Die Zuckerburg am Jungfernsee

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Villa Jacobs

Vorwort

Die deutsche Teilung und insbesondere der Bau der Berliner Mauer hatten bewirkt, dass ein besonderes Kleinod der Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts, nämlich die preußische Kulturlandschaft in und um Potsdam, in eine Randlage geraten und aus dem Blickfeld der kunstinteressierten Öffentlichkeit gefallen war. Sperrzonen, Grenzanlagen und Kontrollstellen machten besonders im Norden und Osten Potsdams viele kunsthistorisch wertvolle Objekte unzugänglich, „sozialistische“ Baumaßnahmen griffen in gravierender Form in schützenswertes Kunstgut ein, Gedankenlosigkeit und Vernachlässigung sorgten für den Verfall von wertvollem Kulturerbe. Als besonders verheerend erwies sich die Geringschätzung alles Preußischen in der DDR, es wurde grundsätzlich als militaristisch, feudal, ungeistig und den Nationalsozialismus vorbereitend diskriminiert. Daraus resultierte eine Einstellung, die preußische Kunstwerke als wertlos ansah, vor allem wenn es sich um Herrenhäuser und Schlösser handelte.

So musste nach der Wende 1989 die Wertschätzung für die preußische Kulturlandschaft im Umkreis von Potsdam, das „preußische Arkadien“, erst Stück für Stück zurückgewonnen werden. Das war ein sich mit quälender Langsamkeit vollziehender Prozess, denn die sowjetischen Besatzungstruppen blieben noch bis 1993 im Land und blockierten wichtige Areale, außerdem war oftmals kaum noch zu erkennen, dass die Potsdamer Landschaft ein von genialen Künstlern gestaltetes Gesamtkunstwerk war. Das betraf insbesondere die Gegend um den Jungfernsee von der Glienicker Brücke bis zur ehemaligen „Villa Jacobs“.

1993 tat sich hier dem Spaziergänger, der vom Schloss Cecilienhof am Ufer des Jungfernsees nordwärts wanderte, ein verlassenes Gelände auf, dessen morbider Charme auf äußerst gegensätzlichen Elementen beruhte: Zum einen die wunderschöne Landschaft am See, mit dem Königswald, wie der Sacrower Forst im 19. Jh. hieß, am anderen Ufer. Der Name der Straße, die man nach dem Verlassen des Neuen Gartens erreichte – Bertinistraße – weckte Assoziationen an Italien, Assoziationen, die durch den Baustil des nahe gelegenen Pfingstberg-Ensembles und der in der ganzen Gegend vorhandenen italienischen Turmvillen noch verstärkt wurden. In der Bertinistraße selbst beeindruckten ehemals noble Häuser, die ihre Würde bei jahrzehntelangem Verfall nur noch mühselig bewahrten. Sie waren von ausgedehnten, vernachlässigten Gärten umgeben und standen größtenteils leer.

GÜSt, Mauer
GÜSt, Grenz-Übergangs-Stelle, Mauer
GÜSt Lampen Turm
GÜSt, Lampen Turm
Der DDR „Leuchtolm“

Dagegen, fast schmerzhaft, eine Versammlung von Hässlichkeiten des einstigen DDR-Grenzregimes: Mauerabschnitte, die den Blick auf den See versperrten, ein Wachtturm, der die Engstelle des Sees, die von den einst nach West-Berlin fahrenden Schiffen passiert wurde, unter Kontrolle nahm, eine Schiffswerft für die Kontrollboote, ein Hundezwinger für Wachhunde, die charakteristische DDR-Laterne (der “Leuchtolm“). Das ganze, früher eindeutig hoch herrschaftliche Gelände war mit Kleingärten, „Datschen“ und vielerlei anderen Verschandelungen durchsetzt.

Villa Mendelssohn
Villa Mendelssohn

Befragte man Ortskundige über die Geschichte der Bertinistraße, dann waren nur Andeutungen zu erfahren, interessante, mysteriöse und manchmal kuriose: Hinweise auf eine „Villa Mendelssohn Bartholdy“, auf die jüdische Bankiersstraße und die Vertreibung ihrer Bewohner durch die Nazis, auf das untergegangene Schloss des Besitzers einer Zuckerfabrik und, als Krönung, eine Räuberpistole über die versuchte Flucht eines Rotarmisten, die zur Zerstörung eines Baudenkmals führte.

Meierei am Neuen Garten
Meierei am Neuen Garten
Villa Hagen
Villa Hagen

Am Beginn der Straße, gleich hinter einem „Meierei“ genannten, ausgebrannten und verfallenen Komplex in eindeutig preußischem, dem Mittelalter nachempfundenen Stil, fiel auf der rechten Straßenseite ein herunter gekommenes Gebäude ins Auge, sehr schön direkt am Ufer gelegen, dessen schnörkelloser moderner Baustil entfernt an das Bauhaus erinnerte. Dominanter waren allerdings eingeschlagene Fensterscheiben und Relikte sozialistischer „Dekoration“, wie schmutzig grauer Kratzputz, Pappdächer und stillose Anbauten.

Am Ende der Bertinistraße erweckte eine besonders ausgedehnte Villenanlage das Interesse: Links, auf dem Abhang über dem See gelegen, früher wohl leuchtend weiß oder gelb gestrichen, mit großen Fenstern, die einen dahinter liegenden Festsaal andeuteten und einem ruinösen Bootshaus unten am See, das durch die Begradigung des Ufers für den Bau einer Schiffskontrollstelle landfest geworden war. Der gesamte Komplex war äußerst vernachlässigt und wurde gerade eben von Hausbesetzern okkupiert.

Villa Gutmann
Villa Gutmann

An dieser Stelle, der so genannten Villa Gutmann, wurde die Bertinistraße zu einem Waldweg. Ging man aus Interesse weiter, weil der noble Charakter einer (allerdings verwilderten) Lindenallee, gesäumt von uralten Eiben, so gar nicht zu einem solchen passte, kam man auf ein ausgedehntes Gelände, das – wie üblich – Datschen beherbergte und einige einfache Gebäude des frühen 19. Jahrhunderts: Scheune, Stall und Remise. Die Straße endete an einem Gartentor mit der Aufschrift: „Kleingartenkolonie am Jungfernsee“. Das Tor war jedoch stets offen und erlaubte den Anstieg auf die Spitze des Hügels. Hier war eine überwucherte planierte Fläche zu erkennen, am Rand mit zyklopischem Mauerwerk befestigt, in der Mitte ein zugewucherter Trümmerhaufen.

Ruine Villa Jacobs 2005
Ruine Villa Jacobs 2005

Ging man um die Trümmer herum, erkannte man das aus ebensolchen zyklopischen Steinen gefügte Fundament eines Turms, daneben, von Trümmern halb verschüttet, einen Kellereingang. Im total dunklen Innern machten es erst ein Feuerzeug und das ans Dunkel adaptierte Auge möglich, wundervoll gefügte kreisförmige Gewölbe zu erkennen. Sollten dies die Reste der „Zuckerburg“, der Sommerresidenz des Zuckerfabrikanten, sein? Spätestens jetzt war das Interesse an all dem Gesehenen so weit geweckt, dass man gern wissen wollte, was es mit dieser verwunschenen Straße und dem rätselhaften Gelände an ihrem Ende auf sich hatte.

Villa Jacobs Gewölbe
Villa Jacobs Gewölbe
Eberhard Kühne-Jacobs
Eberhard Kühne-Jacobs, ein Ur-Ur-Enkel

Heraus kam, dass sich hier, am nördlichen Ende der künstlerisch gestalteten Potsdamer Stadtlandschaft, mit dem Park und der Villa Jacobs ein Höhepunkt des Gesamtkunstwerks Potsdam befunden hatte. Berühmte Künstler, Aristokraten und großbürgerliche Mäzene hatten zu dessen Gestaltung beigetragen. Die wieder einsetzende Würdigung dieses Gesamtkunstwerkes führte dazu, 1993 das Gesamtensemble der preußischen Schlösser und Gärten auf die UNESCO-Liste des Welterbes zu stellen, das 1999 um das Areal am Jungfernsee und den Garten der Villa Jacobs erweitert wurde. Der Schlusspunkt der künstlerischen Gestaltung des Potsdamer Nordens, die Villa Jacobs mit ihrem Garten ist durch private Initiative inzwischen wieder aufgebaut worden. Ihre bewegte Geschichte, einschließlich der Zerstörung und des Wiederaufbaus verdienen eine ausführlichere Darstellung als bisher verfügbar. Das soll mit der Publikation der „Zuckerburg am Jungfernsee“ nachgeholt werden. Der erste Teil wird sich den Persönlichkeiten widmen, die zu ihrem Entstehen und ihrer Gestaltung beigetragen haben, während im zweiten Teil auf ihre Baugeschichte eingegangen wird.

Villa Jacobs, Potsdam
Wieder aufgebaute Villa Jacobs mit originalen Nebengebäuden

I. Die Protagonisten der Zuckerburg

1 Der depressive Baukondukteur

Potsdam 1766 – Carl Ludwig Hildebrandt war am Ende. Alles, was sein Leben bisher ausgemacht hatte, war ins Wanken geraten – Beruf, Ehe und Einkommen. Dabei hatte seine Baumeisterkarriere so gut begonnen. Nach einer Lehre beim Oberbaudirektor Johann Karl Stoltze in Berlin hatte der aus der Neumark gekommene – erst zwanzigjährig – 1740 eine Stelle als Baukonducteur in Berlin angenommen. Damit war er Staatsangestellter und hatte die Aufsicht über kleinere staatliche Bauprojekte. Es war die Zeit des Regierungsantritts Friedrichs II., in der großartige Bauplanungen umzusetzen waren. Schon 1744 wechselte er nach Potsdam, um unter den ihm vorgesetzten Baumeistern Jan Bouman und Friedrich Wilhelm Diterichs die Pläne Friedrichs und seines Architekten Knobelsdorff zu verwirklichen. Friedrich wollte das alte kurfürstliche Stadtschloss in eine standesgemäße Residenz umbauen und sich gleichzeitig ein privates Refugium, das Sommerschloss Sanssouci, schaffen. Aber genauso sehr lag ihm am Herzen, das schlichte, vom Militär geprägte Provinzstädtchen Potsdam zu einer dem französischen Versailles vergleichbaren Residenzstadt auszubauen.

Besonders in letzterem Bereich erhielt nun Hildebrandt seine Aufgaben. Allerdings erfuhr er auf diesem Posten auch die Nachteile einer Tätigkeit für Friedrich den Großen. Als absoluter Monarch mischte sich dieser in alle Bauangelegenheiten ein, verlangte totale Sparsamkeit und engte die schöpferische Kraft seiner Architekten völlig ein, indem er ihnen vorschrieb, Entwürfe aus seinem in der Schlossbibliothek aufbewahrten Standardwerk der Architekturtheorie des 18. Jahrhunderts „I quattro libri dell‘architettura“ (Die vier Bücher zur Architektur) von Andrea Palladio nachzubauen. Bezahlt werden sollte die Stadtverschönerung durch die Besitzer der Häuser, die über diese finanzielle Belastung alles andere als erfreut waren und ihren Ärger vornehmlich an den Baumeistern ausließen.

Doch zunächst schritt Hildebrandts Karriere gut voran. Zur Verwirklichung von Friedrichs Bauprojekten war 1752 ein immediates (unmittelbar, dem König unterstehendes) Hofbauamt, das „Königliche Bau-Comptoir“, gegründet worden, das man im Ostflügel des Stadtschlosses unterbrachte. Hildebrandt wurde Mitglied desselben und nach Boumans Weggang nach Berlin 1755 zusammen mit Johann Gottfried Büring (dem Architekten des Neuen Palais) der Leiter.

Potsdam, Altes Rathaus von Carl Ludwig Hildebrandt und Knobelsdorffhaus (rechts)

In diesen Jahren schuf er den Bau des neuen Potsdamer Rathauses und die zwei bekannten Gasthöfe „Roter Adler“ und „Zum Einsiedler“ sowie einige Bürgerhäuser, allesamt mit vorgeblendeten Palladio-Fassaden. Hinter einer solchen Palastfassade ein funktionsfähiges Bürgerhaus einzurichten, war eine fast unlösbare Aufgabe, die nur mit unerfreulichen architektonischen Kompromissen bewältigt werden konnte. Suggerierte die Palladio-Fassade einen zweigeschossigen palazzo mit piano nobile, so verbarg sich in Potsdam dahinter ein schlichtes, drei- oder viergeschossiges Bürgerhaus, dessen Fenster sich an völlig unfunktionalen Stellen (am Fußboden oder unter der Decke) befanden. Auch Hildebrandts Zweckbauten für das Militär, ein Lazarettgebäude und ein Backhaus für die Brotversorgung der Potsdamer Garnison waren keine echte Herausforderung seiner architektonischen Fähigkeiten.

1756 begann Friedrich II. den siebenjährigen Krieg, der sich auf die königlichen Bauaufgaben verheerend auswirkte. Alle Geldmittel wurden für den Krieg benötigt und auch das Interesse des Königs wendete sich ausschließlich den Kriegsaufgaben zu. So stockten die königlichen Bauten oder wurden vollständig eingestellt, die Einkünfte der am Bau Beteiligten sanken oder fielen ganz weg. Hildebrandt behielt wenigstens seinen staatlichen Posten (zusammen mit Büring und Manger), musste aber 1760 nach Breslau gehen, um dort das von den Österreichern zerstörte Stadtschloss wieder aufzubauen.

Nach seiner Rückkehr 1763 heiratete er – nunmehr schon 43jährig – die 29jährige Potsdamerin Anna Sophia Hildebrandt – eine verhängnisvolle Fehlentscheidung. Zwar war die Ehe schon bald mit der Geburt der Tochter Amalia gesegnet, aber Carl Ludwig kam mit dem dominanten Charakter seiner Frau nicht klar. Sie hatte ehrgeizige Ziele, wollte reich werden und in die Spitze der Potsdamer bürgerlichen Gesellschaft aufsteigen. Zur Verwirklichung dieses Ziels hatte sie sich in den Kopf gesetzt, die Potsdamer Ratsziegelei zu erwerben, denn während des bis zum 7jährigen Krieg anhaltenden Baubooms versprach die Produktion von Baumaterial hohe Gewinne. Deshalb drängte sie ihren in der Geschäftswelt eher untüchtigen Mann in das Abenteuer des Unternehmertums. Das war in diesem Fall mit hohem finanziellen Risiko behaftet: Der Erbpachtvertrag für die Ratsziegelei beinhaltete nämlich die Pflicht zur Einrichtung von sechs Kolonistenstellen. Dabei handelte es sich um ein Programm des preußischen Staats zur Anwerbung von Neubürgern, die durch Angebote auf kostenfreies Wohnen und einen gesicherten Arbeitsplatz ins Land geholt wurden. Der künftige Pächter der Ratsziegelei sollte drei Doppelhäuser für die Kolonisten errichten und dafür sorgen, dass sie selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen konnten. Diese Bedingungen – und dazu die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage durch den Krieg – überforderten Hildebrandt. Er wurde der zusätzlichen finanziellen Belastung durch die Pläne seiner Frau nicht mehr Herr und ging schließlich pleite. Obendrein wurde die Arbeit im königlichen Bau-Comptoir immer unangenehmer, weil der König unablässig neue Mitglieder berief und ein harter Verdrängungswettkampf zwischen den Neuankömmlingen und den Alteingesessenen einsetzte. Und nicht zuletzt hatte er auf einer Reise nach Kassel einen schweren Unfall erlitten, in dessen Folge er Depressionen bekam (vielleicht rührten diese aber auch von seiner zerrütteten Ehe her).

In dieser Situation beschloss Carl Ludwig Hildebrandt, seine Frau zu verlassen und ins Ausland zu gehen. In einem absolutistischen Staat war so etwas nicht ganz einfach – schließlich hatte der Monarch am eigenen Leibe erfahren, was es bedeutete, Preußen ohne Erlaubnis des Regenten verlassen zu wollen. So täuschte Hildebrand einen Kuraufenthalt in Italien vor und brach im Jahre 1766 nach Pisa auf. Schwierig war die Wahl eines neuen Wohnortes für den mittellosen Flüchtling. Er erinnerte sich noch gut an das Schicksal seines Kollegen Johann August Nahl, der es nach einem Zerwürfnis mit Friedrich II. 1746 gewagt hatte, heimlich Preußen zu verlassen und zu Verwandten nach Straßburg zu gehen. Friedrich der Große ließ ihn steckbrieflich verfolgen und sogar verhaften. Lediglich das dort schon 1736 erworbene Bürgerrecht bewahrte Nahl vor einer Auslieferung nach Berlin. Deshalb entschloss sich Hildebrandt, im Lande der größten Widersacherin Friedrichs, der Kaiserin Maria Theresia, Zuflucht zu suchen. Am Waisenhaus in Graz fand er eine Anstellung als Zeichenlehrer, starb aber bereits 1770 mit nur 50 Jahren.

2 Die streitbare Witwe

Anna Sophia Hildebrandt, mit 36 Jahren bereits Witwe, ließ sich durch diesen Schicksalsschlag nicht entmutigen. Zäh verfolgte sie ihr Ziel, Erbpächterin der Potsdamer Ratsziegelei zu werden, weiter und erreichte es im Todesjahr ihres Gatten. In dem Willen das Unternehmen profitabel zu halten und durch die Verpachtung regelmäßige Einkünfte zu erzielen, hatte der Rat der Stadt Potsdam der Ziegelei eine Monopolstellung eingeräumt. Jedoch musste Sophia feststellen, dass es in Potsdam einen weiteren Ziegelproduzenten gab, die Gebrüder Moyß, deren Familie auf einem „Töpferkute“ genannten Grundstück im Norden Potsdams schon seit 70 Jahren Ziegel – unter anderem für den Bau der Garnisonkirche – brannte. Unter Berufung auf ihr Privileg und unter Ausnutzung aller Rechtsmittel nahm sie den Kampf gegen die Konkurrenten auf. Dieser zog sich in die Länge, aber da sie mit der Ratsziegelei bereits gute Gewinne machte, griff sie zu einem Mittel, das man 200 Jahre später „feindliche Übernahme“ nennen sollte: Zusammen mit einem Mitbewerber kaufte sie den Gebrüdern Moyß ihren Besitz für 1800 Taler ab. Bald schon bootete sie den neuen Mitbesitzer aus, legte die „feindliche“ Ziegelproduktion still und ging weiterhin konsequent gegen jeden vor, der ihr das Monopol streitig machen wollte.

Trotz der vielen Rechtsstreite, die sie nun ständig führte, gelang es ihr, ein ansehnliches Vermögen zu erwerben. Dieses nutzte sie, um auf ihrem neuen Besitz auf dem Gelände der „Töpferkute“ diverse Bauten zu errichten. Das waren zum einen die erwähnten drei Doppelhäuser für Kolonisten am Ufer des Jungfernsees, die ihr der Erbpachtvertrag für die Ratsziegelei auferlegt hatte. (Der Pflicht, die Kolonisten auch zu unterhalten, unterzog sie sich nur widerwillig bzw. gar nicht.) Zum anderen baute sie ein Wohnhaus mit Wirtschaftsgebäuden auf der Anhöhe des Geländes. Sie besaß bereits zwei weitere Häuser in der Innenstadt Potsdams, der Neubau am nördlichen Stadtrand war für ihre Tochter Amalia vorgesehen. Diese hatte 1783 den Italiener Giovanni Alberto Bertini geheiratet, Sekretär des königlichen Kammerherrn Lucchesini und hatte mit ihm eine kleine Tochter, Helene. Amalia Hildebrandt verstarb jedoch bereits 1785 mit nur 21 Jahren, wodurch ihre Mutter den größten Teil ihres Elans verlor. In ihrem Kummer gab die „Hildebrandtin“ (oder die „Witwe Hildebrandt“, wie sie von allen genannt wurde, mit denen sie im Streit lag) alle ihre expansiven geschäftlichen Bestrebungen auf.

