualität aus, frei verwendet und auf sehr individuelle Weise kombiniert werden. Noch typischer für die Kunst dieses Architekten ist aber sein Bestreben, diesen Friedhof zu etwas Besonderem für die Friedenauer Bürger zu machen. Wo der Friedhof nun schon so weit außerhalb der Stadt lag, sollte er auch etwas von der Schönheit der märkischen Landschaft vermitteln und den Trauernden dadurch Trost spenden, im „Garten Gottes“ die Toten zu besuchen. Bei der Verwendung des Typus „Waldfriedhof“ ist Altmann ganz auf der Höhe der modernen Bestrebungen seiner Zeit, der überkommenen Bauaufgabe „Friedhof“ neue Aspekte hinzuzufügen. Er knüpft hier an den 1907 eingeweihten Waldfriedhof München von Prof. Hans Grässel, den ersten seiner Art und an den 1914 eingeweihten Waldfriedhof Darmstadt von August Buxbaum an, der auch bereits ein Kolumbarium wie in der Stubenrauchstraße enthielt.

Auch die ausgiebige Berücksichtigung rein praktischer Überlegungen ist für Altmann typisch. Hier ist es sowohl die gleich am Eingang gelegene Blumenverkaufshalle mit einer einliegenden Wohnung für den Floristen wie auch die ausgedehnte, später sogar noch erweiterte Friedhofsgärtnerei, mit großem Gewächshaus, die auch für die Versorgung der Friedenauer Grünanlagen zuständig war.

Mit der Bildung von Groß-Berlin im Jahre 1920 und der Eingliederung Friedenaus in den Stadtbezirk Schöneberg wurde aus dem Friedenauer Gemeindefriedhof in Gütergotz der „Waldfriedhof Schöneberg“ und 1935 der „Wilmersdorfer Waldfriedhof Güterfelde“.

8 Rathaus Friedenau

Die von dem Hamburger Bauspekulanten Wilhelm Carstenn 1865 gegründete Villenkolonie Friedenau war schon 1874 zur selbstständigen Landgemeinde erhoben worden und entwickelte sich außerordentlich dynamisch. Die anfängliche Idee der reinen Landhausbebauung wurde bald zugunsten der Errichtung mehrgeschossiger Mietshäuser aufgegeben, was zu einem starken Bevölkerungsanstieg nach der Jahrhundertwende führte. Der Prozess der Umorientierung verlief nicht ohne Probleme, wie die wenigen jetzt noch erhaltenen Villen, die zwischen hohen Mietshäusern eingeklemmt stehen, bezeugen. Durch den Zuwachs gab es schon frühzeitig (1902) den Wunsch nach einem eigenen Verwaltungsgebäude für die Friedenauer Gemeindevertretung. Zunächst musste dieser Wunsch zugunsten nahe liegender Projekte wie denen eines Elektrizitätswerks und der Schulbauten zurück gestellt werden.

Seit 1906 war der vorher in Berlin als Regierungsbaumeister tätige Architekt Hans Altmann Leiter der Bauabteilung der Gemeinde Friedenau. Er nahm sich also zunächst der Projekte der Schulbauten, des Pfarrgemeindehauses und der Friedhofserweiterung an, bis der Bevölkerungsanstieg von 16.900 auf 34.000 Einwohner die Rathausplanung weiter forcierte. Sie gestaltete sich nicht einfach, da allein die Diskussion über den geeigneten Bauplatz 5 Jahre in Anspruch nahm. 1906 wurde ein vom Geheimrat J. Hertel der Gemeinde überlassenes Grundstück am Wilmersdorfer Platz (heute Renée-Sintenis-Platz) als Platz für das Rathaus favorisiert. Für dieses waren drei Straßenfronten am Platz vorgesehen, es sollte neben seinen normalen Funktionen einen Ratskeller, die Bürgermeisterwohnung und die Feuer- und Sanitätswache beherbergen. Die Planung sah auch die Errichtung eines Schwimmbades neben dem Rathaus vor.

1906 wurde ein „Preisausschreiben an die Architekten Deutschlands zur Erlangung eines Entwurfes für den Rathausbau am Wilmersdorfer Platz“ veröffentlicht, brachte jedoch kein im Sinne der Gemeindevertreter akzeptables Ergebnis, denn alle 96 eingelieferten Entwürfe überschritten die vorgegebene Baukostensumme erheblich. Deshalb wurde der Gemeindebaurat beauftragt, seinerseits Entwürfe zu fertigen. Von seinen drei Vorschlägen mit unterschiedlichen Lösungen wählte der Gemeinderat einen aus. In großer Eile erarbeitete Altmann baureife Pläne und Kostenvoranschläge, dennoch wurde die Ausführung wegen der vordringlichen Schulbauten von der Gemeindevertretung erneut vertagt.

1911, nach der Wiederaufnahme des Projekts, flackerte die Diskussion über den geeigneten Bauplatz erst einmal wieder auf. In der Hand der Gemeinde befand sich jetzt ein größeres Grundstück, direkt am Marktplatz (heute Breslauer Platz), das jedoch vom Friedenauer Haus- und Grundbesitzerverein wegen des hohen Kaufpreises als nicht geeignet angesehen wurde. Trotz dieser Einwände beschloss die Gemeindevertretung den Bau am neuen (dem jetzigen) Standort, der zentral am Marktplatz und auch an der Hauptverkehrsstraße Friedenaus gelegen war. Die städtebaulichen Vorteile, sowie die Ausrichtung des Gebäudes auf für die Belichtung der Büroräume günstige Himmelsrichtungen, gaben den Ausschlag für die Zustimmung der Gemeindevertreter. Ohne Wettbewerb wurde wiederum der Gemeindebaurat mit der Planung beauftragt.

Diese gestaltete sich schwierig: Das Grundstück reichte für Altmanns Raumprogramm bei weitem nicht aus. Deshalb mussten zunächst zwei Landhäuser der Erstbebauung Friedenaus abgebrochen und außerdem ein Teil des Straßengeländes bis zu 12 Meter Tiefe durch Änderung der Baufluchtlinien zum Baugrundstück hinzugeschlagen werden. Auch mussten verschiedene Dispense zur Abweichung von der geltenden Bauordnung beantragt werden. Die erlaubte Gebäudehöhe sollte um ein Geschoss überschritten und das Kellergeschoss vollständig zur Anlegung des Ratskellers und zu Wohnzwecken genutzt werden. Die Erwirkung von Dispensen wurde zu einem Kennzeichen Altmannscher Planungen, er entwickelte eine hartnäckige Haltung gegenüber den Behörden und eine ausgefeilte, meistens an sozialen Gesichtspunkten orientierte Argumentation dafür.

Durch den Dispens konnte das Raumprogramm wesentlich erweitert werden: Neben Diensträumen für 165 Beamte und Dienstwohnungen von Unterbeamten, der Wohnung für den Bürgermeister, der Feuer- und Sanitätswache und dem Ratskeller sollte jetzt auch ein Bürgerfestsaal Bestandteil des Rathauses werden. Seine Räumlichkeiten waren so angeordnet, dass man sie ohne Störung des Geschäftsbetriebes im Haupttrakt benutzen konnte. Außerdem sollte die Gemeindesparkasse Platz im Rathaus finden. Die knifflige Aufgabe, öffentliche und amtliche Nutzung einerseits zu verzahnen, andererseits störungsfrei zu trennen, war so recht nach Hans Altmanns Geschmack.

Am 25. Juni 1913 erteilte der Bezirksausschuss in Potsdam die Genehmigung für das Projekt, so dass Altmanns Planung endlich in Auftrag gegeben werden konnte. Der Friedenauer Lokalanzeiger vom 19.10.1913 lobte den Entwurf, trüge er doch „allen Anforderungen Rechnung, die an ein großstädtisches und modernes Rathaus in Bezug auf Licht und Luft, Anordnung und Ausdehnung der Räume gestellt werden müssen“. Am 18. Oktober 1913 erfolgte die Grundsteinlegung.

Der erste Weltkrieg hatte trotz kurzfristiger Stilllegung der Baustelle nur wenige Auswirkungen auf den Baufortschritt, so dass schon am 1. 10. 1915 die Gemeindevertretung mit einzelnen Büros in den noch nicht ganz fertigen Rathausneubau übersiedelte. Die Bauarbeiten gingen jedoch weiter; nach und nach wurden Ratskeller und Turm (1915), der nachträglich hinzukommende Dachausbau (1917) und die Sparkassenräume fertiggestellt. Der Einbau eines im Bauprogramm vorgesehenen Paternosters unterblieb aus Kostengründen, denn die Baukosten betrugen auch so schon 1,66 Millionen Reichsmark.

Altmanns Bau zeigte starke plastische Gestaltung durch vielfältige Vor- und Rücksprünge, an der Südostecke, zur Rheinstraße hin, wurde der 71 Meter hohe Rathausturm als weithin sichtbarer Blickpunkt platziert. Über dem mit Naturstein verkleideten und mit einem kräftigen Gesims abschließenden Sockel- und Erdgeschoss erhoben sich verputzte Fassaden, versehen mit reichem plastischem Bauschmuck, wiederum aus Werkstein. Die Schmuckformen waren im Vergleich zu seinen anderen Bauten noch recht uneinheitlich und setzen sich aus solchen des herrschenden Zeitgeschmacks und Reminiszenzen an historische Stilformen – Dorische Säulen, Barock und Renaissance – zusammen.

Die bauplastische Gestaltung übertrug Altmann wiederum dem Bildhauer Bernhard Butzke, der bereits die 3. Gemeindeschule mit Figurenschmuck und Ornamentik ausgestattet hatte. Butzkes plastische Werke wurden an exponierten Stellen wie Eingängen oder Toreinfahrten angebracht, wo Affen oder Putti mit entsprechenden Attributen in witziger Form auf die dahinter befindlichen Funktionsräume hinwiesen. Köpfe berühmter Deutscher (Bismarck, Hindenburg, Goethe u.a.) zierten Fenster im 2. Obergeschoss des Flügelbaus. An den zum Innenhof weisenden Fronten ließ Altmann wieder die von ihm geschätzten keramischen Schmuck- und Gliederungselemente einbauen. Auch das Gebäudeinnere gestaltete er unter Verwendung verschiedener Materialien opulent, besonders Hallen, Haupttreppenhaus, Sitzungssaal und Amtszimmer des Bürgermeisters. Hervorzuheben sind Anlage und Gestaltung des prächtigen säulenreichen Ratskellers und des stattlichen Festsaals mit seinem Wappenschmuck von Bernhard Butzke.

Der Vierflügelbau war der letzte Rathausbau des Kaiserreiches. Durch die Schaffung der Gesamtgemeinde Groß-Berlin 1920 gingen 6 selbstständige Städte und 59 Landgemeinden in Berlin auf und benötigten keine eigenen Rathäuser mehr. Das Rathaus Friedenau wurde aber weiterhin als Verwaltungsgebäude genutzt. In den letzten Tagen des 2. Weltkrieges brannte es in seinem Hauptteil zum Breslauer Platz hin vollständig aus: Das Eisenbinderdach stürzte ein, die Geschossdecken wurden teilweise zerstört. Lediglich die Außenwände, ein Teil der inneren Eisenfachwerkkonstruktion und die Treppenanlage am Hofvorbau blieben erhalten. Die hinteren Bauteile mit Bürgersaal und den beiden Nebensälen blieben glücklicherweise relativ unbeschädigt und dienten bereits 1945 für eine Opernaufführung. Noch bis 1950 wurde jedoch der Wiederaufbau des Rathauses aus Kostengründen in Frage gestellt. Der Beschluss zur Wiederherstellung beinhaltete dann leider die schon genannte „Vereinfachung“ der Fassade, obwohl große Teile davon noch erhalten waren.

Der Blick auf die Fassade von 1915 zeigt, wie sehr das Erscheinungsbild durch den „vereinfachenden“ Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg gelitten hat. Die Frontseite zum jetzigen Breslauer Platz hat durch die beiden Runderker und das hohe Walmdach in der Breite stimmige Proportionen, der hohe rundbogige Giebel betont die Wichtigkeit des Gebäudes. Die heutige Ansicht dagegen wirkt durch den Verzicht auf Erker und Giebel in den Höhen und Breitenverhältnissen gestört und durch den Mangel an Bauschmuck im Vergleich zu den erhaltenen Teilen banal.

