New York im Kaleidoskop

Inhalt

15 Downtown

Die herkömmliche Einteilung Manhattans in Uptown, Midtown und Downtown anstelle in verwirrend viele neighborhoods mit ihren aus Kürzeln gebildeten, für den Fremden unverständlichen Namen eignet sich viel besser zur Strukturierung des Herzens von New York. Während Uptown (und die Bronx) durch ausgedehnte Migrantengebiete gekennzeichnet ist (Harlem überwiegend für Afro-Amerikaner, the Bronx für Puertorikaner), finden wir die Monumentalbauten in Midtown (Bahnhöfe, Public Library, National Post Office, Empire State Building etc.). Das historische New York, seine alten Hafenanlagen, das erste Industrieviertel und die Wohngebiete der Unterschicht liegen dagegen in Downtown. Dieser Südteil von Manhattan erlebt gerade die Phase seiner größten Veränderung. Zwar steht hier schon seit langem die zweite Wolkenkratzer-Zone mit dem höchsten Gebäude der Stadt, dem One World Tower. (Bezogen auf die Gesamtfläche von NY nehmen die Wolkenkratzer allerdings nur einen kleinen Teil der Stadt ein). Aber die historische Hafenzone ist bereits völlig verschwunden und aktuell geht es den noch verbliebenen Industrieanlagen und den einfachen Wohnvierteln des 19. Jh. an den Kragen. Anstelle ansehnlicher Backsteinbauten aus der Gründerzeit entstehen ausgedehnte Neubaugebiete mit luxuriösen Hochbauten und viel Wohn- und Geschäftsraum für Betuchte. Das Einzige, das dieser mittlerweile völlig zugebauten Gegend fehlt, sind Parks. Aus diesem Grund hat sich die Stadt für die Anlage eines neuen, besonders spektakulären, entschieden. Da es in Manhattan kaum realisierbar ist, den so überaus wertvollen Baugrund für Grünflächen zu „verschwenden“, kam man auf die Idee, eine der letzten erhaltenen elevated railways zum Park umzugestalten. Die Trasse war dem Abriss der Hochbahnen unter Fiorello LaGuardia entgangen, weil sie nicht dem öffentlichen Verkehr diente, sondern dem Güterverkehr (West Side Freight Line) und die Produktionsstätten und Hafenanlagen am Hudson miteinander verband. Von 1932 bis 1980 diente sie vorwiegend der Versorgung des meat packing district, eines Areals, in dem Schlachthöfe und Fleischverarbeitungsbetriebe ihren Sitz hatten. Mit der Auslagerung dieses Gewerbes aus der Innenstadt setzte zunächst ein Niedergang des Viertels ein, die Industrieanlagen verfielen, Jobs gingen verloren und auch die niedrigen Wohnhäuser vergammelten. Die Bahnlinie wurde eingestellt und rostete ein Vierteljahrhundert vor sich hin. Dann „entdeckten“ Investoren das Potenzial des heruntergekommenen Viertels und lösten, wie auch schon in anderen Arbeitervierteln, einen Prozess der gentrification aus. Als Reaktion auf die vielen prestigeträchtigen Neubauprojekte gründete sich eine Bürgerinitiative, die 2004 ein 128 m hohes Apartmentgebäude verhinderte und durchsetzte, dass ein zwölf Blocks umfassendes Areal des Meatpacking District unter Denkmalschutz gestellt wurde.

High Line

Am westlichen Übergang von Midtown zu Downtown, in der Nähe der gerade entstandenen luxuriösen neuen Subway-Station Hudson Yards, liegt der Einstieg in den High Line Park, auf den wir mittels einer Rampe hinaufkommen. Von einem Park ist wegen des vielen Betons hier noch nicht viel zu sehen, aber man bekommt einen guten Eindruck von dem Umstrukturierungsprozess, der hier gerade stattfindet. Links sehen wir die bereits zum Teil durch die neuen Hudson Yards überbauten Rangiergleise der Pennsylvania Station, von denen schon im Kapitel „Quer durch Manhattan“ die Rede war, rechts die zehnspurige Trasse der 12th Avenue entlang des Hudson River, mit endlosen Autoschlangen. Sobald man sich von den Neubauten etwas entfernt hat, beginnt der „Park“. Er erstreckt sich auf einer Länge von 2,3 km von der 34th Street W bis zur Gansevoort Street im Süden, liegt komplett auf der Hochbahntrasse und ist in der Regel nur 15 m breit! Viel Platz für Pflanzen gibt es da nicht, doch überall wo es geht, hat man Bäume, Büsche, Sträucher und Blumen gepflanzt und auch einen Teil der Spontanvegetation erhalten, die sich in den letzten 25 Jahren zwischen den Schienen angesiedelt hat. Die komplette Strecke hat elf Zugänge, davon fünf mit Fahrstühlen, sofern sie funktionieren.