Zwei Jahre nach dem Tode der Tochter verkaufte sie das Erbpachtrecht an der Ratsziegelei an den Lehnschulzen August Kaehne aus Petzow, einen ehrgeizigen Aufsteiger, der später von Friedrich Wilhelm IV. geadelt wurde und auf dessen Wunsch das Schloss und die Kirche in Petzow/Havel errichtete. Sie war zu der Überzeugung gelangt, dass ihr Schwiegersohn Bertini das Ziegeleigeschäft sowieso nicht weiterführen würde. Noch im gleichen Jahr starb sie an einem Schlaganfall, nur 53 Jahre alt. Für ihre Zeit stellte sie ein beeindruckendes Beispiel einer emanzipierten Frau dar. Mit dem Kauf der „Töpferkute“ und der Errichtung von Gebäuden auf dem Gelände hatte sie den Grundstein für die Entwicklung eines Areals gelegt, auf dem später die Zuckerburg und die Villa Gutmann stehen sollten.

Ebenfalls 1787 verstarb im Alter von nur drei Jahren überraschend Sophias Enkelin Helene, Bertinis Tochter. Nun war Alberto Bertini alleiniger Erbe des Hildebrandtschen Vermögens und ein gemachter Mann. Aus der Erbmasse ließ er den drei toten Frauen ein eindrucksvolles barockes Grabmonument errichten, das auf dem – jetzt verschwundenen – Kirchhof vor dem Nauener Tor stand. Dieser neben der heutigen Kolonie Alexandrowka gelegene Friedhof lag ungünstig in sumpfigem Gelände und verbreitete angeblich üble Gerüche, deshalb verlegte man ihn später an die heutige Stelle in der Teltower Vorstadt, wobei ein Teil der alten Grabmäler versetzt wurde.

Julius Haeckel 1866 – 1940, Potsdamer Stadthistoriker

Julius Haeckel (1866 – 1940), Jurist und verdienter Potsdamer Stadthistoriker, der aus alten Grundbüchern viele Details über das Leben der Hildebrandts und Bertinis herausgefiltert hatte schreibt dazu: „Er [Bertini] setzte aus der Erbschaft der Großmutter, Mutter und Enkelin auf dem Kirchhof vor dem Nauener Tor ein stattliches Sandsteindenkmal in Form eines dreiseitigen Obelisken mit den aus dunkelm Marmor eingelassenen Profilsilhouetten mit Tuchbehang; darunter lateinische Inschriften (leider mit Fehlern in den Namen). Jetzt ist es auf dem Alten Kirchhof in der Mittelachse am Ende aufgestellt. Die Silhouetten sind aus den Füllungen gefallen“.

Dieses Denkmal hat glücklicherweise alle folgenden Kriegsereignisse und die Zeit des Sozialismus überstanden und steht noch heute an der von Haeckel bezeichneten Stelle des Alten Friedhofes in der heutigen Heinrich-Mann-Allee.

Grabmal Sophia Hildebrandt
Grabmal Hildebrandt, Inschrift

3 Der gebildete Marchese

Der Erbe des Hildebrandtschen Vermögens, Carlo Alberto Bertini lebte seit 1779 in Potsdam. Er stammte aus Lucca, wo er Kammerdiener und Sekretär des Marchese Girolamo Lucchesini (1751 – 1825) geworden war. Zusammen mit dem hochgebildeten Lucchesini bereiste er Europa, auf der Suche nach einer standesgemäßen Anstellung für den Marchese. Auf Empfehlung des Aufklärers und Mathematikers d’Alembert, der auch Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften war, gelangten sie von Paris nach Berlin. Friedrich der Große hatte gerade seinen Gesellschafter und Vorleser Henri de Catt wegen eines „skandalösen“ nächtlichen Damenbesuchs entlassen und war beeindruckt von Lucchesinis Gelehrsamkeit und Weltläufigkeit, sowie der Tatsache, dass sich der Marchese in Deutschland gut auskannte und fließend französisch sprach. Seine literarisch-klassische Bildung, sein naturwissenschaftliches Studium bei Lazzaro Spallanzani in Modena und Pavia, sowie die Mitgliedschaft in verschiedenen Akademien (der Crusca- und der Florentinischen Academie und der Gesellschaft „Naturae Curiosorum“ in Nürnberg) und seine in Italien veröffentlichten historiographischen Schriften und lateinischen Dichtungen beeindruckten den Monarchen sehr. Lucchesini entsprach genau dem intellektuellen Standard, den er von seinen Gesellschaftern und Korrespondenten Marquis d’Argens und Graf Algarotti gewohnt war. So bot er ihm den vakanten Posten des Vorlesers und obendrein die Leitung der königlichen Bibliothek und die Stelle eines Kammerherrn in Potsdam an. 1786 heiratete der Marquese Charlotte von Tarrach (1759-1820), mit der er zwei Söhne hatte. (Der eine, Franz von Lucchesini (1788 – 1867), wurde königlicher Kammerherr, Legationsrat und später Hofmarschall beim Prinzen Carl – des Bruders Friedrich Wilhelms IV. – in Glienicke).

Im Jahr 1786 starb Friedrich II. und die Posten des Vorlesers und Bibliothekars waren plötzlich obsolet. Aber auch Friedrich Wilhelm II., Neffe und Nachfolger Friedrichs, wusste die Weltläufigkeit Lucchesinis zu schätzen. In den unruhigen Zeiten im Umfeld der französischen Revolution betraute er ihn mit wichtigen diplomatischen Aufgaben. Zunächst übernahm er von 1787/88 eine 8-monatige Mission in Rom zur Bildung eines Fürstenbundes gegen Frankreich. Nach der Revolution wirkte er 1790 als preußischer Gesandter in Warschau, zur Zeit der Entstehung der polnischen Verfassung. 1791 beobachtete er auf dem Kongress von Sistowa den Status-Quo-Frieden Österreichs mit den Osmanen, 1792 die Feldzüge der Koalition gegen Frankreich. 1793 übernahm er bis 1797 eine Gesandtschaft in Wien, 1805 wurde er Gesandter in Paris. 1807, nach der Niederlage gegen Napoleon, wurde Lucchesinis Tätigkeit im preußischen Dienst wegen seiner angeblichen Nähe zu Frankreich beendet.

Girolamo Lucchesini

Er kehrte nach Lucca zurück und wurde Haushofmeister der ältesten Schwester Napoleons, Elisa Bonaparte, der Fürstin von Lucca, was den Grund für seine Entlassung bestätigte. Elisa hielt in ihrem neu erbauten Palast glänzend Hof, modernisierte ihr Territorium nach napoleonischem Vorbild und wirkte als Mäzenatin, indem sie in Carrara eine Bildhauerschule einrichtete und Paganini als Mitglied ihrer Hofkapelle förderte. Beharrlich strebte sie nach einer Rangerhöhung zur Großherzogin der Toscana, um ihren Geschwistern ebenbürtig zu sein. Dies glückte nur teilweise, da sie „nur“ zur Statthalterin mit dem persönlichen Titel Großherzogin ernannt wurde. Lucchesini begleitete sie auch nach Florenz, wo sie im Palazzo Pitti residierte. Nach Napoleons Sturz fielen jedoch auch alle seine Vasallenreiche und Girolamo Lucchesini zog sich 1814 als Privatier nach Lucca zurück, wo er 1825 mit 74 Jahren starb.

4 Der Caffetier auf dem Weinberg

Sein Sekretär Giovanni Alberto Bertini, 1754 ebenfalls in Lucca geboren, hatte Lucchesini über einen großen Teil seines Lebens begleitet, auch noch nach dem Tode seiner Frau Amalia Hildebrandt. Den Tod seiner Schwiegermutter und seiner Tochter Helene erlebte er, als er 1787/88 mit Lucchesini in Rom weilte. Die Tochter war zum Zeitpunkt ihres Todes in der Obhut eines Vormunds, des Akziseeinnehmers Henschel. Da in Potsdam in der Zeit bis 1793 keine Nachrichten über ihn existieren, wird er wohl den Marchese auch auf dessen anschließender Mission als Gesandter in Warschau begleitet haben.

Erst als Lucchesini 1793 preußischer Gesandter in Wien wurde und dort bis 1797 blieb, trennten sich ihre Wege. Durch die tragischen Todesfälle in seiner Familie war Bertini Alleinerbe des Hildebrandtschen Besitzes geworden und ein relativ wohlhabender Mann. Er verkaufte das Haus Am Kanal 22 und den Garten vor dem Brandenburger Tor – den in der Innenstadt gelegenen Teil seines Besitzes – und zog sich auf das stattliche Grundstück der ehemaligen Töpferkute am Jungfernsee zurück.

Auf dem Gelände wurden schon vor dem Tod Sophia Hildebrandts 1785 keine Ziegel mehr hergestellt, deshalb entwickelte Bertini eine neue, gewinnbringende Geschäftsidee: Er eröffnete 1799 im Hildebrandtschen Wohnhaus auf der Anhöhe ein Café und machte aus der angrenzenden Lehmgrube einen Weinberg, indem er die Abhänge terrassieren und mit Reben bepflanzen ließ. Auch die eindrucksvolle Lindenallee, die heute noch von Süden das Gelände erschließt, pflanzte er damals an. Wegen der herrlichen Lage auf dem Hügel über dem Jungfernsee, wo man inmitten der Weinberge unter Pergolen saß, erfreute sich das Etablissement bald einer zunehmenden Beliebtheit. Eine Kegelbahn und die von Potsdam abgelegene Lage zogen besonders viele junge Offiziere und ihre weibliche Begleitung an, weil man sich hier ohne große gesellschaftliche Kontrolle amüsieren konnte. Solche „Café Etablissements“, vor den Toren der Stadt gelegen und zum ganztägigen Aufenthalt geeignet, waren damals in ganz Europa Mode (beeinflusst durch die englischen tea gardens), wie z. B. „die Zelte“ in Berlin oder der Wiener Prater.

1797 und 1799 nahm Bertini zwei Hypotheken (1500 und 500 Mark) zum Bau des Cafés und einer Kegelbahn auf. 1799 war das Bertinische Etablissement, wie der folgende Artikel im „Königlich Privilegirten Preußischen Volksfreund“ von 1799 zeigt, bereits voll im Geschäft. Der Auszug zeigt neben den damals herrschenden Verhältnissen auch die gesellschaftliche Bedeutung dieser Einrichtung:

„Dagegen strömt das vornehmere Publicum fast jeden Tag … zum Bertinischen, am Heiligen See ohnfern dem Königl. Garten belegenen Weinberge. Der Besitzer hat alles, was zur guten Aufnahme seiner Gäste gehört, angewendet, und liefert für billigen Preis gute Chocolade, Caffee und Biere. Das männliche Geschlecht unterhält sich am Spieltisch und auf den Kegelbahnen, zu deren Anlage Herr Bertini an 1200 Rthlr. aufgewendet hat. Die Damen beschäftigen sich beim Strickstrumpf gewöhnlich mit der Tagesneuigkeit, mit Beurtheilen der Ankommenden und Gehenden, besprechen sich von der Mode, von gut servierten Tischen, von den Familien-Angelegenheiten ihrer Bekannten u. s. w. Diese Unterhaltungen werden durch eine angenehme Musik, für welche Herr Bertini sorgt, gewürzt. Hier wo sich der Adel, die Offficiere, die Gelehrten, Magistrats-Personen, vornehmere Bürger, der Kaufmann und Künstler einfindet, um sich zu erholen, ist aller Zwang ziemlich verbannt, ein jeder hat seine völlige Freiheit und bedient sich derselben ungenirt. Im Sommer fährt man zu Wasser und zu Land zum Herrn Bertini, im Winter auf Schlitten und Schlittschuhen, kurz man trifft zu allen Zeiten zahlreiche und gute Gesellschaft dort an.“

Auch ein zeitgenössisches Bilddokument existiert vom Bertinischen Etablissement: Auf der Zeichnung von Prof. Samuel Roesel (1769 – 1849), dem Zeichenlehrer Friedrich Wilhelms IV., geht der Blick von der Anhöhe des Bertinischen Caféhauses nach Süden in Richtung Glienicke. Man sieht den Jungfernsee, den noch unbebauten Eichberg (später Pfingstberg) und das Ufer am Schinkelschen Casino in Glienicke. Der Weg auf den Hügel ist augenscheinlich der gleiche wie heute, auch die abwärts gelegenen Gebäude entsprechen ungefähr den heutigen (ehemalige Wirtschaftsgebäude).Das Gelände ist mit nur wenigen Bäumen, dafür reichlich mit Rebstöcken besetzt. Die (simple) Pergola deutet darauf hin, dass auch auf dem Hügel kaum schattenspendende Bäume standen, so dass man im Schatten des Weinlaubs sitzen musste. Die schöne Straße am Jungfernsee entlang zum Caféhaus hieß damals „Weg nach Bertini“, es ist die heutige Bertinistraße.

Samuel Roesel, Weinberg
Samuel Roesel, Weinberg am Jungfernsee

Der „Aubergist und Caffetier Bertini“ (so der Eintrag in der Einwohnerliste) wurde Potsdamer Bürger und heiratete nach dem tragischen Ausgang seiner ersten Ehe ein zweites Mal. Marianne Barnasconi, vom Namen her offensichtlich mit italienischen oder schweizerischen Wurzeln, gebar ihm die Kinder Joseph Johann Albert und Charlotte Sophie Helene Bertini. Die Geschäfte seines Etablissements gingen nicht immer gut, wie zwei weitere Darlehen, die den Wert des Anwesens ziemlich ausschöpften, bezeugen. (1200 Mark im Jahre 1815 und 900 Mark im Jahre 1817). Sie konnten bis zur Aufgabe des Caféhauses nicht getilgt werden und sind ein Zeichen für „Preußens schwere Zeit“, der Besatzung durch Napoleon und der harten Kontributionszahlungen sowie der Befreiungskriege in den Jahren von 1806 – 1815, die dem Freizeitvergnügen der Offiziere und den Einnahmen des Caffetiers abträglich waren. Außerdem war ein „Kaffeehausbetrieb im Grünen“ wohl eher ein Saisongeschäft.

1818 verkaufte Bertini ein Teilgrundstück im Süden seines Anwesens an den pensionierten königlichen Hofopernsänger Lamperi – das Gelände der nachmaligen Villa Gutmann. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits schwer krank und starb noch im selben Jahr an der „Auszehrung“. Man begrub ihn auf dem Bornstedter Friedhof, wo aber heute kein Grab mehr existiert. Sein Sohn, der Historienmaler Joseph Johann Albert Bertini, erbte das Café und führte es vorerst weiter (die Schwester zahlte er 1823 aus). Aber 1834 musste er das niedergehende Anwesen dann doch verkaufen. Es ging für 5000 Taler an den Zuckerfabrikanten Ludwig Friedrich Otto Jacobs. Bertini selbst zog nach Berlin, wo sich die Spuren seiner Familie verlieren. (Lediglich in der Kirche von Neuhardenberg befinden sich noch Kopien römischer Gemälde von Joseph Bertini).

Bevor nun die Geschichte der Zuckerburg erzählt wird, sollen erst die drei Persönlichkeiten vorgestellt werden, die Potsdam und auch die Zuckerburg und ihren Park im 19 Jh. entscheidend geprägt haben.

5 Der Romantiker auf dem Königsthron

Friedrich Wilhelm IV. wurde am 15. Oktober 1795 als ältester Sohn des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm III. und dessen Gemahlin Luise geboren. Zwei Jahre später bestieg sein Vater den Thron und somit wurde er Kronprinz von Preußen. Unter den sieben Kindern des Königspaares galt er als Lieblingssohn der Königin Luise. Seine nächst älteren Brüder Prinz Wilhelm (später Kaiser Wilhelm I.) und Prinz Carl (von Glienicke) sind für die hier geschilderten Ereignisse ebenfalls bedeutsam.

Friedrich Wilhelm IV. (1795 – 1861)

Er war ein liebenswürdiger, eloquenter und den Künsten zugeneigter Mensch, sogar mit einem Hang zur Selbstironie, was für damalige Mitglieder von Herrscherdynastien eher ungewöhnlich war. Gemäß der französischen Tradition trug auch der preußische Thronfolger den Titel Dauphin. Da dieses Wort auch „Delfin“ bedeutet, gaben ihm seine Geschwister wegen seines eher rundlichen Aussehens den Spitznamen „Butt“ – aber er akzeptierte den Spott und ließ an mehreren von ihm errichteten Gebäuden (am Schloss Charlottenhof und an der „Eisernen Brücke“ über den Kupfergraben in Berlin) einen Butt als Bauschmuck anbringen. Sein besonderes Interesse galt der Architektur und im Zeichnen und im Anfertigen von Bauentwürfen entfaltete er wirkliche Begabung. Sein Hauslehrer Jean Pierre François Ancillon, ein Theologe und Historiker hugenottischer Abstammung, vermerkte dazu kritisch: „Ich sehe Sie schon die ganze Zeit mit der Bleifeder in der Hand umgehen. Für einen künftigen Schinkel wäre dieses eine sehr nützliche Anwendung, allein da der Staat nicht in einem gothischen Tempel bestehet und noch nie ein Volk vermittelst romantischer Bilder regiert worden ist, so wird dieses ewige Zeichnen für Sie eine wahre Verschwendung der edlen Zeit.“

Für das Potsdamer Stadt- und Landschaftsbild hatte diese Neigung des Herrschers zur Kunst jedoch weit reichende, positive Folgen, so sollte er der letzte große Bauherr der Hohenzollern in Potsdam werden. Auch heute noch ist das Potsdamer Stadtbild durch die von ihm geförderten Bauten geprägt (Nikolaikirche, Belvedere auf dem Pfingstberg, Orangerieschloss). Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ging es ihm nicht nur um die Errichtung repräsentativer Bauten für das Herrscherhaus als vielmehr um die Verbesserung und Verschönerung des Stadtbildes und der Landschaft des Umlands in Hinblick auf die Schaffung eines „preußischen Arkadien“ *. _________________________________________________________________________

* Arkadien: Eigentlich eine griechische Landschaft, doch seit Jacopo Sannazaros Roman „Arcadia“ (1502) ein Begriff, der auf eine idealisierte Welt der Schäfer verweist, in der Tugendhaftigkeit und Genügsamkeit herrschen und deren Landschaft sich durch Unberührtheit und Natürlichkeit auszeichnet. Diese Idee von Arkadien beeinflusste maßgeblich die Entwicklung des englischen Landschaftsgartens .

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Deshalb griff Friedrich Wilhelm IV. die von Karl Friedrich Schinkel in der Architektur bereits unter der Regierung seines Vaters praktizierte Hinwendung zum „italiänischen Styl“ begeistert auf und unterstützte auch Peter Joseph Lenné bei seinen Plänen zur landschaftlichen Gestaltung der „Insel“ * Potsdam. Als Instrument zur Verwirlichung seiner Ziele diente der „Königliche Immediat-Bau-Fonds“, über den der Kronprinz staatliche Gelder zur Unterstützung privater Bauherren bei der Realisierung ästhetisch gewünschter Projekte zuschießen konnte. Schinkel hatte Friedrich Wilhelm seinen Schüler Ludwig Persius vermittelt, da dieser – viel mehr als der Meister – in der Lage war, fremde Ideen zu verwirklichen. So gehen in Potsdam mehrere italienische Turmvillen, das Belvedere auf dem Pfingstberg, die Heilandkirche in Sacrow, die Friedenskirche, das Krongut Bornstedt sowie eine Fülle von romantischen Architekturen in den königlichen Parks auf Friedrich Wilhelms Anregungen zurück und Persius war derjenige, der dies verwirklichen musste. Nach und nach wurde Ludwig Persius zum „Architekten des Königs“ in Potsdam, weil er dessen idealistische Träume von einem Italien in Preußen am besten in die Tat umsetzen konnte. (August Stüler bekleidete in Berlin dieselbe Position). _____________________________________________________________________

* Potsdam ist ringsum von Wasser umgeben: Von Süden über Westen nach Norden durch die Havel, im Osten durch die Kette Jungfernsee, Lehnitzsee, Weißer See, Fahrlander See. Moritz von Nassau-Siegen, der Statthalter von Kleve in Preußens westlichen Landen, hatte dem Großen Kurfürsten schon 1664 geraten: „Das ganze Eyland muss ein Paradies werden“. Erst durch die Schaffung des Sacrow- Paretzer Kanals 1874 zur Abkürzung der großen Havelschleife für die Schifffahrt wurde die Insel-Situation allerdings wirklich perfekt. _________________________________________________________________

Belvedere Pfingstberg
Heilandskirche Sacrow
Friedenskirche Potsdam
Krongut Bornstedt, Sammlung Duncker

Als Herrscher muss man Friedrich Wilhelm heute kritisch sehen. Seine Vorstellung von Monarchie und seine Einstellung zur Rolle des Monarchen war rückwärts gewandt und dem Absolutismus und sogar noch mittelalterlichen Herrschaftsvorstellungen verhaftet. Dies betraf insbesondere die Vorstellung vom Gottesgnadentum, an das Friedrich Wilhelm im wörtlichen Sinne fest glaubte. Der Herrscher hat dabei seine Herrschaftsgewalt direkt von Gott erhalten, ist dadurch von Gott begnadet und nur diesem gegenüber verantwortlich. Diese realitätsferne, von der Aufklärung und den Umwälzungen der französischen Revolution unberührte Einstellung hat dazu geführt, dass man Friedrich Wilhelm IV. später oft als den „Romantiker auf dem Königsthron“ bezeichnet hat.