Kein Wunder, dass sich Hans Altmann nach 1945 gegen diese Verschandelung eines seiner Hauptwerke wehrte! Seine Klage gegen die Stadt Berlin sollte verhindern, dass die Einheit des Gebäudes als Kunstwerk durch die Senatspläne zerstört würde. Mit dem Hinweis auf die Kosten einer Rekonstruktion und auf die Notwendigkeit einer Modernisierung konnten Altmanns Forderungen abgebogen werden. Man einigte sich auf einen Vergleich, in dem Altmann bei der Bauausführung nach den Entwürfen der Senatsbauverwaltung beratend hinzugezogen würde, was aber nicht umgesetzt wurde.
Die malerische Vielgestaltigkeit des Rathauses zeigt sich heute noch an den Seitenfassaden: Auf der Seite zur Lauterstraße existieren noch die, jetzt nicht mehr benötigten, Portale der Feuerwache und Teile des Bauschmucks, an der Rheinstraße sind sowohl Aufbau und Gliederung, als auch der einst das ganze Gebäude bedeckende üppige Bauschmuck erhalten geblieben. Neben dem Runderker mit Turmhelm und den dorischen Kolonnaden findet sich über der Toreinfahrt zum kleinen Innenhof die Porträtbüste des Erbauers Hans Altmann mit den Jahreszahlen von der Aufnahme der Bauarbeiten bis zur Vollendung des Gesamtkomplexes.

9 Kolumbarium auf dem Friedhof Friedenau

Erst im Jahre 1881 legte die Gemeinde Friedenau ihren eigenen Friedhof in der Stubenrauchstraße an. Man wählte eine freie Fläche am Hamburger Platz (heute Südwestkorso/Ecke Stubenrauchstraße). Diese Fläche war noch unbebaut, weil hier nach den alten Plänen des Koloniegründers Carstenn (1822-1986) ein Park als westliches Gegenstück zum Maybachplatz (heute Perelsplatz) angelegt werden sollte. Auf diesem stand der Sintflutbrunnen von Paul Aichele, der sich heute auf dem Perelsplatz befindet.

Gegen den Friedhof gab es Proteste der Hauseigentümer sowie des Friedenauer Bauvereins, denn diese fürchteten, die Grundstücke würden durch den Friedhof an Wert verlieren. Der Gemeinderat setzte sich jedoch durch und legte den Friedhof an, auf dem sich heute berühmte Gräber von Marlene Dietrich, Helmut Newton und Ferruccio Busoni befinden. Im Jahre 1888 wurden die Friedhofskapelle und die Leichenhalle gebaut.

Der Gemeindefriedhof war schon bald überfüllt, so dass die Gemeinde ein neues Grundstück außerhalb Berlins kaufen musste. Hans Altmann legte nicht nur den neuen Gütergotzer Waldfriedhof an, sondern gestaltete auch den alten Friedhof um. Zusammen mit dem Bau der III. Gemeindeschule und dem Sportplatz mit seinem Funktionsgebäude bildete das neue Kolumbarium ein ungemein beeindruckendes, mit Keramikelementen verziertes Gebäudeensemble. Während sich Sportplatz und Schule der Offenbacher und Laubacher Straße zuwenden, ist das Kolumbarium auf die entgegengesetzte Seite, zur Fehlerstaße hin ausgerichtet und begrenzt mit seiner Rückseite den Sportplatz.

Das Kolumbarium von 1914-16 ist eine Urnenhalle, die mit Nischen in den Wänden als Abstellmöglichkeit für die Urnen versehen ist. Mit seinem überkuppelten Rundturm im Zentrum bildet es einen point de vue für die ostwestlich zum Eingang an der Fehlerstraße ausgerichtete Hauptachse. Es war eines der ersten auf Berliner Friedhöfen errichteten Gebäude dieser Art und besteht aus einem Unter- und Erdgeschoß. Das Erdgeschoß ist zu der Friedhofseite hin offen, das Untergeschoss ist durch Treppen, die in den Räumen neben dem Rundturm liegen, erreichbar. Die Nischen für die Urnen sind überreich mit Keramikelementen dekoriert.

Die Zuordnung dieses überaus bedeutenden Bauwerks zu einem bestimmten Künstler bleibt etwas im Unklaren. Die, wie alle Altmann-Entwürfe, akkurat gezeichneten Baupläne weisen im Gegensatz zu den anderen Altmann-Zeichnungen keine Signatur auf, nur Altmanns Stempel für die Prüfung des Entwurfs. In einem angehängten Formblatt ist in die Rubrik „Entwurf“ handschriftlich „Arch. Scherler“ eingetragen. Da das Kolumbarium deutlich erkennbar Altmanns Handschrift aufweist, er als Gemeindebaurat auch die Gesamtleitung des Projekts inne hatte, liegt die Vermutung nahe, dass er wegen seiner Funktion als beamteter Prüfer des Entwurfs nicht dem Vorwurf ausgesetzt sein wollte, seinen eigenen Entwurf zu begünstigen. So verzichtete er auf die Signatur und überließ sie Scherler, der vielleicht der Bauleiter des Projekts war, denn Altmann war für diese Funktion viel zu überlastet.

Es gibt zwei Friedhofseingänge, einer nördlich an der Fehlerstraße der andere östlich an der Stubenrauchstraße. Ein hohes dreiteiliges Mauerwerktor von 1912 mit Rundbogendurchfahrt und spitzem Giebel sowie schmiedeeisernen Türflügeln bildet hier einen Blickfang für die Hauptachse des Friedhofs. Den Kreuzungsmittelpunkt des mit einem Doppelwegekreuz angelegten nordöstlichen Friedhofsteils schmückt ein in expressionistischen Formen errichteter Brunnen aus Klinkermauerwerk, der von zwei Trauerbuchen gerahmt wird.

Altmanns Arbeiten sollten die Schließung des Friedhofs und die Anlage des ursprünglich an seiner Stelle geplanten Schmuckplatzes (Hamburger Platz) doch noch ermöglichen. Diese Pläne konnten jedoch nicht realisiert werden, stattdessen wurden die Reihengräber ebenfalls in Urnenstellen umgewandelt und weitere Belegungen vorgenommen. So weist der Friedhof trotz der veränderten Gräberflächen heute noch weitgehend die Struktur von 1881 – 1920 auf.

10 Die Askania Werke

Die Askania Werke AG gingen aus einer Manufaktur hervor, die Carl Bamberg, Sohn eines Uhrmachers und Zögling von Carl Zeiss, 1871 in der Linienstraße 158 in Berlin gegründet hatte. Er stellte dort hochwertige feinmechanische und optische Präzisionsgeräte für Marine, Observatorien, Forschung und Expeditionen her. Das Unternehmen war konkurrenzlos in Berlin und expandierte rasant, weshalb Carl Bamberg die Zentrale 1888 aus dem Zentrum Berlins in einen Vorort verlegte. Das vergrößerte Fabrikgelände entstand nun in der aufstrebenden Landgemeinde Friedenau, in der damaligen Kaiserallee 39 (heute Bundesallee 86 – 88). Nach Fertigstellung beherbergte es die Hauptverwaltung, Entwicklungslabors und Produktionsstätten zum Bau von wissenschaftlichen Geräten, Einzeloptik, und optischen Prüfgeräten. Ein Meisterwerk unter den astronomischen Geräten der Firma war der Bamberg-Refraktor, ein 12-Zoll Fernrohr, das Carl Bamberg 1889 für die Berliner Urania fertigte und das den Ruhm des Unternehmens begründete. Es ist heute noch in der Kuppel der Wilhelm-Foerster-Sternwarte in Berlin in Betrieb.

Bamberg starb 1892 im Alter von nur 44 Jahren und wurde auf dem Gemeindefriedhof Friedenau in der Stubenrauchstraße 43–45 bestattet, wo sich bis heute sein „Ehrengrab der Stadt Berlin“ befindet. Die Firma wurde zunächst von seiner Witwe Emma weitergeführt, bis 1904 der Sohn Paul Adolf Bamberg (1874-1946) die Leitung übernahm. 1912 trat Bambergs Neffe Max Roux (1886-1946) in die Geschäftsleitung ein und spezialisierte das Unternehmen auf Präzisionsgeräte für die Rüstungsbranche. Das Produktionsprogramm zum Kriegsbeginn 1914 umfasste U-Boot-Kompasse, Entfernungsmesser, Visiereinrichtungen, Druckmesser mit Fernübertragung für Fesselballone, Kinoaufnahmegeräte und geophysikalische Geräte. Aus 65 Gehilfen wurden in 4 Kriegsjahren 750 Arbeiter. Die Marine ließ auch nach dem Krieg alle Aufträge, die sie bis zum Kriegsende erteilt hatte, ausführen und rettete das Unternehmen dadurch vor dem Konkurs.

Mit den Umsatzgewinnen des Krieges wurden am alten Standort Berlin-Friedenau neue Fabrikgebäude in drei Etagen für Werkstätten und Konstruktionsbüros geschaffen. Max Roux berief 1918 Hans Altmann zum „Hausarchitekten“, der in einem Zeitraum von fast 25 Jahren alle Bauaufgaben der ständig weiter wachsenden Firma übernahm. Gleich 1918 begann Altmann mit dem Bau der neuen Fabrikgebäude. Die gediegene Architektur setzte die Tradition fort, die er als Gemeindebaurat in Friedenau begonnen hatte: Anknüpfend an die Klinkerbauten der 3. Gemeindeschule, der Urnenhalle und des Güterfelder Waldfriedhofs schuf er für den neuen Auftraggeber moderne, funktionale Industriearchitektur aus Klinkern mit reichem keramischem Schmuck. Die Gebäude sind als Stahlbetonkonstruktion mit außen liegendem Vollmauerwerk und einer Stahlbetonstützenreihe in der Gebäudemitte ausgeführt. Die Straßenfront aus dem Jahr 1918 ziert eine aufwändig gestaltete Backsteinfassade mit expressionistischen Elementen.

Nach der Fusion mit zwei weiteren Unternehmen nahmen die optischen Werke Carl Bamberg 1921 den Namen Askania Werke AG an und gründeten Zweigwerke in Dessau, Berlin-Mariendorf, -Steglitz und -Friedrichshagen. Das Zweigwerk in Mariendorf wurde 1938 – 1941 ebenfalls komplett von Hans Altmann erbaut. Ausschließliches Ziel der Askania-Produktion war nun die Herstellung feinmechanischer Präzisionsgeräte für militärische Zwecke. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Friedenauer Werk als „Waffenschmiede“ zunächst von den Alliierten besetzt, nahm jedoch bald die Produktion wieder auf. Diese konnte sich allerdings nie mehr mit der vor dem Krieg vergleichen. Seit 1960 ging die Firma in der „Continental Elektroindustrie AG“ auf, einer Zusammenfassung von Tochtergesellschaften der „Deutschen Continental Gasgesellschaft“ und stellte 1971 den Betrieb ganz ein. 2006 erfolgte die Neugründung des Unternehmens als Uhrenfabrik Askania AG in der Friedenauer Roennebergstraße 3a, unweit des alten Stammhauses in der Bundesallee. Hier werden hochwertige mechanische Armbanduhren nach klassischen Vorlagen gefertigt. In den Ausstellungsräumen der Uhrenmanufaktur kann man die vielfältigen technischen Geräte der langen Firmengeschichte besichtigen.

Wie modern und funktional Altmanns Bauten waren, wird schon daraus ersichtlich, dass sie ohne gravierende Umbauten mehrere Umnutzungen im Laufe der Jahrzehnte überstanden. Das Grundstück Bundesallee 86–88 ist heute ein großer Gewerbehof, der vor einigen Jahren nach Vorgaben des Denkmalschutzes saniert wurde. Dabei wurde über dem Haupteingang der Schriftzug Askania-Höfe angebracht. Auf dem Grundstück sind die unterschiedlichsten Gewerbe ansässig, u.a. ein Dentallabor, ein Bauingenieurbüro und ein großes Softwareunternehmen. Im Erdgeschoss befand sich lange Zeit ein stadtbekanntes Spezialgeschäft für Outdoorzubehör, heute existiert dort ein großer Biosupermarkt.

Die stilistische Entwicklung der Altmann-Bauten kann man auf dem Komplex an der Bundesallee sehr gut verfolgen:
Die Gebäude von 1918 sind bereits in ihrer Struktur „moderne“ Gebäude (klinkerverblendete Stahlbetonkonstruktion), zeigen aber noch deutlich die Intention des Architekten, Funktionalität im Innern mit einer künstlerisch gestalteten Fassade (hier im Stil des Backsteinexpressionismus) zu verbinden. Der Erweiterungsbau von 1934/35 direkt daneben passt sich dem Altbau in Form und Material hervorragend an, verzichtet aber auf jeglichen dekorativen Schmuck. Das Laborgebäude in der Stubenrauchstr. 72 von 1935/36 ist ein reiner Putzbau, allerdings mit Keramikbändern als Fensterumrahmung und einer keramikverkleideten Eingangszone.