Rechts und links der High Line befinden sich umgebaute Fabrikgebäude oder Neubauten, deren Apartments mit Slogans wie „Luxury Living on the High Line“ angepriesen werden. West Chelsea 507 z. B. hat einen eigenen, für Normalbürger verbotenen Zugang zum Park und Apartments, die lt. Werbung zu den begehrtesten New Yorks gehören und von 5 Mio $ bis 20+ kosten. Noch teurer dürfte 520 West 28th Street sein, das Zaha Hadid Building, das einzige Wohngebäude der international renommierten Architektin. Merkwürdig verloren dazwischen die kleineren Häuser, die schon immer hier standen und jetzt des Abrisses harren oder ähnlich dem gallischen Dorf im Asterix Comic von entschlossenen Bewohnern gegen die übermächtigen Eindringlinge verteidigt werden. Zur reichlich aufgestellten offiziellen Kunst tragen sie Alternatives bei, so das Plakat „Donald, make America psycho again“. Eine „Church of the Guardian Angel“ von 1887 lädt Gläubige zum Gebet ein und der genannte Engel möge doch gefälligst den von der Vertreibung Bedrohten beistehen. Wir überlegen derweil, ab wann die millionenschwere Neuklientel gegen den Plebs vorgehen wird, der den ganzen Tag lang vor ihren teuren Fenstern auf „ihrer“ High Line entlang defiliert.

Interessante Durchblicke gibt es an den Stellen, wo die Trasse die Streets kreuzt und man rechts bis zum Hudson und links bis zu den Skylines von midtown und downtown schauen kann. An einigen Stellen hatten die Fabriken einen eigenen Bahnanschluss und nur an diesen Abzweigungen wird der Park etwas breiter. Hier hat man Sitzgruppen, Liegewiesen oder größere Pflanzenarrangements angelegt. Je weiter man nach Süden vordringt, desto mehr kleinteilige Bebauung des ehemaligen meat packing district ist noch erhalten und man wünscht sich, dass dies auch so bleiben möge. An einer weiteren Kreuzung der High Line mit einer Street steht ein Parking Rack, eine interessante Lösung zur Linderung der chronischen Parkplatznot in Manhattan: In einem vierstöckigen Gestell mit aufzugartigen Paletten stehen die Autos übereinander gestapelt, können dieses „Parkhaus“ aber nur in einer festgelegten Reihenfolge befahren und verlassen. Wir bedauern, das Be- und Entladen in der rush hour während unseres Spaziergangs nicht verfolgen zu können.

Hummer auf Papptellern

An der 16th Street befindet sich ein Abgang von der High Line mit Fahrstuhl, über den wir den Chelsea Market erreichen, ein den ganzen Häuserblock einnehmendes Fabrikgebäude, in dem einst Kekse produziert wurden. Es wurde im gleichen Jahr wie die High Line erbaut und besaß wie viele andere einen eigenen Gleisanschluss an die Bahn. Mit dem industriellen Niedergang der gesamten Gegend schloss auch die Fabrik und erst 1998 belebte sich das Gebäude erneut, als das komplette Erdgeschoss zu einem Food Court umgestaltet wurde und man die oberen Etagen als Büroräume vermietete. 2018 erwarb Google den Komplex zu einem absoluten Rekordpreis und zog zusammen mit YouTube in die oberen Etagen. Wir präferieren, lieber im Erdgeschoss zu bleiben und besuchen den mittlerweile auch schon 20 Jahre alten Fresstempel. Beeindrucken kann uns der aber längst nicht mehr, da Ähnliches mittlerweile in allen europäischen Metropolen, incl. unserer eigenen existiert. Charmant sind allerdings die vielen architektonischen Originalelemente des Industriezeitalters, die man geschickt in die shopping mall einbezogen hat.

