New York im Kaleidoskop

Inhalt

10 Quer durch Midtown

Trödel in Hell’s Kitchen

Unsere Schwiegertochter handelt mit gebrauchten Handtaschen und ausgefallenen Modeaccessoires, die sie alle Vierteljahre auf sogenannten vintage shows anbietet, einer Mischung aus Antiquitätenmesse und simplem Trödelmarkt. Ein Unternehmer hat dafür eine Etage in einem Gebäude des 19. Jh. in Midtown-Manhattan angemietet und vermietet diese, aufgeteilt auf viele einzelne Verkaufsstände, an Händler weiter, die auf diese Weise zu einer – für sie sonst nicht erschwinglichen – Geschäftsadresse in Manhattan kommen. Billig ist das natürlich auch nicht (was ist in New York schon billig?), deshalb ist bei jeder ihrer vintage shows gleich zu Beginn schon ein stattlicher Anteil der Ware zum Bezahlen der Standmiete weg. Das treibt sie ständig auf die Jagd nach Ersatzobjekten auf die vielen Trödelmärkte der Stadt. Als ich höre, dass sie zum Trödel in „Hell‘s Kitchen“ will, muss ich natürlich mit – besonders bei einem Ort, der solch einen Namen trägt! Viele spannende Geschichten tischt man als Erklärung dafür auf, aber da keine davon stimmt, lasse ich sie einfach weg. Tatsache ist, dass diese Neighborhood in Midtown West (zwischen 8th Avenue und dem Hudson, sowie der 34th und der 57th Street W) einmal ein Armutsviertel war und ähnlich wie die Bowery und Teile von Chinatown aussah, mit dreistöckigen Backsteinbauten und vorwiegend irischer Migrantenbevölkerung. Davon ist bis auf wenige Reste nichts geblieben, das Stadtviertel hat im Zuge der gentrification Manhattans die originalen Häuser und deren Bewohner verloren und sieht jetzt genauso aus, wie der aufgenobelte Rest von Midtown. Dazu passt dann auch der gruselige Name Hell’s Kitchen nicht mehr und so sprechen die Immobilienmakler heutzutage lieber von Clinton, benannt nach dem unweit am Hudson gelegenen DeWitt Clinton Park, der den Namen eines ehemaligen Bürgermeisters und Gouverneurs von New York trägt. An der 9th Avenue, 39th Street W, auf einer großen Brachfläche, die zur Neubebauung vorbereitet wird, befindet sich der Trödelmarkt, der den Flohmärkten in Berlin gleicht, aber in punkto Größe und Vielfalt gegen sie stark abfällt. Ein großer Teil der Besucher stöbert nur im billigen Krempel und scheint zu denjenigen zu gehören, die das aufstrebende Quartier gerade verlassen mussten. Wir dagegen machen unser Schnäppchen: Eine Händlerin, die von einem Europabesuch vor vielen Jahren eine Fruchtschale aus Meißner Porzellan mitgebracht hat, gibt die Hoffnung auf, sie zu einem angemessenen Preis an einen New Yorker loszuwerden und überlässt sie uns Reimporteuren billig.

42nd Street

Bevor wir nun auf der 42nd Street ganz Manhattan durchqueren, begeben wir uns zunächst einige Straßen weiter nach Süden, um eines der größten Umbauprojekte von NY in Augenschein zu nehmen. Am Ufer des Hudson, anstelle früherer Hafen-, Bahn- und Industrieanlagen, liegt das Neubaugebiet Hudson Yards, das im nördlichen Teil bereits mit dem Jacob K. Javits Convention Center bebaut ist, einem riesigen Kongress- und Veranstaltungs-Center. Südlich der 34th Street, auf einem gewaltigen Grundstück vom Hudson bis zur 10th Avenue, befindet sich die 30-gleisige Abstell- und Rangieranlage für die Züge der Pennsylvania Station. Sie wird gerade mit einem Betondeckel versehen, auf dem weitere teure Wohn- und Geschäftsbauten entstehen. Um das Viertel verkehrsmäßig zu erschließen, wurde bereits die Subway-Linie 7 verlängert und die neue Endstation Hudson Yards angelegt. Die Modernität all dieser Anlagen, ihr ungeheures Ausmaß und das schier unbegrenzte Kapital, das dafür zur Verfügung steht, bringen den Europäer immer wieder ins Grübeln.