Im Innenhof offenbaren die Rasterfassade und der alle Stockwerke übergreifende Fahrstuhlschacht, dass Altmann jetzt, im Jahre 1936/37, ganz im Stil der klassischen Moderne baut.

11 Badeanstalt der Allgemeinen Ortskrankenkasse

Auf dem Grundstück Rheinstraße 9 hatte der Architekt und Zimmermeister Haustein 1899 ein viergeschossiges Wohnhaus mit zwei Seitenflügeln nach eigenem Entwurf erbaut. Ab 1918 war die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) Schöneberg Hauptmieter des Gebäudes. Sie unterhielt im ersten Obergeschoss des Vorderhauses und im linken Seitenflügel ihre Geschäftsstelle, im rechten Seitenflügel gab es Räumlichkeiten für ärztliche Versorgung, Untersuchungszimmer und eine Zahnklinik. Im Erdgeschoss dieses Bauteils wurde 1919 auch noch eine medizinische Badeanstalt eingerichtet. Die räumlichen Verhältnisse waren dadurch derart beengt, dass die Patienten, die eine Badeverordnung hatten, im Treppenhaus warteten und sich im Ruheraum des Bades umzogen. Die AOK wandte sich deshalb an den ehemaligen Gemeindebaurat Altmann, um bei der Baubehörde einen Anbau an den Seitenflügel und insbesondere den Dispens von der Bauordnung (wegen zu dichter Bebauung des Hofes) zu erreichen. Der Dispens wurde aus sozialen Gründen erteilt mit der Auflage, dass das Gebäude nur maximal 7,50 m hoch sein dürfe und nach Beendigung der Nutzung als Bad wieder abgerissen werden müsse.

Altmann reichte also den Entwurf für einen Ziegelbau in den geforderten Dimensionen ein und erbat einen weiteren Dispens zur Errichtung eines sich nur ca. 1m über dem Hofniveau erhebenden Kellergebäudes, das die Schwefelbäder aufnehmen sollte, die man wegen Geruchsbelästigung und der Dämpfe nicht im Anbau unterbringen könne. Erstaunlicherweise wurde auch diese Genehmigung erteilt und so entstand im Jahre 1924/25 ein sehr schlichter, niedriger Bau im Stil der Fabrikarchitektur, aus beständigem Material (Klinkern) und mit sparsamem Bauschmuck (Gesimse unter den Fensterbänken, die den Anschluss an die wesentlich höheren Geschosse des Seitenflügels herstellten). Davor, in der Mitte des Hofes, stand das durch Oberlichtfenster aus Glasbausteinen und niedrige seitliche Fenster belichtete Kellergebäude für die Schwefelbäder. Wegen der vorgeschriebenen Höhe von nur 7,5 m führte Altmann die Decke des Obergeschosses als Gewölbe aus und legte darauf das sehr flache Pultdach, um nicht noch mehr nutzbaren Raum durch einen hohen Dachstuhl zu verlieren.

Schnitt durch das Badehaus, links das Schwefelbad im Keller mit den keramikverkleideten Pfeilern, rechts der zweistöckige Anbau an den Seitenflügel von Rheinstr. 9 mit gewölbtem Obergeschoss und geknicktem Pultdach

Überraschenderweise erhielt das Innere des unscheinbaren Gebäudes – das übrigens nur durch die einschränkenden behördlichen Auflagen so geworden war – eine aufwändige Ausstattung mit verschiedenfarbigen Kacheln, die mit reich ornamentierten, vielfarbigen Borten und Gesimsen aus Keramik eingefasst waren. Im Erdgeschoss waren jetzt Warteraum, Ruheraum, Liegesaal und ein Raum für die Anwendung medizinischer Bäder untergebracht. Die Wände dieser Räume waren mit altweißen und dunkelblauen Fliesen verkleidet. Der Gewölberaum im Obergeschoss, ausgestattet mit grünen Fliesen, diente für „elektrische Behandlungen“.

Die Schwefelbäder im Keller waren gelb gefliest und enthielten zwei prächtige, mit Art-Deco-Keramik verkleidete Pfeiler. Lüftungsgitter aus glasiertem Steingut mit floralen Ornamenten, farbige Bleiglasfenster und Deckenmalereien mit maritimen Motiven bereicherten außerdem das Erscheinungsbild. Hier wird wieder Hans Altmanns Auffassung von Architektur deutlich, die in erster Linie dem Menschen nutzen, aber auch ästhetischen Ansprüchen genügen sollte. Es ehrt den Architekten, dass er gerade in einem unprätentiösen, im Hinterhof liegenden Bauwerk, das der finanziell minder bemittelten Bevölkerung diente, auf diesen ästhetischen Anspruch nicht verzichten wollte.

Die AOK nutzte die Räumlichkeiten in der Rheinstr. 9 von 1925 bis 1933. Die „Gleichschaltung“ der Nazis erfasste auch die Ortskrankenkassen, deshalb wurde dieser Standort aufgegeben und das Gebäude wieder zu reinen Wohnzwecken genutzt. Obwohl der Anbau mit dem Bad jetzt leer stand, erfolgte der für diesen Fall eigentlich vorgeschriebene Abriss jedoch nicht. Es dauerte bis 1942, bis in dem Bad – durch den Ingenieur Moldenhauer, der auch die Saunaöfen vertrieb – eine finnische Sauna eröffnet wurde. Das führte zu diversen Umbauten und der Umorganisation der Räume, was die Altmannsche Inneneinrichtung stark in Mitleidenschaft zog. Zwischenwände teilten das Badehaus in Empfangsraum, Büro, Personalraum, Umkleide-und Saunaräume, Dusche, Massage- und Ruheraum.

Moldenhauers Witwe betrieb die Sauna nach dem Krieg weiter bis 1960. Sie und die folgenden Betreiber investierten nichts in die Sanierung, verschandelten die Räume aber weiter durch Verschalung der Wände mit Holzpaneelen, was sich verheerend auf die Wandkeramiken auswirkte. Die meisten Schäden entstanden jedoch durch die mangelnde Dichtigkeit des Kellers. In den letzten Jahren stand die Badeanstalt leer. Heute steht das Ensemble unter Denkmalschutz, harrt aber noch der Renovierung und einer angemessenen Nutzung.

12 Bedürfnisanstalt, Kiosk

Hans Altmann war sich nicht zu schade, auch kleine, unspektakuläre Gebäude für das Allgemeinwohl zu errichten. Es waren dies in Friedenau eine Bedürfnisanstalt auf dem Maybachplatz (heute Perelsplatz), die 1909 als sein zweites Werk als Gemeindebaurat entstand und ein Kiosk mit Bedürfnisanstalt von 1920 am Südwestkorso.

Friedenau Kiosk Perelsplatz
Friedenau Kiosk Perelsplatz

Kioske waren für viele Stadtarchitekten in Wien, Paris, Palermo und anderen Städten eine reizvolle Bauaufgabe und wir finden viele schöne Exemplare, besonders im Jugendstil, in diesen und anderen Städten Europas. Zwei gute Beispiele für solche „Stadtmöbel“ lieferte auch Hans Altmann. Sie zeigen exemplarisch Altmanns künstlerische Entwicklung.

Der Fachwerkbau von 1909, eine am Rand des parkartigen Platzes unscheinbar liegende Bedürfnisanstalt, folgt in Form und Material ganz dem Zeitgeschmack der Jahrhundertwende, auch Anklänge an den Jugendstil finden sich in der Ornamentik der Fenster und Türen, sowie in der geschwungenen Dachform. Das kleine Gebäude wirkt so malerisch, dass man es nach seiner Entwidmung als Toilette jetzt als Café nutzt.

Kiosk Südwestkorso in ursprünglicher Nutzung

Das Gebäude am Südwestkorso ist ein Mehrzweckbau, der an der Straßenseite als Kiosk und an der Rückseite, die an eine kleine Grünfläche grenzt, dezent als Bedürfnisanstalt ausgebildet war. Das Klinkergebäude von 1920 ist ein typischer Altmannbau, ganz der Funktion verpflichtet, auf engstem Raum völlig unterschiedliche Nutzungen zu beherbergen. Die geschwungene Dachgaube dient dazu, den Kioskraum möglichst nahe an die Straßenfront zu rücken und auf der Rückseite genügend Platz für die Damen- und Herrentoilette und den Raum für die Wärterin zu lassen. Rechts und links vom Kiosk befindet sich je eine Tür, die sich zu einer Telefonzelle und einer Gerätekammer öffnet. Auf der Mitte des Daches steht ein Schornstein, der darauf hindeutet, dass Toilette und Kiosk heizbar waren. Trotz der Betonung der Funktionalität bleibt bei Altmann aber auch immer noch Raum für künstlerische Ausgestaltung: Die geschwungene Dachform, die dem Gebäude das interessante Aussehen verleiht, lehnt sich an die Form des Jugendstilbaus von 1909 an.

Friedenau Kiosk Südwestkorso
Friedenau Kiosk Südwestkorso nach denkmalgerechter Sanierung

Eine Kuriosität ist der folgende Artikel aus der „Bauwelt“ von 1921 über diese beiden Bauten von Hans Altmann, in dem das „Problem“ der Bedürfnisanstalten noch ganz unter dem Aspekt der Wilhelminischen Moralbegriffe abgehandelt wird:

Städtische Bedürfnisanstalten
„Es ist noch nicht lange her, daß man angefangen hat, die nun einmal unvermeidlichen Bedürfnisanstalten auf öffentlichen Standplätzen so hinzustellen, daß ihre nicht gerade ästhetische Bestimmung sich nicht allzu aufdringlich ankündigt. Der Kgl. Baurat Altmann in Friedenau hat an zwei Beispielen, die wir hier wiedergeben, gezeigt, wie hübsch diese Aufgabe gelöst werden kann.

Das eine der kleinen Gebäude steht dicht an einer Hauptverkehrsstraße und trägt darum folgerichtig einen mehr städtischen Charakter, indem es sich dem Stil städtischer Villenhäuser annähert; das andere, mitten in eine Gartenanlage gestellt, trägt die Signatur einer durchaus ländlichen Bauweise und fügt sich so äußerst glücklich in das Grün der Umgebung ein. Diese zweite Bedürfnisanstalt ist insofern als besonders geschmackvoll zu bezeichnen, als in ihrer äußeren Gestaltung nichts Aufdringliches auf ihre Bestimmung hinweist, während bei der zuerst genannten doch immerhin die Anordnung des großen seitlichen Einganges, sowie die auffälligen Drehfensterchen mitteilsamer sind, als nötig wäre. In Wahrheit genügt das bloße Vorhandensein eines solchen, in besonders gefälliger Weise ausgestatteten Häuschens auf einem öffentlichen Platz vollkommen zur Andeutung seines Zweckes.

Und darum ist meines Erachtens eine solche Anlage selbst den überaus kostspieligen unterirdischen Bedürfnisanstalten vom Standpunkte der Ästhetik aus vorzuziehen; denn die Notwendigkeit, auf die unterhalb des Straßenniveaus gelegenen Bedürfnisanstalten mittels großer, am Abend noch erleuchteter Inschrifttafeln hinzuweisen, hebt den Vorteil ihrer Verborgenheit mehr als auf. Das Lehrwort „Naturalia non sunt turpia“ [Natürliche Dinge sind keine Schande] gehört zu den vielen alten Weisheiten, die von einer verfeinerten Kultur mehr und mehr abgelehnt werden müssen. An Dinge, von denen man als wohlerzogener Mensch nicht gern spricht, will man auch in der Öffentlichkeit nicht gern mit Riesenbuchstaben erinnert werden. Je diskreter, wie das dem Baurat Altmann insbesondere bei dem Modell 2 gelungen ist, diese Bedürfnisanstalten, ohne doch ganz unkenntlich zu sein, ihre Bestimmung maskieren, desto vollkommener sind sie zu bezeichnen.