Friedrich Wilhelms Thronbesteigung 1840 wurde von der Bevölkerung zunächst weitgehend begrüßt. Mit großen Erwartungen sah sie dem Beginn einer neuen Ära entgegen. Schon bald war jedoch zu erkennen, dass das politisch Neue unter diesem Monarchen wenig Chancen haben würde, denn er führte die von seinem Vater, Friedrich Wilhelm III., nach Abschluss der beeindruckenden preußischen Reformen eingeläutete Epoche der Restauration der alten Zustände nahtlos fort. Besonders hartnäckig widersetzte er sich der Einsetzung einer schon 1815 versprochenen Verfassung, denn die Vorstellung der Verantwortung eines Herrschers vor einem Parlament erschien ihm unerträglich.

Die Entwicklung, die zur Revolution von 1848 und der Gründung der Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt führten, nämlich der Wunsch nach Umwandlung der absoluten in eine konstitutionelle und parlamentarische Monarchie und nach Gründung eines deutschen Nationalstaats, blieben ihm völlig unverständlich. Trotzdem gab er auf dem Höhepunkt der revolutionären Ereignisse in Berlin einigen Forderungen der Bürger nach. Ende 1848, nach Entwaffnung der Berliner Bürgerwehr, ließ er jedoch die Preußische Nationalversammlung auflösen und erließ die berüchtigte „oktroyierte Verfassung“, in der König und Adel als Träger der Macht für die nächsten 70 Jahre festgeschrieben wurden.

Den Höhepunkt seiner reaktionären Politik stellt die Ablehnung der ihm von der Paulskirchenversammlung angetragenen deutschen Kaiserkrone dar, mit der Begründung, ein demokratisches Gremium habe gar keine Legitimation, Kaiserkronen zu vergeben. So blieb als Schlusspunkt die Umsetzung seiner Äußerung „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“, nämlich die Niederschlagung der Deutschen Revolution durch Reichstruppen unter der Führung Preußens. Bei diesen Ereignissen wurde auch der Potsdamer Revolutionär Max Dortu (s. u.) festgenommen und in Freiburg wegen Hochverrats erschossen.

Dass es zu den revolutionären Ereignissen kommen konnte, sah Friedrich Wilhelm als persönliche Niederlage an und verfiel danach in eine frömmlerische Haltung, als könnte man das Heraufziehen einer neuen Zeit „fortbeten“. Der Bau der Friedenskirche nach den Entwürfen von Ludwig Persius legt davon Zeugnis ab. 1857 erlitt der König mehrere Schlaganfälle, die ihm die weitere Ausübung der Regierungsgeschäfte unmöglich machten. Da er kinderlos war, übernahm sein (bereits 60jähriger) Bruder Wilhelm I. als Kronprinz die Regierungsgeschäfte, 1861 starb Friedrich Wilhelm IV. „nach langem Leiden“.

6 Der Architekt des Königs

Ludwig Persius wurde 1803 in Potsdam geboren, besuchte dort das Gymnasium und verließ es vor der Absolvierung der Prima, um Feldmesser und Planzeichner zu lernen. Er machte sich außerdem mit dem praktischen Aspekt des Zimmergewerks vertraut. Bei seiner Prüfung 1821 gehörte Karl Friedrich Schinkel zur Prüfungskommission. Persius trat anschließend in den Staatsdienst ein und machte noch 1822 die Prüfung als Baumeister. Während seiner Anstellung als Baukondukteur (Bauleiter) versorgte ihn Schinkel mit verantwortungsvollen Aufgaben. Nach einem Auftrag für einen Schloss- und Kirchenbau in der Nähe von Krakau für einen polnischen Adligen und der Übernahme der Bauleitung für die Schlösser Glienicke und Charlottenhof absolvierte er das Examen für Architektur. Im Gegensatz zu vielen späteren Berufskollegen erreichte er sein Berufsziel weniger auf akademischem als auf praktischem Wege.

Ludwig Persius (1803 – 1845)

1827 heiratete Persius Pauline Sello (1808-1883), Schwester von Hermann Ludwig Sello aus der berühmten Potsdamer Hofgärtner-Familie. Dann machte er eine steile Karriere beim preußischen Staat: 1829 wurde er „Landbaumeister“, 1830 „Bauinspector“, 1833 „Königlicher Hofbauinspektor“ und 1842 „Baurath“. 1841 war sein Lehrer und Mentor Schinkel verstorben und, da Friedrich Wilhelm IV. Persius zutraute, die Verschönerungsprojekte des „Preußischen Arkadien“ adäquat fortzusetzen, verlieh er ihm 1843 den Titel „Architekt des Königs“. Kurz vor seinem Tode 1845 wurde Persius sogar noch zum „Oberbaurath“ befördert. Diese Funktion, in der er für alle Bauprojekte in Preußen verantwortlich war, hatte vor ihm Karl Friedrich Schinkel inne.

In seiner Eigenschaft als „Architekt des Königs“ trug Persius entscheidend zur Umgestaltung Potsdams entsprechend den Plänen Friedrich Wilhelms IV. bei. Den „italiänischen Baustyl“, den sich Schinkel und der königliche Auftraggeber auf mehreren Italienreisen angeeignet hatten, konnte Persius bei der Umsetzung von Schinkels Entwürfen für Glienicke, Charlottenhof und die Römischen Bäder ausgiebig studieren. In einer Publikation sagte er dazu: „Den Baustyl betreffend wird am häufigsten die heitere Bauweise der Italiener, wie solche während ihrer Blüthe im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, namentlich in Oberitalien und in der Umgebung Roms bei Villen und anderen ländlichen Bauanlagen und selbst bei der anspruchslosen fabbrica * zur Ausbildung und Anwendung gelangt ist, als Vorbild dienen. Namentlich sollen die Andeutungen des jüngeren Plinius in der Beschreibung seines Tuscum und Laurentium, wonach die baulichen Anlagen mit der architektonisch gehaltenen nächsten Umgebung auf eine sinnige Weise in gegenseitige Beziehung treten, maaßgebend sein.“

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*Fabbrica ist die italienische Bezeichnung für ein Bauerngehöft, dessen charakteristische Form als Gebäudegruppe unterschiedlich hoher Bauteile mit flach geneigten Dächern, Loggien und Außentreppen für die Architekten des Klassizismus als Vorbild für die Architektur des Südens diente.

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Italienische fabbrica

In den königlichen Bibliotheken stand ihm eine Fülle von Vorlagen für italienische Architektur für sein stilsicheres Arbeiten zur Verfügung. Trotz der dominanten Rolle seines Mentors und „Übervaters“ Schinkel, konnte er schnell eine eigene Handschrift im vom königlichen Auftraggeber vorgegebenen Architekturprogramm entwickeln.

Am auffälligsten gelang ihm das beim Bautypus der italienischen Turmvilla. Schon in seinem Erstlingswerk, der „Villa Jacobs“ von 1835, sind alle späteren Gestaltungsprinzipien vorhanden: allseitige Ansichtigkeit, flach geneigte Dächer, ein additives System aus locker geordneten kubischen Baukörpern mit allen Variationsmöglichkeiten (aneinander gefügt oder sich durchschneidend), toskanische Säulen, Rundbögen und der charakteristische, zwar funktionsarme, aber das Gebäude und die Landschaft akzentuierende, Turm.

Villa Jacobs 1935

Dieser Bautypus wurde in Potsdam außerordentlich populär und bis zum ersten Weltkrieg, lange nach Persius‘ Tod, nachgeahmt, so dass man mit Fug und Recht sagen kann, dass Persius‘ Architektur auch heute noch das Stadtbild von Potsdam prägt. Die „Potsdamer Turmvilla“, die bürgerliche Variante des königlichen preußischen Arkadien, war für mehr als 60 Jahre der Ausdruck gehobeben bürgerlichen Bauens. Die Spanne reicht von der Villa Jacobs von 1837 bis zur Villa Ernst von Bergmann in der Berliner Straße 62, die, 1891 errichtet, das letzte Exemplar einer von Persius beeinflussten Potsdamer Turmvilla ist. Schräg gegenüber, direkt an der Glienicker Brücke, liegt die noch von Persius erbaute Villa Schöningen von 1843, ebenfalls mit Turm.

Villa Bergmann
Villa Schöningen

Nach Schinkels Tod 1842 stand Persius in besonderer Gunst des Monarchen und bereicherte das Stadtbild mit den drei Dampfmaschinenhäusern für die königlichen Fontänen, (das Pumpwerk Babelsberg, die „Alte Meierei“ und die berühmte „Moschee“), der Friedenskirche, unzähligen Einzelgebäuden in den königlichen Parks und auch der Heilandskirche in Sacrow. Zu seinen berühmtesten Villenbauten neben der Zuckerburg zählen: Villa Tiedke, Villa Schöningen, Villa Tieck, Villa Illaire und sein eigenes Haus am Obelisk-Eingang vom Park Sanssouci. Den Wünschen des königlichen Auftraggebers entsprechend sorgte Persius auch für ein pittoreskes Erscheinungsbild ganz profaner Bauten: Neben den genannten Dampfmaschinenhäusern wurden auch die zwei Proviantämter an der Zeppelinstraße (heute art’otel) und in der Leipziger Straße mit ihren riesigen Speichern sowie die Zuckersiederei Jacobs in pseudo-mittelalterliche Burgen verwandelt.

Pumpwerk Babelsberg
Alte Meierei
„Moschee“
Villa Tiedke
Proviantamt Leipziger Str.
Persiusspeicher Zeppelinstr.

Erstaunlich, dass der Meister des „italiänischen Baustyls“ erst 1845, in seinem letzten Lebensjahr, die Chance erhielt, das Land, aus dem die Anregungen für sein Schaffen stammten, persönlich kennenzulernen. Genua, Lucca, Rom und Neapel waren die Stationen seiner Dienstreise, auf der er die Aufträge hatte, die Marmorbrüche von Carrara zu besuchen, antike Abgüsse anzukaufen, Bekannte des Königs von dessen erster Italienreise 1828 zu besuchen und bestimmte wichtige Bauten zu besichtigen.

Es ist tragisch, dass eine Krankheit, die er sich ausgerechnet auf dieser Reise zugezogen hatte, zu seinem frühen Tod im Jahre 1845 führte. Sein Tod bedeutete für die Potsdamer Architektur eine Zäsur. Die Künstler, die ihm folgten, wie Hesse, v. Arnim, Petzholz und andere arbeiteten zwar noch im Sinne von Persius, hatten aber seinen Ideen nichts Neues mehr hinzuzufügen. Persius wurde auf dem Selloschen Familienfriedhof im Bornstedter Friedhof begraben, sein Grab ist dort erhalten.

7 Der General-Gartendirektor

Peter Joseph Lenné wurde am 29. September 1789 in Bonn geboren. Sein Vater, Peter Joseph Lenné d. Ä., bekleidete seit 1788 das Amt des leitenden Hofgärtners des Kölner Kurfürsten und war außerdem Vorsteher des Botanischen Gartens der Universität Bonn.

Peter Joseph Lenné war Nachkomme einer ursprünglich aus Lüttich in Belgien stammenden Gärtnerfamilie. Der Familientradition folgend, entschied er sich ebenfalls für den Gärtnerberuf. Auf Wunsch des Vaters, der für seinen Sohn eine akademische Ausbildung wünschte, erhielt er schon während der Gymnasialzeit Unterricht durch einen Universitätslehrer in wissenschaftlicher Botanik. Bereits 1805, mit sechzehn Jahren, verließ er jedoch die Schule und begann eine Gärtnerlehre bei seinem Onkel, die er am 15. September 1808 abschloss.

K.Begas: Peter Joseph Lenné

Nach einigen Studienreisen, u. a. nach Paris (wo er bei André Thouin, dem Leiter des dortigen Botanischen Gartens studierte) und nach Bayern, ging er nach Wien, wo er bei den Habsburgern eine Anstellung als Kaiserlicher Garteningenieur erhielt. Als er 1815 ins Rheinland zurückkehrte, war dieses durch den Wiener Kongress preußisch geworden. Der preußische Hofmarschall von Maltzahn bot Lenné eine Stelle in Potsdam als Gartengeselle mit Probezeit an. Bereits zwei Jahre nach dieser Einstellung wurde er 1818 Mitglied der Königlichen Gartenintendantur und war nun in der Position eines Königlichen Garten-Ingenieurs der Vorgesetzte der Hofgärtner, gleichgestellt mit dem Oberhofbaurat und Gartendirektor Schulze. 1820 heiratete Lenné Luise Friedericke Voß, die Tochter eines Hofgärtners. Die 35-jährige Ehe blieb kinderlos.
Nach Schulzes Pensionierung 1828 wurde Lenné zum Gartendirektor der königlichen Gärten ernannt, 1854 erhielt er von Friedrich Wilhelm IV. die Ernennung zum General-Gartendirektor aller königlich-preußischen Gärten, also von Aachen bis Königsberg. Dies bedeutete eine immense Arbeitsbelastung, der er sich in preußischer Pflichttreue bis an das Ende seines Lebens unterzog – übrigens genauso wie sein kongenialer Partner bei der Schaffung des preußischen Arkadien, Karl Friedrich Schinkel. Seine Kenntnisse vertiefte und erweiterte er durch Reisen zum Studium der großen Parkanlagen. Sie führten ihn 1822 nach England, 1830 nach Süddeutschland, 1837 nach Brüssel und Paris sowie 1844 und 1847 nach Italien.

Das Schaffen Lennés wird von Gartenhistorikern in drei Phasen gegliedert:

I. Bis 1820 war er ausschließlich gartenkünstlerisch tätig.

II. Zwischen 1820 und 1840 entstanden neben kleineren ländlichen Parkanlagen seine berühmten weiträumigen Park- und Landschaftsgestaltungen mit Sichtachsen, Blumengärten mit zum Teil exotischen Pflanzen und Wasserspielen. Markante Beispiele dafür sind der Park Neuhardenberg, die Russische Kolonie Alexandrowka, der Tiergarten und der Zoologische Garten in Berlin. In diese zweite Schaffensperiode fällt auch die Parkanlage der Villa Jacobs.

Tiergarten Berlin, Lenné 1837

III. In seiner späten Gestaltungsphase, etwa ab 1840, näherte Lenné seine Entwürfe dem jetzt aufgekommenen Historismus an, der in der Architektur die Stilformen vergangener Epochen wiederbelebte. In die Anlage eines englischen Landschaftsparks komponierte er nun blumengeschmückte Gartenabschnitte in geometrischen Formen der italienischen Renaissance oder des französischen Barock. Diese Mischform des natürlichen Landschaftsparks mit schmückenden Gartenpartien eignete sich nicht nur für Privatgärten, sondern im Zuge der Stadtplanung ebenfalls für öffentliche Grünanlagen und Volksparks, deren Gestaltung sein Meisterschüler und spätere Berliner Gartendirektor Gustav Meyer im Sinne Lennés fortsetzte. In dieser Phase seines Schaffens wurde Lenné zum Stadtplaner, der Berlin Anlagen wie den Lustgarten, den Grünzug im Verlauf der Gneisenaustraße bis zum Wittenbergplatz, den Mariannenplatz, den Landwehrkanal, den Luisenstädtischen Kanal und vieles andere mehr hinterließ.

Schon während seiner Amtszeit erhielt Lenné zahlreiche Ehrungen:
Straßen wurden nach ihm benannt, die Berliner Akademie der Künste ernannte ihn zum Ehrenmitglied, die Breslauer Universtät verlieh ihm die Ehrendoktorwürde und Potsdam machte ihn zum Ehrenbürger. Kurz vor seinem fünfzigsten Dienstjubiläum erlitt er im Alter von 76 Jahren, am 23. Januar 1866, einen Gehirnschlag. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Selloschen Privatfriedhof in Bornstedt neben Angehörigen der Gärtnerfamilie Sello und neben Ludwig Persius.

8 Der Zuckerbaron

Aufstieg

Das 19. Jahrhundert, die Zeit der industriellen Revolution in Deutschland (die im europäischen Rahmen allerdings stark verspätet einsetzte) hat viele bemerkenswerte Persönlichkeiten des Bürgertums hervorgebracht. Durch Amts- und Domänenpacht und effektive Wirtschaftsweise hatten viele aus dieser Schicht beträchtliche Vermögen angehäuft und waren in einen Bereich vorgestoßen, der jahrhundertelang dem Adel vorbehalten war. Mit den Stein-Hardenbergschen Reformen nach 1806 eröffneten sich ihnen neue zukunftsträchtige Möglichkeiten im Unternehmertum, indem sie ihr in der Landwirtschaft erworbenes Kapital in innovative Industrieprojekte investieren konnten.

Zu diesen Vorreitern des Liberalismus in Deutschland zählt auch Ludwig Friedrich Otto Jacobs. Er wurde am 6. 12. 1794 in Roddahn bei Neustadt (Dosse) geboren, sein Vater Johann Friedrich Jacobs (1764 – 1831) war königlich preußischer Domänenpächter und Oberamtmann in Fehrbellin. Auch sein Großvater hatte es bis zum Amtmann gebracht. Die Genealogie der Familie macht deutlich, dass man bestrebt war, das Familienvermögen durch organisierte Eheschließungen innerhalb der Sippe zusammenzuhalten. Von Fehrbellin, dem Wohnort seiner Eltern seit 1815, begab sich Jacobs nach Magdeburg, wo er an der Handelsschule zum Kaufmann ausgebildet wurde und sicherlich auch sein Berufsleben begann. 1825 finden wir ihn bereits in Potsdam, wo er Auguste Bennecke heiratete. Sie stammte aus Athensleben bei Staßfurt im heutigen Sachsen-Anhalt, einer Gegend, aus der einst seine Vorfahren gekommen waren. Augustes Vorfahr Hinrich Bennecke hatte 1735 die Domänenpacht und die Oberamtmannsstelle vom preußischen König erworben. Die Familie Bennecke wurde reich und hat bis 1945 die Geschicke von Athensleben beeinflusst.

Potsdam

Die Tatsache, aus zwei wohlhabenden Familien einen guten finanziellen Hintergrund zu haben, hat Ludwig Jacobs gewiss ermutigt, Unternehmer zu werden. Was ihn dazu bewog, Potsdam als Sitz seines Unternehmens zu wählen, können wir heute nicht mehr nachvollziehen. Im Gegensatz zu Berlin war der industrielle Entwicklungsschub, ausgelöst durch die preußischen Reformen und die verbesserte Stellung Preußens nach dem Wiener Kongress, an Potsdam weitgehend vorüber gegangen. Die Stadt bezog ihre Bedeutung nach wie vor aus der Existenz als größte Garnison Preußens. Darüber hinaus brachte die Rolle als zweite Residenz der Hohenzollern und (seit den Steinschen Reformen) als Hauptstadt und Verwaltungssitz der Provinz Brandenburg den Bewohnern Arbeit und Brot.