Die 42nd Street vom Hudson bis zum East River, 3,5 km durch ganz Midtown soll unsere heutige Laufstrecke werden. Bei der Parzellierung des Straßenrasters von Manhattan wurde ihre Breite auf 30 m anstelle von 18 m wie bei den übrigen Streets festgelegt, was zur Folge hatte, dass die monumentalen Bauwerke und Plätze des Viertels an diesem Straßenzug entstanden. Times Square und das Theaterviertel haben wir schon gesehen, setzt man den Weg nach Osten fort, gelangt man zum Port Authority Bus Terminal (PABT). Der größte Busbahnhof New Yorks (und vielleicht der Welt) befindet sich in einem Parkhaus-ähnlichen, mehrstöckigen offenen Gebäude, in das die Busse vom Lincoln-Tunnel, aber auch von der 42nd Street aus einfahren können um die Fahrgäste in den oberen Etagen aufnehmen. Vorbei am Union Square und der Public Library, die wir ebenfalls am Ankunftstag besucht und bereits beschrieben haben, überqueren wir die 5th Avenue mit ihrer unglaublichen Anzahl von Luxusgeschäften und erreichen Grand Central Station.

Grand Central Terminal

Dieser größte New Yorker Bahnhof ist in ein Hochhauskarree zwischen Madison und Lexington Avenue eingebaut. An der 42nd Street präsentiert er seine beeindruckende Beaux Arts Fassade, die von der weltgrößten Tiffany-Glasuhr (mit mehr als 4m Durchmesser) gekrönt ist. Der hier verwendete historistische Baustil ist charakteristisch für die boomende Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und besonders geeignet für repräsentative Gebäude. Seine Formen sind der Renaissance, dem Barock und der englischen Form des Klassizismus entlehnt; New York ist voll von Bauwerken dieser Art. Die Public Library im gleichen Stil haben wir gerade passiert, das United States Post Office an der Penn Station und das Museum of Natural History sind weitere prominente Beispiele. Der Eisenbahnbau wurde zu Beginn dieses Zeitalters von privaten Gesellschaften betrieben, die noch kein Bahnnetz, sondern einzelne separate Linien planten. Deren Anfangs- und Endstationen, so genannte Kopfbahnhöfe, waren Prachtbauten, ausgestattet mit mehreren Bahnsteigen und unzähligen Funktionsräumen (Empfangshalle, Ticketschalter, Warteräumen, Restaurants, Bädern, etc.). Das repräsentative Äußere stand auch für die Betreibergesellschaft und ihre Eigentümer, im Falle von Grand Central für die Familie Vanderbilt, die ihr Symbol – die Eiche – in Form von Eicheln und Eichenlaub überall anbringen ließ. Das heutige Grand Central Terminal ist bereits der dritte Bau dieser Art an derselben Stelle. Nachdem man 1913 die Elektrifizierung des Schienenverkehrs in der Stadt beschlossen hatte, waren hohe, gewölbte Hallen für qualmende Dampfzüge obsolet geworden. Stattdessen verlegte man Bahnsteige und Zugtrassen in niedrige Tunnel unter der Erde und gewann dabei wertvollen oberirdischen Baugrund in zentraler Lage, nur die Empfangshalle an der 42nd Street blieb vom Abriss verschont. Die jetzt zweistöckig im Untergrund liegenden 44 Bahnsteige mit 67 Gleisen für die drei zulaufenden Linien machen Grand Central zum größten Bahnhof der Welt, obwohl er nach dem Neubau der Penn-Station gar nicht mehr dem Fernverkehr dient.

Kopfbahnhöfe in Innenstädten gelten heute als Verkehrshindernisse, deshalb musste Grand Central seine Rolle als quasi Hauptbahnhof von New York auch an die Penn-Station abgeben und kam dadurch unter erheblichen Abrissdruck. Angetrieben durch die Gier von Investoren auf weitere Innenstadtflächen zum Bau von Wolkenkratzern, entstand der Plan, nach der historischen Penn-Station nun auch den Kopfbau von Grand Central abzubrechen und den Bahnhof komplett unter die Erde zu verlegen. Diese Perspektive führte zunächst einmal zu Vernachlässigung und Verfall des Komplexes, doch glücklicherweise auch zu Widerstand gegen die Abrisspläne. Ob des laxen Umgangs mit historischer Bausubstanz war so viel Aufsehen und Unmut entstanden, dass engagierte Bürger (unter ihnen Jackie Kennedy-Onassis) eine Initiative zur Rettung von Grand Central gründeten. Ihrer Forderung auf Denkmalsschutz für das gesamte Empfangsgebäude wurde entsprochen und seit 2013 steht das Bauwerk nun auf der Liste der Historic Civil Engineering Landmarks. Seitdem wurde das Ganze auch in seiner vollen Schönheit renoviert und mit neuen Funktionen ausgestattet.