Die beiden hier reproduzierten Beispiele erfreuen sich allerdings des ihre diskrete Wirkung wesentlich unterstützenden Umstandes, daß sie in gärtnerische Anlagen eingebettet sind. Das Problem, eine Bedürfnisanstalt inmitten des Stadtbildes so einzubauen, daß sie ästhetischen Ansprüchen genügt, ist noch immer ungelöst. Aber man ist ernstlich an der Arbeit, den abscheulichen Rotunden eine würdigere Nachfolge zu bestimmen.“

13 Wohnblocks

Die Bauidee der Gartenstadt, basierend auf den Ideen des Engländers Ebenezer Howard (1850-1928) wurde auch in Berlin in den 1920er an vielen Orten verwirklicht. Typisch für die Gartenstädte waren großzügige Grünflächenplanung, Sicherung gemeinnütziger Boden- und Wohnungspreise, Hilfen zur Selbsthilfe für die Bewohner sowie die Planung sozialer Einrichtungen. Künstler, liberales Bürgertum und aufstrebende Arbeiterschaft fühlten sich von den neuen Formen des städtischen Miteinanders in den Gartenstädten angezogen, das die Vorzüge von Stadt- und Landleben optimal miteinander verband und das Wohnen grundlegend reformierte.
Die Gartenstadt am Südwestkorso wurde zwischen 1928 und 1933 von einer Vielzahl von Architekten unter der Federführung von Ernst und Günther Paulus und Jean Krämer gebaut. Bauträger war die „Heimat“, Gemeinnützige Bau- und Siedlungs AG, die 1941 von der GEHAG übernommen wurde. Die fünfgeschossigen Putzbauten mit ihren ansprechenden Satteldächern wurden in Blockrandbebauung mit großen begrünten Innenhöfen errichtet. Jeweils ein oder mehrere Wohnkarrees übergab man zur Planung an unterschiedliche Architekten. Trotzdem bietet die Gesamtanlage ein einheitliches, geschlossenes Erscheinungsbild.

Hans Altmann, bekam (vielleicht zusammen mit Regierungsbaumeister Hans Kraffert, einem Spezialisten für Wohnsiedlungsbau) 1930 den Auftrag für den Block Südwestkorso, Geisenheimer Straße, Markobrunner Straße und Laubenheimer Straße. In sehr ähnlicher Weise hatte Altmann schon drei Jahre vorher einen Baublock in Steglitz an der Albrecht-, Stinde-, Pressel- und Liliencronstraße für die „Heimat“ errichtet. Auch hier handelte es sich um ein Wohnkarree in Blockrandbauweise mit einem großen Innenhof. Dieser liegt 2m höher als das umliegende Straßenniveau und hat somit exzellente Lichtverhältnisse. Der übliche Dispens vom geltenden Baurecht, den Altmann auch hier erwirkte, bezog sich auf die Fünfgeschossigkeit der Anlage um den wirtschaftlichen Verlust wegen des großen unbebauten Innenhofs auszugleichen. Da der Wohnblock genauso hoch ist wie die angrenzenden viergeschossigen Häuser, ist das zusätzliche Geschoss durch niedrigere Zimmerdecken „erkauft“. Diese Tendenz zur immer niedrigeren Wohnungen aufgrund maximaler Ausnutzung der überbauten Fläche setzte sich auch nach 1945 fort.

Der Wohnblock in Steglitz wurde im 2. Weltkrieg teilweise zerstört, aber danach im gleichen Stil wieder aufgebaut. Heute ist die renovierte Anlage ein Schmuckstück, das von den Bewohnern sehr geschätzt wird.

14 Mietshaus, Bismarckstraße 72-73 / Sachsenwaldstraße 6-7

Den Auftrag für dieses Wohn- und Geschäftshaus bekam Hans Altmann wieder durch seiner guten Friedenauer Beziehungen. Diplomkaufmann Max Blank, Sprecher der Erbengemeinschaft Stöckelsche Erben stammte wie Altmann aus Friedenau. Bereits 1926 hatte Blank einen Bauantrag durch den Ingenieur Walter Jockel eingereicht, der aber von der Behörde wegen der vielen Dispensanträge abgelehnt wurde. Jetzt, im zweiten Anlauf setzte Blank gezielt Altmanns Fähigkeiten ein, der den Dispens von der Bauordnung und somit eine fünfgeschossige Bebauung erwirkte. Der Komplex ist ein Putzbau mit expressionistischen Klinkerelementen, 4 Eingängen und einer Ladenzeile zur Bismarckstraße. Innen gibt es Fahrstühle, farbige Fenster und beigefarbene Fliesen im Treppenhaus,.

Den Innenhof des U-förmigen Baukomplexes ließ Altmann unterkellern und nach Anhebung des Hofniveaus um 75 cm mit einer geräumigen Tiefgarage bebauen, die in separaten verschließbaren Abstellplätzen 20 Autos Platz bot. Damit ging er erstmalig auf das Zeitalter des Automobils ein, das jetzt angebrochen war. Eine hauseigene Tankstelle, die er in der Garage vorgesehen hatte musste allerdings aus Brandschutzgründen wieder entfernt werden.

15 Wohnanlage mit Einkaufszentrum „Haus Haenel“

Der Bauherr Julius Haenel hatte als Wurstfabrikant in Friedenau (Rheinstr. 14) ein beträchtliches Vermögen erworben. Als 40-jähriger gab er seinen Beruf auf und legte sein Vermögen in gut gehenden Geschäfts- und Wohnimmobilien an, so dass er von den Mieteinkünften sehr gut leben konnte. Bezieher dieser Art von Einkommen nannte man in der Kaiserzeit „Rentier“. 1907 ließ Rentier Haenel den bekannten „West Bazar“ am Bahnhof Lichterfelde-West für seine Zwecke umbauen, 1911 erbaute er (durch den Architekten Richard Hübner) ein Geschäftshaus am Teltower Damm 27 in Zehlendorf. 1916 besaß er bereits 15 Immobilien dieser Art. Im selben Jahr erwarb er ein Grundstück in hervorragender Lage am Roseneck in Schmargendorf, einer aufstrebenden Gemeinde mit wohlhabenden Einwohnern. Er reichte einen Bauantrag für ein vom Architekten Heinrich entworfenes Geschäftshaus ein, bekam aber keine Baugenehmigung, weil der Behörde die Läden dieses Hauses nicht zur vorherrschenden Landhausbebauung passend erschienen.

Haenel verfolgte seine Baupläne jedoch weiter. Als 1924 eine neue Bauordnung erlassen werden sollte und er fürchtete, sie könnte noch restriktiver ausfallen, reichte er eilig einen erneuten Bauantrag mit einem Entwurf des Friedenauer Architekten Siegfried Kaprowski ein. Dieser bezog sich auf das an der Ecke Hohenzollerndamm / Teplitzer Str. zu erbauende Ensemble. Der Bauantrag wurde diesmal genehmigt und als es ein Jahr später zur Ausführung des Baus kam, tauchte plötzlich Hans Altmann als ausführender Architekt und Bauleiter auf. Er veränderte den Entwurf Kaprowskis in einigen dekorativen Details. Wie es zu dem Wechsel des Architekten kam und welchen Anteil Altmann an der Planung für das Ensemble „Haus Haenel“ hatte, kann man plausibel rekonstruieren. Zunächst einmal kann ein Zerwürfnis Haenels mit dem Architekten Kaprowski ausgeschlossen werden, denn dieser erhielt von ihm weitere Aufträge, z. B. für ein dreigeschossiges Geschäftshaus nur wenige Hausnummern weiter am Hohenzollerndamm und später für den Umbau von „Haus Haenel“. Altmann kann man schon als den Urheber der Planung ansehen, denn die wenigen bekannten Bauten Kaprowskis weisen eine ganz andere Handschrift auf, während „Haus Haenel“ Altmanns Stilmerkmale trägt: Vorhangbogenfenster, künstlerische Bauplastik in Werkstein, Keramik und Putz, originelle Baulösungen wie die Ecksituation an der Teplitzer Straße und vieles andere.

Der Grund für Altmanns spätes Auftreten könnte in seiner Tätigkeit für die Askaniawerke gelegen haben, die ihn stark in Anspruch nahm. Haenel hatte gewiss ein erhebliches Interesse daran, den ihm als Friedenauer Einwohner wohlbekannten ehemaligen Gemeinde-Baurat und Schöpfer des Friedenauer Rathauses als Architekten für dieses Prestigeprojekt zu gewinnen. So ist es denkbar, dass Kaprowski, dessen Büro Kaprowski & Heinrich schon den abgelehnten Entwurf von 1916 gefertigt hatte, für den überlasteten Altmann den Bauantrag (höchstwahrscheinlich nach Altmanns Angaben) anfertigte. Auch Altmann und Kaprowski dürften sich als Friedenauer Architekten gekannt haben. Als es dann zur Ausführung des Baus kam, war Altmann zur Stelle und unter den angenommenen Umständen war es für ihn auch kein Problem, am Erstentwurf Änderungen vorzunehmen.

Das Gebäude wurde mit einer Ladenzeile im Erdgeschoss und einer einzigen, sich über das ganze Obergeschoss hinziehende Wohnung (über 400 m2!) des Rentiers Haenel erbaut. Blickfang war der durch Lisenen gegliederte Turm, der die zwei Gebäudeflügel verband und vor dem ein kleiner Stadtplatz entstand. Der geschäftliche Erfolg dieses Unternehmens ermöglichte es Haenel, 1929 direkt daneben ein weiteres Haus von Hans Altmann erbauen zu lassen. Es erstreckte sich mit zwei Obergeschossen vom Hohenzollerndamm bis zur Karlsbader Straße, erhielt die gleiche Nutzung und glich sich in Farbe, Material und Gestaltung dem Nachbarhaus an.

Die gesamte Anlage bestand damals aus ein- und zweigeschossigen Putzbauten mit steilen Walmdächern. Die dunkelrot gestrichenen Fassaden waren stark gegliedert und mit Bauschmuck, teils in Putz, teils in Werkstein, gelegentlich in Keramik, reich verziert. Direkt an der Ecke Hohenzollerndamm / Teplitzer Straße befand sich das säulengeschmückte Portal zu Haenels Privatwohnung mit der Inschrift „Haus Haenel“.

Die Häuser Hohenzollerndamm 92/93 und Karlsbader Straße 18 bildeten den zweiten, vollkommen geschlossenen Baukörper. Der am Hohenzollerndamm gelegene Schweifgiebel ist mit einem Hahn gekrönt. Offensichtlich wurde hier auf den Namen des Besitzers der Anlage angespielt. Der ganze Komplex wirkt durch Balkone, Loggien und Erker verspielt und malerisch. Mit ihren vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten entwickelte sich die an der Grenze zum Ortsteil Grunewald errichtete Anlage bereits in den 1920er Jahren zu einem neuen und beliebten Ortszentrum von Schmargendorf.

Im zweiten Weltkrieg erlitt die Anlage schwere Schäden, besonders an der Ecke zur Teplitzer Straße. Die Dächer waren abgebrannt und die Bausubstanz stark angegriffen. Um den Wiederaufbau zu finanzieren, verkaufte die Tochter des Erbauers den Gebäudeteil am Hohenzollerndamm / Ecke Karlsbader Straße. Um die Rendite des verbleibenden Gebäudes zu steigern, ließ sie den Gebäudeflügel zur Teplitzer Straße unter Weglassung allen dekorativen Schmucks dreigeschossig wieder aufbauen. Dadurch wurde der Eindruck des Blickfangs der Anlage, des kleinen dreieckigen Platzes mit dem eingestellten Turm in seinen Proportionen erheblich gestört. Durch Einbau neuer Schaufenster erfolgten weitere Eingriffe in die historische Bausubstanz. Dennoch ist das „Haus Haenel“ nach wie vor ein beliebtes und belebtes Stadtteilzentrum mit Geschäften und Gastronomie. Es spricht für die Qualität des Altmannschen Entwurfs, dass das Ensemble trotz der vielen Veränderungen immer noch stadtbildprägend und attraktiv anzusehen ist. Durch den auf dem Gebäude ruhenden Denkmalschutz ist weiterer Verschandelung Einhalt geboten und es ist zu hoffen, dass z. B. im Schaufensterbereich eine Rückführung auf den alten Zustand möglich ist.

16 Wohn- und Geschäftshaus „Haus Heidgen“

Im Zuge der Entwicklung des Dahlemer Ortskerns entstanden vom U-Bahnhof bis zum Postamt und der Kirche entlang der Hauptstraße (Königin-Luise-Straße) niedrige Geschäftshäuser mit Läden und Gaststätten im Erdgeschoss. An der Ecke Königin-Luise-Straße 38/ Takustraße steht das 1928 von Hans Altmann für die Apothekerin der Dorf- Apotheke, Frau Antonie Heidgen, entworfene Wohn- und Geschäftshaus, ein heller Putzbau mit weißen Sprossenfenstern und blauen Klappläden. Seine architektonische Gestaltung mit unterschiedlichen Motiven wie Dacherkern, expressionistischen Schornsteinen, schmalen Gurtgesimsen sowie einem breiten Traufgesims ist zwar typisch für Altmann, mutet jedoch wesentlich traditioneller an, als die einige Jahre zurück liegende für die Askaniawerke in Friedenau. Eine Erklärung dafür könnte in den Wünschen der Auftraggeberin liegen, die sich von der Anpassung an das Dahlemer Ortsbild eine gute Akzeptanz des Geschäftshauses erhoffte, aber auch darin, dass reine Fabrikarchitektur von vorn herein klare, nüchterne, „moderne“ Formen nahe legt.