Jacobs erwarb einige Grundstücke in Potsdam und schuf damit die Voraussetzung für seine dortige Einbürgerung im Jahre 1826. Seine Entscheidung, eine Zuckerraffinerie zu betreiben, war einesteils durch seinen Schwiegervater und seinen Schwager, die in Athensleben eine Rübenzuckerfabrikation betrieben, beeinflusst, fußte aber auch auf Erkenntnissen, die er auf Reisen nach England und Frankreich gewonnen hatte. Dort hatte er sich mit modernen Produktionsmethoden, gestützt auf Maschinenkraft, vertraut gemacht. Gewiss reizten ihn die hohen Gewinne, die man mit der Veredelung von Rohzucker zu Raffinade machen konnte, da hierbei mit wenig aufwändigen Arbeitsgängen und einem billigen Rohstoff eine hohe Wertschöpfung erzielt werden konnte. Als Ausgangsmaterial für seine Fabrikation beschaffte er sich vorverarbeiteten Rohrzucker von den westindischen Inseln und knüpfte auch Handelsbeziehungen nach Chile, wo sein Sohn Wilhelm später arbeitete und starb.

Unternehmer

Die Gründung der Zuckerfabrik mit 200 (später 255) Beschäftigten machte Jacobs auf einen Schlag zur herausragenden Unternehmerpersönlichkeit in Potsdam. Neben seiner schon 1826 gegründeten Raffinerie befand sich hier nur wenig Industrie. (Noch um 1835 waren es lediglich zwei Tuchfabriken, eine Schokoladenfabrik, eine Dampfmühle und eine im Aufbau befindliche Kammgarnspinnerei.) Die Jacobssche Fabrik lag hinter dem Alten Rathaus an der Alten Fahrt. Sie muss imposante Gewinne abgeworfen haben, denn Jacobs kaufte nach und nach die Grundstücke 1 bis 5 an der Burgstraße (später Blücherplatz) und der Brauerstraße 6 und errichtete hier mehrere Gebäude, darunter sein repräsentatives Stadtpalais. Der Volksmund behauptete später, die schweren Mahagonitüren darin seien aus dem Holz seiner Zucker-Transportkisten aus Westindien gefertigt worden. Zu einer solchen Sparsamkeit hatte Jacobs auf dem Höhepunkt seines wirtschaftlichen Erfolgs aber wahrlich keinen Anlass. Die Lagerhallen der Fabrik befanden sich auf der Freundschaftsinsel nebenan.

Zuckerfabrik Jacobs an der Alten Fahrt, dahinter die Nikolaikirche. Radierung

Jacobs war der klassische Nationalliberale: Politisch der Monarchie verhaftet, setzte er wirtschaftlich auf alles, was in seiner Zeit innovativ war. So installierte er in seiner Fabrik 1833 die erste Potsdamer Dampfmaschine, die kommerziellen Zwecken diente. Das preußische Königshaus hatte schon 1822 auf der Pfaueninsel eine Dampfmaschine in Betrieb genommen, die aber „nur“ eine Pumpe für die Gartenfontänen antrieb. Zum Aufstellen seiner 10 PS Maschine, die den Übergang von der Hand- zur Maschinenarbeit in Potsdam einläutete, musste er einen komplizierten Genehmigungsvorgang bei der Potsdamer Regierung durchlaufen. Zur Speisung seiner drei Dampfkessel versuchte er dann in der Nähe Potsdams Braunkohle zu fördern. In der Nähe des Ravensberges wurde er in 44 Meter Tiefe fündig, doch die mangelhafte Qualität der Kohle und die komplizierte Entwässerung der Grube ließen das Projekt wieder eingehen. Die Anzahl der Dampfmaschinen in der Fabrik wurde später bis auf 10 gesteigert.

Bürger

Als Stadtverordneter war er maßgeblich an der Projektierung und Verwirklichung der ersten preußischen Eisenbahnlinie von Berlin nach Potsdam (1838) beteiligt. Sein Protest bei der „Berlin-Potsdamer Eisenbahngesellschaft“ gegen den Bahnhofsstandort an der Langen Brücke und der Vorschlag für einen Bahnhof an der Heiliggeistkirche waren allerdings nicht ganz uneigennützig, lagen doch seine Lagerhallen direkt daneben und auch seine Lieferungen gingen vorwiegend nach Berlin. Die Bahngesellschaft verwarf jedoch Jacobs‘ Vorschlag, kaufte von der Tochter des Lehnschulzen Kaehne aus Petzow für sündhaft teure 80 000 Taler das Amtsvorwerk an der Langen Brücke und errichtete den Bahnhof am heutigen Standpunkt. Um trotzdem von der Eisenbahn als Verkehrsmittel zu partizipieren, setzte Jacobs mit Gleisen belegte Prahme ein, die die Güterwaggons über die Neue und Alte Fahrt transportierten.

Besondere Verdienste (jetzt als ehrenamtlicher Stadtrat, einem Amt, das er nach zwei Wiederwahlen bis 1851 inne hatte) erwarb sich Ludwig Jacobs bei der Verwirklichung der Eisenbahnlinie nach Westen Berlin – Potsdam – Magdeburg. Durch erheblichen Einsatz von Initiative und eigenem Kapital bewirkte er letztlich, dass der Berlin – Potsdamer Raum mit dem gerade entstehenden Eisenbahnnetz in Sachsen und im Westen Deutschlands verbunden wurde. 1846 kam das Projekt mit einer Beteiligung von 200 000 Talern durch die Stadt Potsdam und einer hohen Eigenleistung von Jacobs in Gang.

Potsdamer-Bahnhof in Berlin, Ausgangspunkt der Bahnlinie nach Magdeburg

Die Auseinandersetzungen um dieses Projekt brachten ihn in engen Kontakt mit dem Kronprinzen und späteren König Friedrich Wilhelm IV., der an dem neuen Verkehrsmittel brennend interessiert war und es nach Kräften förderte. Der Kontakt zwischen dem Bürgerlichen und dem Adligen blieb ein Leben lang erhalten.

Bauherr

Als Mann von Anfang 40 war Jacobs jetzt finanziell so weit saturiert, dass er sich neben dem geschäftlichen Aspekt auch dem repräsentativen des aufstrebenden Bürgertums widmen konnte. Dieses begann in jener Zeit mit dem Adel zu konkurrieren. So legte er den Grundstein für eine Gemäldesammlung und sah sich nach einem repräsentativen Grundstück für einen Sommersitz um. Das erregte das Interesse von Friedrich Wilhelm IV., dem so sehr an einer Verschönerung seiner „Insel Potsdam“ gelegen war. Wenn er jemanden finden konnte, der solche Pläne aus eigener Tasche finanzierte, kam ihm das sehr zupass, denn die ihm als Kronprinz jährlich zugebilligten 20 000 Taler des „Immediat-Baufonds“ für Verschönerungsprojekte in Potsdam reichten für seine vielen Bauvorhaben bei weitem nicht aus.

Obwohl es keine Unterlagen darüber gibt, deuten mehrere Umstände darauf hin, dass Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. sowohl an der Auswahl des Grundstücks als auch an der Bereitstellung für die Pläne für Villa und Garten beteiligt war: Das vom Sohn des Caffetiers auf dem Weinberg betriebene Bertinische Etablissement, jetzt im Niedergang begriffen, lag an einer der schönsten Stellen der „Insel Potsdam“; die Anhöhe mit dem Café oberhalb des Jungfernsees war geradezu prädestiniert für jene italienisch beeinflusste Form der Architektur, die der Kronprinz, zusammen mit seinen Architekten Karl Friedrich Schinkel und Ludwig Persius in seinem Sommersitz Charlottenhof und den „Römischen Bädern“ gerade zu verwirklichen begann.

Ludwig Persius: Römische Bäder
Hermann Sello, Hofgärtner

Am 01.12.1834 kaufte Ludwig Jacobs das gesamte Gelände des Bertinischen Etablissements (für 5000 Taler), der spätere „Architekt des Königs“, Ludwig Persius, fertigte einen Entwurf für eine florentinische Turmvilla; aus dem Amt des „königlichen Gartendirektors“ Peter Joseph Lenné kam ein von Koeber gezeichnetes „Verschönerungsproject des dem Herrn Jacobs / vormals Bertini zugehörigen Grundstücks“, und der königliche Hofgärtner Hermann Sello wurde mit der Anlage des Gartens beauftragt. 1835 war die Villa bezugsfertig, und die Familie Jacobs zog jedes Jahr für die Sommermonate hier hinaus. Schon 1838 wurde der Park erheblich vergrößert, in den Jahren nach 1840 die Villa nach Norden um einen Bedienstetentrakt und weitere Wohnräume erweitert.

Ebenfalls auf Weisung Friedrich Wilhelms IV. baute Persius 1843/44 die Fabrikgebäude der Zuckerfabrik in Form eines mittelalterlichen Kastells mit Treppengiebeln um: „Der Schornstein soll ein florentinischer Thurm werden, die Giebel sollen eine Verkleidung erhalten“… Der 37,70 Meter hoch aufragende Burgturm diente zur Kaschierung des Schornsteins der mittlerweile vier Fabrikdampfmaschinen. Persius vermerkte ferner in seinem Tagebuch, dass Jacobs auch hierfür keine Mittel aus dem „Immediat-Baufonds“ in Anspruch nahm.

Zuckerfabrik Jacobs, Stich Kiessling, Plansammlung SPSG

Max Dortu

Im Revolutionsjahr 1848 wurde die Familie Jacobs hart vom Schicksal betroffen: Am 13. Juni, während eines Gewitters mit Hagelsturm, bei dem tausende von Fensterscheiben in Potsdam zu Bruch gingen, kenterten die drei ältesten Söhne Philipp, Friedrich und Adolf mit ihrem Segelboot auf dem Jungfernsee. Zwei der Jungen ertranken, Friedrich, der spätere Erbe der Zuckerfabrik, wurde durch Mithilfe des späteren Revolutionärs Max Dortu gerettet.

Potsdam Palais Dortu

Die Familie Dortu, deren Oberhaupt Justizrat Wilhelm Dortu ein Kollege von Ludwig Jacobs in der Stadtverordnetenversammlung war, besaß ein Stadtpalais in Potsdam (heutige Max-Dortu-Schule) und ein Sommerhaus in der Bertinistraße (in einem der Hildebrandschen Kolonistenhäuser, auf dem Grundstück der späteren Villa Gutmann).

Max Dortu

Ihr 22-jähriger Sohn Maximilian, Rechtsrefendar und Führer der Potsdamer Demokraten, war wegen der Titulierung des Kronprinzen Wilhelm als „Kartätschenprinz“ zu einer Gefängnisstrafe wegen Majestätsbeleidigung verurteilt worden. (Die Bezeichnung bezog sich darauf, dass dieser empfohlen hatte, die Revolutionäre von 1848 einfach niederzukartätschen). Er erhielt zunächst Haftverschonung und wurde im Berufungsverfahren sogar freigesprochen.

Am Tage des Unwetters hielt er sich zu Hause auf und wurde Zeuge des Unglücks. Da er ein guter Schwimmer war, kam er den Verunglückten sofort zu Hilfe, konnte aber nur noch einen der Jungen retten. Potsdams Bürger waren von der Tragödie so erschüttert, dass Oberbürgermeister Beyer sie in die Stadtchronik aufnahm.

Max Dortu beteiligte sich im November des Jahres an weiteren revolutionären Aktionen, z. B der Blockade der Schienenwege der Berlin-Potsdamer Eisenbahn, um die militärische Besetzung Berlins zu verhindern. Als diese fehlschlug, verließ er Preußen und schloss sich den badischen Aufständischen an. Bei der endgültigen Niederschlagung der Revolution in Baden durch Reichstruppen unter preußischer Führung wurde er gefangen genommen und als Deserteur, Aufrührer und Hochverräter zum Tode verurteilt. Obwohl die Revolutionsereignisse dem königstreuen Jacobs ein Gräuel waren, reichte er doch beim König 1849 ein Gnadengesuch für Max Dortu ein. Der ließ es jedoch nur unbefürwortet an den zuständigen Kommandeur weiterleiten, deshalb füsilierte man Dortu 1849 in Freiburg trotz alledem. Nach diesem deprimierenden Ereignis verließ die Familie Dortu im Jahre 1850 Potsdam in Richtung Frankreich, der Heimat ihrer hugenottischen Vorfahren.

Großbürger

In den restaurativen, „biedermeierlichen“ Jahren nach der gescheiterten Revolution baute Jacobs seine Gemäldesammlung weiter aus, kaufte z. B. direkt von Adolph Menzel das später so berühmte „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“. Durch das in jeder Hausbibliothek vorhandene Buch „Geschichte Friedrichs des Großen“ von Franz Kugler mit Illustrationen von Adolph Menzel war das Sujet dieses Bildes allseits gut bekannt. Sein Kunstinteresse zeigte sich auch in der Mitgliedschaft im Vorstand des 1834 gegründeten „Potsdamer Kunstvereins“. Hier konnte er Fachgesprächen von Kapazitäten wie Lenné, Stüler, Hesse, v. Arnim, Sello und anderen beiwohnen.

Adolph Menzel: Flötenkonzert

Er war mittlerweile zum Mitglied des aufgrund der „oktroyierten Verfassung“ neu geschaffenen Preußischen Landtags gewählt worden, dem er von 1849 bis 1855 angehörte. Hier setzte er sich, seinem Stande gemäß, für die Interessen des liberalen Bürgertums ein, verlor aber das Gemeinwohl und die Belange der ärmeren Bevölkerungsschichten nie aus dem Auge. Trotz der hohen Arbeitsbelastung fungierte er zusätzlich als Stadtältester Potsdams und leitete zum Beispiel 1851 die Eröffnungssitzung der neu gewählten Stadtverordnetenversammlung, auf der sich der 82-jährige Alexander von Humboldt für die Ehrenbürgerwürde bedankte. In seiner Dankrede sprach Humboldt die Hoffnung aus, dass sich das städtische Gemeinwesen für die Verbesserung des Schulwesens und des Zustandes der ärmeren Volksklassen einsetzen möge. Jacobs stand mit ihm im Briefwechsel, Haeckel erwähnt einen Besuch auf der Villa Jacobs zusammen mit Friedrich Wilhelm IV., wo beide die herrliche Aussicht genossen.

Sicherlich nicht nur aufgrund von Humboldts Aufruf betätigte sich Jacobs auch als Mäzen. Aus den Memoiren eines Potsdamer Bürgers erfahren wir: „Ebenso überwies der Stadtrat Jacobs, Besitzer der Zuckersiederei am Blücherplatz Nr. 4, der Stadt bei Lebzeiten große Summen zu Unterrichts- und Erziehungszwecken; z. B. schenkte er 1854 der Realschule die physikalischen Unterrichtsapparate; für die Zwecke der Frankschen Erziehungsanstalt stiftete er 5000 Taler.“ (Immerhin so viel, wie ihn der Grundstückserwerb für die Villa Jacobs gekostet hatte!)

1858 erlitt Friedrich Wilhelm IV. einen Schlaganfall, der ihn regierungsunfähig machte. Da er keine Kinder hatte, übernahm sein Bruder Wilhelm I., der zehn Jahre zuvor von Max Dortu als „Kartätschenprinz“ bezeichnete Prinz von Preußen, die Regentschaft. Ludwig Jacobs stand auch mit ihm auf gutem Fuße, z. B. hatte er die Erlaubnis, mit seiner Kutsche durch den Neuen Garten zu fahren, ebenso wie die Hohenzollern auf dem Weg von und nach Nedlitz das Jacobssche Grundstück durchqueren durften. So war es nicht verwunderlich, dass er 1861 anlässlich von Wilhelms Königskrönung in Königsberg für seine Verdienste als Potsdamer Stadtältester in den erblichen Adelsstand erhoben wurde.

Niedergang

Wirtschaftlich ging es ihm jetzt nicht mehr ganz so gut, denn durch den Wegfall ausländischer Subventionen für Rohrzuckerprodukte sank seine Profitrate beträchtlich. Außerdem erwuchs ihm durch das von Franz Carl Achard schon 1800 entwickelte Verfahren zur industriemäßigen Herstellung von Rübenzucker scharfe Konkurrenz in Form von Fabriken im Oderbruch, direkt im Produktionsgebiet, die erste 1837 in Kienitz. Jacobs stieg zwar rechtzeitig ebenfalls auf Rübenzucker um, konnte aber den Preisverfall des Zuckers durch erhöhte Produktion nicht stoppen. Ein erster Hinweis auf Geldknappheit dürfte der Verkauf des „Flötenkonzerts“ von Menzel an den Bankier Magnus Herrmann in Berlin im Jahre 1870 gewesen sein. Seit 1873 hängt das Gemälde als Prunkstück in der Nationalgalerie in Berlin.

Das großbürgerliche Leben auf der Villa setzte sich aber dennoch weitere Jahre fort, so berichtet seine Enkelin Ella Kühne z.B. von einem Besuch des Kaiserpaars (Wilhelm I. und Augusta) 1877 auf der Villa, um im Gewächshaus des Obergärtners Rehse eine „Königin der Nacht“ zu bestaunen. Auch ein Besuch Prinz Carls, des Bruders des Kaisers, mit einem „Mohren“ als Kutscher erschien ihr erwähnenswert.

Als alter Mann konnte Jacobs auf ein erfolgreiches Leben als Unternehmer, Politiker und Mäzen zurückblicken. In vielen Quellen wird er als einflussreichster Mann Potsdams bezeichnet. Er war eine weltläufige, vielseitige und sozial engagierte Persönlichkeit. 1879 starb er in Potsdam im Kreise seiner Familie.

Bis zu seinem Tod hatten seine Kinder (auch dank seines weit verzweigten Familienimperiums) ihren Lebensmittelpunkt in anderen Orten gefunden. Nur sein ältester Sohn Friedrich führte das Potsdamer Zuckerunternehmen weiter. Durch die massenhafte Produktion von Rübenzucker fiel jedoch der Zuckerpreis kontinuierlich, so dass er seinen Lebensstandard erheblich zurückschrauben musste: Die Gemäldesammlung wurde verkauft, Personal entlassen, die Sommervilla vermietet. Obendrein hatte er Schwierigkeiten mit der Stadtverwaltung, die die umweltbelastende Zuckerfabrik so nahe an Schloss und Marktplatz wegen der Qualm- und Geruchsbelästigung nicht länger dulden wollte. 1892 ging das Unternehmen schließlich in Konkurs; Friedrich von Jacobs hatte Potsdam schon vorher verlassen und war nach Berlin übergesiedelt, wo er 1898 starb. Der Gebäudekomplex der Fabrik an der Alten Fahrt wurde am Kriegsende 1945 zerstört, die Villa Jacobs 1980 ohne Notwendigkeit abgerissen (s.u.). Das Erbbegräbnis der Familie von Jacobs auf dem Alten Friedhof existiert nicht mehr, sie ist in Potsdam vergessen. Außer dem Namen der Villa Jacobs, der erst seit 1993 wieder aufkam, erinnert heute nichts in Potsdam an diese herausragenden Familie. Das war 1840 noch ganz anders: In seinem Projekt zur Aufstellung von Statuen der berühmten Männer Potsdams am Rathause „nach Art derjenigen auf dem Forum von Pompeji“ war es für Ludwig Persius noch selbstverständlich, dass Ludwig Jacobs an prominenter Stelle platziert werden würde. Dieses Projekt gehörte jedoch zu den vielen „Luftschlössern“ des Königs, die nicht verwirklicht wurden.