Die Unmenge von Bahnsteigen in den Untergeschossen dienten damals dem Zweck hohe Zugfrequenzen zu erreichen. Heute gehen hier nur noch Züge nach upstate New York ab, aber Ausbaupläne mit einem neuen Tunnel unter dem East River sehen vor, auch die Züge der Long Island Rail Road (LIRR) hier halten zu lassen, was Grand Central einen erneuten Aufschwung bescheren würde. Der hat allerdings bereits durch die erfolgten Baumaßnahmen begonnen und bis zu einer Mio Menschen passieren täglich das imposante Gebäude um einzukaufen, die Restaurants zu besuchen und die Verkehrsmittel zu benutzen. Diese Massen ziehen auch uns durch die Türen an der 42nd Street ins Gebäude hinein und wir stehen staunend in der Schalterhalle, die ein Gesamtkunstwerk im Stil des Art-Deco darstellt. In ihrer Mitte der Informationskiosk, auf dessen Dach sich die berühmte Uhr mit ihren vier Ziffernblättern aus Opalen befindet, die – laut Auskunft der Auktionshäuser Sotheby’s und Christie’s – mehr als 10 Millionen $ wert sein soll.

Überhaupt ist der gesamte Bahnhof überreich mit Kunstwerken ausgestattet, insbesondere die gigantische Haupthalle mit ihren zehn vergoldeten Kronleuchtern, die je 110 Glühlampen enthalten. Ihre Decke ist als Himmelsgewölbe mit fantasievollen Sternbildern gestaltet, eine riesige Kopie von Johann Bayers Sternenatlas „Uranometria“ von 1603. Als die Halle eingeweiht wurde, prognostizierte ein Vertreter der Bahngesellschaft, dass künftige Schülergenerationen ab jetzt den Sternenhimmel in der Grand Central studieren würden, aber dummerweise hatte man den Sternenatlas seitenverkehrt an die Decke projiziert. So liegt jetzt Osten im Westen und umgekehrt und die Sternenkunde-Lektionen sind bis heute ausgeblieben.

Uns zieht es ins Untergeschoss, in dem sich die berühmte Oyster Bar befindet, ein Großrestaurant, in dem man – nicht ganz billig – seafood essen kann. Wir entscheiden uns für scallops und clam chowder, zwei Gerichte, bei denen man nichts falsch machen kann. Sich einfach hinzusetzen und zu bestellen ist es aber schon, denn in New York – wie früher in der DDR – begibt man sich zuerst an die Rezeption und wartet darauf, „platziert“ zu werden. Erst wenn man vom Ober an einen freien Tisch geleitet wurde, ist es einem endlich vergönnt, zu bestellen. Auch beim Bezahlen kann man einiges falsch machen, denn das obligatorische Trinkgeld, die Basis des Einkommens der Kellner, kommt erst ganz zum Schluss auf die Rechnung. Versucht man, sich seiner Entrichtung mit der europäischen Einstellung zu entziehen, dass das ja eine freiwillige Leistung sei, gilt man hierzulande als Betrüger und wird u.U. am Verlassen des Lokals gehindert.

Am Grand Central endet die Urbanität der 42nd Street, doch da sich östlich von hier noch das Chrysler Building und das UNO-Hauptquartier befinden, wollen wir unsere Durchquerung von Manhattan unbedingt bis zum Ende fortsetzen. Auf dem gesamten Weg entlang dieser Straße war in der Ferne schon ein silberglänzender Wolkenkratzer mit einer Spitze im besten Art Deco Stil zu erkennen, völlig unverwechselbar und ein markanter Teil der New Yorker Skyline: Das Chrysler Building. Es ist Samstag und als wir hier vorbeikommen, bin ich schwer enttäuscht, weil es geschlossen ist. Die Recherche ergibt, dass die touristische Besichtigung des Gebäudes gar nicht vorgesehen und es am Wochenende grundsätzlich nicht geöffnet ist. Für das Anschauen der Eingangshalle und der Fahrstühle – alles im Art Deco Stil – ist also ein erneuter Besuch des Chrysler fällig, das im Kapitel über die berühmten Wolkenkratzer ausführlich behandelt wird.

UN Headquarters

Wir beenden nun die Durchquerung Manhattans am Hauptquartier der Vereinten Nationen. Das großflächige Gelände versperrt den Zugang zum Ufer des East River und der Franklin Delano Roosevelt Drive, die Hauptstraße, die am östlichen Rand Manhattans verläuft, verschwindet hier unterirdisch im United Nations Tunnel. Auch die 1st Avenue, westlich vom UN-Komplex, wurde in einen Tunnel verlegt, oberirdisch gibt es dafür die verkehrsfreie United Nations Plaza. Direkt vor dem markanten Wolkenkratzer mit dem Sitz des UN-Sekretariats wenden wir uns nach links und gehen noch drei Straßen weiter nach Norden, wo sich der Eingang zum Visitor Center an der 46th St/1st Avenue befindet. Das UN-Areal ist nur mit Führung zugänglich und das auch erst, nachdem man seinen Pass präsentiert und 22 $ Eintrittsgeld gezahlt hat. Außerdem empfiehlt sich eine Reservierung im Internet um lange Wartezeiten zu vermeiden.