Der Komplex besteht aus zwei an der Straßenecke spitzwinklig aufeinander stoßenden Gebäudeflügeln, die an dieser Stelle halbrund zurückweichen und so einen kleinen Vorplatz bilden, an dem in hervorgehobener Lage die Apotheke liegt. Ursprünglich waren zehn Läden eingebaut, jeder mit eigenem, direkt zugänglichem Keller. Durch Ladenzusammenlegungen sind es heute allerdings nur noch sieben, damit erschöpfen aber sich auch schon die im Laufe der Jahrzehnte vorgenommenen Umbauten. Es spricht sehr für die durchdachte Bauplanung Altmanns, dass sich so wenig Veränderungsdruck in dem Gebäude entwickelt hat. Die sich an den zwei Straßenfronten entlang ziehende Schaufensterfront ist noch gut erhalten, besonders die Stahlfensterrahmen mit grüner Verglasung an der Apotheke. Auf der Innenseite der zwei Gebäudeflügel liegt ein kleiner Garten, auf den die Balkone und Erker des Wohngeschosses ausgerichtet sind. Die Wohnungen im Obergeschoss, deren Treppenaufgänge außen an den Endpunkten der zwei Flügel liegen, sind in ihrer Nutzung und Grundstruktur noch erhalten. Das Dachgeschoss, wurde zum Teil schon in den 1930er Jahren (mit dem merkwürdigen, auf Stützpfosten ruhenden Erker von Altmann), aber vor allem in der Nachkriegszeit mehrfach verändert und ausgebaut.

Der reizvoll geschwungene Kopfbau mit der Dorf-Apotheke

Die Seite zur Königin-Luise-Straße mit ihrer intakten Schaufensterfront

17 Landhaus Roux

Im Deutschen Kaiserreich von 1871 erlebte das Land, nach einem anfänglichen „Gründerkrach“ wegen überhitzter Konjunktur, einen nie da gewesenen Aufschwung von Handel und Gewerbe. Die unzähligen Reichen strebten nach einem repräsentativen Lebensstil, den sie auch gern zur Schau stellten. Der Besitz eines Landhauses, in dem man vorwiegend im Sommer wohnte, gehörte dazu. So hatten sich in Berlin u. a. die Villenkolonie Wannsee und in Potsdam die Kolonie Neubabelsberg am Griebnitzsee zu Wohnorten reicher Bankiers und Industriellen entwickelt. Die absoluten Toplagen am Wasser waren relativ rar und so zog es im Laufe der Zeit viele Besitzende in die weitere Umgebung Berlins.

Die Askaniawerke in Berlin-Friedenau hatten nach dem Wechsel in der Geschäftsleitung vom Sohn des Firmengründers, Paul Bamberg auf dessen Neffen und Schwiegersohn Max Roux einen ungeheuren Aufschwung genommen. Die Produktion wurde ausgeweitet, die Produktionsstätten in Friedenau ausgebaut und schließlich weitere Werksgebäude in Mariendorf, Steglitz und Köpenick in Betrieb genommen. Das Unternehmen arbeitete höchst profitabel. Das dürfte wohl dafür den Ausschlag gegeben haben, dass sich Max Roux nach einem Grundstück für ein repräsentatives Landhaus in Berlins Umgebung umsah.

In Potsdam, nahe der Meierei und dem Schloss Cecilienhof wurde er fündig. Direkt am Jungfernsee, in der Bertinistraße, waren die Wassergrundstücke zwar alle vergeben, aber dahinter, auf der Anhöhe oberhalb des Sees wurden in der Höhenstraße neue Grundstücke erschlossen, die ebenfalls einen traumhaften Blick aufs Wasser boten. Roux beauftragte 1929 den Firmenarchitekten der Askania AG, Hans Altmann, auf diesem steil abfallenden Gelände eine Villa zu errichten.

Altmann entwarf einen auf einem hohen Sockel stehenden Klinkerbau in gemäßigt moderner Form, entsprechend dem Stil der Industriebauten, die er in diesen Jahren für die Askania AG baute. Der hohe Sockel ermöglichte den Blick auf den See aus dem Wintergarten im Erdgeschoss über die Bäume des tiefer gelegenen Grundstücks der Villa Mendelssohn Bartholdy in der Bertinistraße hinweg. Seitlich am Gebäude befand sich ein Erker und auf der Rückseite, zur Höhenstraße 3 war ein Bauteil gelegen, der als Eingang und Garderobe im Erdgeschoss und als Balkon im Obergeschoss diente.

18 Das Mariendorfer Zweigwerk der Askania AG

Das Mariendorfer Zweigwerk der Askania AG in der Großbeerenstr. 2 wurde in den Jahren zwischen 1938 und 1941 errichtet. Die Mutterfirma in Friedenau hatte sich mittlerweile vollständig auf Rüstungsproduktion eingestellt und dafür fünf Werke allein in Berlin vorgesehen. Während die Standorte in Steglitz, Siemensstr. 27, Friedrichshagen, Fürstenwalder Damm 441 und Weißensee, Berliner Allee 252 – 260 in bestehenden Fabrikanlagen unterkamen, konzipierte Hans Altmann in Mariendorf ein komplettes Werksgelände mit Produktionshallen, Großmontagehalle, Heizwerk, Büros und Verwaltungsgebäuden. Der von den Nationalsozialisten vorbereitete zweite Weltkrieg ließ große Nachfrage nach militärischen Präzisionsgeräten erwarten. Das Zweigwerk sollte Luftfahrtgeräte, Reihenoptik, Kreiselgeräte und Sonderanfertigungen für die Marine produzieren.

Hier, an seinem letzten Werk, gewinnt man aus den Unterlagen ein zwiespältiges Bild Hans Altmanns. Ab 1934 schließt er alle Korrespondenz mit „Heil Hitler“, in seinem Briefkopf ist statt der Mitgliedschaft im von den Nazis aufgelösten BDI nun die in der Reichskunstkammer mit der (niedrigen) Mitgliedsnummer A 21 verzeichnet. Spielte in seinem bisherigen Werk die Nützlichkeit der Architektur für den Menschen bei gleichzeitiger Wahrung ästhetischer Prinzipien die Hauptrolle, bevorzugt hier die Architektursprache einseitig technokratische Aspekte. Es geht jetzt um Effizienz und konsequente Moderne. Aus Mangel an Unterlagen lässt sich nicht feststellen, welche Rolle Altmann bei der Ausstattung dieses Werks mit Unterkünften für Zwangsarbeiter spielte. Im Umfeld des Mariendorfer Werks sind mindestens 6 Zwangsarbeiterlager der Askania bezeugt!

Der Gebäudekomplex ist in schlichten modernen Formen gehalten. Am überzeugendsten wirken die zwei Hochbauten. Die Stahlbeton-Skelettbauten sind außen mit Klinkern verblendet. Lange Fensterbänder, ein umlaufendes Gesims auf der ersten Etage und ein überkragendes Dach akzentuieren sie. Außer diesen sechsstöckigen Labor bzw. Bürogebäuden gibt es zwei ausgedehnte Fabrikationshallen mit Sheddächern. Die Sheddächer steigen zur Gebäudemitte leicht an um eine problemlose Entwässerung der riesigen Dachzone zu ermöglichen. Zur Ringstraße erstreckt sich ein großes Kesselhaus zur Beheizung des gesamten Komplexes.

Die Fabrikhalle mit den leicht ansteigenden Sheddächern

Heizwerk und Pförtnerhaus

Interessant ist die kathedralähnlichen Montagehalle mit seitlichem Turm. Sie diente zur Montage der großformatigen Apparate und hatte auf der Rückseite eine Krananlage und einen eigenen Gleisanschluss zur Versendung der Werkstücke. Der Turm diente zum Test der für die U-Boote bestimmten Periskope, die in ihm auf ihre volle Länge ausgefahren wurden und deren Optik durch die weiten Fensteröffnungen ausprobiert wurde.

Nach dem Krieg beschlagnahmten die Alliierten das Werk. Während die Produktion im Hauptwerk in Friedenau wieder aufgenommen und bis zur endgültigen Schließung der Askania AG 1971 fortgeführt wurde, stand das Zweigwerk zunächst leer.

1949, nach der Teilung Berlins, wurde im Mariendorfer Askania-Werk schließlich der „Großmarkt für Obst und Gemüse“ (Fruchthof) eingerichtet. Man sah diesen Standort wegen der erhofften Wiedervereinigung nur als Provisorium an. Die Nachteile wegen der langen Transportwege für die Kunden glich man durch Subventionen aus. Nach der Eröffnung am 5.12.1949 entwickelte sich der Fruchthof schnell zum zentralen Umschlagplatz für Obst und Gemüse in West-Berlin. Die Ware wurde hauptsächlich mit der Bahn und Lastkraftwagen aus Westdeutschland angeliefert und kam nicht nur aus deutschen Anbaugebieten, sondern auch aus Europa und Übersee. Die im Fruchthof ansässigen Großhandelsfirmen verkauften dann an die Berliner Einzelhändler weiter. So entwickelte sich der Zentralmarkt zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor, der zudem Hunderten Arbeit in Mariendorf bot.

1965 zog der Fruchthof auf sein heutiges Gelände in der Beusselstraße in Moabit um. Die Askania-Gebäude wurden vermietet, zum Teil an die Firma Schindler-Aufzüge, stehen z. Z. aber zur Hälfte leer.

Ab 2007 erregten Planungen auf dem Gelände für ein gigantisches Freizeitcenter mit Badelandschaft, Skihalle und weiteren Entertainment-Einrichtungen großes Aufsehen. Von diesem Projekt wären die Altmannschen Shedhallen betroffen, die unter Wahrung des Denkmalschutzes zum Wellness- und Gastronomiebereich umgebaut werden sollten. Mittlerweile ist es das Projekt vom Scheitern bedroht, da die Investoren Schwierigkeiten haben, die Finanzierung auf ein solides Fundament zu stellen.

19 Das eigene Haus

Unter den vielen Architekten Berlins zu seiner Zeit gehörte Hans Altmann nicht zu den Vielbeschäftigten und auch nicht zu den Großverdienern. (Vielleicht erklärt ja gerade das die Akribie und die eingehende Beschäftigung mit seinen Bauprojekten). Die größte Zeit seines Lebens wohnte Altmann zur Miete und trotz vieler Umzüge blieb sein Wohnort immer Friedenau, wo er auch die Beziehungen für sein Lebenswerk knüpfte. Von 1906 an waren alle seine Aufträge in irgend einer Weise mit Friedenau verbunden, sei es durch seine Tätigkeit als Friedenauer Gemeindebaurat, durch Friedenauer Kunden oder seine Dauertätigkeit für die in Friedenau ansässigen Askaniawerke.
1934, als Altmann bereits Pensionär war, entschloss er sich endlich, im Grünen ein eigenes Haus zu erbauen. Im Dahlemer Föhrenweg, einer Parallelstraße zur heutigen Clayallee gab es noch unbebaute Grundstücke inmitten eines Waldgebietes. Er erwarb das 750 m2 große Grundstück Föhrenweg 17 und entwarf ein bescheidenes, würfelförmiges Gebäude mit einem Wintergarten auf der Rückseite. Seine finanziellen Verhältnisse erforderten die Aufnahme einer Hypothek und den Verzicht auf die von ihm so geschätzte Verwendung von Klinkern als Baumaterial für die Fassade. Als einzigen Bauschmuck weist das Haus eine Umrahmung der Eingangstür mit behauenem Naturstein auf. Dennoch enthält es einige Altmannsche Besonderheiten: Wegen des auf der Rückseite ansteigenden Grundstücks erwirkte er die Erlaubnis, das Kellergeschoss so weit anzuheben, dass es zur Straßenseite hin als fast voll nutzbares Geschoss diente. Das Haus ist auch nicht parallel zur Straßenfront ausgerichtet wie in der Bauordnung vorgesehen, sondern Altmann richtete es parallel zu seinem schräg von der Straße verlaufenden Grundstück aus. Beide Dispense von der Bauordnung erwirkte er durch hartnäckige Hinweise auf ästhetische Gründe.

1935 bezog er das neue Heim und nutzte es auch als Büro. 1937 wurde auf dem sehr großen Nachbargrundstück Föhrenweg 19 – 21 eine große Backsteinvilla mit Klinkerverblendung als Dienstsitz für Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OkW) hochgezogen. Inwiefern Altmann an diesem Bau beteiligt war, wird noch untersucht. Nur 10 Jahre lebte Altmann in seinem ersten Eigenheim, in dieser Zeit geriet er in zunehmende Nähe zum NS-Regime. Bei seinen Bauten für die Askania AG, speziell für das Mariendorfer Rüstungswerk konnte ihm nicht verborgen bleiben, wie sich die Nationalsozialisten aggressiv auf die Entfesselung des zweiten Weltkrieges vorbereiteten. Dass Altmann verantwortlich für die Errichtung zahlreicher Zwangsarbeiterlager für die Askaniawerke war, lässt sich durch Akten nicht belegen, allerdings hätte es durchaus zu seinen Aufgaben als Hausarchitekt dieses Werks gehört, solche Funktionsbauten zu planen und zu errichten.