II Bau, Untergang und Wiedererstehung der Zuckerburg

9 Die Vorbilder für die bürgerliche Villa in Potsdam

Die geistigen Grundlagen für die Herausbildung der gestalteten Potsdamer Landschaft liegen im Italien der Renaissance. In dieser Zeit, in der die Beziehung zwischen Mensch und Natur neu entdeckt wurde, galten die Medici in Florenz als die Pioniere eines neuen Lebensstils, der seinen Niederschlag im Bau der so genannten Villen fand. Villa bezeichnete damals einen Landsitz mit Garten, der der Erholung und dem Vergnügen diente. Schon seit dem 12. Jahrhundert erwarben die zu Wohlstand gelangten Bürger Grundbesitz auf dem Land, in aller Regel ein Herrenhaus mit ein paar schäbigen Pächterhütten.

Die Medici und ihre Nachahmer entwickelten diese Form der Landaufenthalte schließlich zu einer hohen Kunst. Cosimo der Alte ließ bei Florenz zwei festungsähnliche Häuser umbauen, eines in Trebbio und eines in Cafaggiolo, und erfand damit die toskanische Villa. In die ehemaligen Burgmauern wurden großzügige Fenster eingesetzt, ein Säulenvorbau und eine Loggia angefügt und rings um beide Häuser einen Garten angelegt. Die toskanische Villa öffnete sich zur Natur hin, ihr Garten war ein Stück von Menschenhand gebändigte Natur. Mit Hilfe von Alleen, Treppen, Terrassen, Springbrunnen und Statuen entstanden reizvolle Perspektiven.

Castello di Trebbio

Das Castello del Trebbio ist im Mugello, nördlich von Florenz in der Gemeinde San Piero a Sieve, gelegen. Es wurde vom berühmten Renaissancearchitekten Michelozzo für Cosimo de‘ Medici 1427 umgebaut. Sein Turm war zweifellos das Vorbild für den Turm der Villa Jacobs von Ludwig Persius. Unweit davon verwandelte ebenfalls Michelozzo 1443 die Villa di Cafaggiolo aus einem mittelalterlichen Kastell in eine florentinische Villa. Auch hier findet sich der charakteristische Turm.

Villa di Caffagiolo

In der Zeit des Klassizismus griff man die Errungenschaften der Renaissance auf dem Gebiet des Villenbaues wieder auf, zuerst in England. Aber man versuchte nicht sklavisch, das schon einmal Entdeckte zu wiederholen, sondern man deutete es in dem Sinne um, sentimentale Bilder in eine Landschaft hineinzukomponieren und sie somit zu einem Idealbild umzugestalten. Karl Friedrich Schinkel war einer der ersten deutschen Architekten, die diese Anregungen aus England aufgriffen. Auch der preußische Hof war von dem Konzept der englischen Landschaftskunst angetan, und so hatte Schinkel beste Voraussetzungen, durch königliche Aufträge dieses Konzept für die Schaffung eines „preußischen Arkadien“ umzusetzen.

Auf zwei Italienreisen holte sich Schinkel die Anregungen für seine Entwürfe, gleichermaßen bei der Antike wie auch in der Renaissance. Auch die „fabbrica“ genannten, von Wirtschaftsgebäuden wie Tabakturm, Remisen, Ställen und Scheunen umgebenen bäuerlichen Anwesen dienten ihm als Anregung für die Gestaltung der preußischen Kunstlandschaft. Allen Schinkel-Entwürfen ist eine hohe Originalität eigen. Ganz gewiss hat auch Friedrich Wilhelm IV. auf seinen Italienreisen die Vorbilder gesehen und auf ihrer Verpflanzung ins „preußische Arkadien“ bestanden, verbrachte er doch bei seiner Italienreise 1828 einen ganzen Tag in der Umgebung von Florenz mit der Besichtigung von Renaissance-Villen. Es ist gut möglich, dass man ihm auch die genannten Medicivillen im Mugello zeigte.

Typische italienische fabbrica

Der Schinkel-Schüler Ludwig Persius, der bis kurz vor sein Lebensende Italien nie gesehen hatte, beherrschte (wohl über die Vermittlung durch Schinkel) ebenfalls den italienischen Villenstil und den Landhausstil der fabbrica. Sicherlich über die Vermittlung Friedrich Wilhelms IV. (er arbeitete zu dieser Zeit ausschließlich für den Kronprinzen) erhielt er von dem Potsdamer Zuckerfabrikanten Jacobs den Auftrag für eine repräsentative Sommervilla.

10 Die Villa am Weinberg

1834 entwarf Persius die Villa für Ludwig Jacobs in einer malerischen Lage auf einem erhöhten Landvorsprung über dem Jungfernsee genau an der Stelle, an der sich vormals das Bertinische Caféhaus befunden hatte. Von seinen Turmvillen ist sie das erste und wohl auch das schönste Exemplar ihrer Art. Sie blieb das einzige Bauwerk, das Persius direkt für einen bürgerlichen Auftraggeber baute, denn alle seine anderen Bauprojekte für Bürger finanzierte Friedrich Wilhelm IV. aus seinem Immediat-Baufonds.

Der originale Entwurf zur Villa wurde in der Plankammer der Technischen Hochschule Berlin aufbewahrt und ist dort während des zweiten Weltkrieges verbrannt. Die uns erhaltenen Abbildungen sind Reproduktionen in leider nur schlechter Qualität. Persius’ Entwurf wurde nicht zu 100% verwirklicht, z. B. erhielt der Turm andere Fenster und einen Altan.

Ludwig Persius: Villa Jacobs
Grundriss Kellergeschoss
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Erdgeschoss

Das Gebäude besteht aus einem quer liegenden höheren Baukörper mit flach geneigtem Satteldach, an den von Süden und Norden asymmetrisch zwei niedrigere angefügt sind, der vordere ebenfalls mit Satteldach, der hintere mit Pultdach. Eine leicht ansteigende Auffahrt führte im Bogen von Süden her durch eine Pergola zum westlich gelegenen Eingang, der in den höheren Baukörper führte. Der erste Raum hinter dem Eingang war der Treppenflur, an den sich rechts ein Vestibül anschloss. Von hier gelangte man in den großen Salon, der den ganzen niedrigeren zweiten Bauteil ausfüllte. Neben ihm lag östlich, zum Seeufer hin, eine Terrasse mit Mosaikfußboden. Nördlich vom Salon befanden sich, wieder im erhöhten Hauptbau, der Ess-Saal, die Speisekammer und das Buffet. Weiter nach Norden, in dem dritten kubischen Baukörper mit Pultdach, war die Küche untergebracht. Das gesamte Erdgeschoss bildete den „öffentlichen“ Teil der Villa, wo sich auch die berühmten Sommerfeste der Familie abspielten.

Das Treppenhaus führte in das private Obergeschoss, wo sich Arbeitszimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer und der Zugang zum Turm befanden. Ein offener Arkadengang verband den östlich gelegenen Turm mit dem Obergeschoss. Der mittelalterlich wirkende Turm, nach dem Vorbild von „Il Trebbio“, von dem man damals eine unvergleichliche Aussicht bis zur Heilandskirche in Sacrow (auch einem Persiusbau!) hatte, besaß wie die Terrasse, die gegen das zum Jungfernsee abfallende Gelände aufgemauert war, am Fuß ein Polygonalmauerwerk.

Schon in den vierziger Jahren wurde die Nordseite des Hauses, um die Küche herum, um weitere Bedienstetenräume sowie um ein größeres Treppenhaus erweitert. Das hatte seinen Grund darin, dass die, zu einem Sommerhaus passenden, bescheidenen Abmessungen dem großbürgerlichen Lebensstil des Besitzers nicht mehr entsprachen. Es ist das Schicksal mehrerer Persiusvillen, dass sie nach seinem Tode umgestaltet wurden, immer wegen der Diskrepanz zwischen der malerischen, verwinkelten „allseitigen Ansicht“ im Persius-Entwurf und den auf Bequemlichkeit und praktischen Nutzen ausgerichteten Erwartungen des Eigentümers. Daraus wird auch verständlich, dass für die Umbauten kein Künstler-Architekt beauftragt wurde, sondern die ausführende Baufirma die Entwurfspläne zeichnete.

In den sechziger Jahren wurde die Villa abermals erweitert und erhielt im Süden einen Vorbau mit Pfeilerhalle, den man später verglaste und auf dem im ersten Stock ein Balkon angelegt wurde. Durch weitere Umbauten wurde der Persius-Entwurf erheblich verändert. Die südliche Hälfte bis zum Turmgang blieb relativ gut erhalten, während im Norden fast noch einmal die gleiche Baumasse angebaut wurde: Auf der Kellerebene ein Wirtschaftshof mit Dienstboteneingang und einem separaten, einstöckigen Waschküchen- und Abortgebäude. Küche und Speisekammer verlegte man in diese unterste Etage. Ein neues Treppenhaus führte ins Erdgeschoss, das drei zusätzliche Zimmer erhielt. Vor dem Haus bildete eine gedeckte halbrunde Exedrabank in der Höhe des Erdgeschosses die Grenze zwischen Garten und tiefer liegendem Wirtschaftshof. Auch das 1. Geschoss wurde weiter ausgebaut. Oben im zweiten Stock entstand ein Dachzimmer mit atemberaubendem Blick auf den Jungfernsee. Erst jetzt hatte die Villa mit 13 Zimmern herrschaftliche Ausmaße. Sanitäreinrichtungen und Heizmöglichkeiten blieben allerdings bescheiden, schließlich war das Gebäude nach wie vor ein Sommerhaus.

Villa Jacobs Umbau, Ostansicht
Umbau, Südansicht
Längs- und Querschnitt, Umbau

Selbstverständlich war die Villa unter ihrem kunstsinnigen Besitzer mit Kunstwerken ausgestattet, die aber leider zum größten Teil bei der Firmenpleite verkauft wurden. Nur weniges befindet sich noch im Besitz der weit verzweigten Familie, so einige Ansichten der Villa und ein Porträt des „Zuckerbarons“. Haeckel erwähnt Bilder von Friedrich Wilhelm IV. und Alexander von Humboldt, die auch nach dem Auszug der Jacobs‘ in der Villa verblieben und eine „Wertschätzung des Geländes und der Bauanlagen der ehemaligen Villa Alexander, Bertinistr. 7 zu Potsdam“ von 1923 verzeichnet Kunstwerke, die zur Architektur von Haus und Garten gehörten: Zinkgussfiguren auf Teich und Fontäne, eine Marmorbüste auf Akaziennaturholzstiel, eine Marmorbüste „auf verziertem Marmorkonsol“ und zwei Marmorbüsten nördlich und westlich der Villa. Diese „Wertschätzung“ wurde im Zuge des Rechtsstreits um die Fürstenentschädigung (s.u.) angefertigt. Sie ist ein hoch interessantes Dokument, in dem alle Baulichkeiten, die zur Villa Alexander gehörten, akribisch mit Größe, Erhaltungszustand und Wert angegeben sind.

Auf dem Gelände entstanden weitere Gebäude, zum Teil aus den schon vorhandenen umgebaut. Haeckel: „Die drei alten Häuser südlich der Villa (Weinbergshaus, Kuhstall und Scheune, …), wollte [Hofgärtner] Sello beseitigen, um einen ungehinderten Blick über Park und Wasser von der Villa aus zu gewinnen. Jacobs ließ aber die Häuser, wohl aus ökonomischen Gründen, stehen.“ Hierbei handelt es sich um die Gebäudegruppe südlich der Villa, die (mit Veränderungen) heute noch steht. Um 1860 wurden ein massiver Pferdestall und eine Remise aus Fachwerk sowie 1872 ein Maschinenhaus für die Dampfmaschine der Gartenbewässerung mit einem Behälter oben am Nedlitzer Weg hinzugefügt. Bis auf den Wasserbehälter existieren auch diese, südlich von den anderen gelegenen Gebäude heute noch. (Das Maschinenhaus war zwischenzeitlich durch Anbauten stark entstellt).

Den Namen „Zuckerburg“ prägte Prinz Carl in einem Brief an Lenné: „Dann habe ich noch den Wunsch, daß von der Waldspitze in Sakrow, die sich von der steinernen Brücke im Park aus gesehen, vor die Zuckerburg schiebt, eine ziemlich breite Durchsicht gemacht werde, um unter der Villa noch einen Wasserspiegel durchblicken zu lassen“.
Aus seiner Äußerung geht deutlich hervor, wie wichtig die Blickbeziehungen zwischen Bauwerken und Landschaft des „preußischen Arkadien“ waren.

Für fast 150 Jahre war die Villa Jacobs ein Eckbaustein des Blickachsensystems nördlich von Potsdam, zusammen mit dem Belvedere auf dem Pfingstberg, der Heilandskirche von Sacrow und den Glienicker Bauten des Prinzen Carl. Ihr Abriss 1980 dokumentiert die Ignoranz der damaligen Zeit für etwas, das wir heute des Weltkulturerbes für würdig erachten und stellte einen herben Verlust für das „Gesamtkunstwerk Potsdam“ dar.


11 Der paradiesische Park

Gartenkunst

Antike
Da der Garten der Villa Jacobs im Rahmen der gestalteten Landschaft der „Insel Potsdam“ eine bedeutende Rolle einnimmt, ist es nützlich, einmal den Ursprüngen der Gartenkunst in Preußen nachzugehen. Ab dem 15. Jahrhundert, ausgehend von Italien, bezogen sich Künstler und Wissenschaftler bei der Entwicklung neuer Ideen wieder auf das umfangreiche Gedanken- und Schriftgut der Antike. Diese Renaissance ging auch nicht an der Gartenkunst vorbei, wo man sich bei antiken Naturwissenschaftlern und Schriftstellern wie z.B. Gaius Plinius Secundus* Anregungen für Landhausbau und Gartengestaltung holte. In Plinius‘ Beschreibungen tauchen schon alle Elemente auf, die im 19. Jahrhundert prägend wurden: Trennung von Nutzgarten und Lustgarten, Abgrenzung der Gartenpartien durch Hecken und Gehölze, Anlage eines zentralen Schmuckgartens sowie die als „Circus“ und „Hippodrom“ bezeichneten großen runden oder ovalen Gartenabschnitte.

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* Plinius der Ältere, *etwa 23 in Novum Comum – †24. 8. 79 in Stabiae, beim Ausbruch des Vesuvs. Auch sein Sohn Plinius der Jüngere hat durch die Beschreibung seiner Villa in Laurentinum die Renaissance der Gartenkunst befördert.

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Mittelalter und Renaissance
All dies war im Mittelalter in Vergessenheit geraten, die Funktion des Gartens beschränkte sich auf den reinen Nutzwert (Kräutergarten, Gemüsegarten). Erst mit dem Aufkommen der toskanischen Villa in der Renaissance besann man sich wieder auf Plinius. Der Begriff „Villa“ bezog sich damals gleichermaßen auf Garten und Landhaus. Wie oben erwähnt, öffnet sich die toskanische Villa zur Natur hin, ihr Garten ist Ausdruck der von Menschenhand gestalteten Natur. Mit Hilfe von Alleen, Treppen, Terrassen, Springbrunnen und Statuen entstehen reizvolle Perspektiven. Die Aufklärung bereicherte dieses Konzept um die harmonische Verbindung des Schönen mit dem Nützlichen, so dass auch Obst- und Gemüsepflanzungen ihre Existenzberechtigung im Villengarten erhielten.

Zur standesgemäßen toskanischen Villa der Renaissance gehört neben dem kleinen, privaten „giardino segreto“ ein größerer, Besuchern offenstehender Garten, der primär Lustgarten ist, doch auch durchaus Elemente des Nutzgartens aufweisen kann. Er ist geprägt durch schattenspendende Pergolen oder Treillagen. Dies sind bewachsene Laubengänge, die oft von Pavillons unterbrochen sind und bei denen Holzgitterwerk, Latten, Draht etc. eine Stützfunktion besitzen. Außerdem gehören Wasserbassins, Wasserspiele, Grotten u.ä. dazu. In jedem Fall wird der Garten in großflächige Parterres unterteilt, die als parterre all‘ italiana zumeist durch Carrés strukturiert sind. Die Carrés weisen ihrerseits stark geometrische Grundformen (wie Quadrate, Rechtecke, Diagonalen, Kreise) auf.

Barock
All diese Elemente wurden im Barockgarten weiterentwickelt. Dem Zeitalter des Rationalismus entsprechend ist dieser ein ganz und gar künstliches, durch den Menschen geschaffenes Gebilde, was durch oft bizarren Schnitt der Heckenpflanzen unterstrichen wird. Bei der Planung wurde höchster Wert auf Regelmäßigkeit und Symmetrie gelegt. Der Barockgarten ist Teil eines architektonischen Gesamtkonzeptes einer Residenz: Garten, Schloss, Nebengebäude bilden ein organisches Ganzes.

Englischer Garten
Nach 1750 wurde dieses Konzept durch das des englischen Landschaftsgartens erweitert, das darauf abzielt, die menschliche Gestaltung des Gartens zu verschleiern und ihn als ein Stück „ideale Natur“ erscheinen zu lassen. Dies entsprach besser dem (romantischen) Geist der Empfindsamkeit. Der Gartenkünstler strebt eine natürliche Landschaft an, die durch unterschiedliche und abwechslungsreiche, malerische Eindrücke im Sinne eines „begehbaren Landschaftsgemäldes“ dem Auge des Betrachters Vergnügen bereiten sollte.

Gartenkunst in Preußen
In Preußen fand die Gartenkunst erst im späten 17. Jahrhundert Eingang, als der Große Kurfürst bei der Gestaltung seiner Schlossgärten auf niederländische Renaissanceentwürfe zurückgriff, die dem entsprachen, was er in seiner Jugend in den Niederlanden kennengelernt hatte. Aus seiner Zeit stammt die Idee, die gesamte Potsdamer Landschaft in gestaltete Natur zu verwandeln. Der dem Kurfürsten freundschaftlich verbundene Statthalter von Kleve, Johann Moritz von Nassau-Siegen, lieferte ihm den Leitgedanken hierfür. Er schrieb ihm 1664 in einem Brief: „Das ganze Eyland muss ein Paradies werden […]“; gemeint war die „Insel“ Potsdam.

Zunächst wurden die durch französische Gartenkünstler gestalteten barocken Parks in Charlottenburg (unter Friedrich I., Sohn des Großen Kurfürsten, dem ersten König in Preußen) und in Sanssouci (unter dessen Enkel, Friedrich dem Großen) stilbildend für die preußische Gartenkunst. Erst der Nachfolger Friedrichs sorgte durch die Konzentration auf den englischen Landschaftsgarten für den Durchbruch der Gartenkunst in Preußen. Dieses von der bürgerlichen Aufklärung beeinflusste Parkprogramm hatte beispielgebend Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817) in seinen Wörlitzer Anlagen verwirklicht, die er ab 1764 von Johann Friedrich Eyserbeck gestalten ließ. Eyserbecks Sohn Johann August (1762–1801), von Friedrich Wilhelm II. im Jahre 1787 nach Preußen berufen, hat das Programm von Dessau im wahrsten Sinn des Wortes nach Berlin und Potsdam „verpflanzt“.

Lenné
Peter Joseph Lenné aus Bonn verhalf dem englischen Landschaftsgarten endgültig und auf breiter Front zum Durchbruch: Durch ihn wurde die Gärtnerausbildung nun ein anerkannter Lehrberuf, für den man an einer königlichen Lehranstalt ausgebildet wurde; die Stellung eines königlichen Hofgärtners bekam einen hohen sozialen Rang. Schließlich musste ein Hofgärtner wie Lenné die Anregungen der königlichen Auftraggeber ins Machbare umsetzen und schöpferische Gestaltungskraft sowie ein umfassendes theoretisches Grundlagenwissen besitzen, um mehrere hundert Entwürfe für Gartenanlagen in ganz Preußen auszuarbeiten. Als Generaldirektor der Königlichen Gärten in Preußen war Lenné später zuständig für die landschaftliche Gestaltung der „Insel Potsdam“, und somit fiel auch der auf Anregung Friedrich Wilhelms IV. anzulegende Garten der Villa Jacobs in seine Zuständigkeit.