Aber zunächst erst einmal das Wichtigste zur Geschichte der Vereinten Nationen: Ihre Vorgängerorganisation, der Völkerbund, war ein Ergebnis des Ersten Weltkrieges, dessen Gräuel sich nach Überzeugung fast aller Beteiligten keinesfalls wiederholen sollten. Deshalb verpflichteten sich die Mitgliedstaaten, im Falle eines Angriffs auf einen von ihnen, diesem sofort und ohne besonderen Parlamentsbeschluss militärisch beizustehen. Diese Regelung überforderte jedoch die meisten im Völkerbund und nicht einmal Hitlers verbrecherische Aggressionen gegen gleich mehrere Länder brachten eine gemeinsame Intervention zustande. Aber der wohl entscheidende Grund für die Wirkungslosigkeit des Völkerbunds war die Nichtteilnahme der USA, weil Präsident Wilson, einer der Hauptinitiatoren, es versäumt hatte, die Parteien seines Landes bei der Schaffung der neuen Organisation angemessen einzubinden. Erst nachdem die Katastrophe ein zweites Mal eingetreten war, gab es auch in Amerika Einsicht in die Notwendigkeit einer Weltorganisation, in der alle Staaten vertreten waren, eine Notwendigkeit, die durch die aktuelle America first-, Britain first-Politik bereits wieder konterkariert wird.

Noch 1945 erfolgte in San Francisco die Gründung einer Nachfolgeorganisation des Völkerbunds zum Schutz der Menschenrechte, der Sicherung des Weltfriedens und zur Förderung der internationalen Zusammenarbeit, mit dem Namen United Nations (UN) und dem Hauptsitz in London. (Bezeichnender Weise gab es von Anfang an eine New Yorker Filiale auf dem ehemaligen Weltausstellungsgelände in Flushing Meadows.) Durch eine Veto-Regelung wurde festgeschrieben, dass kein Land gegen seinen Willen in kriegerische Situationen hineingezogen werden konnte. Der Milliardär John D. Rockefeller Jr. kaufte in der Zwischenzeit für 8,5 Millionen Dollar ein ehemaliges Schlachthofgelände zwischen First Avenue und East River und stiftete es den UN, während die Vereinigten Staaten einen zinslosen Kredit über 67 Millionen Dollar für den Bau eines Hauptgebäudes zur Verfügung stellten. Damit war der Umzug der Weltbehörde in die Weltstadt perfekt vorbereitet und US-Präsident Harry S. Truman legte am 24. Oktober 1949, ihrem vierten Geburtstag, den Grundstein. Ein Team aus internationalen Stararchitekten, darunter Le Corbusier und Oscar Niemeyer, fertigte zunächst einen Masterplan für das das aus mehreren Gebäuden bestehende Ensemble, aber die Leitung der baulichen Ausführung oblag schließlich Wallace Harrison, dem Hausarchitekten der Rockefellers. Das auffälligste Gebäude des Ensembles ist das 39stöckige, 154m hohe Secretariat Building für die Verwaltung, eine sehr breite, aber dünne Hochhausscheibe, die die Uferzone am East River dominiert. Zu seinen Füßen liegt das General Assembly Building, wo die Sitzungen stattfinden und 1961 kam noch die Dag Hammarskjöld Library hinzu. Rund 10.000 Menschen arbeiten hier und etwa 8.000 Sitzungen finden jährlich statt. Verglichen mit den Art Deco Wolkenkratzern ganz in der Nähe und trotz der berühmten Architekten ist das UN Headquarter kein architektonisches Highlight von New York, ein Eindruck, der bis vor wenigen Jahren noch durch den vernachlässigten Zustand bestärkt wurde, denn seit der Erbauungszeit bis zum Jahre 2010 war der Komplex noch nie renoviert worden. Dieser Mangel wurde mittlerweile behoben und wer sich der komplizierten Eintrittsprozedur unterworfen hat, freut sich schon, an einem Ort zu weilen, wo Weltgeschichte gemacht wird. Dazu kommen die Kunstwerke im Besitz der Vereinten Nationen wie das Buntglasfenster „Peace“ von Marc Chagall in der Lobby des Secretariat Building von 1964 und die Wandmalereien von Fernand Léger in der General Assembly Hall (1952). Dazu im Garten die Bronzestatue „Schwerter zu Pflugscharen“ vom Sowjetkünstler Jewgeni Wutschetitsch (1959), „Non Violence“ (1988) des schwedischen Künstlers Carl Fredrik Reuterswärd (ein Revolver mit geknotetem Lauf) und ein obligates Stück der gefallenen Berliner Mauer.

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