Jedenfalls wurde Altmann nach 1945 (durch die Amerikaner?) aus seiner Villa im Föhrenweg vertrieben und zog wieder nach Friedenau. Es gelang ihm von dieser Zeit an nicht mehr, neue Aufträge zu erhalten, obwohl das angesichts der damaligen wirtschaftlichen Lage wohl erstrebenswert gewesen wäre. Es erscheint so, als legte sich von nun an ein Ring des Schweigens um diesen Mann, der so viel Wertvolles geschaffen hatte und der für Friedenau ein bedeutender Architekt gewesen war. 1955 erstattete man ihm das Haus im Föhrenweg zurück, das er mit seiner zweiten Frau, Dr. Gerda Altmann, geb. Harms noch 10 Jahre lang bewohnte. Am 27. Januar 1965 verstarb Altmann in diesem Haus, eine Wertschätzung seines Oeuvres setzte erst in den 90-er Jahren ein, als seine Gebäude schrittweise unter Denkmalschutz gestellt wurden. Mit der denkmalgerechten Restaurierung seiner Friedenauer Schulbauten ist ein Anfang getan, sein Werk auch für künftige Generationen zu erhalten.

20 Publikationen Hans Altmanns zu seinen Werken

Während seiner Tätigkeit als Friedenauer Gemeindebaurat hatte Hans Altmann das große Bedürfnis, der interessierten Öffentlichkeit mitzuteilen, welche Voraussetzungen und Überlegungen bei seinen kommunalen Bauprojekten eine wichtige Rolle spielten. Sicherlich spielte es für ihn auch eine Rolle, das eigene Renommee durch diese Veröffentlichungen zu heben. Als Plattform bediente er sich dabei des „ Zentralblatts der Bauverwaltung“, eines Artikels im „Schöneberg- Friedenauer Lokal-Anzeiger“ vom 9. November 1924: „Die bauliche Entwicklung Friedenaus von 1871 bis 1914“, diverser Veröffentlichungen in „Die Bauwelt“, „Berliner Architekturwelt“ und „Zentralblatt der Bauverwaltung“ sowie einer Baubeschreibung in der Festschrift der Königin-Luise-Schule anlässlich ihrer Eröffnung.

1 Das neue Realgymnasium in Friedenau


Von Gemeindebaurat Altmann in Friedenau

Mit der schnellen Zunahme der Bevölkerungsziffer Friedenaus machte sich in den Jahren 1907 / 08 das Bedürfnis für die in der Entwicklung begriffene, vorläufig in anderen Schulen untergebrachte Realschule, ein eigenes Schulgebäude zu beschaffen, bald besonders lebhaft bemerkbar. Als Bauplatz für diese Anstalt wurde nach eingehender Untersuchung verschiedener, der Gemeinde für diesen Zweck zur Verfügung stehender Grundstücke dasjenige an der Homuthstraße belegene Eckgrundstück gewählt; dasselbe schien seiner Lage zu den Himmelsrichtungen nach besonders hierfür geeignet. Das gesamte Grundstück, das eine Größe von 11 535 qm umfaßte, wurde mit einer Fläche von 5932 qm für die Schule in Anspruch genommen. Der übrige Teil sollte für eine spätere Bebauung freibleiben. Von der Fläche des Schulgrundstückes sind 2483 qm bebaut. Die für den eigentlichen Schulhof freibleibende Fläche beträgt 2120 qm, so daß bei einer Schülerzahl von 800 Schülern 2,65 qm Schulhoffläche auf ein Schulkind entfallen. Das Bauprogramm war recht umfangreich und schloß sich dem für die Groß-Berliner höheren Lehranstalten maßgebend gewordenen im großen und ganzen an. Außer 24 Klassenzimmern und 1 Aushilfsklasse sollten in dem Gebäude u. a. untergebracht werden:

1 Gesangsaal für etwa 90 Schüler, der auch als Doppelklasse benutzt werden könnte,
4 Räume für den physikalischen –
3 für den chemischen –
und 2 für den naturwissenschaftlichen Unterricht,
2 Räume für Büchereien, Lehrer- und
Direktorzimmer nebst Vorzimmer,
2 Zeichensäle für 50 und 30 Schüler,
1 Turnhalle
und 1 Aula mit Nebenräumen;
ferner auf dem Dache 1 Plattform für astronomische Beobachtungen,
darunter 1 verschließbarer Raum für Aufbewahrung von Instrumenten und
1 Werkstatt im Kellergeschoß;
1 Dienstwohnung von 7 Zimmern und Nebengelaß für den Direktor der Anstalt und
kleine Wohnungen für Schuldiener und Heizer.

Es sollte hierbei dem Wunsche der Gemeindevertretung Rechnung getragen werden, daß bei Ermangelung eines geeigneten öffentlichen Saales zur Veranstaltung von Vorträgen und Festen innerhalb des Gemeindegebietes von Friedenau die Aula der Anstalt in ihrer Größe und Ausbildung so gestaltet werden sollte, daß sie als Bürgersaal dienen könnte. Während der Bauausführung wurde auch seitens der Kirchengemeinde der Antrag gestellt, ihr die Aula bei hohen kirchlichen Festen als Andachtsraum zur Verfügung zu stellen; so mußte auch dieser zukünftigen Bestimmung des Raumes bei der Durchbildung Rechnung getragen werden.

Um einem Wunsche des Schulleiters zu entsprechen und den Schülern möglichst Westlicht zu sichern, wurde die Bauanlage mit einem nach der Schwalbacher Straße offenen Hofe in der Form eines U so angeordnet, daß das eigentliche Klassengebäude mit seiner Hauptfront nach Westen an die Rheingaustraße zu liegen kam, während in dem sich anschließenden, von Westen nach Osten gerichteten Querflügel mit Süd- und Nordlicht hauptsächlich die nicht für den Klassenunterricht bestimmten Räume und die Zeichensäle ihren Platz gefunden haben.

Der an der Homuthstraße belegene Flügelbau enthält endlich die Turnhalle, die Aula, den Gesangsaal und die Aushilfsklasse und ist dem übrigen Schulgebäude so angegliedert, daß er bei festlichen Anlässen von der Gemeinde getrennt in Benutzung genommen werden kann; infolgedessen ist der Haupteingang zu dem Gebäude mit der Haupttreppe in die Homuthstraße gelegt. Geräumig gestaltete Vorhallen sind der Haupttreppe sowohl im Erdgeschoß wie auch im 1. Stockwerk vorgelagert. Von den übrigen Eingängen soll der an der Hofseite des Klassenflügels befindliche Mitteleingang als hauptsächlicher Zugang zum Schulgebäude dienen, während der Zugang durch den an der Nordostecke des Hofes befindlichen Turm als Nebeneingang gilt. Ein weiterer Zugang befindet sich in dem am Ende des Klassenflügels belegenen Treppenturm.

Neben dem Hauptschuleingang ist im Untergeschoß eine nach dem Hofe zu offene, 21 m lange und 5,74 m breite Wandelhalle angeordnet, die den Knaben bei schlechtem Wetter vor dem Öffnen des Schulgebäudes und während der Pausen eine Unterkunft bietet und mit der Vorhalle am Haupteingang des Aulaflügels in Verbindung gebracht ist, so daß der Verkehr von den Klassen zur Turnhalle und Aula erfolgen kann, ohne daß man den Schulhof zu betreten braucht. Vor der Turnhalle befindet sich auch dem Hofe zu ein geräumiger Abort, der vom Hofe aus zugänglich ist, während die hauptsächlichen Abortanlagen für das Schulgebäude an der Nordfront belegen und mit dem Schulgebäude über einen offenen offenen Vorraum unmittelbar verbunden sind. An den eigentlichen Turnsaal von 12 x 25m Größe schließen sich nach der Hofseite Umkleideräume und ein kleiner Abortraum sowie ein Lehrerzimmer an.

Da die Turnhalle bei festlichen Anlässen als Kleiderablage für 800 bis 1000 Personen benutzt werden werden soll, so wurden die unter den seitlichen Galerien befindlichen, nach der Straße zu gelegenen geräumigen Geräteräume und die verschließbaren Kleiderablagen und Waschräume an der Hofseite mit leicht abnehmbaren Einrichtungen versehen, daß die Kleidungsstücke an zwei 19 m langen Tischen schnell und bequem abgegeben werden können. Diese Einrichtungen haben sich bereits bestens bewährt.

Die Aula oder der Bürgerfestsaal in einer Breite von 16 m und einer Länge von 25 m hat einen Bühnenanbau von etwa 9 x 9 m erhalten. Sie ist außerdem mit einer an drei Seiten herumlaufenden Galerie von etwa 175 qm versehen, so daß in ihr 800 bis 900 Personen auf Stühlen untergebracht werden können. Um den bei verschiedenen Anlässen in früheren Jahren empfundenen besonderen Bedürfnissen Rechnung zu tragen, ist die Bühne mit ihren Nebenräumen besonders geräumig gestaltet.

Neben der Aula sind nach der Homuthstraße zu in drei übereinanderliegenden Geschossen Wirtschaftsräume angeordnet, welche der Gemeinde ein Festessen oder eine ähnliche Veranstaltung in eigenen Räumen herzurichten gestatten. Zu ebener Erde befindet sich eine mit allen Einrichtungen versehene Küche und ein Nebenraum: von hier führen zwei Speiseaufzüge nach dem Aulageschoß und den hier belegen Anrichteräumen mit umfangreichen Wärmevorrichtungen. Zwischen beiden Geschossen befindet sich eine Spülküche. Ebenfalls nach der Homuthstraße und abgesondert von den übrigen Schulräumen ist der Gesangsaal in Höhe der Aulaempore angeordnet, um bei festlichen Anlässen eine direkte Verbindung zwischen beiden zu haben.

Wie aus den beigefügten Grundrissen hervorgeht, hat das Gebäude im wesentlichen drei Treppen, welche für den Verkehr der Schüler bestimmt sind. Die im Erdgeschoß an der Ecke der Rheingau- und Schwalbacher Straße angeordnete Direktorwohnung besteht aus 7 Zimmern, Küche, Nebengelaß und Nebenräumen und ist so angeordnet, daß sie zum Teil in das Schulgebäude hineinreicht, zum Teil sich durch einen landhausartigen Anbau nach außen hin als Wohnung zur Geltung bringt; von der Straße trennt sie ein kleiner Garten.

Von den Einzelheiten der Ausführung sei noch einiges besonders hervorgehoben: Wenn das Gebäude sowohl im Äußeren wie auch im Inneren über den Rahmen eines einfachen Schulgebäudes hinausgeht, so war hierbei der Gedanke maßgebend, daß das neue Realgymnasium in nichts hinter dem bedeutsamen älteren Gymnasialgebäude zurückstehen sollte, anderseits erforderte auch die weitere Zweckbestimmung der Aula seine reichere Ausgestaltung; so zeigt das Gebäude im Äußeren eine reichere Anwendung von Sandstein in den Gliederungen und Zieraten, während die Flächen mit Wasserkalk geputzt sind (Abb. 1 u. 4).

Der Giebelbau an der Homuthstraße ist durch vier überlebensgroße Köpfe der Geisteshelden Goethe, Humboldt, Werner v. Siemens und Richard Wagner geschmückt. An dem Hofe sind die überlebensgroßen Figuren von Goethe und Luther über dem Schuleingang als Sinnbilder des Geistes, der in der Anstalt für alle Zeiten gelten soll, zur Aufstellung gelangt. An dem Schulflügel in der Rheingaustraße befinden sich die Köpfe von Archimedes und Newton als den Vertretern der älteren und neueren Naturwissenschaft. Außerdem sind am Hofe Bossenquadern mit sinnbildlichen Darstellungen der verschiedenen Berufe angebracht, die von den Schülern der Anstalt nach dem Verlassen ergriffen werden.


Der baukünstlerische Schwerpunkt im lnneren des Gebäudes liegt in den an der Homuthstraße angeordneten Hallen (Abb. 3) und in den kleineren Treppenhallen des Klassenflügels. Letztere haben in jedem Geschoß einen etwa 2 m breiten und 2 m hohen Laufbrunnen aus gebranntem Ton erhalten, aus dem die Kinder Wasser zum Trinken entnehmen können. Die Brunnen (Abb. 2) sind zum Teil in Putzmosaik, zum Teil von der Kunsttöpferei Rothersche Kunstziegeleien in Mutzkeramik und zum Teil von der Veltener Ofenfabrik Blumenfeld u. Co. hergestellt und bilden einen schönen Schmuck des Schulgebäudes.