Garten der Villa Jacobs

Aus seinem Amt kam ein von Koeber gezeichnetes „Verschönerungsproject des dem Herrn Jacobs / vormals Bertini zugehörigen Grundstücks“. Dieser akribisch gezeichnete und kolorierte Entwurf hat einen hohen ästhetischen Reiz. Er gehört zur Gattung der Schaupläne, nicht in erster Linie zur detailgenauen Ausführung bestimmt, sondern zur Gewinnung des Auftraggebers für das Projekt überhaupt. Auf diesem Plan liegt der Hauptteil des Gartens westlich und südlich der Villa, welche ganz an den Nordrand des Geländes gedrängt ist. Der östliche Teil besteht aus dem steilen Abhang zum Jungfernsee und ist eher im englischen Landschaftsstil gestaltet. Der westliche Teil besteht aus einer Esplanade vor dem Eingang der Villa, von mehreren Reihen von Linden durchzogen und von einer Pergola umgeben. Südlich davon liegen, wohl auf dem Gelände des Bertinischen Weinberges und der Abhänge der ehemaligen Tongrube, die Weinbergterrassen, die in der Mitte durch einen halbrunden Weg und eine Laube gegliedert sind, und südlich und östlich davon ausgedehnte Obstbaumpflanzungen.

Lenneplan Jacobsgarten

Dieser schöne Plan ist allerdings von dem mit der Ausführung beauftragten königlichen Hofgärtner Hermann Sello nie so umgesetzt worden, denn schon 1838 kaufte Ludwig Jacobs ein fast genauso großes Gelände nördlich der Villa hinzu, so dass das Haus jetzt in der Mitte des Gartens gelegen war. Auch für diesen Teil existiert ein, allerdings nur grob skizzierter Planentwurf aus dem Hause Lenné, der zum Aufklappen an den oben beschriebenen Plan angefügt war. Wie aus dem unten zitierten Protokoll hervorgeht, hatte Jacobs das neue Gelände auch wegen der schönen alten Bäume erworben, so dass es nicht verwundert, dass aus einem späteren, 1879 gezeichneten Plan hervorgeht, dass der eigentliche, durch Tannenwäldchen, Schwanenweiher und Hippodrom gestaltete Park nun nördlich der Villa lag. Im südwestlichen Bereich wurden zunehmend Gewächshäuser angelegt, dadurch bekam er allmählich den Charakter einer Gärtnerei. Der Obstgarten im Süden (im Plan: Kirschgarten) verlor an Bedeutung, ein großes Stück westlich des Weges nach Nedlitz wurde später verkauft.

Jacobs-Grundstück 1879

Protokoll des Vereins für die Geschichte Potsdams

Der Verein für die Geschichte Potsdams gibt im Protokoll der 36. Versammlung, die am 26.7.1865 im Gutshaus Nedlitz stattfand, einen kleinen Eindruck, den Jacobs‘ Garten auf interessierte Bürger machte:

„Nach Beendigung der Vorträge wurde ein Spaziergang unternommen. Einige besahen die (Nedlitzer) Brücke, andere besuchten die Restauration „Zum Schweizerhause“, von wo aus an den Hünengräbern auf den Schanzbergen vorüber, der von König Friedrich Wilhelm IV. angelegte landschaftlich so anziehende Uferweg bis zum Park der Villa des Fabrikbesitzers und Stadtältesten v. Jacobs fortgesetzt wurde. Herr v. Jacobs, welcher schon zwischen den Vorträgen die Anwesenden eingeladen hatte, auf ihrem Spaziergange an seinem Besitztum nicht vorüberzugehen, empfing die Wanderer am nördlichen Eingange seines Parks, dem sogenannten Königstore, welches er besonders auf dieser Seite hatte anlegen lassen, um dem hochseligen Könige Friedrich Wilhelm lV. die Spazierfahrt um diesen Teil der Insel Potsdam, von der Bertinistraße bis zur Fähre, zu erleichtern.

Von dem Besitzer geführt, wurde die Partie zunächst der Villa besehen und dann freundlich dargebotene Erfrischungen unter dem Quincunx *1 der schönen Lindenbäume eingenommen. Eine Wanderung, den schönen Uferweg von Nord nach Süd des Parks mit seinen reizenden Aussichten auf die Räuberschanze*2, Nedlitz, Sacrow, Glineke, Meierei und die Villen der Bertinistraße, – bei welcher besonders vier schöne alte Eichen erfreuten, um deren Erhaltung willen Herr v. Jacobs eine 12 Morgen große Ackerfläche von dem Nedlitzer Fährgute abkaufte, schloß das Beisammensein.“

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*1 Pflanzform im Muster der 5 auf dem Würfel

*2 heute fälschlich „Römerschanze“ genannt, eine ehemalige slawische Fluchtburg.

12 Beschreibung des Parks von Ella Kühne

Eine beeindruckende Schilderung vom großbürgerlichen Leben, das in Villa und Park geführt wurde, gibt die Enkelin von Ludwig Jacobs, Isabella (Ella) Kühne, in ihren Erinnerungen, die sie 1945 für ihre Enkel aufschrieb, die aber bis 1877 zurückgehen, als sie ein kleines Mädchen war. Sie war die Tochter des zweitjüngsten Jacobs-Sohnes Wilhelm von Jacobs, der im Rahmen des väterlichen Handelsgeschäftes 1868 nach Santiago del Chile gegangen war. Dort starb er bereits 1872 an Typhus. Auf Grund der damaligen unzureichenden Bildungsmöglichkeiten in Chile bestanden die Großeltern darauf, dass ihre Enkelinnen nach Potsdam geschickt wurden. Die Mutter verblieb in Chile. Obwohl sich Isabellas Erinnerungen auf ihre sehr frühe Kindheit beziehen, muss man ihnen doch eine hohe Glaubwürdigkeit einräumen, da in sie sicher auch die Erinnerungen anderer und älterer Mitglieder der zahlreichen Jacobs-Familie eingeflossen sind. Besonders gut nachvollziehbar sind Isabellas Eindrücke vom Jacobsschen Garten:

„Dann ging es in den paradiesischen Park.
Das Haus lag auf der Höhe, ein steiler Hang führte zum Jungfern-See, am anderen Ufer war Kiefernwald und die Kirche von Sacrow zu sehen.“

Heute kann man Sacrow von hier nicht sehen. Wahrscheinlich hat Ella Kühne die Sacrower Kirche vom Turm der Villa aus gesehen, außerdem waren auch die Bäume des Königswaldes noch nicht so hoch.

„Im Park waren ein Rosengarten mit einem kleinen runden Wasserbassin, darin Goldfische, höher den Hang hinauf eine breite Lindenallee, daneben Rasenflächen, auf der einen wieder ein rundes Bassin mit Goldfischen, in der Mitte eine Figur, die eine Schale auf dem Kopf trug, in die das aufsteigende Wasser zurückfiel.“

Mit Park ist hier das planierte Gartenstück direkt westlich vor der Villa gemeint, das auf drei unterschiedlichen Höhenebenen lag.

„Das Schönste war der Schwanenweiher, zu dem man durch das Tannenwäldchen kam. Dies war der größte Teich, in der Mitte ein Knabe, der einen Schwan umfaßt hielt, aus dem das Wasser sprang, d.h. aus dem Schnabel.“

Nur wenige Meter weiter aufwärts, nach Norden, lag der 1840 von Jacobs hinzugekaufte Park. Hier konnte man nach 1989 noch die Umrisse des Weihers erahnen. Ein herumliegendes Trümmerstück könnte die Basis der Brunnenfigur gewesen sein. Mittlerweile wurde der Schwanenweiher wieder neu angelegt.

„Überall konnte man wundervoll spielen, wir durften den Hang hinunter kullern, durften an den Fontänen spielen, hatten einen schönen Sandberg, bauten Burgen, buken Sandkuchen, genau wie heut die Kinder spielen.
Wir hatten eine ebenso schöne Schaukel wie auf dem Schiff.
Nur an den See durften wir nicht.
Den letzten Tag im Weinberg, so hieß das Sommerhaus, durften wir auf den Terrassen, die voller Nußbäume standen, und am Rand des Obstgartens lagen, uns Walnüsse in Beutel suchen, die uns ganz allein gehörten, das war herrlich. Dann fuhren wir ins Stadthaus.“

Die Terrassen sind ganz offensichtlich Bertinis Weinbergterrassen, die im Gelände auch heute noch gut erkennbar sind. Bemerkenswert, dass sie zu jener Zeit mit Nussbäumen bepflanzt waren.

„Im (nächsten) Mai zogen wir wieder nach dem Weinberg heraus. Nun kannten wir ja alles schon genau und freuten uns sehr, alles wieder zu sehen. Ich war ein bißchen traurig, daß wir unsere Puppen nicht mitnehmen durften. Nur die rosa Puppen, die wir im Stadthaus nur Sonntags bekamen und die wir eigentlich wegen ihrer rosa Seidenkleider, die man nicht ausziehen konnte, nicht sehr gern mochten. Aber im Weinberg kamen wir ja sehr selten dazu, mit Puppen zu spielen.
Es gab ja zu viel Interessantes da: Da war Herr Reese, der Obergärtner, vor dem man ein bißchen Angst hatte. Er hat uns den ersten und einzigen jungen Kuckuck in unserm Leben gezeigt. Der war in einem Apfelbaum in einem Finkennest von einer Finken-Mutter ausgebrütet worden und saß dick und breit auf dem Nestrand. Dann standen da viele Bienenstöcke, an die wir nicht nahe herangehen durften.“

Aus Ellas respektvoller Schilderung des Obergärtners Rehse (er schrieb sich mit eh) wird seine gesellschaftliche Stellung deutlich. Seit Lennés Reorganisation des Gärtnerhandwerks war dies ein geachteter Beruf geworden. Auch hatte ein Obergärtner alle Gehilfen unter sich, und im Falle Rehse wohnte dieser ganzjährig auf dem Grundstück und übte die Verwalterfunktion aus.

„Da stand auch der Backofen, in dem Brot gebacken wurde und im Herbst Pflaumen und Birnen zu Backobst. Dann war unser liebster Freund der alte Arbeiter Engel, er war nur zum Mähen der vielen großen Rasenflächen da. Große Trauer fühlten wir, als er sich einmal in den Fuß gemäht hatte, und dann nicht mehr arbeiten konnte.

Wir hatten große Lust, auf dem See Kahn zu fahren, und nach langem Bitten erlaubte es Großvater.
Johann, unser alter Diener, sollte uns nach einer Seeecke rudern, wo schöne Blumen, wir nannten sie Schwanenblumen, auf hohen Stengeln im Schilf wuchsen.
Doch kaum waren wir einige hundert Meter vom Ufer enfernt, sahen wir unseren Großvater vom Perron her heftig winken, wir mußten also zurückfahren.

Den Grund dafür haben wir erst später erfahren: Seine 3 ältesten Söhne hatten ein Segelboot geschenkt bekommen. Sie fuhren auf den See, und wurden von einem schweren Gewitter überrascht. Durch den Sturm kenterte das Boot und schlug um. Ein Sohn konnte sich durch Schwimmen retten, die beiden Ältesten ertranken. Die Eltern mußten es, ohne helfen zu können, mit ansehen.
So konnte Großvater es nicht mit ansehen, daß wir auf dem Wasser waren.“

Die Bestätigung für diesen tragischen Vorfall findet sich im Stadtarchiv Potsdam, ebenfalls der Hinweis, dass der spätere Revolutionär Max Dortu den zweitältesten Sohn Friedrich Jacobs rettete. Die Differenz von fast 100 Jahren zwischen dem Ereignis und der Niederschrift durch Ella Kühne erklärt die Ungenauigkeiten in ihrem Bericht.

„Eines Tages wurden wir festlich angezogen und bekamen Blumensträuße in die Hand.
Es fuhr ein Wagen vor das Haus, darin saßen unser alter Kaiser Wilhelm mit der Kaiserin Augusta. Wir machten unsern Knicks, und der alte freundliche Kaiser fragte Tante Auguste: „Wie heißt Du denn, mein Kind?“ „Auguste“ antwortete sie. „Ach, dann heißt Du ja gerade wie meine Frau“ sagte er. Darauf ist sie ihr ganzes Leben lang stolz gewesen. Unser Großvater war befreundet mit dem Kaiserhaus und besonders mit des Kaisers Bruder, dem Prinzen Karl.“

Diese „Freundschaft“ geht auf die engen Kontakte zurück, die Jacobs mit Friedrich Wilhelm IV. hatte, als es um den Bau der Villa und die Verschönerung der Zuckerfabrik an der Alten Fahrt ging. Kaiser Wilhelm I. und Prinz Carl waren die Brüder Friedrich Wilhelms.

Das Kaiserliche Paar wollte bei dem Besuch bei den Großeltern sich eine blühende „Königin der Nacht“ ansehen, die damals eine große Seltenheit war. Es ist eine Kaktusart, die eine riesige schneeweiße Blüte treibt, wunderschön und stark nach Vanille duftet.“

Die erwähnte Pflanze wurde in Jacobs‘ Gewächshäusern westlich der Villa gezogen, die Schilderung des Besuchs ist also gleichzeitig ein Indiz dafür, dass der westliche Teil des Gartens als Gärtnerei genutzt wurde und der eigentliche Park nördlich der Villa lag.

„Unser Großvater hatte die Erlaubnis, durch die königlichen Gärten durchzufahren, was uns Kinder mıt Stolz erfüllte. Das sind nun alles vergangene Zeiten.“


Hier wird es sich um die Durchfahrtserlaubnis durch den Neuen Garten gehandelt haben, eine Möglichkeit, den Weg zur Glienicker Brücke (und nach Berlin) abzukürzen.

„Aber einmal kam der Prinz Karl in diesem Sommer auch nach dem Weinberg, dieser hatte auf dem Bock neben dem Kutscher einen Mohren sitzen in grüner Livree.
Wir standen auch zur Begrüßung am Wagen, und da sagte der Prinz Karl zu uns: „Steigt nur ein und laßt Euch etwas spazieren fahren“. So kam es, daß ich einmal in meinem Leben mit einem Mohren auf dem Bock spazieren gefahren wurde.“

Der Kontakt zu Prinz Carl, dem Hausherrn auf Schloss Glienicke, beruhte zweifellos auf dem Interesse an Gartenkunst und Architektur, das beide Männer teilten.

„Auch dieser Sommer ging zu Ende, viel Besuch von Kindern, Enkeln und Urenkeln kam, denn die Großeltern hatten 3 verheiratete Söhne und 4 verheiratete Töchter. Wir hatten gleichaltrige Kusinen und Vettern, auch andere Familien aus Potsdam mit Kindern verkehrten mit uns.

Das setzte sich auch in den beiden folgenden Jahren noch fort, doch im Sommer 1879 zogen wir nicht mehr nach dem so innigst geliebten Weinberg heraus.
Als der Sommer 1879 zu Ende ging, ging unser lieber guter Großvater von uns in die ewige Heimat.
Ich sah ihn so friedlich und schön auf seinem Sterbebett, Tante Guste hatte sich gefürchtet, ihn noch einmal zu sehen.
Unser Leben veränderte sich nun. Der schöne Weinberg wurde an den Prinzen Alexander vermietet, der Kutscher Julius wurde entlassen, Pferde und Wagen abgeschafft.
Die schönen Gemälde aus dem Saal wurden abgenommen und verpackt.“

Die letzten Äußerungen verkürzen eine Entwicklung von zwölf Jahren sehr stark, denn Friedrich von Jacobs führte die väterliche Fabrik bis 1892 weiter. Erst nach einigen Jahren kam es zu den oben geschilderten Einschränkungen.

Trotz der wechselvollen Jahre, die jetzt auf die Villa zukamen, erkannte man stets den Wert des Parks und bewahrte ihn bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

13 Die Villa Alexander und ihre Mieter

Prinz Alexander

Alexander Prinz von Preussen

Friedrich von Jacobs vermietete das Anwesen von 1886 – 1891 an den Prinzen Alexander von Preußen, den Vetter Kaiser Wilhelms I. Friedrich Wilhelm Alexander (1820-1896) war von 1861-1896 General der Infanterie, Chef des Infanterieregiments Freiherr von Sparr Nr. 16, mit dem er 1866 in der Schlacht bei Königgrätz gegen die Österreicher und 1870/71 im Krieg gegen Frankreich kämpfte. Er war Reichsritter des Schwarzen-Adler-Ordens. Allerdings war der Schwarze-Adler-Orden kein Verdienstorden wie der „Pour le Mérite“, sondern ein Ritterorden mit begrenzter Mitgliederzahl.

Kinderbild von Alexander und Georg von Preußen

Die preußischen Prinzen erhielten ihn automatisch mit der Offiziersuniform bei erreichtem zehnten Lebensjahr. Auch sonst verbinden sich mit Alexanders Namen keine herausragenden Taten. In unauffälliger Abgeschiedenheit (wohl wegen seiner Homosexualität) verbrachte der unverheiratete Prinz fünf Jahre lang die Sommermonate auf der Villa, für die sich jetzt der Name „Villa Alexander“ einbürgerte, obwohl er das Anwesen nie kaufte. Die Namensgebung dürfte auf die Familie Jacobs zurückgehen, die sich beim geplanten Verkauf des Anwesens dadurch eine höhere Attraktivität versprach. Das Kinderbild zeigt ihn mit seinem Bruder Georg.

Böckmann & Ende

Der Architekt Wilhelm Böckmann vom renommierten Architekturbüro Böckmann & Ende erwarb die Villa Alexander 1891 laut Grundbucheintrag von den Jacobsschen Erben, er kaufte sie jedoch nur aus Spekulationsgründen. Der „Aktienbauverein Thiergarten“, heute würde man sagen eine Projektentwicklungsfirma, deren führendes Mitglied er war, hatte sich mit dem Projekt einer Wohnbebauung am Landwehrkanal in Berlin übernommen, weil der aufwändige Bau der Corneliusbrücke auf eigene Kosten zugesagt worden war. 1895 ging das Unternehmen pleite. Die Realisierung einer lukrativen Villensiedlung in Potsdam, in nobler Umgebung am Jungfernsee gelegen, hätte Böckmanns Firma vielleicht noch retten können, doch es erscheint fraglich, ob das Kaiserhaus dem für dieses Vorhaben unerlässlichen Abriss der Villa Alexander zugestimmt hätte. Wilhelm II. hatte nämlich bereits selbst ein Auge auf den Sommerwohnsitz seines Großonkels geworfen. Pikant ist, dass 35 Jahre später die Verwaltung des Hohenzollernbesitzes ebenfalls Pläne einer Parzellierung des Geländes hatte, als nämlich klar wurde, dass kein Mitglied des Hauses hier mehr wohnen würde. Nach dem Scheitern seiner Pläne verkaufte Böckmann 1896 Villa und Grundstück an den Kaiser.

Kaiser Wilhelm

Kaiser Wilhelm II. erwarb das Anwesen (für 380 000 Mark, lt. Kaufvertrag „aus meiner Privatkasse“), wie auch die Villen Ingenheim und Quandt, als standesgemäße Unterkunft für Prinzen und als Gästehaus für Staatsbesucher.

Obergärtnerhaus (links), Zustand 2008

Das Obergärtnerhaus wurde in dieser Zeit zweimal umgebaut und erweitert, da der Obergärtner, der ganzjährig auf dem Grundstück wohnte, nun auch als Verwalter fungierte. Auch die Gewächshäuser wurden vergrößert. Zur Abrundung des Grundstücks kaufte der Kaiser für 3 Mark pro m2 die fehlende Ecke am Nedlitzer Weg dazu, so dass das Gelände jetzt 96 000 m2 umfasste. Die nachfolgend geschilderten Ereignisse verhinderten, dass die Hohenzollern ihre neue Immobilie dem ursprünglich vorgesehenen Zweck zuführen konnten.