Uns zieht es nur zu einem einzigen Geschäft, dem Lobster House, wo wir uns einen der berühmten Hummer aus Maine genehmigen wollen. Der Laden ist eigentlich eine überdimensionierte Fischhandlung, die Fische aus allen Weltmeeren zu stark überhöhten Preisen anbietet, aber eine Ecke darin ist mit schmalen Stehtischen für den Konsum reserviert. Hier kann man sich an einer Kochtheke die genannten Krustentiere frisch zubereiten lassen und bekommt sie, zusammen mit zerlassener Butter in einem Plastikschälchen, auf einem Pappteller (!) serviert. Im ganzen Laden gibt es kein einziges Stück Brot, mit dessen Hilfe man Butter und Lobster doch erst richtig genießen kann. Als wir versuchen, unsere großformatigen Pappteller auf dem kleinformatigen Tisch zu arrangieren, erregen wir die Aufmerksamkeit eines leicht mafiös aussehenden Mannes in wasserstoffblonder weiblicher Begleitung, der uns sofort anspricht, als er unsere Sprache gehört hat. Er stellt sich in ausgezeichnetem Deutsch als Pole vor, der Restaurants in mehreren europäischen Ländern unterhält, darunter auch in Berlin. Der Grund seines New York Besuches sei seine hier studierende Tochter. Die Tatsache, dass wir ebenfalls eine in Amerika studierende Verwandte haben und obendrein eines seiner polnischen Restaurants in Krakau bereits besucht haben, ermuntert ihn, Champagner zu bestellen, den wir – wie in diesem Etablissement nicht anders zu erwarten – aus Pappbechern trinken. Bei einem weiteren Besuch hier versuche ich, zwecks besserer Vorbereitung auf das Hummermahl, ein französisches Baguette bereits draußen zu kaufen. Beim Durchkämmen des Food Court stoße ich auf eine „originale“ Berliner Currywurst Bude (deren Produkte im Aussehen und vermutlich auch im Geschmack keinerlei Ähnlichkeit mit den unsrigen haben, aber immerhin 8 $ kosten), in deren Nähe ich glücklicherweise mit einem knusprigen Brot fündig werde.

Whitney Museum of American Art

Die High Line, die neue Bebauung und die neuen Bewohner machen die Gegend des meat packing district außerordentlich attraktiv für die Kunstszene, deshalb eröffnen hier ständig neue Kunstgalerien. Deshalb wurde wohl 2015 gerade hier, gegenüber dem Endpunkt der High Line an der Gansevoort Street, Renzo Pianos Neubau des Whitney Museum of American Art, angesiedelt. Das Whitney widmet sich der modernen amerikanischen Kunst und ist berühmt für seine umfangreiche Sammlung von Gemälden Edward Hoppers. Diese ikonischen Bilder der 30er bis 50er Jahre haben es uns angetan, weil der Künstler in seinem ganz eigenen Realismus die Einsamkeit des modernen Menschen so eindringlich abbildet. Er war stilistisch außerordentlich einflussreich, insbesondere die Filmregisseure des Film Noir und der Nouvelle Vague versuchten, die Stimmung seiner Gemälde filmisch umzusetzen. Die Aussicht auf ein bahnbrechend modernes Gebäude und die Hopper-Bilder haben uns hierher gelockt, aber eine leise Enttäuschung kommt bereits beim Betrachten des Museumsbaus auf. Er schwankt unentschlossen zwischen dem Setzen eines eigenen Akzents und der Rücksichtnahme auf die gewachsene Architektur dieses alten Industrieviertels und wird deshalb beidem nicht gerecht. Die Stahlkonstruktionen Renzo Pianos fallen gegenüber denen der High Line stark ab, weil sie nur dekorativ gedacht sind. Aber auf die Spitze getrieben wird unsere Enttäuschung an der Kasse, nachdem wir 36 $ für die zwei Museumstickets bezahlt haben, als uns die Kassiererin beim Überreichen der Karten sagt, dass die 6. Etage leider geschlossen sei. Auf meine Frage, was denn dort gezeigt werde, erhalte ich die Antwort: Edward Hopper. Grummelnd begnügen wir uns mit den Werken ebenfalls berühmter Künstler wie Sidney Pollock, Mark Rothko und Cy Twombly. Ein halbes Jahr später stießen wir in Rom auf eine Sonderausstellung mit Hoppers Gemälden – aus dem Whitney Museum of American Art. Da hatten die Museumsleute des Whitney doch tatsächlich ihren attraktivsten Schatz kurz nach der Eröffnung des Museumsneubaus für ein Jahr auf Weltreise geschickt, wahrscheinlich um die Kosten für den Neubau wieder hereinzuholen! Ein Glück für uns, dass wir dadurch unseren ausgefallenen New Yorker Museumsbesuch schließlich noch im Innern des Altare della Patria im Herzen von Rom nachholen konnten.

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