Nach in anderen Schulgebäuden gemachten Erfahrungen wurde für die Beleuchtung der Klassen und Sammlungsräume nur indirekte elektrische Beleuchtung gewählt, bei der die Lichtstrahlen durch einen matten gewölbten Glasschirm gesammelt und an die Decke geworfen werden, um von dieser in gleichmäßiger ruhiger Lichtfülle in den Raum hinunterzustrahlen. Diese Art der Beleuchtung hat den großen Vorteil, daß die Kinder nicht in die Lichtquelle hineinschauen und die Augen geschont werden. Eine gute Helligkeit erreicht man bei einer Klasse für 50 Schüler durch vier Stück 100-kerzige Metallfadenlampen, bei einer solchen für 40 oder 30 Schüler durch drei oder auch nur zwei derartige Lampen. Diese Art der Beleuchtung hat sich durchaus bewährt.
Das Gestühl der gesamten Anstalt ist nach der seit längerer Zeit erprobten schwellenlosen Bauart durch die Firma Uhlmann, Gera (Reuß), geliefert worden; besonderes Gewicht wurde darauf gelegt, daß die Tischplatten aus Eichenholz waren. Die Tafeln in den Klassen sind hölzerne Schiebetafeln von 1 X 2 m Größe.
Die Baukosten haben für das Schulgebäude 700 000 Mark, für die innere Einrichtung 72 000 Mark und für die Nebenanlagen 30200 Mark, insgesamt also 302 000 Mark betragen.

Zentralblatt der Bauverwaltung, 29. November 1911

2 Königin-Luise-Schule

Beschreibung des Gebäudes von Gemeindebaurat H. Altmann, Friedenau

Das Grundstück schließt sich in der Schwalbacher Straße an ein Grundstück der Gemeinde an und war durch die Verpflichtung, an der linken Nachbarseite einen Bauwich von 5,00 m innezuhalten sowie durch seine geringe Breite und seine vielfach gebrochenen Nachbargrenzen in der Ausnutzungsfähigkeit sehr beschränkt. Es war daher nicht möglich, eine Grundrißlösung für den Neubau zu finden, die sich den sonst üblichen Bauanlagen mit mittleren oder seitlichen Korridoren anschloß, vielmehr wurde der Architekt gezwungen, eine Lösung zu suchen, bei der er sich einmal der ungünstigen Grundstückssituation möglichst anschließen und andererseits ein Bild schaffen sollte, das mit dem auf dem hinteren Grundstück in der Rheingaustraße vorhandenen Volksschulgebäude möglichst eine einheitliche Ansicht von der Schwalbacher Straße her bot. Die große Tiefe des Vorderlandes und die Programmbedingungen, daß die meisten Klassen nach Westen bzw. nach Südwesten gelegt werden sollten, zwangen zu einer möglichst großen Tiefenentwicklung der Hauptbaumasse auf dem Vorderlande.

So ergab sich der umstehend dargestellte Grundriß einer Hallenschule – einer Schule, bei der sich um einen in der Mitte belegenen Lichthof nach allen Seiten die Räume der Anstalt angliedern. Betritt man das Gebäude, das mit seiner Hauptfront an der Goßlerstraße liegt, durch das dreitorige Hauptportal, so gelangt man durch ein Vestibül, das mit Sterngewölben überdeckt ist, in die etwa 1,20 m unter dem Erdgeschoßboden liegende Lichthofsaula. Der Raum hat ohne Bühne eine Größe von 12,80 x 23,85 m im Lichten und wird im Erdgeschoß und 1. Stockwerk allseitig von Klassenkorridoren umsäumt; die bei besonderer Inanspruchnahme der Aula zugleich als Emporen für die Besucher dienen. In den beiden nächsten Geschossen bleibt die Aula, die durch ein großes farbiges Oberlicht erleuchtet wird, mit dem rechts belegenen Gebäudeteil liegen, und nur der an der Straße und dem Hofe gelegene Teil wurde hochgeführt, so daß hier eine einseitige Korridoranlage entstand.

Das Bauprogramm forderte 20 Klassenräume und eine Reserveklasse, die mit ansteigenden Sitzreihen ausgestattet als Naturkunde-Hörsaal dienen sollte. Außerdem waren 4 Räume für den Physik- und Chemieunterricht, ein großer Nadelarbeitsraum, ein sehr geräumiger Gesangssaal, Direktorzimmer mit Vorzimmer, Lehrerzimmer, Lehrerinnenzimmer, Konferenzzimmer, Sprechzimmer, Bibliothekszimmer, Kartenzimmer und ein Zeichensaal für 50 Kinder mit Nebenräumen sowie zwei Turnhallen vorzusehen, von denen die größere , wie aus der Vorderansicht hervorgeht, an der Straße gelegen ist, während die zweite sich im Dachgeschosse des Südwestflügels befindet. Außerdem waren im Erdgeschoß noch Räume für den zukünftigen Ausbau der Anstalt sowie für eine Direktorwohnung einzurichten. Im Untergeschoß sind außerdem je eine Wohnung für den Heizer und den Schuldiener untergebracht.

Der Neubau ist in allen seinen Teilen massiv ausgeführt. Die äußere Architektur wurde in gotisierenden Formen nach neuzeitlicher Empfindung in hydraulischem Putz mit mäßiger Werksteinverwendung hergestellt. Die Dächer wurden mit Ziegeln gedeckt. Bei der unregelmäßig gestalteten Form des Grundstücks, das von der Schwalbacher Straße her einen Einblick auf alle Teile der Höfe bot, ergab sich an der Hinterfront eine malerische Gruppierung der Baumassen.

Die Abortanlagen der Anstalt wurden dem Bedürfnisse entsprechend auf die verschiedenen Geschosse verteilt. Im Innern des Hauses vermitteln drei Haupttreppen den Verkehr zwischen den Geschossen. Die Architektur im Innern ist in der Halle in Keramik ausgeführt, wie es aus den Abbildungen hervorgeht. Da der Neubau in der kurzen Bauzeit von zehn Monaten fertiggestellt werden sollte, mußte für die Architekturgliederungen des Lichthofes ein der Feuchtigkeit widerstehendes Material gewählt werden; hierfür erschien das Keramikmaterial als besonders geeignet.


Die Beheizung des Gebäudes erfolgt als Niederdruckdampf- bzw. Niederdruckwarmwasserheizung mit mit umfangreicher Pulsionslüftungsanlage. Die Klassen- und Sammlungsräume, welche mit Warmwasser erwärmt werden, haben nur soviel Radiatorenfläche erhalten, als zum Hochheizen erforderlich ist; im übrigen führt die Pulsions-Lüftungsanlage den Räumen so viel Wärme zu, daß die geforderte Raumtemperatur in gleicher Höhe erhalten bleibt. Diese Heizungsart hat den besonderen Vorzug, daß dabei den Klassenräumen ständig frische Luft zugeführt wird. Eine Fernthermometeranlage sowie die Teilung der Heizung in zehn vom Kesselraume aus abzustellende Gruppen erleichtern dem Heizer die Regelung der Heizung.

Der Erholung der Schülerinnen in den Pausen dienen ein geräumiger Hof, bei dem auf die Kopffläche des Kindes 2 1/2 qm entfallen sowie eine 2000 qm große Spielwiese und ein neben derselben gelegener Tennisplatz, welcher besonders in den freien Nachmittagsstunden von den Schülerinnen gern benutzt wird. Außerdem ist über dem rechtsseitigen niedrigen Bauteil einn etwa 400 qm großer Dachraum vorhanden, der den Schülerinnen gleichfalls in den Pausen zum Aufenthalte in der frischen Luft dienen, aber auch für das Zeichnen im Freien oder zur Aufstellung von Pflanzenkästen benutzt werden kann.

Die für den Neubau selbst bewilligten Mittel betragen:
für das Gebäude ……………..625 000 Mark
für die innere Einrichtung …..72 000 Mark
und für die Außenanlagen …39 000 Mark.

Sind für den vorliegenden Hallenschulneubau auch die eigenartigen örtlichen Verhältnisse maßgebend gewesen, so dürfte sich diese Bauart aber bereits durch die Praxis bewährt haben. Ein Vorteil der Anlage ist auch in der nicht unwesentlichen Ersparnis an Baukosten zu finden, die der ferneren Entwicklung dieses Systems wohl weiteren Erfolg versprechen darf.

(Aus der Festschrift zur Eröffnung des Gebäudes 1911)

3 Pfarrgemeindehaus Friedenau

Von Gemeindebaurat Altmann in Friedenau

„Bevor ich diese Zeilen schließe, muß noch auf eine Bautätigkeit hingewiesen werden, die zwar nicht von der Gemeindeverwaltung ausging, aber auch für die Bevölkerung Friedenaus von hoher Bedeutung gewesen ist. Die Kirchengemeinde, welche an der Ecke der Kaiserallee und der Goßlerstraße ein Pfarrhaus mit bescheidenen Küstereiräumen besaß, mußte sich mit dem schnellen Wachstum Friedenaus selbstverständlich auch ihrerseits um Beschaffung erweiterter Räume bemühen. Das an der Kaiserallee in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts errichtete Gemeindehaus reichte bei weitem nicht aus, um den gesteigerten Bedürfnissen der Kirchengemeinde zu entsprechen. Außerdem war die dem ersten Geistlichen der Kirchengemeinde zur Verfügung gestellte Wohnung unzulänglich geworden. Deshalb entschloß sich die Kirchengemeinde auf ihrem Grundstücke unter Beseitigung des Pfarrhauses einen Neubau zu errichten, in welchen das vorhandene kirchliche Gemeindehaus durch Umbau einbezogen und neben 4 Wohnungen für die Geistlichen der Gemeinde ausreichende Versammlungs-, Konfirmanden- und Jugendpflegeräume untergebracht werden konnten. Außerdem sollten an der Goßlerstraße ausreichende Räume für die Gemeindeschwestern und für einen Kinderhort vorgesehen werden. Mit dem Bau wurde im Jahre 1911 begonnen und derselbe im nächsten Jahre vollendet.“


Schöneberg- Friedenauer Lokal-Anzeiger, 9.11.1924

3. Gemeindeschule

Von Gemeindebaurat Altmann in Friedenau

„Während der Errichtung der Baulichkeiten auf dem Waldfriedhof hatte sich die dringende Notwendigkeit herausgestellt, an den Bau einer dritten Gemeindeschule heranzugehen und sogleich eine Doppelschule herzustellen, in der auch Räume für die Pflichtfortbildungsschule für Knaben und Mädchen, Klassenräume für schwachbegabte Kinder, Räume für den Handfertigkeitsunterricht, für Papp-, Holz- und Eisenarbeiten, eine Kochschule, Plätt- und Nähstube, Räume für die Schulzahnpflege, umfangreiche Räume für die Schulpflege und ein Zimmer für den Schularzt hergerichtet werden sollten. Außerdem beschloß die Gemeindevertretung, zwei große Turnhallen und einen Festsaal, der gleichzeitig der Bürgerschaft dienstbar gemacht werden könne, in den Bau mit einzuschließen.

Da das hinter dem Friedhofe gelegene, ursprünglich zu seiner Vergrößerung in Aussicht genommene Grundstück an der Offenbacher, Laubacher und Fehlerstraße für die Errichtung dieser großen Anstalt besonders geeignet schien, gingen die Gemeindekörperschaften über das ursprüngliche Bauprogramm noch hinaus und beschlossen, da die öffentlichen Spielplatzanlagen in Friedenau recht beschränkt waren, einen allen modernen Anforderungen entsprechenden Spielplatz für die Sport- und Turnvereine mit Turngeräten, 300 Meter langer Laufbahn, Springgruben usw. anzulegen. Mit dem Bau wurde sogleich begonnen. Seine Vollendung fiel in den Beginn des Krieges.