Fürstenenteignung – Fürstenentschädigung

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchie wurden im Rahmen der Fürstenenteignung im November 1918 das Vermögen, der Grundbesitz und die Immobilien des Hauses Hohenzollern von der neuen Regierung beschlagnahmt. Auf diese Maßnahme folgte ein achtjähriger Rechtsstreit. Als Ergebnis der Verhandlungen zwischen dem ehemaligen Königshaus und dem preußischen Staat mit dem Ziel eines Vergleichs wurde am 26. Oktober 1926 das „Gesetz über die Vermögensauseinandersetzung zwischen dem Preußischen Staat und den Mitgliedern des vormals regierenden Preußischen Königshauses“ verabschiedet. Dieser – auch „Fürstenentschädigung“ genannte – Vergleich unterschied zwischen Besitz, den die Adligen in ihrer Funktion als Herrscher im Deutschen Reich besaßen, der zu enteignen war, und reinem Privatbesitz. Da im Kaufvertrag festgehalten war, dass Wilhelm II. die Villa Alexander aus seiner Privatschatulle erworben hatte, wurde sie 1926 den Hohenzollern zurückgegeben.

54 Villa Alexander 1935

Kein Mitglied des Kaiserhauses hat die Villa seit dem Kauf 1896 je bewohnt, lediglich Prinz Louis Ferdinand und Prinzessin Kira erwogen dies kurz bei ihrer Hochzeit 1938, zogen dann aber doch lieber nach Berlin. Deshalb trat das (nun ehemalige) Kaiserhaus von 1919 bis 1945 nur als Verpächter bzw. als Vermieter in Erscheinung. Es ist nicht zu erkennen, dass die Hohenzollern dem Anwesen nach 1918 noch viel Interesse entgegenbrachten.

Rudolf Freiherr von Thüna

1919 pachtete der Besitzer des „Herbertshofes“ in der Bertinistr. 16, Herbert Gutmann, die Villa von der „Ehemals Kaiserlichen Krongutverwaltung Berlin“, die die Immobilie nach der Fürstenenteignung verwaltete. Da der „Herbertshof“ (s. u.) die Villa Alexander an Größe und Ausstattung weit übertraf, lag Gutmanns Interesse vorwiegend an der Nutzung des über 90 000 m2 großen Parks. Sein Schwager, der Luftfahrt-Pionier Rudolf Freiherr von Thüna (1887-1936), verheiratet mit Edwina von Frankenberg, der Schwester von Gutmanns Frau Daisy, war seit 1921 der neue Bewohner und Verwalter des Anwesens. Die Bauarbeiten, die 1923 ausgeführt wurden, erfolgten aber sicherlich auf Gutmanns Veranlassung, denn sie dienten, wie auch der Aufbau der Gärtnerei in Gutmanns Villa, der Nahrungsmittelversorgung: Der große Pferdestall südlich der Villa wurde zum Kuh-, Schweine- und Geflügelstall umgebaut, denn Pferde benötigte man jetzt im Zeitalter des Automobils nicht mehr in großer Zahl, wohl aber Nutztiere, die zur Aufrechterhaltung des großbürgerlichen Lebensstils im „Herbertshof“ dienten. Dort fanden häufig Festmahle mit bis zu 100 Gästen statt. Da die Tiefkühlung noch nicht erfunden war, hatte man Schwierigkeiten, die erforderliche Menge frischer Nahrungsmittel bereit zu halten. Die Gärtnereien in Villa Alexander und „Herbertshof“, die sich auf Gutmanns Betreiben zu selbstständig wirtschaftenden Betrieben entwickelten, sorgten deshalb für die Versorgung mit frischem Gemüse, der Stallumbau für die Fleisch- und Milchversorgung. Der Entwurf von 1923 für den Umbau des ehemaligen Pferdestalls in ein Mehrzweck-Stallgebäude zeigt deutlich die neue Funktion: Kühe, Schweine, Hühner und Puten werden auf engstem Raum zusammen untergebracht.

Rudolf von Thüna hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg großartige flugsportliche Leistungen vollbracht. Als Leutnant des Kaiser-Alexander-Garde-Grenadierregiments Nr. 1 ging er in die Luftfahrtgeschichte ein: Er erhielt am 27. Januar 1913 auf Grund seiner Flugleistungen das erste „Befähigungs-Zeugnis als Militär-Flugzeugführer“. Am 20. Mai 1913 landete er mit einem Doppeldecker in Coburg und errang den Ehrenpreis des Kaiserlichen Statthalters von Wedel. Für die beste Leistung auf der Strecke Koblenz-Neustadt erhielt er den Ehrenpreis des Prinzregenten Ludwig von Bayern. Für seine überragenden Leistungen bei Zuverlässigkeitsflügen mit Zwischenlandungen und Aufklärungsübungen wurde er 1913 zum Sieger des Prinz-Heinrich-Flugs gekürt.

Rudolf von Thünas Frau in seinem Mercedes vor der Villa Jacobs

Als Hauptmann im Ersten Weltkrieg wurde Freiherr von Thüna im Jahr 1917 zu Mercedes-Benz abkommandiert und machte sich dort einen Namen als Flugmotorenspezialist. Durch die Auflagen des Versailler Vertrages gab es nach 1918 für Beschäftigte in der Luftfahrtindustrie nur wenige Betätigungsmöglichkeiten, deshalb arbeitete er ab 1919 in Berlin als Mercedes-Benz-Vertreter für Berlin/Brandenburg. Nachbarn berichteten, dass der Motornarr gern die steilen Hänge des Weinbergs mit seinem Mercedes hochraste. 1932 zog er für die Firma nach Freiburg, wo er im Jahr 1936 starb.

Herbert Gutmann

1934-36 wohnte Herbert Gutmann selbst als Mieter in der Villa Alexander, nachdem er wegen finanzieller Schwierigkeiten, hervorgerufen durch die Bankenkrise der Weimarer Republik, aus dem „Herbertshof“ (die heutige Villa Gutmann) ausziehen musste. Nach dem Wegzug Rudolf von Thünas 1932 übernahm er für die „Ehemals Kaiserliche Krongutverwaltung Berlin“ die Verwaltung des Hohenzollern-Anwesens. Die Gärtnerei auf dem Gelände, die nach wie vor vom Obergärtner Heitkamp betrieben wurde, machte sich, angeregt von Gutmann, 1932 als „Gärtnerei Villa Alexander“ selbstständig.

Herbert Gutmann und seine Familie auf dem Golfclub Wannsee

Herbert M. Gutmann wurde 1879 in Dresden geboren. Er entstammte einer assimilierten jüdischen großbürgerlichen Familie. Sein Vater Eugen hatte 1872 die Dresdner Bank gegründet. Auch der Sohn wurde Bankier. Er machte sich als Mitbegründer der Deutschen Orientbank und als Vorstandsmitglied der Dresdner Bank mit dem Zuständigkeitsbereich Auslandsgeschäft einen Namen. Darüber hinaus war er Aufsichtsratsmitglied in bis zu 50 großen Unternehmen. Er war ein bedeutender Kunstsammler und führte zusammen mit seiner Frau Daisy von Frankenberg auf dem „Herbertshof“ einen der namhaftesten Salons der Zeit, der von Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Kunst und Sport besucht wurde. Die Villa wurde üppig mit Kunstgegenständen ausgestattet, darunter barocke Deckenfresken und das „Arabicum“, die syrische Innenarchitektur eines Wohnzimmers aus dem 18. Jahrhundert. Gutmann war auch der Gründer und von 1928 bis 32 Präsident des „Golf und Land-Clubs Berlin Wannsee“.

Villa Gutmann 20er Jahre
Villa Gutmann in den 20er Jahren
Arabicum1
Arabicum
Turnhalle
Turnhalle

Die oben erwähnte Bankenkrise im Juli 1931 griff erheblich in sein Leben ein. Er musste vom Vorstand der Dresdner Bank zurücktreten und seinen großbürgerlichen Lebensstil stark einschränken. Deshalb (auch um nicht mehr so stark im Lichte der Öffentlichkeit zu stehen) zog die Familie Gutmann 1934 vom „Herbertshof“ in die wesentlich kleinere und abgelegenere Villa Alexander um. Gutmann ließ im Park einen Tennisplatz anlegen, unter ihm fanden auf dem Gelände zum letzten Male Bauarbeiten statt. So wurde unter anderem die nach dem Aufbau einer städtischen Wasserversorgung nutzlose Dampfmaschine des Pumpenhäuschens abgebaut, der Schornstein abgerissen und das Gebäude zu einem Bedienstetenhaus umgebaut. Die folgenden Bilder zeigen zwei seltene Innenaufnahmen der Villa aus der Zeit, als Gutmanns hier wohnten: die verglaste Veranda an der Südseite und der verglaste Durchgang zum Turm.

Vorhalle
Turmgang

Der verstärkte Antisemitismus nach 1933 und besonders der 30. Juni 1934, die „Nacht der langen Messer“, setzten Gutmann stark zu. Bei dieser, von den Nazis als „Röhm-Putsch“ bezeichneten, blutigen Abrechnung mit konservativen Gegnern und der Opposition in den eigenen Reihen war der vorletzte Reichskanzler der Weimarer Republik, General von Schleicher, ein guter Bekannter der Gutmanns, ermordet worden. Herbert Gutmann wurde verhaftet und, zusammen mit dem damals in Babelsberg lebenden Konrad Adenauer, in der Villa Alexander interniert. Gutmann hatte den Nazis diesen Ort angeboten, da in diesen Tagen die Gefängnisse überfüllt waren. Adenauer war den Nazis als langjähriger Präsident des Preußischen Reichsrates, dem er als Oberbürgermeister von Köln automatisch angehörte, verhasst. Nach seiner Absetzung als Oberbürgermeister war er in Babelsberg untergetaucht. Auf Intervention von Gutmanns „arischer“ Frau wurden sowohl Adenauer als auch Gutmann glücklicherweise wieder frei gelassen. Bis 1936 blieb Gutmann Optimist und hoffte, dass der Nazispuk von selbst in sich zusammenfallen würde. Die während der olympischen Spiele scheinbare Zurückhaltung der Nazis in Bezug auf die Judendiskriminierung endete jedoch abrupt direkt nach den Spielen. Während eines Italienurlaubs erreichte ihn ein Telegramm mit der Warnung, „wegen des schlechten Wetters“ nicht nach Berlin zurückzukehren. Dies bewog ihn, von Italien aus direkt ins Exil nach London zu gehen, wo er in sehr bescheidenen Verhältnissen leben musste und nach wenigen Jahren an Krebs starb. Da der „Herbertshof“ noch nicht verkauft war, hatte Gutmann das ehemalige Kindermädchen der Familie, Barbara Schmidt, mit der Verwaltung seines Besitzes und der gepachteten Villa Alexander beauftragt. Bis zum Verkauf der Gutmann-Villa an den „Verein für das Deutschtum im Ausland“ 1939 blieb sie noch in der Villa Alexander wohnen. Der geringe Verkaufserlös ging auf ein „Auswanderersperrkonto“ und wurde 1941 vom Deutschen Reich konfisziert.

52 Villa Alexander 1935

Nazi-Abgesang

1938 erfolgte ein Antrag der „Ehemals Preußischen Krongutverwaltung“ auf Änderung des Flächennutzungsplans: Teile des Parks sollten als Baugrund für Militärbauten umgewidmet werden. Der Protest des Bürgermeisters Hans Friedrichs (ansonsten ein strammer Nazi) gegen diesen Eingriff in die Potsdamer Parklandschaft wurde abgeschmettert, da der Bauherr, die Reichswehr, dort ein Offizierskasino errichten wollte, staatliche Bauten nach Ansicht der Juristen keine Umwidmung benötigten und Protest dagegen auch nicht statthaft sei. Das Offizierskasino entstand im oberen Parkteil, dicht am Weiher, und verschandelte die Anlage beträchtlich. 6600 m2 des Grundstücks wurden dafür an den Reichsfiskus verkauft. Diese Koppelung des Geländes an das Militär sollte sich in der Nachkriegszeit als verhängnisvoll erweisen.

60 Villa Alexander 1945

Nachdem der Gutmannsche Besitz vollständig „arisiert“ und der Pachtvertrag für die Villa Alexander aufgehoben war, ging diese an ihren letzten Mieter, den Babelsberger Knäckebrotfabrikanten Heinrich Boltze und seine Familie, der sie von 1940 bis 45 bewohnte. Auf undurchsichtige Weise war Boltze 1941 an der Arisierung des Besitzes der emigrierten jüdischen Familie Berolzheimer in Garmisch-Partenkirchen, Untergrainau, in Bayern beteiligt (Quelle: Garmisch-Partenkirchen und seine jüdischen Bürger –  1933-1945, Internet 2006), so dass seine Übernahme des Pachtvertrages für die Villa Alexander vom emigrierten Juden Herbert Gutmann ein schales Gefühl hinterlässt. Er war so entzückt von dem idyllischen Anwesen (mitten im 2. Weltkrieg!), dass er sich für den Fall, dass die Hohenzollern die Villa an Interessenten außerhalb ihrer Familie verkaufen sollten, ein Vorkaufsrecht im Grundbuch eintragen ließ.
Die Boltzeschen Fotos von 1945 sind die letzten, die die Villa noch intakt zeigen.

59 Villa Alexander 1945
58 Villa Alexander 1945

14 Sowjets und Kleingärtner

Nach dem Kriege bezogen Sowjettruppen die „Grauen und Roten Kasernen“ an der Nedlitzer Straße und beschlagnahmten die Villa Alexander. Auf Weisung der sowjetischen Militäradministration wurde das Grundstück 1948 enteignet und der Stadt Potsdam übergeben. Diese überließ den Sowjets die Villa als Wohnung für zwei Offiziersfamilien und als Kindergarten, da sie dicht bei den Kasernen gelegen war. Die Villa wurde baulich nicht unterhalten, auch gingen die Bewohner nicht pfleglich mit ihr um: Nach Aussagen von Nachbarn wurden in kalten Wintern Türen und Fußbodendielen verfeuert. Stoffdecken hingen an den Türöffnungen, nach einem Brand des Daches in den siebziger Jahren gab es nur eine notdürftige Reparatur, und durch Nässe und Verfall wurde das ganze Gebäude allmählich unbewohnbar. 1972 zogen die Sowjetoffiziere aus, Ende 1978 auch der Kindergarten. Die Sowjettruppen zogen sich danach auf das nördliche Jacobs-Grundstück zurück und errichteten dort eine (2005 noch stehende) Mauer.

Villa Alexander, Messbild 1978

Der westliche Teil des Gartens verblieb noch einige Jahre im Besitz des seit 1930 hier tätigen Obergärtners Heitkamp, der weiterhin die „Gärtnerei Villa Alexander“ betrieb und vorwiegend Gemüse zur Deckung des allgemeinen Nahrungsmittelbedarfs anbaute; der restliche Teil verkam jedoch. Die Wirtschaftsgebäude wurden von der Stadt vermietet. Heitkamp wohnte jetzt nicht mehr im Obergärtnerhaus, sondern im kleinen Gehilfenhäuschen daneben, einem Fachwerkbau mit Schieferdach. Nach ihm zogen dort Heimatvertriebene ein, eine Familie Büttner, die das Gelände der Gärtnerei und den „Weingarten“ durch Umpflügen völlig unkenntlich machte, Kartoffeln anbaute und kräftig zum Verfall der Gewächshäuser beitrug. Die Nähe zur sowjetischen Kaserne sorgte für weitere Zerstörungen durch Vandalismus.

Gehilfenhaus (2010)

Der Vorfall

Im Sommer 1979 ereignete sich „der Vorfall“. Diese Geschichte war schwierig zu recherchieren, weil sie zur DDR-Zeiten vertuscht und darüber nur mit vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Man bezeichnete das Ereignis verschleiernd als „den Vorfall“ und sehr viele unterschiedliche mündliche Versionen existieren davon. Tatsache ist, dass das Ereignis zum Anlass wurde, ein Kleinod Potsdams aus der Denkmalliste zu streichen und unsinnigerweise abzureißen.

Der reißerischsten Variante des „Vorfalls“ stehen Fakten entgegen, die sie als völlig unglaubwürdig belegen:
Wegen der Nähe zur Grenze nach West-Berlin setzten sich immer wieder Sowjetsoldaten aus den Kasernen an der Nedlitzer Straße ab um durch den Jungfernsee nach Berlin zu schwimmen. (Das ist schon deshalb völlig absurd, weil die Grenze zum „Westen“ von hier noch 3 Km entfernt liegt; außerdem hat man im „Westen“ nie von solchen Fluchten gehört.) Ein mit seiner Kalaschnikoff flüchtender Soldat wurde nahe der Villa Alexander entdeckt und verschanzte sich auf dem Turm, von dem er auf seine „Kameraden“ herunterschoss. Weil er sich partout nicht ergeben wollte, holte man aus der nahe gelegenen Artilleriekaserne „schweres Gerät“ und schoss den Schützen mitsamt Turm herunter. Dadurch war die Villa so beschädigt, dass man sie anschließend abreißen musste. (Wie die hier gezeigten Fotos belegen, wurde der Turm erst als letzter Teil der Villa niedergelegt. Der unten geschilderte Turmabriss ist durch Siegfried Ritter, einen Bewohner des Kleingartengeländes im Park der Villa belegt.)

Folgende Darstellung des „Vorfalls“ bietet sich (unter anderem auch durch die Aussage eines beteiligten Stasi-Offiziers) als die plausibelste an:
Ein Soldat war in der nahe gelegenen Artilleriekaserne beim Diebstahl von seinem Offizier überrascht worden und hatte ihn darauf erschossen. (Es wird auch von einer anschließenden Geiselnahme gesprochen.) Aus seiner Flucht vor den ihn beharrlich verfolgenden „Genossen“ verschanzte er sich schließlich im Keller der nun leer stehenden Villa und schoss auf seine Verfolger. Diese erwogen den Einsatz von Artillerie, um ihn zur Aufgabe zu zwingen, verwarfen diesen Plan jedoch nach Rücksprache mit der DDR-Staatssicherheit. Wegen der Grenznähe befürchtete man eventuelle Komplikationen. Stattdessen entschloss man sich, das Gebäude zu umstellen und den Soldaten mit Tränengas auszuräuchern.
Ob es bei seiner Festnahme blieb oder er (wie andere Quellen berichten) anschließend sofort erschossen wurde, lässt sich nicht mehr klären. Um eine Wiederholung dieses Vorfalls auszuschließen, zog die Stadt einen Zaun um das leer stehende Gebäude.

Bereits vor diesem spektakulären Ereignis lief seit 1978 ein Verfahren mit dem Zweck, sich des ungenutzten Baudenkmals zu entledigen: Auf Wunsch der Oberbügermeisterin von Potsdam stellte Herbert Zschoppe, Vorsitzender des Rats des Bezirks, einen Antrag an den Kultusminister der DDR, den Denkmalsschutz auf dem Gebäude aufzuheben, da es nur noch „im Bauzustand der Stufe IV sei, die Grundsubstanz marode, Feuchtigkeit in den Wänden, dieselben rissig und voller Schwamm“. Schornsteine, Balkendecken und Treppen seien „verbraucht“ und die Ver- und Entsorgungsleitungen defekt. Außerdem schließe die territoriale Lage „unmittelbar an der Staatsgrenze der DDR“ eine öffentliche Nutzung aus. Die Reparaturkosten von 2,5 – 3 Millionen Mark seien nicht vorhanden, da alle Denkmalsschutzmittel in die Restaurierung der Potsdamer Innenstadt flössen. Diesem Antrag wurde unter der Bedingung, ein Aufmaß der Villa durch einige Messbildfotos anzufertigen, stattgegeben. Auf Antrag der Potsdamer Bürgermeisterin Brunhilde Hanke sollte der Abriss in der „volkswirtschaftlich günstigsten Variante“ erfolgen.