Da die Bauten bei ihrer gesunden Lage und großräumigen Anordnung sich außerordentlich gut für Lazarettzwecke eigneten, überließ die Gemeindeverwaltung, noch ehe die Anstalt ihrer eigentlichen Bestimmung übergeben wurde, die Bauten der Militärverwaltung zu Lazarettzwecken. Die eigentliche Kochschule bot dabei eine sehr günstige Gelegenheit, die Lazarettküche, welche von dem damaligen Gemeindeverordneten Herrn Geh. Kommissionsrat Sachs zusammen mit den Damen des Vaterländischen Frauenvereins unter tatkräftiger Leitung seiner rührigen Vorsitzenden, Frau Jos. Wetzell, geführt wurde, unterzubringen. Nach Beendigung des Krieges und vollständiger Instandsetzung der Bauten wurde dann im Jahre 1919 die Anstalt endlich als Schule benutzt.“


Schöneberg- Friedenauer Lokal-Anzeiger, 9.11.1924

4 Rathaus Friedenau

Von Gemeindebaurat Altmann in Friedenau

„Die nächste Aufgabe war die Errichtung eines Rathauses am Wilmersdorfer Platz. Ein zu diesem Zwecke unter den Architekten Deutschlands ausgeschriebener Ideenwettbewerb hatte leider kein befriedigendes Ergebnis. Da der auf Aufforderung der Gemeindekörperschaften vom Verfasser dieser Zeilen gleichzeitig mit den Wettbewerbsentwürfen eingereichte Bauentwurf die einstimmige Zustimmung fand, faßte die Gemeindevertretung den Beschluß, diesen Bauentwurf so schnell wie möglich auszuarbeiten und das Rathaus beschleunigt zur Ausführung bringen zu lassen. Kaum waren die Bauplätze so weit, daß mit dem Bau hätte begonnen werden können, als sich dringendere Bauaufgaben einstellten, die den Säckel der Gemeinde in so hohem Maße in Anspruch zu nehmen drohten, daß von der Errichtung eines Rathauses einstweilen abgesehen wurde. Dies war um so mehr möglich, als aus dem damals als Amtgebäude dienenden Mietshause Handjerystraße 90, Ecke Feurigstraße, einige Zweige der Verwaltung in andere Gebäude verlegt werden konnten, so daß die freien geldlichen Mittel zusammen mit den aufzunehmenden Anleihen zunächst für den jetzt drängenden Schulentwurf Verwendung finden konnten.

Inzwischen hatte die Gemeinde, da die Räume für die Unterbringung der Verwaltung immer unzulänglicher geworden waren, den Plan der Errichtung eines Rathauses erneut aufgenommen. Während weite Kreise der Bevölkerung und der Gemeindevertretung nachdrücklich den Wunsch vertraten, das Rathaus auf dem ursprünglich dafür in Aussicht genommenen Grundstücke am Wilmersdorfer Platz errichtet zu sehen, wurde nach gründlicher Untersuchung der Raumfrage und Ankauf der Grundstücke Niedstraße 1 und 2, Ecke Rheinstraße, doch der endgültige Beschluß dahin gefaßt, das Rathaus am Lauterplatz, im Angesicht der Hauptverkehrsstraße Friedenaus, zu errichten.

Bei der Größe des Bauprogramms und dem Wunsche, nicht nur die Diensträume, sonder auch die Feuerwehr, mehrere Dienstwohnungen von Unterbeamten, einen Ratskeller und, wenn möglich, eine Wohnung für den Bürgermeister im neuen Hause unterzubringen, ergab sich, daß trotz Inanspruchnahme weitgehender Dispense für die Bauausführung das vorhandene Grundstück bei weitem nicht ausreichte, um den aufgestellten Anforderungen zu entsprechen. Es wurde deshalb zur Vergrößerung des Grundstückes ein Teil des Straßengeländes bis zu 12 Meter Tiefe durch Änderung der Baufluchtlinien zu dem Baugrundstück hinzugeschlagen. Gegen diesen Beschluß erhoben die Gegner des Rathausprojektes eine Klage im Verwaltungsstreitverfahren, welche durch das Oberverwaltungsgericht in günstigem Sinne für die Gemeindeverwaltung entschieden wurde.

Inzwischen war das Bauprogramm noch weiter dadurch gewachsen, daß die Gemeindevertretung unmittelbar vor dem Baubeginn beschloß, in das Rathaus einen Bürgersaal mit Nebensälen und den dazu gehörigen anderen Räumen einzubauen. Trotzdem dadurch der bereits aufgestellte Bauentwurf eine ganz wesentliche Änderung erfuhr, mußte ohne Zeitverlust mit dem Bau begonnen werden. Als derselbe aus dem Erdreich herauswuchs, brach der Krieg aus. Trotz anfänglich Bedenken wurde der Bau mit aller Energie fortgeführt und so beschleunigt, daß bereits im Jahre 1915 fast die ganze Verwaltung in das Haus hinein verlegt werden konnte. Auch der Ratskeller konnte gleichzeitig seiner Bestimmung übergeben werden. Im nächsten Jahre folgte dann die Fertigstellung des Festsaales und seiner Nebenräume und im Jahre 1917 die Fertigstellung des Turmes. So kam Friedenau noch im letzten Augenblick zu seinem so langersehnten Rathaus.

Bei allen vorerwähnten Aufgaben, die dem Unterzeichneten zu entwerfen und zu bauen oblagen, hat, das muß rückhaltlos anerkannt werden, die Gemeinde stets opferwillig Mittel zu einer würdigen Ausgestaltung der Bauten bewilligt. Dies zeigt sich nicht zuletzt auch in der Ausgestaltung des Rathauses. Nicht unerwähnt bleibe, daß in dem Gesellschaftszimmer des Ratskellers Bilder von Stätten Alt-Friedenaus, welche älteren Mitbürgern in lieber Erinnerung geblieben sein dürften, der Nachwelt als Wandschmuck überliefert werden, und einst, wenn diejenigen, die die Entwicklung Friedenaus miterlebt haben, schon lange der Rasen deckt, wird ein späteres Geschlecht an diesen Bildern die schnelle Entwicklung Friedenaus noch nacherleben können.“


Schöneberg- Friedenauer Lokal-Anzeiger, 9.11.1924

5 Waldfriedhof Gütergotz

Von Gemeindebaurat Altmann in Friedenau

„Jedoch schon im Jahre 1912 wurden die Verhandlungen zur Beschaffung eines neuen ausreichend großen Friedhofes außerhalb Groß-Berlins zum Abschluß gebracht und in den Jahren 1913 und 1914 der Waldfriedhof in Gütergotz angelegt, der den modernen Anschauungen über Friedhofskunst entsprechend, nicht mehr den Charakter der üblichen Begräbnisstätten mit ihrer nüchternen Gleichförmigkeit trägt, sondern dem Besucher den versöhnlichen Eindruck gibt, in dem Garten Gottes, dem schönen märkischen Wald seine Toten besuchen und sich in Andacht der Stimmung des Ortes hingeben zu können. Diesem Gedankengange sind auch die Baulichkeiten des Friedhofes und seine ganze Anlage angepaßt.

Der Eingang durch ein monumentales Portal wird von einem malerisch hingestellten Verwaltungsgebäude und einer Blumenverkaufshalle flankiert. Die geräumige Friedhofskapelle schließt sich in ihrem Charakter der Stimmung des sie umgebenden Hochwaldes an. Kleine, in Stroh gedeckte Unterkunfts- und Bedürfnishäuschen fügen sich in den gewollten Charakter der ganzen Anlage ein. Im Jahr 1914 konnte die Einweihung des Waldfriedhofes stattfinden und gleichzeitig die auf dem hinteren Teil des Geländes errichtete Gärtnerei der Gemeinde ihrer Bestimmung übergeben werden. Da sich die Wirtschaftsanlagen hier bald als zu klein erwiesen, wurde im Jahre 1919/20 ein großes Wirtschaftsgebäude und ein erweitertes Gewächshaus errichtet, da inzwischen der Bedarf an Blumen und Pflanzen für die Anlagen in Friedenau ein gewaltig gesteigerter geworden war.“

Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger, 9.11.1924

Literatur

Aufnahmeantrag in den Bund Deutscher Architekten (BDA), Archiv BDA
Akte Altmann, Reichskulturkammer, Landesarchiv Berlin
Altmann, H.: Das neue Realgymnasium in Friedenau in: Das Schulhaus 13
(1911) 3, S. 99-111
Altmann, H.: Das neue Lyzeum in Friedenau in: Das Schulhaus 13
(1911) 11, S. 475 – 483
Altmann, H.: Die bauliche Entwicklung Friedenaus von 1871 bis 1914, Schöneberg- Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 9. November 1924
Altmann, Hans: Der Typ der „Hallen“-Schule in: Die Bauwelt, Nr. 112, Jg. 2,
1911, S. 25 – 39Berlin und seine Bauten, Teil IV Wohnungsbau, Bd. A, Berlin 1970, (Haus Haenel)
Berlin und seine Bauten, Teil X Bd. A, 1 Berlin 1976, (Rathaus Friedenau)
Berliner Architekturwelt 12 (1910), S.398 (Rathaus Friedenau)
Bauakten zu den einzelnen Bauten in Schöneberg-Tempelhof, Wilmersdorf-Charlottenburg, Steglitz-Zehlendorf und Potsdam
Bürkner, Alfred: Friedenau – Straßen, Häuser, Menschen. Berlin 1996
Denkmale in Berlin. Bezirk Schöneberg. Lemburg, Schulz, Worbs. Landesdenkmalamt Berlin 2000
Der Haus- und Grundbesitzer-Verein zu Berlin-Friedenau 1888-1913, Berlin 1913
Ebling, Hermann: Friedenau. Berlin 1986
Ehrenberg, Erwin: Hans Altmann, Berlin 1927
Jubiläen, Nachruf Altmann, Der Tagesspiegel
Lampeitl, Jürgen: Untersuchung über das „Haus Haenel“, (unpubliziert) 2005
Susanne Willen: Das Rathaus Friedenau. Bezirksamt Tempelhof-Schüneberg 2008
Winz, Helmut: Es war in Schöneberg. Berlin 1964
Wollschläger, Günter: Friedenauer Chronik 1986
Zentralblatt der Bauverwaltung 96 (1911) Das neue Realgymnasium in Friedenau

Werksübersicht

Auf der Denkmalliste:

1 Realgymnasium Friedenau, Schwalbacher Straße 3-4, 1908-10

2 Bedürfnisanstalt, Perelsplatz, 1909

3 Königin-Luise-Lyzeum, Goßlerstraße 13-15, 1910-11

4 Gemeindehaus „Zum guten Hirten“, Bundesallee 76-76A,1911-13

5 3. Gemeindeschule, Laubacher Straße 22-27, mit Turngerätehaus, 1913

6 Friedhofskapelle, Wilmersdorfer Waldfriedhof Gütergotz, 1913

7 Rathaus Friedenau, Breslauer Platz, 1913-16

8 3. Städtischer Friedhof Berlin-Schöneberg, Urnenhalle, Stubenrauchstraße 43-45, 1914-16

9 Askaniawerke, Bundesallee 86-88, 1918-19 Vorderhaus (Nr. 88), 1923-24 Quergebäude, 1924 Tischlerei, 1934-35 Erweiterung des Vorderhauses (Nr. 87), 1935 Garagen, 1936-37 Erweiterung Vorderhaus (Nr. 86)

10 Kiosk, Bedürfnisanstalt, Südwestkorso, 1920

11 Badeanstalt der Allgemeinen Ortskrankenkasse Berlin Schöneberg, Rheinstraße 9, (Anbau am Seitenflügel des Mietshauses), 1924-25

12 Haus Haenel am Roseneck Nr. 92-94, 1924/25, 1929

13 Wohnhaus mit Ladenzone, (Haus Heidgen), Königin-Luise-Straße 38/Takustraße 47, 1928

14 Mietshaus, (Stöckelsche Erben), Bismarckstraße 72-73/Sachsenwaldstraße 6-7, 1928-29

15 Landhaus Roux mit Gartenanlage, Höhenstr. 3 Potsdam, 1929 – 30

16 Laborgebäude Askaniawerke, Stubenrauchstraße 72, 1935-36

17 Askania-Werke, Großbeerenstraße 2, 1938-40

Weitere Werke:

18 Wohnblock Albrecht-, Stinde-, Pressel-, Liliencronstr., „Heimat“, Gemeinnützige Bau- und Siedlungs AG, 1927 /28

19 Wohnblock Südwestkorso, Geisenheimer Str., Markobrunner Str., Laubenheimer Str., „Heimat“, Gemeinnützige Bau- und Siedlungs AG, 1930 – 31

20 Wohnhaus Altmann Föhrenweg 17, 1935

Mitwirkung an:

Kornmessersches Waisenhaus, Lichterfelde, 1897

Königlich Preußisches Staatsministerium und General-Lottodirektion, 1900 -1902

Gartenstadt Ceciliengärten, 1920

Villa Roux in Kleinmachnow

Ferienkolonie der St. Simeons Gemeinde in Zinnowitz, 1919, (zerstört)

Wirtschaftsgebäude der Gaststätte zum Rabenstein in Wolfshau bei Krummhübel, Schlesien