Immerhin hatte es einen (äußerst zaghaften) Versuch gegeben, das Schlimmste zu verhindern: In einem Artikel vom 8. 12. 1979 in den „Brandenburgischen Neuesten Nachrichten“ berief man sich auf einen Leserbrief mit folgendem Hinweis: „Auch der flüchtige Betrachter empfindet die Schönheit der sogenannten Villa „Alexander“, die in einem traurigen Zustand an der Bertinistraße steht“, um eine Nutzung als Erholungsheim für einen Betrieb bzw. als Wohngebäude für dessen Mitarbeiter anzuregen. Der Verfasser schließt: „Ich frage mich nun, was mit dem 1835 errichteten Baudenkmal, das zweifellos hohen Wert hat, geschehen soll. Ein Abriß ist ja wohl undenkbar …“

Die Messbilder unterstreichen die Eindrücke des Leserbriefschreibers: Die Schäden am Dach und den Fenstern sind Zeugen für den „traurigen Zustand“, während die Architektur trotz der Beschädigungen noch für sich spricht und dem Bauwerk den „hohen Wert“ attestiert.

Messbild 1978
Messbild 1978

Sowjets wie DDR wollten jedoch das Risiko einer Wiederholung des oben geschilderten „Vorfalls“ in Zukunft ausschließen, deshalb nahm das „Undenkbare“ trotzdem seinen Lauf:
Niemand reagierte, als der eben gezogene Zaun (von Sowjetsoldaten?) wieder abgebaut wurde. Es wurde jetzt auch nicht verhindert, dass jedermann, der Baumaterialien benötigte, sich auf dem Gelände der Villa „bediente“. So verschwand die Villa Stück für Stück, erst die Holzeinbauten, später die Bausteine und Terrassenplatten. Der Garten wurde in Kleingartenparzellen verwandelt und mit Reststücken der Villa im Geschmack der Kleingärtner dekoriert. Zuletzt blieb nur noch der aller Einbauten beraubte Turm, den man zum Abriss nicht mehr besteigen konnte.

Die Beseitigung dieses Turms war nun der spektakuläre Schlusspunkt der Existenz der „Villa Alexander“: Ein Kleingärtner, dessen Laube neben dem Turm stand, befürchtete, dass Teile des Turms herunterfallen könnten. Deshalb wandte er sich an die Sowjettruppen um Hilfe, eine Flasche Wodka sollte die Bitte unterstützen. Die Soldaten wickelten ein Drahtseil um den Turm, hängten es an einen schweren LKW und brachten damit den Turm zum Einsturz. Auf diese banale Weise verschwand ein Eckbaustein des Blickachsensystems der gestalteten Landschaft nördlich von Potsdam. Der spätere Gartendirektor der Schlösser und Gärten von West-Berlin, Michael Seiler, der den Verfall der Villa schon 1978 konstatiert hatte, bemerkte 1980 diese einschneidende Veränderung in der Potsdamer Landschaft vom Schloss Glienicke aus. Er besorgte sich ein DDR Visum und dokumentierte die Kulturschande an Ort und Stelle mit eindrucksvollen Fotos.

Abriss 1980

Erhalten blieb die auf das Gebäude führende Lindenallee, auf die jetzt der Name Bertinistraße überging. Sie wurde – kurioserweise – mitten im Wald (zu dem der ehemalige Park gewuchert war) mit Straßenlaternen ausgestattet. Die kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) vermietete das Obergärtner-, das Gehilfen- und das Pumpenhaus an bedürftige Familien und eine Künstlerin. Das Gehilfenhaus wurde von seinen Bewohnern, der Familie Holluba, auf pfiffige Weise erworben: 1988 ließ sie sich aus sozialen Gründen ein unbefristetes Nutzungsrecht eintragen und kaufte das Häuschen anschließend als Eigenheim. Grundbesitz an öffentlichem Grund und Boden war in der DDR nicht üblich, aber am 25. 06. 1990 konnte die Familie aufgrund des Modrow-Gesetzes (erlassen in der Regierungszeit des vorletzten DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow, das DDR-Bürgern ermöglichte, auch das Grundeigentum, auf dem ihre Häuser standen, zu erwerben, bevor die beiden deutschen Staaten vereinigt wurden) auch das dazu gehörige Grundstück erwerben. Für beides wurden die in der DDR üblichen Niedrigstpreise bezahlt.

Von der Villa Alexander selbst verblieben die schön gewölbten Kellerräume, Teile des Sockels und das Turmfundament, die allmählich von dichtem Buschwerk zugewuchert wurden.

Als Reste der Gartenanlage erhielten sich die Zufahrtsallee, einige alte Bäume und die, noch aus der Zeit der Töpferkute stammenden Terrassen am Rand des Gartens. Auch eine sauber aufgeführte Stützmauer zur oberen Terrasse mit Resten eines Gewächshauses war noch zu sehen. Im nördlichen Teil konnte man den Teich in seinem gewollt unregelmäßigen Umriss erahnen und etliche uralte Bäume kündeten von vergangenem Glanz.

15 Freunde der Villa Jacobs

Nach der Wende setzte allmählich eine Rückbesinnung auf die in der Potsdamer Kulturlandschaft enthaltenen Werte ein. Aber die in Potsdam noch allgegenwärtigen Sowjettruppen standen einer schnellen Renovierung der Kunstschätze entgegen. Erst als die Truppenabzug feststand, gelang es der Stadt, das Gebiet der Potsdamer Schlösser und Gärten 1990 (erweitert 1992 und 1999) unter den Schutz des UNESCO-Welterbes stellen zu lassen. Im Gebiet der Nauener Vorstadt zeugen der von Sponsoren finanzierte spektakuläre Wiederaufbau des Belvedere auf dem Pfingstberg und die Rekonstruktion des Pomonatempels von dem wieder erwachten Interesse an den Schönheiten Potsdams.

Die Bertinistraße blieb allerdings noch lange davon unberührt. Rückübertragungsstreit, Unklarheit, was hier, im Umfeld der Schlösser und Gärten, gebaut werden dürfte, und Untätigkeit der Stadtverwaltung beließen die Straße zehn Jahre lang im Dornröschenschlaf. Schon am 8.10.1990 hatte Prinz Louis Ferdinand von Preußen der Bundesregierung in einem Schreiben erklärt, dass er trotz der z. Zt. bestehenden Rechtslage (Enteignungen zwischen 1945 und 1949 auf besatzungshoheitlicher Grundlage werden nicht rückgängig gemacht) nicht auf die Ansprüche auf das Hohenzollernerbe verzichte. Gleichzeitig teilte er der Stadt Potsdam mit, dass er förmliche Anträge auf Rückübertragung nicht stelle. Aus seinem weiteren Schriftwechsel ging jedoch hervor, dass er sehr wohl die Rückerstattung der Villa Alexander forderte.

Am 2. 12. 1996 erging der Bescheid, dass der Antrag des Prinzen nicht in den Geltungsbereich des Gesetzes zur Regelung offener Vermögensfragen falle, somit der Eintrag im Grundbuch vom 31. 01.1949 seine Gültigkeit behalte: „Eigentum des Volkes. In das Eigentum des Volkes übergegangen gemäß Beschluß der Deutschen Wirtschaftskommission vom 21.09.1948. …“
Eigentümer des Geländes blieb also die Stadt Potsdam.

An der TFH Berlin verfasste 1993 Annett Elsholz eine Diplomarbeit über die Villa Alexander, in der sie die Spuren des Gartens und der originalen Gebäude auf dem Gelände suchte und sich Gedanken über eine adäquate Nutzung machte. Sie schlug vor, in der wieder aufgebauten Villa ein Restaurant Bertini zu eröffnen, den Turm mit einem Fahrstuhl auszustatten, ihn als Aussichtsturm zu nutzen und die Wirtschaftsgebäude um einige Neubauten in einem an Persius orientierten Stil zu erweitern, um das ganze als ein nobles Domizil für Künstler, Architekten und das genannte Restaurant zu vermarkten.

Diese neue Aufmerksamkeit auf das Areal hatte immerhin den Erfolg, dass der UNESCO – Welterbe-Schutz von 1990 (auf die Schlösser und Gärten) 1999 auch auf den Garten der Villa Alexander ausgeweitet wurde, obwohl ein Garten kaum noch zu erkennen war. Weiter geschah jedoch nichts, bis bekannt wurde, dass die Stadt plante, 3500 der 50 000 m2 des Geländes teuer zu verkaufen, um mit dem Erlös die leere Stadtkasse etwas zu füllen.

Nach Bekanntwerden dieser Pläne 2001 erhob der Verein „Freunde der Villa Jacobs“ seine Stimme, um die Villa und besonders ihren Turm als unverzichtbaren Bestandteil der Potsdamer Silhouette wiederzugewinnen. Die Aktionen dieses Vereins um den Journalisten Hans Groschupp, den ehemaligen Stadtbaudirektor Richard Röhrbein und den Architekten Dieter Mann sollten durch viele Presseveröffentlichungen dafür sorgen, dass die Wertschätzung für die verlorene Persius-Villa in der Öffentlichkeit stieg. Erst ab jetzt redete man von dem Gebäude als „Villa Jacobs“. Der Garten sollte nach dem in der Plansammlung der SPSG aufbewahrten Lenné-Entwurf von 1835 wiederhergestellt werden, man wusste damals nicht, dass die Planung in dieser Form nie realisiert wurde.

Besonders kurios war die Aktion einer „Turmsimulation“, bei der der Verein ein Baugerüst in der Höhe des Turms der Villa ganz in der Nähe des originalen Standorts errichtete. Auf der Glienicker Brücke postierte Journalisten konnten jedoch keine „Bereicherung des Stadtbildes“ feststellen, da die originale Blickbeziehung zwischen Villa und Brücke durch hohe Bäume und Geländeanschüttungen im Bereich der Schiffskontrollstelle in der Mitte der Bertinistraße verloren gegangen war. Nicht einmal auf dem Jacobs-Gelände konnte man den „Turm“ ausmachen, da die Parkbepflanzung nach 60 Jahren Wildwuchs den Charakter eines dichten Waldes angenommen hatte.

Die Tätigkeit des Vereins bewirkte trotz dieses Rückschlages, dass die Stadt die Parzellierungspläne auf Grund des starken Presseechos wieder fallen ließ. Stattdessen wurde beschlossen, das Gelände der Villa auszuschreiben und an einen Investor zu vergeben, der sich verpflichtete, Villa und Garten wieder aufzubauen. Damit war also erstmals gesichert, dass der Garten der Villa als Ganzes erhalten blieb und das Gebäude wiedererrichtet werden sollte. Bereits 1998 hatte die Architekturfakultät der Universität Venedig auf Recherche des renommierten Architekten Augusto Romano Burelli eine digitale Rekonstruktion der Villa Jacobs angefertigt. Diese wurde nun zur Unterstützung der Ausschreibung ins Internet gestellt.

In Hinblick auf den geplanten Verkauf des Grundstücks wurden die vermieteten, sich in der Hand der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV) befindlichen Wirtschaftsgebäude (Obergärtnerhaus, Stallgebäude und Pumpenhaus) entmietet. Weil sich die Ausschreibung hinzog und die KWV nicht mehr verantwortlich war, begannen sie zu verfallen. Der Grundstücksteil mit Gehilfenhaus und Pferdestall mit Remise, der in den Wendejahren 1988 bis 1990 schrittweise von dem Bewohner erworben worden war, wurde in zwei Grundstücke aufgeteilt, an Interessenten aus Berlin verkauft und von diesen renoviert.

Der erste potenzielle Investor zum Wiederaufbau der Villa, Mathias Döpfner aus dem Vorstand der Axel Springer AG ging davon aus, dass ihm das gesamte Grundstück bis zum Seeufer überlassen werden sollte, er also ein Wassergrundstück ohne lästigen Publikumsverkehr am Ufer erwerben würde. Er nahm von dem Kauf wieder Abstand, als die Stadt unter dem Druck der Öffentlichkeit darauf beharrte, den öffentlichen Uferweg zu erhalten. Entschädigungszahlungen an die auf dem Gelände residierenden Kleingärtner, die Diskussion über den öffentlichen Zugang zum Park und überhaupt die ausufernde Größe des Projekts (denkmalgerechter Wiederaufbau der Villa, Rekonstruktion des Gartens von 4,5 ha und Neubau der gesamten Infrastruktur) trugen sicherlich zu Döpfners Ausstieg aus diesem Projekt bei. So schrieb die Stadt 2004 das Grundstück erneut aus.

Ausschreibung
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Grundstück in Potsdam, Bertinistraße, Areal der ehemaligen Turmvilla Jacobs am Jungfernsee

Das denkmalgeschützte Parkgrundstück entlang der Bertinistraße am Ufer des Jungfernsees ist am nördlichen Rand der Landeshauptstadt Potsdam – nahe der historischen Parkanlage des Neuen Gartens mit dem Schloss Cecilienhof und dem Marmorpalais – gelegen. Das Areal mit einer Größe von ca. 45.000 m2 zeichnet sich durch seine ruhige Wohnlage mit durchgrünten Parzellen und Waldflächen im Einflussbereich des Jungfernsees und der Havel aus.

Die Wiederherstellung der ehemaligen, nach Plänen von Friedrich Ludwig Persius errichteten „Villa Jacobs“ und der historischen Lennéschen Parkanlage ist vorgesehen. Die Inanspruchnahme der Steuervergünstigung für Sanierungs- und Wiederherstellungskosten an der Denkmalsubstanz nach § 28 Abs. 2 Denkmalschutzgesetz ist möglich.

Grundstücksfläche:
ca. 45.000 m2

Nutzungsmöglichkeit:
gehobene Wohnnutzung und/oder nicht störendes Gewerbe

 
Denkmalschutz:

  • Es gilt die Satzung zum Schutz des Denkmalbereiches Berlin-Potsdamer Kulturlandschaft (Denkmalbereichssatzung vom 30.10.1996)
  • Die Reste der Villa, die ehemaligen Wirtschaftsgebäude und der Park mit den dazugehörenden baulichen Anlagen sind im Verzeichnis der Denkmale der Stadt Potsdam verzeichnet.

Sanierungsgebiet:
nein

16 Wiederaufbau der Villa Jacobs

2005 konnte die Stadt Potsdam endlich einen Kaufvertrag mit einem neuen Investor, dem Architektenehepaar Ludes unterzeichnen. Sie waren Eigentümer eines Architekturbüros, das (folgt man seinem Internet-Auftritt) für nachhaltige Ästhetik, unabhängig von Moden und Trends, steht und sich auf Bauten des Gesundheitswesens, Bauten für Lehre und Forschung und ähnliche große Projekte spezialisiert hat. Den Erwerb des Grundstücks mit den dazu gehörigen Auflagen bezeichneten sie als reines Liebhaberprojekt ohne Gewinnerwartungen. Auf dem Gelände soll ihr Wohn- und Geschäftssitz entstehen. Zusätzlich erwarben sie noch das kleine Maschinenhaus mit 1000 m2 Grundstück, das von der Stadt gesondert angeboten wurde.

Die Kleingärtner, die das Gelände seit dem Abriss der Villa bewirtschafteten, mussten bis Ende 2006 ihre Parzellen räumen. Anstelle der von ihnen angelegten Obst- und Gemüsegärten wurde ein Obstgarten nach historischem Vorbild rekonstruiert. Im März 2007 fanden umfangreiche Rodungsarbeiten statt, bei denen der über 60 Jahre alte Wildwuchs zum Teil beseitigt wurde. Der Investor hatte sich verpflichtet, die historische Villa in der alten Kubatur wieder aufzubauen, was bedeutete, dass zwar nicht jedes Detail, wohl aber das alte Erscheinungsbild, besonders in der Fernsicht, wieder hergestellt wurde. Auch die alten Blickbeziehungen sollten wieder frei geschnitten werden, was allerdings zu Schwierigkeiten führte, da mittlerweile teilweise wertvoller Baumbestand (über 60 Jahre alte Blutbuchen, alte Eiben) in die Blickachsen gewachsen war. Ein weiteres Problem der originalgetreuen Rekonstruktion war die Veränderung der Ufermodellierung durch Anschüttungen in der DDR-Zeit. In den 1970ern entstand südlich des Grundstücks eine Kontrollstelle für den grenzüberschreitenden Schiffsverkehr (GÜSt Nedlitz), die den Bau einer 200 Meter langen Spundwand zum Anlegen der Schiffe nötig machte. Durch die Verbreiterung der Uferzone ist die Blickbeziehung von der Villa zur Glienicker Brücke verloren gegangen. Auch die Esplanade vor der Villa nach Westen weist durch die übermäßig gewachsenen alten Linden mehr den Charakter eines Waldes als eines Parks auf. Das größte Problem der Parkwiederherstellung ist jedoch, dass die Stadt Potsdam dem Investor das eigentliche Parkareal nördlich der Villa gar nicht verkaufte. Die Grundstücksgrenze verlief deshalb dicht an der Nordseite der Villa, so wie es auf dem Lennéplan von 1835 eingezeichnet ist. Ludwig Jacobs verhinderte durch den Kauf des nördlichen Geländes und die Anlage des Hippodroms (keine Pferderennbahn, sondern eine runde oder ovale Parkgestaltung) damals die Platzierung der Villa in der Randlage des Grundstücks. Der Investor bemühte sich jahrelang, auch diesen Parkbereich zu kaufen und wieder herzustellen, stieß dabei aber auf wenig Kooperation bei der Potsdamer Stadtverwaltung. Erst 2019 konnte er den fehlenden Teil endlich erwerben und mit der Rekonstruktion des Hippodroms und des von Ella Kühne beschriebenen Schwanenteichs beginnen.

Die einzigen verbliebenen Originalstücke des Baudenkmals, die wundervollen und auch relativ gut erhaltenen Kellergewölbe von Ludwig Persius sowie der Turmstumpf wurden denkmalgerecht saniert und in den Neubau integriert. Der Bauherr konnte dafür eine „Steuervergünstigung für Sanierungs- und Wiederherstellungskosten an der Denkmalsubstanz nach § 28 Abs. 2 Denkmalschutzgesetz“ in Anspruch nehmen. Als Gegenleistung für die Allgemeinheit öffnet er das mit 1,6 Km Zaun umgebene Gelände jedes Jahr mehrmals für kulturelle Events. So gab es bereits regelmäßige Literaturveranstaltungen, Freilichtopern, Weinfeste und Gartenbegehungen.

Die Errichtung des Neubaus vollzog sich in bemerkenswertem Tempo: In einem halben Jahr wurde der Kern des Gebäudes aus Kalksandstein und teilweise Gussbeton hochgezogen, mit Dämmstoff verkleidet und mit Klinkern verblendet. Wie das Vorbild wird der Bau verputzt und mit klassizistischen Ornamenten verziert. Einige Abweichungen vom Original hat sich der Investor genehmigt: Die Nordseite des Gebäudes bevorzugt eine Lösung zwischen dem Persius-Entwurf mit nur einem Raum und der Erweiterung von 1860, die den Turm in den Anbau integrierte. Die Giebelzone im Dachgeschoss des Querriegels weist wohl die stärkste Abweichung vom Original auf, weil hier der dreieckige Giebelbereich in Glas ausgeführt ist, um den Dachboden ausreichend zu belichten. Der früher verglaste Turmgang sowie die zum Wintergarten umfunktionierte Vorhalle bleiben im Neubau offen. Dafür sorgt eine Glaswand im Zimmer hinter dem Turmgang für einen wetterunabhängigen Blick auf den Jungfernsee und das Casino von Glienicke. Das Richtfest wurde im Juli 2007 gefeiert, der Innenausbau zog sich noch bis zum Frühjahr 2008 hin.

Die Sanierung der schwammbefallenen, jahrelang leer stehenden Gebäude (Verwalterhaus, Stall und Maschinenhaus) ist ebenfalls bis Mitte 2008 fertig gestellt worden. Die zwei vorher an Privatleute verkauften Wirtschaftsgebäude (Gärtnergehilfenhaus und Stallgebäude) verbleiben als Enklaven in dem Gelände.

Als letztes wurde die komplette Infrastruktur auf dem Grundstück (Strom, Wasser, Abwasser, Telekommunikation und Straße) erneuert. Ab 2008 ist es für den Spaziergänger wie für den mit dem Schiff vorbeifahrenden Besucher so wie damals im preußischen Arkadien: Als Schlusspunkt der Kette romantischer Gebäude in schöner Parklandschaft erhebt sich im Norden Potsdams wieder die Zuckerburg am Jungfernsee.

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